Logbuch
SZENE.
Kultfilme aus der Kulturrevolution. Ich erinnere den Pariser Mai von 1968. Es lag Pubertät in der Luft. Und der naive Luxus der Metropole. Man summte: Paris erwacht. Die Liebenden sind müde. Welch ein Lied.
Meine Faszination mit der Leinwand ging Ende der sechziger oder zu Beginn der siebziger Jahre von den Filmen des Jean Luc Godard aus. Jetzt habe ich mir seine „Kinder von Marx und Coca-Cola“ noch mal angesehen. Ein schräges Stück. Der unerträgliche Schauspieler Jean-Pierre Leaud als der ewige Pinsel. Und die Bardot in einer Nebenrolle als Nutte. Ein erratisches Werk, das sich eigentlich um Sex dreht. Hier wurde für die Ohren eines Pubertanten aus der Provinz sehr metropol über Sex geredet. Ich errötete tief damals.
Zu der Zeit besuchte ich einen Freund, der sich an der Münchner Filmhochschule zum Kameramann ausbilden ließ. München war ein deutsches Paris. Steiles Milieu. Ich wusste nicht, was Koks ist, und war weit stärker davon fasziniert, dass dieser Rainer Werner Fassbinder nie duschte, nie. Und seine Mätressen nicht die Diven der Filme, sondern Jungs aus der Kulisse waren. Vor allem aber begeisterten mich „Zwei Eier im Glas“ zum Münchner Kaffeehausfrühstück; in Münster kannten die das noch letztes Jahr nicht. Vier-ein-halb-Minuten-Eier geschält im Glas. Frisches Baguette. Kalte Butter. So frühstücken Helden.
Leaud trinkt in Godards Film MASCULIN - FEMININ stets Johannisbeersirup. Sag ich doch, ein Pinsel. Und in diesem Gemisch von Ausgehen & Beschlafen ging es nebenbei gegen den Vietnamkrieg. Leauds Freund pinselt die Parole „Frieden für Vietnam“ auf ein amerikanisches Militärfahrzeug. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie ich das bzgl. des jüngsten Konflikts an einen Lada pinsel, um dann in einer Straßenbar einen Sirup von der Himbeere zu nehmen. Und am Nachbartisch sitzt Brigitte Bardot als Straßenhure. Unter dem Pflaster, sagte man damals, liegt der Strand. Romantik der Metropolen.
Die Faszination des Kinos und der Kaffeehausphilosophie ist verflogen. Heute wirkt ihre Dekadenz eher peinlich. Obwohl, ein Frühstück in Paris? Zwei Eier im Glas? Frisches Baguette?
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DIE BLASE.
In der höheren Fachliteratur wie der breiteren wird viel Unsinn erzählt. Mal wieder über die Maläse mit den Medien. Wiedergänger, Untote, der Kulturkritik.
Früher sprachen Autoren mit Respekt von ihrer Leserschaft, weil die Käufer ihres Buches eben für sie ihre Welt waren. Das, was man mit einer ungebrochenen Hochachtung ÖFFENTLICHKEIT nannte. Die Philosophie der Aufklärung ist davon erfüllt, von KANT bis HABERMAS, bis fast zu Habermas.
Der letzte Schüler der Frankfurter Schule, vorgenannter Jürgen H., hat sich nun verführen lassen, ein törichtes Alterswerk zu veröffentlichen; töricht, weil dreißig Jahre Lektürerückstand, aber in der politischen Intention ungebeugt. Das mag ihm selbst imponieren, mir nicht.
Um es nur an einem Beispiel zu argumentieren: eine Plattform jener deliberativen Politikberatung, die Habermas ersehnt, ist TWITTER. Aber hier findet er sie nicht; so wenig wie der Germanist Precht und der Sozialpsychologe Welzer; angeblich Fachautoren, ich schwör, auch nur zwei Schwätzer. Man nimmt auf Twitter immer auch die Polemik wahr. Ja. Aber das war nie anders.
Wer die seltene Chance der AUFKLÄRUNG als Lichtblick will, wird sie nur in der Tiefe der Nacht der GEGENAUFKLÄRUNG erkennen. Auf eine plausible Weltregierung der Philosophen zu warten, das ist naiv. Man wird sich mit dem Rudimentären der umgebenden Öffentlichkeit zufriedengeben müssen. Jede Dummheit kann auf Twitter gesagt werden und alles Kluge.
Der Algorithmus, der uns eine Blase baut, ist ein Instrument der SELBSTBESPIEGELUNG. Darin liegt die Täuschung wie die Chance. Blasen sind so klein, wie der Nutzer sie lässt. Da ist die ganze Wahrheit, die ich der Diss eines jungen Kommunikationswissenschaftlers entnommen habe: Die Dummen werden dümmer, die Klugen klüger.
Für den zweiten Teil des Lehrsatzes ist jeder selbst verantwortlich.
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DER ALTE HERR.
Eine Orchesterleistung ist als solche schon großartig; von Virtuosen aufgeführt und einem Genie geleitet, die für den Scheiß ihr Leben lang geübt haben, eine Titanenleistung. Ich empfinde jeden Respekt.
Der Dirigent Herbert Blomstedt wurde 1927 geboren und steht seit 1954 am Pult. Ich höre ihn seit mindestens zwanzig Jahren in Berlin. Er dirigiert regelmäßig nebenbei noch weitere zwölf Orchester und gestern Abend eben wieder die Berliner Philharmoniker. Eine fast chirurgisch präzise Aufführung der furiosen Siebten von Ludwig van.
Kommen wir zum Punkt. Der Mann ist 95! Ja, er saß zwar am Pult auf einem Stuhl, aber ansonsten hat er nichts von dem eingebüßt, was ihn zur Weltgeltung brachte. Tadellos gekleidet dirigiert er aus dem Kopf, das Notenbuch verschlossen vor ihm liegend. Durch und durch ein Herr an Erscheinung. Ein Dirigent, der als Person ganz hinter der Musik verschwindet, das Alter Ego des Komponisten. Mensch, mit 95. Mein Herr Vater war 98, als er auf seinem letzten Ausbruchsversuch aus der Demenz tödlich verunglückte; natürlich muss ich unwillkürlich daran denken. Beklommenheit. Dann aber, ganz am Schluss ein komischer Moment. Dinner for you. Same procedure as last year.
Man hatte Blomberg mit Rücksicht auf sein Alter nur einen Vorhang gegeben. Da aber der Saal noch immer stehend applaudierte, lugte er noch mal, fast verstohlen, aus der Garderobe in den Saal. Und winkt. Genau mit jenem Blick, den Freddie Frinton hat, wenn er mit seiner Mylady oben an der Treppe im Schlafzimmer verschwindet. Da war echt lustig. Ein schelmischer Alter Herr.
Gemischte Gefühle. Und der immer virtuos krakelige Ludwig van. Pauke! Ohne Pauke keinen Ludwig van. Er war bei der Siebten, sagte ein Zeitgenosse schon reif für das Irrenhaus. Und taub wie ein Stein.
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NULLA SALUS BELLO.
Im Krieg liegt kein Heil. Keine Heilung durch den Krieg. So denkt der Pazifist. Der deutsche Pazifist, weil sein Vaterland noch jüngst zwei Weltkriege angezettelt hat. Was aber ist der KRIEGSGRUND?
Es gehört zur militärischen Paradoxie, dass für jeden ANGRIFF die VERTEIDIGUNG bemüht wird. Möglicherweise ist das selbst für den willentlichen ANGREIFER jene Lüge, die ihm das Morden leichter macht. In der Sprache der Politik SICHERHEITSINTERESSEN, meist territorial gedacht, als Reich, das sich selbst arrondiert. Eine GRENZE garantieren. LIMES für den Römer. Das Römische Reich lebte im Kern vom Korn seiner Satelliten. Diese IMPORTABHÄNGIGKEIT brachte es zu Fall.
Und dann sehe ich den Namen jenes ukrainischen Ortes im Fernsehen wieder, der für mein berufliches Leben wichtig wurde: Tschernobyl. Fanal der friedlichen Nutzung der Kernenergie. Ein Gau nach Experimenten in dem graphitmoderierten Reaktor führte im April 1986 zu radioaktiven Niederschlägen auch hier bei uns. Eine berufliche Fortüne machte mich damals zum Sprecher der Hersteller und Betreiber der Kernkraftwerke in der Bundesrepublik Deutschland. Es ist klar, dass ich dieser Aufgabe nicht gewachsen war.
Aber wir haben damals versucht, der Branche ihre technokratische Arroganz abzugewöhnen. Der eigenen! Dass das nicht so recht gelungen war, wusste ich als ich ALLENSBACH vortragen hörte, dass die Bevölkerung zurück zur Normalität wolle. Nix passiert, das war das Gefühl der Hierarchen. Back to business. Der Kern des Problems war wieder verdeckt. Er liegt darin, dass man schlecht eine deutsche Bevölkerung überreden kann, die Risiken einer Technik zu tragen, wenn man das damit verdiente Geld in New York an der Börse abliefern will. Aber wie stolz waren sie, die gelernten Kohlebarone, als sie in den USA gelistet waren. Technokraten. Ich habe in der Elektrizität, in der Kohle, dem Öl und dem Gas gearbeitet; ich weiß wohl wie die da ticken.
Kernenergie steht immer in einem militärischen Kontext; sie kann daher im nationalen Maßstab und zur Stromerzeugung nur hoheitlich betrieben werden. Damit ist noch nichts zur Betriebssicherheit oder der Entsorgung, etwa der Lagerung der Abfälle gesagt, aber zur Verantwortung. Nur der Staat kann sie für meine Begriffe tragen. Wenn man sie als Gesellschaft tragen will. Und da sollte es kein Prerogativ einer Elite geben. Eine Gesellschaft, die dies Risiko nicht mehrheitlich und nicht dauerhaft will, wird keinen Staat haben, der es tragen kann. Mein altes Credo: Die Kernenergie hat allenfalls eine Zukunft, wenn auch die Grünen sie wollen.
Nun also wieder Verteilungskämpfe um Erdgas. Schon immer Verteilungskämpfe um Öl. Früher, obwohl vergessen, welche um Kohle. Selig die Nation, die ihren ENERGIEHUNGER stillen kann mit dem, was sie auch erntet. Weil uns das Glück der Vögel fehlt, die nicht säen und ernten, aber doch vom Herrgott genährt werden. Jetzt die wirkliche Kernfrage: Wie sät man Energie? Gute Frage. Jedenfalls erntet man nicht mit Krieg. An die Freunde des russischen Gases: Nulla salus bello.