Logbuch

DA WO‘S NERVT.

Früher begann mein berufliches Jahr mit der Detroit Motor Show und dem WEF in Davos; war immer die Rache für ruhige Weihnachtstage, diese Betriebsamkeit im Januar. Es wird ruhiger im Alter. Ich lese stattdessen in den Biografien von Essay-Autoren des 16. Jahrhunderts, insbesondere über den Erfinder dieser Art von versuchsweiser (frz.: essayer) Dichtung oder der gehobenen Tagebuchschreiberei. Ein gewisser Michael Montanus. Dazu mehr im März.

Was dem sentimentalen Geschichtsforscher auffällt, wenn er Familiengeschichten folgt, ist die hohe Zahl der Kindersterblichkeit. Selbst in gesetzten Verhältnissen blieben den Familien immer nur einige wenige ihrer Kinder. Wie furchtbar muss das sein, wenn einem die Kleinen unter den Händen wegsterben. Man kennt das heute noch aus Afrika, aber eben auch Europa wusste nicht so recht mit Kinderglück umzugehen. Im frühen 19. Jahrhundert lag die Kindersterblichkeiten noch immer bei 50%; jedes zweite Kind wurde nicht erwachsen.

Eigentlich, so zynisch es klingt, ist das doch ein klares Kriterium für die Qualität eines Gesundheitswesens, die Frühsterblichkeit. Sprich deren Vermeiden. Ich erinnere mich an schräge Debatten um die Impfpflicht, in denen der Begriff der Frühsterblichkeit auftauchte, und will gar nicht mehr rein in die Corona-Debatte. Und natürlich muss ein langes Leben nicht allein dadurch ein gutes sein. Aber es gilt der Umkehrschluss: Vor der Zeit gehen zu müssen, das ist kein Ziel.

Der alte Montanus saß als recht wohlbestallter Adeliger in der Bibliothek seines Schlösschens und trank Bordeaux, was seine Essays beflügelte. Keine Termine und leicht einen sitzen; von wem ist das noch? Bei mir ist es jetzt zunächst Kaffee. Aber ansonsten alles in Butter. Ich muss ja nicht nach Davos.

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DER NANNY-STAAT.

Gelegentlich wage ich einen anderen Blick auf mein Vaterland und lasse mich durch die Eidgenossen belehren. Das Organ des Stakkato von Rechts heißt NZZ, steht für Neue Zürcher Zeitung. Niemand kann so charmant reaktionär sein wie die Reisläufer aus dem Alpenstaat. Heute werde ich belehrt, dass die Deutschen einen NANNY-STAAT pflegen; der englische Ausdruck für ein Kindermädchen meint eine sehr fürsorgliche Betreuung, eigentlich kritisiert er Entmündigung. Ich gehe also, lerne ich, in Watte gepackt.

Während ich das schreibe, schmerzt mein Knie, der Po hat einen respektablen Bluterguss und der Ellenbogen will nicht so recht. Ich habe mich, wie es am Ort heißt, gestern auf die Fresse gepackt. Ich bin bös gestürzt. Unter dem Matsch eines regulären Straßenübergangs lauerte solides Eis und es haute mich um. In Berlin wird kein Salz gestreut, man verziert das Packeis nur mit etwas Granit. Die Amme namens Staat oder Senat vernachlässigt ihre Infanten gründlich. Kein Salz!

Der Grund ist grün. Wir schützen die Tiefsee, den Uterus der Welt. Das Streusalz könnte nämlich über Spree und Havel in die Nordsee geraten und so das Meer versalzen. Alter, Salzwasser im BIG BLUE; das geht ja gar nicht. Die Fürsorge besteht nie konkret, sondern immer nur abstrakt. Man schützt hier DIE Umwelt, aber nicht den Bürger. Weil die Amme ja von Mutter Natur beschäftigt wird (wg. Verhindern der Apokalypse) und dieser oder jener gestrauchelte Vater in dem Familienbild nur stört.

So geht der IDEOLIGISCHE STAAT, dessen Fürsorge nur prinzipiell ist und im konkreten vor allem sich selbst gilt. Er hat ein Samariter-Syndrom, aber keine reale Solidarität. Der konkrete Mensch stört in dem Bild nur. Soll er doch auf der Fresse im Split liegen. Warum gehe ich auch im Januar meinen Geschäften nach? Statt mit meiner Nanny in einer diskreten Halle Tennis zu spielen. Gruß an den Regierenden!

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KONVERSATION.

Beliebt ist, wer was zu erzählen hat. Ein gebildetes und zugleich unterhaltsames Gespräch führen zu können, das setzte nicht nur eine gewisse Höflichkeit voraus, sondern auch Wissen, das man dabei in leichter Form zum Besten geben konnte. Deshalb erfand das 18. und 19. Jahrhundert das KONVERSATIONSLEXIKON, eine Enzyklopädie von interessanten Dingen, mit deren Erörterung man sich unter wohlgeneigten Menschen die Zeit vertreiben konnte. Brockhaus im Regal. Der Anspruch war höher als beim Plaudern, Schwätzen oder Ratschen; eine soziale Kunst, aus der Zeit, als der SMALLTALK noch nicht ganz so small war. Heute liefert solches Scheinwissen die KI.

Konversation war historisch allerdings mehr; das kriegen wir am Schluss. Zunächst zum Unterschied von wirklichem Wissen und gefälliger Gewissheit. Man kann zum Beispiel kein guter Ingenieur sein, sagen wir ein Maschinenbauer, ohne Mathematik. Das versteht, wer weiß, dass Mathe mehr ist, als rechnen zu können. Man kann des Weiteren kein guter Informatiker sein, sagen wir IT-Genie, ohne Kybernetik. Auch die Philosophie hat ihre Gründe, keine Aufklärung ohne Kant.

Was das Wesen des Religiösen ausmacht, erahnt nur, wer deren mehrere studiert. Der junge Kipling etwa sprach mit seinem Diener („Boy“) Hindu, wurde bemuttert („Nanny“) von einer portugiesischen Katholikin und erzogen von einer strengen Calvinistin, ging zur Schule im Geiste des Empire. Und er las viel. Niemand konnte tiefere Geschichten als er. Im Alter in die USA emigriert, versiegten diese Quellen, tragisch.

Bei Hofe, wir sind im 17. Jahrhundert Europas, diente die Konversation als Schlachtfeld zwischen den Höflingen im politischen Kampf um Gunst und Einfluss; da darf man sich von der Diplomatie und der Galanterie nicht täuschen lassen. Es ging schon zur Sache. Hinter der glatten Rede lauerte der Kampf um Macht. Das Bürgertum hat die Konversation im 19. Jahrhundert in die Salons geholt, um dem verlorenen Glanz der Höfe nachzueifern. Am Ende dessen aber steht die TALKSHOW, wo eierlose Hühner zu Hahnenkämpfen gackern. Absurd.

Womit wir bei den Kommunikationen in den Sozialen sind und deren Aufgaben für die Mächtigen. Die amerikanische Revolution der kalifornischen Reaktionäre. Es wird viel Porzellan zerschlagen auf X und Truth Social. Die neue Rechte hat Freude an der DISRUPTION; das ist jene „kreative Zerstörung“ (Schumpeter), von der wir noch nicht wissen, ob sie zu mehr als Zerstörung führt. Zwischenzeitlich macht sie aber zweifellos die Richtigen reich. Darum geht es. Na, das ist doch mal eine Konversation wert.

 

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AUGEN VOR OHREN.

Was wir über die Welt lernen, wird uns immer mehr in Clips gezeigt, sehr kurzen Filmszenen, die als dokumentarisch gelten wollen. Dabei greift der inszenatorische Code des Episodischen, weil zu mehr als einem Augenblick niemand mehr Zeit hat. Das verführerische Potential ist enorm. Der Augenblick im Wortsinn ist ein großer Manipulator.

Früher war es der „sound bite“, ein besonders typischer Spruch, der die Interpretation einer komplexen Sache auf den Punkt bringen sollte. Heute ist es der kurze Film, dem eine verräterische Geste zu entnehmen ist. Wir trauen unseren Augen mehr als den Ohren. Das Internet füttert beide. Meist mit vergifteter Kost, könnte man vermuten; man weiß es aber nicht.

Immer wieder Szenen, in denen der greise amerikanische Präsident schlicht hilflos wirkt. Ohnehin bewegt er sich staksig, einem Roboter gleich. Dann wirkt er auf offener Bühne schlicht orientierungslos. Man sieht den französischen Präsidenten ihm zur Hilfe eilen, dann Frau Meloni aus Mussolinis Heimat, jetzt mit Barack Obama jemand, der gerade tänzerische Begabung im Amt hatte. Man erinnert sich, dass sein Konkurrent ihn „Sleepy Joe“ nannte und ahnt, was dazu noch kommen wird.

Man kann die Episode leicht zur Evidenz machen, indem die Propaganda sie symbolisch stellt. Verräterische Körpersprache. Das böseste Symbol nennt sich Metonymie, wenn der Betrachter die Gewissheit hat, dass hier das demonstrierte Teil für das Ganze steht. Ist der Weltenherrscher nicht mehr bei Verstand? Diese gemeine Frage will man uns mit den Filmchen ins Herz pflanzen.

Nun, ich weiß es nicht. Das Alter ist nicht gnädig mit uns, mit niemanden von uns, und ich werde darüber nicht lästern. Schon gar nicht zu Gunsten des vermeintlichen Vitalismus wirklich verhängnisvoller Helden. Aber man wird schon fragen dürfen, wie gut beraten die amerikanischen Demokraten mit diesem Kandidaten waren. Könnte das nicht sein Sohn machen? Pun intended.