Logbuch

SCHÜLER*INNEN.

Ich vermute, es war der wortgewaltige Martin Luther, der die SCHÜLER des Jesus von Nazareth mit dem Begriff JÜNGER belegt hat. Schräg. Es waren seine Anhänger, Gefolgsleute, Lehrlinge, Fans. Und den Nachfolgern dann auch Augenzeugen. Von mir aus auch APOSTEL (Gesandte); aber da bin ich mir nicht so sicher.

Im Englischen nennt man die 12 Gesellen DISCIPLE, was dem Lateinischen für SCHÜLER entspricht. Mein Lateinlehrer pflegte uns stets mit „Salve discipuli!“ zu begrüßen. Wir antworteten im Chor: „Salve magister!“ Moin Schüler, Moin Lehrer. Darüber sinniere ich, den amtierenden Papst im Fernsehen sehend; was für ein bräsiger alter Sack ganz eigener Bigotterie.

Die Katholischen unter uns mögen mir verzeihen, dem Agnostiker. Aber ich habe noch härteren Stoff. Jesus soll nur mit Kerlen abgehängt haben? Glaube ich nicht. Ich habe nicht nur jene Zeugnisse gelesen, die die klerikalen Bonzen anerkannt haben (die zwölf Jungs), sondern auch die Apokryphen, verworfene Zeugnisse der Lehrlinge (siehe oben). Danach ist die männliche Linie, nach der Jesus nur mit Typen rumgemacht hat, strittig.

Die apostolische Linie des Petrus bis hin zu dem heutigen Papa ist nämlich nur eine Variante. Es gibt auch eine Mama-Linie. Der Nazarener war begleitet von drei Frauen. Da war seine Mutter, Maria, genannt die Jungfrau. Und da war seine Schwester (soviel zum keuschen Status der Unbefleckten). Und da war seine Geliebte Maria Magdalena. Das war sein hood. Der Geltungsanspruch der boy group ist daher mehr als wackelig.

Wer hat den Auferstandenen zuerst gesehen? Keiner der Kerle! Seine Konkubine! Ich sage nur: „Peck mich nich an!“ Besser bekannt als „Noli me tangere!“ Warum hat er das zu Maria Magdalena gesagt? Na, wegen alter Gewohnheiten. Dem patriarchalischen Konkurrenzkampf, der darauf folgte, ist die Diskreditierung der Maria Magdalena als Prostituierte zu verdanken. Männlicher Chauvinismus. Es kann sein, dass Jesus mit den Jungs essen war, sogenanntes Abendmahl; aber gelebt hat er mit den Weibern, nämlich Mama, Schwesterchen und Geliebter.

Gemälde des 17. Jahrhunderts zeigen Maria Magdalena noch halbbekleidet. Und ich muss sagen, der Alte hatte echt Geschmack.

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BARMHERZIGKEIT.

Ich kann von dem Berliner Krankenhaus namens BARMHERZIGKEIT nicht reden, ohne dass mich eine gewisse Sentimentalität angeht. Der sterbende Bertolt Brecht hat hier sein letztes Gedicht geschrieben, das an Größe nicht zu übertreffen ist.

Heute ist die gelernte Bettenburg der DDR eine moderne Klinik, schon organisatorisch ein Meisterwerk; ich darf das sagen, weil ich drei Jahrzehnte in der deutschen Industrie verbracht habe und weiß, wie Missmanagement geht. Man riecht das nach einiger Zeit und sieht es schon an Details. Ich höre stets am Ton der Domestiken, ob die Herrschaft was taugt.

Also, ich bedanke mich bei meinem Operateur für gute Arbeit und er erwidert, der glückliche Ausgang sei dem Umstand geschuldet, dass ich ein guter Patient sei. Wenn nicht glatt gelogen, so ist das doch übertrieben. Aber der kleine Dialog hinterlässt uns beide als Sieger. Wie klug.

Im Wartebereich hängen die Motive einer Imagekampagne an den Wänden. Mein Fach. Und ich staune: wirklich gut gemacht. Die Themen stimmen, der Slogan passt. Glatt getextet, interessant fotografiert, raffiniert gestaltet. Wer so für sich wirbt, kann nicht doof sein. Und das bei dem miefigen Erbe des Sozialismus in dieser Stadt der dreisten Inkompetenz.

Ich habe heute keinen Skandal zu beklagen und keine Idioten zu geißeln. Vom Pförtner bis zum Patrizier alles patent. Das ist das Ende der Literatur, jedenfalls des Journalismus. So kann kein Mensch bloggen!

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ANGEBEREI.

Die amtierende Bundesministerin des Äußersten interpretiert ihre Rolle als feministisches Vorbild für die Völker der Welt. Und verbittet sich amtlich jedweden Spott. Das geht, sage ich voraus, schief.

Frau Baerbock gibt sich eine Rolle, die sie nicht mit Substanz zu nähren weiß, sondern so notorisch untererfüllt, dass man die Differenz von Anspruch und Erfüllung peinlich bemerkt. Der Rock der Dame ist zu kurz. Sie meint dazu aufgerufen zu sein, Südafrika Noten zu geben und gönnerhaft dem Land eine Vorbildfunktion zuzuweisen. Das hören die gern von ehemaligen Kolonialmächten. Ein Leuchtfeuer der Hoffnung. So steht es in ihrem Manuskript. Die Vokabelkenntnis ist aber unzureichend. Die Minderbegabte spricht stattdessen vom Speck der Hoffnung.

Das kann passieren. Nicht passieren darf, dass „das Amt“ dann dem Volk seine Lust am Witzereißen untersagt. Wir haben von ihr lernen müssen, dass sie in London Völkerrecht studiert haben will und dass es mit ihr nun eine feministische Außenpolitik gebe. Wenn die Heroin dann mit der Qualifikation einer Realschülerin radebricht, so ist Parodie erlaubt.

Lektüre-Empfehlung: Man lese „Der Bürger als Edelmann“ von Molière; eine wunderbare Satire auf die Angeberei von Minderbegabten, die sich zu Höherem berufen fühlen. Übrigens ein Stück mit außenpolitischem Hintergrund. Es ging um die Prunksucht der Osmanen. So nannte man damals, liebe Frau Baerbock, die Türken. Das ist, wo diesen Erdowan Chef ist. Aber Speck geht nicht, weil vom Schwein. Was Speck angeht, sind die da voll vegan, die Osmanen. Das nur zur Ministerinstruktion.

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EMANZIPATION.

Sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen, das heißt für bisher Beherrschte, dass sie es jemandem aus der Hand nehmen müssen. Das heißt ja Emanzipation: e-manu-cipere, aus der Hand nehmen. Der Sklave nimmt sein Leben aus der Hand des Sklavenhalters. In die eigene. Die beherrschte Frau nimmt ihr Schicksal aus der Hand des Patriarchen. Das Kind wird erwachsen; Vatershand leer. Ich erinnere mich noch, wer mir die Wortbedeutung so erklärt hat. Eine großbürgerlich gestimmte Professorin, die selbstbewusst wie Hannah Ahrend Zigaretten rauchte, und die Kippen ihren verschüchterten Studenten in der Sprechstunde anbot. Da saß ich Würstchen vor ihrem Schreibtisch und hätte ihr im Gegenzug Feuer geben müssen, hatte aber kein Feuerzeug am Mann. Ein peinlicher Moment, an den ich bis heute denke. Ich erwies mich als dummer Junge. Protokollarisch versagt, der Student aus kleinen Verhältnissen. Eine soziale Frage. Aber natürlich auch eine ideologische. Lady in black. Die Dame erklärte jedwede Emanzipation für Unsinn, da sie selbst ja keiner bedürfe. Das hatte etwas von dem „Warum isst das Volk, wenn es kein Brot hat, nicht Kuchen?“ Dabei geht es nicht so sehr um rechts oder links (im politischen Sinne). Es geht um oben und unten (im sozialen). Vor allem aber um öffnen oder schließen (im kulturellen). Es geht um REAKTIONÄRES. Denn überhaupt wird die Zukunftsfrage sich daran entschieden haben, ob man weiter öffnen will oder wieder verschließen. Will man die Dinge zurückdrehen oder sich entwickeln lassen? Emanzipation wieder aufheben oder entfalten? Das ist es, was jetzt in Großbritannien geschieht: Reaktion! Die Dinge zurückdrehen. Eine herrschende Klasse hätte es gern wieder kommod. Der Fisch schmeckt besser, sagt der Lord im Unterhaus, seitdem er nicht mehr europäisch sei, sondern wieder britisch. Das ist es, was in Polen die Konservativen an dem Recht auf die Straffreiheit der Abtreibung stört. Oder die ungarischen Oligarchen an liberalen Hochschulen. Oder die Hinterwäldler des Donald Trump, wenn sie von der WEISSEN ÜBERLEGENGEIT spinnen. Was diskutieren da die Bewohner der britischen Kronkolonie Hong Kong mit „Mainland China“? Sie diskutieren darüber, was eine Volks-Republik eigentlich meint. Fundamentale Frage: Treiben wir die Liberalisierung weiter oder brauchen wir eine Rückabwicklung? Das hat schon ein wenig von der Alternative „Revolution vs Reaktion“, aber dazu ist es eigentlich noch zu früh, vor dem ersten Kaffee.