Logbuch

WUNDERHEILER.

Wenn ein wirklich aussichtsloser Fall dann doch wieder gesund geworden ist, spricht die FROHE BOTSCHAFT von einem Wunder. Der Wanderprediger Jesus aus Nazareth hat damit seinen Zeitgenossen beweisen wollen, dass er Gottessohn ist, der verheissene Messias. Ein Wunder vollbringen. Voraussetzung der Heiligenlegende. Wenn dies heute ein Kassenarzt zu wiederholen sucht, ist Vorsicht angebracht; es könnte sich um einen Scharlatan handeln. Diese Warnung vor KURPFUSCHEREI gilt auch bei Rechtsanwälten. Wenn dem juristisch vor und zurück Vermaledeiten versprochen wird, dass man die völlig verfahrene Situation Simsalabim werde hinkriegen können, nun, so erwartet man möglicherweise ein Wunder. Die „Wiederaufnahme-Spezialisten“ unter den Starjuristen wissen, wovon hier die Rede ist. Nicht jeder Wanderprediger ist der Messias. Und es gilt für meinem Berufsstand. Die klugen Berater können weniger als verzweifelte Klienten erwarten; der kluge Berater zeigt die Grenzen dessen auf, was geht. Wirkliche EXPERTISE ist skeptisch. Ein Architekt hat mir mal gesagt, dass man sich für ein großartiges Gebäude mindestens einmal mit dem Bauherren ernsthaft zerstritten haben muss. Man verspreche nicht Sanssouci, wenn die Mittel nur für Platte oder Neue Heimat reichen. In seinem Büro hing dieses alberne Schild: „Unmögliches geht sofort, Wunder dauern etwas länger.“ Satire aus. Mein Herr Vater, der notorisch nichts von den WEISSKITTELN hält, pflegte bei Schulterzucken seines Arztes zu sagen: „Wenigstens gibt er zu, dass er mit seinem Latein am Ende ist.“ Das hält er für einen Ausweis von Seriosität. Ob so viel Ehrlichkeit gut fürs Geschäft ist, ist freilich eine andere Frage.

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BURGHERREN frieren immer. Alte Gemäuer sind unglaublich zugig und im Winter arschkalt. Man sieht es ja auf den Gemälden alter Meister: dicke Mäntel mit Pelzkragen und gelegentlich trug seine Lordschaft sogar ein warmes Mützchen. Es war nicht nur das Mädchengejammer der Burgfräuleins („Hunger, Pipi, kalt …“), das die gewaltigen Kamine mit dem fürstlichen Forst befeuern ließ. So eindrucksvoll die getürmten Felsen auch wirkten, hinter ihnen verbarg sich ein Universum an Ritzen und Spalten, Rissen und Nischen, aus denen böse der finstere Frost kroch. Und die wohlige Kaminerfahrung, sollte sie halten, war nicht nur aufwendig und voller Mühe, sondern auch im Wortsinn einseitig, von vorne zu heiß und von hinten zu kalt. Oder umgekehrt. Ich habe großen Respekt vor den heutigen Adelsgeschlechtern, die die Schlösser und Burgen erhalten, zumal in diesen Zeiten, in denen ein zahlendes Publikum ausbleibt. Ich möchte deren Ölrechnung nicht zahlen müssen. Eigentlich wären das Objekte für unterbödige Stromheizungen mit billigem Grundlaststrom. Das war ja mal eine Mythos der Kernenergie, dass sie so billig werde, dass sich Stromzähler gar nicht mehr lohnen. Damit hätte man dann auch international Wettbewerbspolitik machen können; ein französisches Kalkül. Daraus wurde dann in meinem Vaterland nichts, aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Als ich noch Bahn fuhr, traf ich dort gelegentlich JÜRGEN TRITTIN, den ich noch (mit Schnäuzer) aus Göttingen kenne; dieser Mann, denke ich dann, hat das Land wirklich verändert; vielleicht der Politiker mit den tiefsten Spuren. Wie muss er, der gelernte Kommunist, jetzt darunter leiden, dass sich mittlerweile die grünen Burgfräuleins den Schwarzen Rittern als Machtbeschaffer andienen?

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WACHSTUM.

Der MYTHOS MERKEL besteht auch darin, dass sie als eher schlichtes Gemüt trotzdem ausgezeichnet rechnen kann. Kopfrechnen. Also, höhere Mathematik, das ist ihr Ding. Sie kann vorrechnen, was die Seuche so anrichtet, wenn sie exponentiell wächst. Die Journalisten waren baff, weil die „chatting classes“ eher in Religion und Kunst gute Noten hatten als in Mathe oder Physik. Ich bin da vorsichtiger, weil ich MALTHUS gelesen habe, der genau daran genial gescheitert ist. Am Kopfrechnen, respektive Köpfezählen. Wir sind im 18. Jahrhundert und dem englischen Nationalökonom fällt ein mathematisches Axiom auf: Die Bevölkerung wächst geometrisch, das Nahrungsangebot aber nur arithmetisch. Zu Deutsch: Es wird mehr geschnackselt als die Weizenernte wächst. Die Folge: Überbevölkerung. Ha! Zu hohe Fertilität. Was den unsäglichen Rechtspopulisten Thilo Sarrazin ja auch umtreibt; ihn bei einer Teilbevölkerung. MALTHUS bei allen, jedenfalls allen Armen. Kurzum, der Tisch der Natur sei nicht für alle gedeckt, fand Malthus, und war froh, dass es ein Korrektiv gegen diese Überbevölkerung gebe, eigentlich zwei: KRIEGE & SEUCHEN. So hätte, teuflischer Gedanke, die Pandemie auch ihr … Uhhh, wie böse. Der Bärtige aus Trier hatte seine satirischen Freude an dem bösen Mathematiker. Ich weiß, worin die Malthus-Mathematik irrte. Und mich beeindruckt Merkel nur bedingt mit ihrer Mathematik. Man kann nämlich richtig rechnen und doch ganz falsch liegen. Es gibt Fakten erster und zweiter Ordnung; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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KONSERVATIV ZUM KANZLER.

Jetzt heißt es, eine gute Figur machen. Der Wähler schaut ja hin. Höfliche Herren machen den Kratzfuß. Durch Lächeln an die Macht. Schaulaufen der biederen Softies.

Im schlechtesten Hotel Berlins in einer der miesesten Ecken dieser an schlechten Hotels nicht armen Stadt, geschweige denn an miesen Ecken, da tagt heute die CDU, die Partei Adenauers. Warum gehen die da hin? Und nicht ins Rheinhotel Dreesen in Bonn am Rhein? Aus pragmatischen Gründen.

Die Idylle des Konservativen unter dem Alten, wie sie den greisen Kanzler zurecht nannten, ist lang dahin. Dessen katholisch geprägter „rheinischer“ Kapitalismus mit einer strikten Westorientierung und Duldung brauner Biographien, der ist aus der Zeit gefallen. Und Dreesen, wenn es das Ding noch gibt, eine viel zu kleine Herberge. Die Rechten sind heimatlos.

Man lebt mit unbedingtem Pragmatismus in dem Vakuum der Kohlschen Bräsigkeit von BASF-Gnaden, die nur durch die Bräsigkeit von Frau Merkel zu verlängern war, die dem geerbten Mief jeden Sauerstoff zu verweigern wusste, fort. Pragmatismus, sich durchwurschteln. Dazu passt das Estrel am Ende der Sonnenallee, der Straße vom Getto ins Nichts. Die Rechten finden für sich keinen Ort.

Ich habe das Parteiprogramm der neuen Konservativen gelesen; es ist frei von inhaltlichen Bestimmungen. Kein rechter Gedanke, der nicht noch im gleichen Satz wieder kassiert würde. Das ist das wirkliche Problem der CDU, nur noch auf das Reaktionäre anspielen zu können, aber gleichzeitig der AfD ausweichen zu müssen. Wenn die vielbesungene Haselnuss schwarz braun sein will, dann kann sie es heutzutage ohne die liberalen Konservativen. Gibt es die überhaupt noch?

Es ist die Zeit der Lächler, deren Ernst es ist, auch mit den Grünen zu können oder der LINKS-Partei, mit den Groko-Sozen eh, die FDP schon lange im Sack. Sie können mit allen, nur nicht mit der AfD, weil die ihnen den Markenkern geklaut haben. Der Lächler Wüst nennt sie eine Nazi-Partei (wie übrigens auch die böse Frau der SPD), ist aber darüber schon so erschöpft, dass man einen zweiten Gedanken von ihm nicht zu erwarten wagt, so erschütternd ist er intellektuell bereits überfordert. Flexibler Normalismus. Softer Pragmatismus. Dünne Luft. Kein Sauerstoff.

Was ist heute konservativ? Und was heißt das für morgen? Aus dem Estrel ist dazu keine Antwort zu erwarten. Also die erfolgreiche Wahl eines leeren Anzugs namens Fritz Merz, der Kanzler nicht kann. Herr Wüst wird dazu lächeln. Er folgt der Theaterweisheit: Auge vor Ohr. Das könnte also was werden.