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KONVERSATION.

Nicht Kulturkampf. Oder Heckenschützentum. Es gab eine Zeit, da war Unterhaltung noch UNTERHALTUNG. Und nicht dieser Bolz-Platz (pun intended), den wir heutzutage auf Twitter erleben. Man sprach gefällig über Interessantes, ohne belehren oder gar bekehren zu wollen. Oder beleidigen. Pah. Eine Kulturtechnik gebildeter Stände. Man erfreute sich an Wissenswertem. Der Philosoph Immanuel Kant soll jeden Mittag eine solche Runde der Konversation-treibenden bei sich zu Hause empfangen haben. Von ihm ist ein Vortrag über die London Bridge bezeugt, obwohl er seine Heimatstadt Königsberg niemals verlassen hatte. Hatte er sich angelesen. Man sprach über Dinge, die man eigentlich nicht kannte, von denen man aber eine Ahnung haben wollte. Das gefällt mir. Man sollte nicht schlau sein, aber klug. Wie ein guter Sommelier, der einen Wein verkostet. Oder ein Restaurantkritiker, der etwas zu erzählen hat, aber bitte kein Bericht über Küchenschaben oder Kohlehydrate. Ich erinnere eine Sommelière, die mir zu einem Riesling Großes Gewächs erklärte, der Winzer sei wortkarg. Interessant. Tolle Frau! KONVERSATION. Oder das Lob eines Kollegen von der Saar, mit dem ich im BORCHARDT eine Fischsuppe aß, zu der es dünnes Brot und eine gelbliche Mayonnaise gab, deren französischen Namen er wusste. Er rührte die Mayo übrigens in die Suppe; hatte ich noch nie gesehen. Sachen gibt’s. Zur Konversation gehört auch das gelegentliche Ausschweifen. Es ist halt eine Kulturtechnik. So wie Tango. Georg Orwell („1984“) hat an Charles Dickens („Oliver Twist“) gelobt, dass seine Romane voll von Unnötigem seien. Daran erfreuen sich dann manche, andere nicht. Auf dem BOLZPLATZ der Streitereien geht es nur zur Sache, sprich ins Persönliche. Man bolzt halt. Überhaupt ist FUSSBALL albern. Denn wenn man, hektisch über einen Rasen laufend, einen Ball bewegen will, so macht man das, während die Beine ja mit dem Laufen beschäftigt sind, doch wohl am besten mit den freien Körperorganen, also den Händen. Genau das, höre ich, sei aber ausgeschlossen. Widersinnig.

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KUMPEL.

Armin Laschet, der neue CDU-Vorsitzende und designierte Merkel-Nachfolger, also vielleicht künftig Bundeskanzler, hat zu seiner Wahl an die Spitze seiner Partei, die KUMPEL-KARTE gezogen; ein sehr geschickter Schachzug. VERTRAUEN. Er zitiert seinen Vater, der ihn als vertrauenswürdig empfehle. Ein Spitze des kleinen dicklichen Armin gegen den langen bösen Friedrich. Herz gegen Hirn. Nur eine Spitze? Nein, ein geschickter Todesstoß gegen den rechten Über-Taktiker Merz. Aber da war mehr. Laschet zeigte die „Marke“ seines Vaters. Im Tiefbergbau war das eine Münze, in die die Personalnummer geprägt war; sie hatte ein Loch und hingt am Schacht an einem Nagelbrett. Wer anfuhr (so heißt das), nahm seine Münze mit. Wenn „Schicht im Schacht“ war, hängte er sie zurück. So war auf einen Blick zu sehen, wenn der Berg einen Kumpel nicht wieder hergegeben hatte. Bergbau ist keine Spielerei, ein „no-nonsens-business“, nichts für Sesselfurzer. Das „Gedinge“, die Arbeitsgruppe aus gestandenen Deutschen, Polen und Türken, diese solidarische Gefahrengemeinschaft, ist ein starker Mythos der Montankultur. Ich habe Laschet, mit dem ich in Bonn auf einem Podium saß, mal bescheinigt, dass er klüger als seine Partei sei; hat er lächelnd akzeptiert. Gemeint war: liberaler als seine Partei. Er bemüht den MYTHOS: sieh da, ein Kumpel. Das ist übrigens eine Ehrenbezeichnung, die Bergfremden nicht zusteht. Meine Großväter, die beide untertage „angelegt“ waren (so hieß das), hätten das nicht mal einem Buchhalter (übertage) des gleichen Pütts als Attribut gewährt. Auf den Ölplattformen in der Nordsee gibt es ein ähnliches Instrument; man erhält einen „tracker“, den man auf keinen Fall ablegen darf, damit im Notfall klar ist, wer wo steckt. Das ist eine weit verzweigte Fabrik. Man stelle sich eine solche Plattform vor, wie einen auf dem Kopf gestellten Dom. Den Kölner Dom einmal umdrehen. Ja, in genau diesen Dimensionen. Die Spitze in der Lagerstätte, sagen wir im Erdgas, und in himmlischer Höhe der weitläufige Kirchenbau. Die Krypta als Kantine. Das mit einem Heli zu evakuieren, ist schon ein Ding. Im Bergbau ist „vor Hacke duster“; wenn hier einer unten bleibt, nennt man das „lange Schicht“. Eigener Humor. Ich war übrigens mit dem seinerzeitigen MP von Niedersachsen im Rahmen einer Journalistenreise mal auf einer Gasplattform in der Nordsee vor Norwegen. Der wurde dann später Bundeskanzler. Mit dabei auch eine sehr nette bayrische Journalistin des Fokus, Doris Köpf, seine spätere Ehefrau. Aber das ist, wie Kipling sagt, nun wirklich eine andere Geschichte.

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CHARISMA.

Wie die Verzauberung eines Hans Wurst zu einem charismatischen FÜHRER gelingen kann, ist ein großes Geheimnis. Aber wenn er dann den Heiligenschein hat, leuchtet er so hell, dass er blendet. Verblendet. Charismatische Führer sind immer VERFÜHRER. Bitter ist das Gegenteil: wenn aus der Heiligen wieder eine ganz normale Trulla wird. Ein Gesamtkunstwerk zerfällt in seine banalen Teile. Man schaut nicht mehr auf, sondern genau hin. So ging es AKK. Fast mitleiderregend. Albern gekleidet, unkonzentriert mit flatternden Blick vor einem leeren Parteitag. Tschö mit Öh. Und kein Wort, keine Silbe, keine Geste von Merkel, der kalten Machiavellistin. Der Ruf dahin. Aus Verehrung des Publikums wird Verachtung. VERLIERER verehrt man nicht. RUHM? Kein Ruhm. Gewogen und für zu leicht befunden wirft die Politik eine ausgepresste Schale auf den Müll. Ich fand AKK nie gut, jetzt aber dauert sie mich. ENTZAUBERUNG. Bitter.

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PARADISE LOST.

Jeder Lateinschüler kennt den römischen Geschichtsschreiber Tacitus („der Schweigsame“), weil dessen Schrift über die Germanen Pflichtlektüre war. Das Römische Reich erreichte zu seinen Lebzeiten die größte Ausdehnung und schloss die Rheinprovinzen ein, deren Grenze („Limes“) bis heute besichtigt werden kann.

Tacitus liefert ein Sittengemälde der Barbaren, das er der römischen Dekadenz seiner Heimst entgegenstellen will. Spätere Theoretiker des Deutschtums haben sich hier bedient und jene Mythen eingesammelt, die ihnen in den Kram passten. Vieles ist aber auch amüsant, etwa die Schilderung von tagelangen Bierbesäufnissen, die in Schlägereien zu enden pflegten.

Der Römer trank Wein. Der Weinbau ist seine fundamentalste Kulturleistung, könnte man frotzeln, die bis heute nachwirke. Eine distanziertere Betrachtung der Geschichtsschreibung des Tacitus bemerkt, dass seine Beschreibung des Fremden davon gesteuert war, was er den Vertrauten ins Stammbuch schreiben wollte. Dann betrachtete er ausführlich Gerüchte als Fakten und schmiedete aus Fiktivem die Fiktion eines Volkes, dessen Unterwerfung seinen Zeitgenossen schwerfiel. Den Stachel wollte er ihnen ins Fleisch drücken.

Uns, den teutonischen Barbaren, dagegen war Italien immer schon ein Sehnsuchtsort, das Land, in dem die Zitronen blühten. Den großen Goethe brachte hierhin seine „grande tour“. Das waren ausgiebige Reisen von jungen Männern, um sich vor Eheschließung die Hörner abzustoßen. Was immer das heißen mag. Goethe jedenfalls verfasst während seines Venedigaufenthaltes Gedichte, die mit „erotisch“ zurückhaltend beschrieben wären; es handelt sich um Pornographie. Venedig, lese ich, war damals das größte Bordell Europas.

Das Mediterrane als Sehnsuchtsort; zunächst Griechenland, dann Italien, mittlerweile auch die Türkei. Gestützt durch die natürliche Sentimentalität von Migranten und mit den Urlaubsträumen der Teutonen. Auch Mythengebilde. Zum Beispiel für Germanen, die es leid sind, sich nach dem endlosem Biersaufen die Augen blau zu hauen.

Wir suchen Idyllen, weil sie in uns die Illusion nähren, man können das verlorene Paradies zurückgewinnen. Heimat; es gibt sie nur als verlorene.