Logbuch
AMADEUS.
Das Wunderkind Mozart war ein Sklave seines Vaters, der ihm die Kindheit raubte, um durch die Salons Europas zu tingeln, das Genie von Wolferl und Nannerl , seinen Infanten, vermarktend. Gottlieb hat er ihn genannt, eigentlich Liebgott, den Ama Deus.
Ich höre in der Berliner Philharmonie drei Symphonien von Amade’ wie er sich nannte, unter der Leitung des Römers Riccardo Minasi; eine vom Blatt, zwei aus dem Kopf. Ich habe keinen Musikverstand und bin auf Augen und Ohren angewiesen. Und für eine überraschende Erkenntnis , nein, Erfahrung gut: Mozart macht glücklich.
Sein Werk ist Ausdruck komplexen Glücks. Selbst aus albernen Stories lässt er tiefe Lebensfreude sprießen. Man sieht gestern dem Geigensolisten, irgendein Ami, der hier oft besetzt ist, die Freude an. In der Pause lerne ich von einem Klugscheisser am Buffet, das er eine Violine von Carlo Bergonzi spielt. Kostet soviel wie ein Oberklasse-Oldtimer. Das aber ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Mozart macht glücklich. Aber er war es nicht. Geschuftet wie ein Sklave, getingelt wie eine Wanderhure, eine tiefe Depression ständig im Nacken, früh gestorben und nur den Himmel der Freimaurer zum Trost, also keinen. Es ist nicht ein Wohlleben, das aus seinem Werk spricht; es ist die zur Kunst gewordene Sehnsucht nach Lebensfreude.
Wieder zeigt sich, was bei KUNST immer gilt, dass WERK und AUTOR aus unterschiedlichen Welten sind.
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ZUTZELN.
Der Münchner verzehrt zum zweiten Frühstück eine „boudin blanc“; die kulturelle Klippe besteht darin, dass der Schafsdarm, in dem sich das fein gekutterte Kalbfleisch der Brühwurst befindet, nicht mitgegessen wird, sondern auf dem Teller in einer Lache braunen Senfs verbleibt. Gelegentlich auch Brocken braunen Gepäcks.
Die Optik ist von einer bindenden Assoziationskraft. Bevor wir dazukommen, zunächst die Verzehranweisung in korrektem Comment: die Weißwurst wird gezutzelt. Nach dem Eintauchen in den süßen Senf saugen Mund und Zähne den warmen Inhalt aus dem Darm, eine fast infantile Motorik anwendend. Nuckeln. Es wird dazu stets eine Laugenbrezel als Sättigungsbeilage gereicht und ein Weißbier.
An meinem Nachbartisch eine junge Dame der Kategorie Chefsekretärin und ich höre ihre fatale Entscheidung, von der Tageskarte die Weißwürstel zu nehmen. Jetzt muss man sich nur ein wenig in Geduld üben und ganz unschuldig einen anderen Weg schauen. Es kommt der Moment, wo sie die ausgezutzelte Hülle aus den bekleckerten Händen auf den Teller legt und leicht errötet. Vorsichtig hebt sie die Lider, ob sie wohl beobachtet worden ist.
Jetzt ist der Moment, sie mit dem offenherzigsten Interesse der Welt anzugaffen und unverschämt zu lachen. Entweder lacht sie auch und es wird ein runder Abend. Oder sie wird Dich hassen bis ans Ende aller Tage. Meist legt sie dann tarnend die Serviette auf das gebrauchte Condom in ihrem Essen. Hass! Todeswünsche.
Die Weißwurst ist im Übrigen keine bayerische Originalität. Sie soll angeblich aus dem Münchner Freimaurerlokal „Zum ewgen Licht“ stammen. Unsinn. Sie kommt aus Oberschlesien, heute Polen, und wurde dort mit Fischtunke oder Lebkuchensauce genommen. Oder, bei Festmahlen mit beidem. Alter Schwede, es wird nicht besser.
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BARBAREN NAMENS Y ODER Z.
Ich habe nichts dagegen, wenn der Freund Asiens mit Stäbchen isst. Ich akzeptiere, dass Hamburger von den Amis barhändig verzehrt werden. Ich nehme hin, dass der Franzose nach dem Messerbänkchen schaut. Aber Spaghetti, dazu bedarf es einer Gabel und nur einer Gabel.
Einer Empfehlung des Fernsehens folgend besuchen wir ein italienisches Restaurant in Frankfurt-Bockenheim, das die Gebrüder Cimino betreiben. Am Nachbartisch zwei Vertreter der Generation Y oder Z. Schlecht gekleidete Kulturbanausen. Das Exemplar mit der Strickmütze bestellt Spadschetti mit scharfe Sauce. In der Karte ist von „cacio e pepe“ die Rede. Wir wollen sie aber ohne Käse.
Der Herr, die Mütze ist inzwischen ab, eine rasierte Glatze zeigt sich, nimmt, da er vor sich nur Löffel und Gabel vorfindet, von seinem Gegenüber das Messer in die linke Hand und die Gabel in die rechte, mit der er nun die Nudeln anwickelt, um den Wickel alsbald mit dem Messer abzuschneiden und die knappe Portion im doppelten Zugriff beider Instrumente zum Mund zu führen. Man lernt, dass die Herrschaften eine Bank beraten. Dazu trinkt er ein alkoholfreies Weizen.
Wir sind alle verloren.
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HUT UND STOCK.
Am Freitag durch Berlin geschlendert, gestern langer Spaziergang im Westerwald; man lebt in den perversen Zeiten, wo das Taschentelefon die Schritte zählt und eine Meinung dazu hat, ob es denn nun reiche mit der Bewegung.
Handy-Diktatur.
Man kommt in die alberne Lage von Hundebesitzern, deren freier Wille durch das Bedürfnis der Töhle ersetzt wird, in Nachbars Garten zu kacken und Laternenpfähle zu markieren. Im allgemein trägen Berlin sehe ich dazu regelrechte Dienstleister, die ein ganzes Rudel von Fiffis durch den Grunewald führen. Auf dem Land gehen Herrchen und Frauchen noch selbst, respektive das Haustier mit ihnen. Nach meinem Eindruck sind Spazierdackel hier seltener.
Mit dem Spaziergang hat es eine eigenartige Bewandtnis. Man geht, aber man geht nirgendwo hin; eigentlich eine ziellose und insofern zweckfreie Tätigkeit. Selbst der Wanderer will wo hin, auf den Gipfel, durch den Wald, an die Quelle. Spazieren ist im Schillerschen Sinne ein Spiel. Der Spaziergänger ergeht sich. In den Städten flaniert, auf dem Lande lustwandelt er. In beiden Fällen kein Sport, schon gar nicht Arbeit. Auch kein Kampf, obwohl bewaffnet. Womit wir beim SPAZIERSTOCK sind.
Dieses Hilfsmittel der Ambulatoren ist eine eigene Kulturgeschichte wert. Der Stock ist verwandt mit der Krücke des Gebrechlichen, wird aber weniger als drittes Bein genutzt als zum Spielzeug eines Zweibeiners, der mit den überflüssigen Extremitäten, den Armen, eigenartig wedelt. Der städtische Dandy trägt ein kunstvolles Exemplar, der Wandergeselle ein seltenes Astwerk und der englische Offizier ein Symbol seiner Autorität; alle drei prahlen mit ihrem Stab, wozu Freud was sagen könnte.
Bei mir sammeln sich Spazierstöcke, auch vor Jahrzehnten selbstgeschnitztes Urlaubsbeiwerk. Der König der Stöcke aber ist der Eispickel genannte Stock mit Dorn, Hacke und Schaufel sowie Handschlaufe, der das alpine Bergsteigen ermöglicht. Ein nützlicher Geselle und fürchterliche Waffe zugleich. Leo Trotzki ist mein Zeuge.