Logbuch
IRONIEFREI.
Ironie ist ein ganz gefährliches Gewerbe, weil es Zeitgenossen gibt, denen die Gabe fehlt, das Satirische zu verstehen. In der Politik geht sie immer schief. Da der gemeinte Sinn auf das Gegenteil des Gesagten zielt, setzt diese Art des Scherzens eine entsprechende Intelligenz beim Gegenüber voraus.
Den Engländer ist der Schwarze Humor gegeben, den Franzosen der Esprit. Dem deutschen Michel der Bierernst. Ironisches kann er nie. Ich zum Beispiel kann kein Karneval. Eigentlich dachte ich, nichts Dionysisches sei mir fremd, aber ich kann kein Karneval. Anderen ist es die fünfte Jahreszeit; mir bleibt es fundamental fremd.
Motto-Partys? Mit Verkleidung? Nie. Schon zu Studentenzeiten sind wir zwar auf Partys gegangen, in der Regel kurz vor Mitternacht, nie hätten wir aber eine veranstaltet und uns der Passion hingegeben, sich zu verkleiden und Nüsschen einzukaufen für Leute, die die dann in unser Bad kotzen.
Der Wille zur Albernheit ist ja unbedingt im Karneval, Stichwort Kappenzwang; gleichzeitig wird das formelle Brauchtum mit großem Bierernst gepflegt. Historisch soll es im Rheinland eine Karikatur der französischen Besetzer gewesen sein, heute hat es etwas tief Spießbürgerliches. Aber, wie gesagt, ich verstehe davon rein gar nichts.
Zu den wirklichen Klippen gehört der in Aachen verliehene Orden wider den tierischen Ernst. Humorzwang! Der Ausgezeichnete muss eine komische Dankesrede halten. Für die Ghostwriter eine wirkliche Herausforderung. In diesem Jahr ausgezeichnet ist die amtierende Bundesministerin des Äußeren. Das werde ich mir ansehen.
Ich grüble, was ich machen würde, müsste ich für Annalena Baerbock eine komische Rede geistreichen Zuschnitts schreiben. Eine Herausforderung. Ich bin gespannt.
Logbuch
BENZOL IM BLUT.
Ich werde mich nicht an Kernkraftwerken festkleben. Das denke ich, da sie gerade den Kühlturm in Biblis sprengen. Aber ich werde auch keine LNG-Tanker aus Qatar segnen. Dazu bin ich zu lange dabei. Ich habe Schlacke im Knie und Benzol im Blut.
Kein Mensch weiß noch, klage ich, was ein KONDITIONALSATZ ist. Dabei ist er der Grundpfeiler der Logik, genauer gesagt, des logischen Denkens, also der Verstandeskraft. Der KONDITIONALSATZ formuliert eine Folge. Er sagt: „Wenn…, dann…!“ Wenn VON zwei Größen jede einer dritten gleich ist, dann sind sie untereinander gleich. So was.
Anwendung in der Energiepolitik. Wenn die IMPORTABHÄNGIGKEIT von russischen Pipelinegas ein Souveränitätsproblem war, dann ist die Abhängigkeit von amerikanischem LNG-Gas es auch. Wenn IMPORTABHÄNGIGKEIT überhaupt das Problem ist, dann muss man aus eigenen Quellen schöpfen. Wenn wir eine apokalyptische Klimakatastrophe durch fossile Energieträger forcieren, wird man auf erneuerbare setzen müssen. Wenn Sonne, Wind und Effizienz ausgereizt sind, dann bleibt nur die nukleare Option. Ups.
So sehen das jedenfalls die Franzosen; sie bauen die Kernkraft zur Stromerzeugung massiv aus. Die Franzosen sehen darin eine nationale Option und zwar ökologisch (Klima) wie ökonomisch (Kosten) wie militärisch (Atomwaffen). Sie wissen, dass eine kostengünstige Energieversorgung Brot & Arbeit bringt. Wer Gas verteuert, verteuert Kunstdünger. Wer Kunstdünger verteuert, verteuert Reis und Korn. Na, was raten wir den Hungernden? „Ach, sollen sie doch Kuchen essen, wenn sie kein Brot haben?“
Wenn die Franzosen die Vierer-Formel (Sonne-Wind-Effizienz-Atom) mehrheitlich für klug halten, dann sind sie halt Idioten. Das ist der deutsche KONDITIONALSATZ. Ich habe da Zweifel. Ich halte die Franzosen für die besseren Europäer. Kernenergie ist eine nationale oder europäische Option, auch dann, wenn ich sie in einem militärisch-industriellen Komplex sehe. Die Frage ist, ob die militärische Euphorie, die die Grünen neuerdings eingenommen hat, auch im Industriellen zu erwarten sein wird. Ich hätte es vor Jahren ohnehin andersrum erwartet. Man singt den Kanonensong aus der Dreigroschenoper nun allenthalben, während Leo-Eins-Geräte von 1965 ausgemottet und gesegnet werden. Ja, gesegnet.
Fachlich: Ist der Kernbrennstoff ein unlösbares Problem in Beschaffung und Entsorgung? Gilt also das letzte Alibi-Argument der Anti-AKW-Lobby? Wenn ich dieses letzte Häufchen der Aufrechten beraten müsste, was ich täte, wenn die wollten, würde ich Vorsicht empfehlen. Wir reden über sehr, sehr kleine Mengen eines sehr, sehr gut zu messenden Stoffs, der mit einigen Aufwand und professioneller Vorsicht durchaus zu beherrschen ist. Das ist nicht trivial, aber es ist ein kalkulierbares Risiko. Wenn Kohlendioxid schon morgen die Apokalypse bringt, wenn das stimmt, dann würde ich sagen: Kann ich bitte die nukleare Option noch mal sehen?
Logbuch
DER MENSCH EINE MASCHINE.
Mittels KÜNSTLICHER INTELLIGENZ kann man mittlerweile ganze Texte vom Computer verfassen lassen. Dazu gibt es eine Software, an die jeder kommt. Das Zeitalter der SCHREIBAUTOMATEN hat begonnen.
Es wird künftig nicht nur vom Banknachbarn abgeschrieben, der alte Lausbubentrick, oder von Wikipedia abgekupfert, nein, der Apparat dichtet gleich ganz am Stück. Dieser Menschheitstraum ist nicht so ganz neu. Schon vor hundert Jahren gab es auf Jahrmärkten SCHACHAUTOMATEN, Maschinen, die das komplizierte Spiel beherrschten. Edgar Allan Poe hat sich damit eindrucksvoll beschäftigt; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Jetzt gibt es Examensarbeiten wie Liebesgedichte aus der Retorte. Fasziniert sind davon jene Schreiberlinge, die ihr Monopol als Skribenten gefährdet sehen, also Journalisten.
Plagiatsjäger entwickeln gerade ein Instrumentarium, das in den künstlichen Texten Hinweise findet, die den synthetischen Ursprung enttarnen, sogenannte AI-Marker (AI steht für artificial intelligence). So will der Prof den windigen Studenten erwischen. Und die begattungswillige Jungfrau den schwindelnden Lover. Fools game. Das geht schief, weil AI lernen kann, was sie enttarnt und das dann routiniert vermeidet. AI ist so wirksam, weil sie sich ein Dreck um Logik schert; das Luder korreliert nur, aber sehr oft. Wer oft genug korreliert, hat dann irgendwann Kausalität. Kybernetik, eine Geheimwissenschaft.
Ich kenn mich da aus. Ich selbst sitze an der Software-Entwicklung für Marker der natürlichen Intelligenz. Die baue ich dann in meine Logbucheinträge ein, die ich demnächst vom Automaten schreiben lasse, während ich gemütlich ausschlafe statt frühmorgens schon zu dichten.
Logbuch
HUT UND STOCK.
Am Freitag durch Berlin geschlendert, gestern langer Spaziergang im Westerwald; man lebt in den perversen Zeiten, wo das Taschentelefon die Schritte zählt und eine Meinung dazu hat, ob es denn nun reiche mit der Bewegung.
Handy-Diktatur.
Man kommt in die alberne Lage von Hundebesitzern, deren freier Wille durch das Bedürfnis der Töhle ersetzt wird, in Nachbars Garten zu kacken und Laternenpfähle zu markieren. Im allgemein trägen Berlin sehe ich dazu regelrechte Dienstleister, die ein ganzes Rudel von Fiffis durch den Grunewald führen. Auf dem Land gehen Herrchen und Frauchen noch selbst, respektive das Haustier mit ihnen. Nach meinem Eindruck sind Spazierdackel hier seltener.
Mit dem Spaziergang hat es eine eigenartige Bewandtnis. Man geht, aber man geht nirgendwo hin; eigentlich eine ziellose und insofern zweckfreie Tätigkeit. Selbst der Wanderer will wo hin, auf den Gipfel, durch den Wald, an die Quelle. Spazieren ist im Schillerschen Sinne ein Spiel. Der Spaziergänger ergeht sich. In den Städten flaniert, auf dem Lande lustwandelt er. In beiden Fällen kein Sport, schon gar nicht Arbeit. Auch kein Kampf, obwohl bewaffnet. Womit wir beim SPAZIERSTOCK sind.
Dieses Hilfsmittel der Ambulatoren ist eine eigene Kulturgeschichte wert. Der Stock ist verwandt mit der Krücke des Gebrechlichen, wird aber weniger als drittes Bein genutzt als zum Spielzeug eines Zweibeiners, der mit den überflüssigen Extremitäten, den Armen, eigenartig wedelt. Der städtische Dandy trägt ein kunstvolles Exemplar, der Wandergeselle ein seltenes Astwerk und der englische Offizier ein Symbol seiner Autorität; alle drei prahlen mit ihrem Stab, wozu Freud was sagen könnte.
Bei mir sammeln sich Spazierstöcke, auch vor Jahrzehnten selbstgeschnitztes Urlaubsbeiwerk. Der König der Stöcke aber ist der Eispickel genannte Stock mit Dorn, Hacke und Schaufel sowie Handschlaufe, der das alpine Bergsteigen ermöglicht. Ein nützlicher Geselle und fürchterliche Waffe zugleich. Leo Trotzki ist mein Zeuge.