Logbuch

EIN MISANTHROP ALSO.

Die christlich argumentierende Rechte, ein umfangreiches Milieu in den USA, hat gerade einen ihrer Vertreter verloren, weil ihn ein Attentäter vor den Augen seiner Familie abgeschossen hat. Das hat dort ja Tradition seit Abraham Lincoln & John F Kennedy. Die Kommentarlage im Öffentlich-Rechtlichen hierzulande ist geprägt durch scheinheiliges Bedauern und den ausdrücklichen Hinweis darauf, dass der Ermordete ein Menschenfeind gewesen sei. Er habe menschenfeindliche Meinungen gezeigt. Ein Misanthrop also.

Zu belegen ist das durch Äußerungen, die er auf Debatten getätigt habe, jedenfalls einzelne Zitate, deren Kontext jetzt nicht so sehr interessiert, da er ja rechts, sprich ein Faschist gewesen sei, jedenfalls ein Menschenfeind. Ein Misanthrop. Die Kommentatoren konnotieren: Na, da braucht er sich ja nicht wundern. Jedenfalls warnen sie das Publikum vor Mitleid. Der Mann war rechts. Tiefenphrase: Ein Nazi weniger. Da darf ein wenig Terror schon mal sein. Werden wieder Süßwaren verteilt?

Der Menschenhass, der den Misanthropen verrät, zeigt sich, wenn man sich die politische Agenda in den USA anschaut, in symbolisch gestellten Kontroversen um Abtreibung und Homosexualität, also das Familienbild. Dabei gibt es evangelikale Begründungen durch eine Laienexegese der Bibel, auch des Alten Testaments. Was steht bei Leveticus? Die amerikanische Linke empfindet die von ihr abweichende Gesinnung als Hass, der der Verfolgung bedarf; zur Not auch unterhalb der Schwelle der Strafwürdigkeit. Auch auf unseren Straßen wird „Ciao, bella, ciao!“ gegen die allgegenwärtigen Nazis gesungen.

Es gibt bei uns inzwischen Meldestellen zur Denunziation von abweichender Meinung, bei der man leider noch nicht den Staatsanwalt schicken kann. Denn Hass geht ja gar nicht. Geht also der Misanthrop zu Recht seiner Menschenrechte verlustig? Schlagt ihn tot, den Hund, er ist ein Menschenfeind. So redet des Menschen Freund? Merkst Du auch, oder?

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WALKING THE DOG.

Nicht, dass ich auf meinen Arzt hörte, aber ich soll mich acht Kilometer am Tag ergehen. Per pedes, zu Fuß. Das sind 10.000 Schritte. Sitzen, sagt der Weißkittel, sei das neue Rauchen. Auf dem Land fällt das nicht schwer, weil alles immer mindestens ein Dorf entfernt; selbst in die nächste Kneipe sind es vier Kilometer. Aber im großstädtischen Kiez? Alles ist, wie man hier sagt, umme Ecke.

Ich kann im Umfeld von 1.000 Schritten zum Italiener, zahllosen Türken, drei Vietnamesen, einem Inder, der China Pfanne und einem Hotelrestaurant, einer bayrischen Schwemme und zwei Berliner Eckkneipen. Acht Spätis, das sind, was im Revier Trinkhalle oder Büdchen genannt. Mein Schrittzähler bringt es auf keine Werte.

Man rät mir zu einem Hund, der mindestens zweimal täglich raus müsste, also Schritte bringt. Das kann ich nicht. Ein Hund gehört in keine Wohnung, weil wer das macht, wird sehr bald sehen, dass nicht der Hund bei ihm eingezogen ist, sondern er beim Köter. Herrchen (so heißen die Halter in tiefer Ironie) wohnt danach in einer Hundehütte, die mal seine Wohnung war. Frauchen nimmt die Töhle gar mit ins Bett. Pervers.

Ich habe aber, clever, wie ich bin, die Lösung. Ich tue nur so. Ich schlendre morgens wie am späten Nachmittag meine Runde durch den Kiez, gemessenen Schrittes, grüß freundlich die Völker der Erde und bleibe an Straßenbäumen wie Laternenpfählen kurz stehen, so als müsse ich auf das Schnüffeln eines Köters Rücksicht nehmen. Ich knurre dann schon mal: „Komm, Hector, komm!“ So heißt der Hund, den ich nicht habe.

Alle sind froh, mein Doc, mein Schrittzähler, die Nachbarn, die mich zweimal am Tag sehen. Nur der greise Vater meiner armenischen Bäckerin redet schlecht über mich. Er sitzt ganztägig vor dem Lokal auf einem Holzstuhl und beobachtet den Kiez. Er versündigt sich an meinem Ruf und erzählt irres Zeug über mich. Ich hätte gar keinen Hund. Seit gestern habe ich schwarze Plastikbeutelchen in der Tasche. Ich hebe ab und zu, wenn einer kuckt, einen Haufen auf. Liegen ja genug rum. Picking up after one‘s dog. So macht das ein Gentleman. Ha!

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VOR DEM GESETZ.

Im Dunkeln ist gut Munkeln. Man fragt mich, was LITIGATION PR sei. Der englische Begriff meint Öffentlichkeitsarbeit bei einem Rechtsstreit. Erinnern wir juristischen Laien uns bitte an die Innenarchitektur eines Gerichtssaals. Da gibt es die Bank der Staatsanwaltschaft, die die Anklage vertritt; und gegenüber die Verteidigung, die dem Beklagten zur Seite steht. Hier agieren gelegentlich auch Staranwälte, unter Umständen sogar aus Peru in den Anden. Vorne groß, ebenso erhoben wie erhaben, die Richter, unter Umständen mit Schöffen. Im Saal, wenn zugelassen, die Öffentlichkeit, oft eben auch die Presse. Wo sitzt in dieser courtroom scene die Litigation-Fraktion? Auf dem Gang. Im Foyer. In der Lobby. Der Gerichtskantine. Did I make myself clear?

Ich schätze Gerichtsreporter sehr. Sie geben der Öffentlichkeit ein Bild von dem, was bei Gericht passiert. Der Laie soll das Verfahren begreifen, dessen Regeln nicht trivial sind. Und am Ende darf sich das Publikum dank ihrer Berichterstattung ein Urteil bilden, ob nicht nur Recht gesprochen wurde, sondern auch Gerechtigkeit herrscht. Ich nenne hier zwei Namen großer Publizisten dieser wichtigen Disziplin: Gerhard Mauz und Gisela Friedrichsen. Mit beiden habe ich mal ein langes Interview geführt. Zu dessen genius loci komme ich noch.

Was macht der Schlemiel in der Lobby? Welche Rolle ist noch offen? Ist er eine verdeckte Waffe der Verteidigung? Dass die Staatsanwaltschaft sich eine PR-Agentur leisten kann, ist ausgeschlossen; braucht sie auch nicht. Hier heißt das Verfahren der Wahl angeblich verdeckte Akteneinsicht (behauptete mir gegenüber vor Jahren mal ein frustrierter Verteidiger in München). Dass der PR-Mops dem Richter eine Urteilsbegründung diktiert oder das Urteil selbst, das glaubt auch keiner, der bei Verstand. Was also macht er? Ich habe ihn gefragt. Er verhindert eine öffentliche Vorverurteilung. Das wäre ja aller Ehre wert. Respekt, Herr Kollege.

Ich habe das Interview mit Mauz und Friedrichsen damals übrigens in Hamburg am Rothenbaum im Hotel Élysée geführt. Der Laden gehört Eugen Block, dem Steak-Haus-Besitzer. Bestes Rindfleisch. Premium Steaks. Heute verkehre ich da nicht mehr. Man geht da laut besseren Kreisen nicht mehr hin. Ich müsste mir für ein Gespräch mit den Nachfolgern von Mauz und Friedrichsen einen anderen Ort suchen. Did I make myself clear?

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NULLA SALUS BELLO.

Im Krieg liegt kein Heil. Keine Heilung durch den Krieg. So denkt der Pazifist. Der deutsche Pazifist, weil sein Vaterland noch jüngst zwei Weltkriege angezettelt hat. Was aber ist der KRIEGSGRUND?

Es gehört zur militärischen Paradoxie, dass für jeden ANGRIFF die VERTEIDIGUNG bemüht wird. Möglicherweise ist das selbst für den willentlichen ANGREIFER jene Lüge, die ihm das Morden leichter macht. In der Sprache der Politik SICHERHEITSINTERESSEN, meist territorial gedacht, als Reich, das sich selbst arrondiert. Eine GRENZE garantieren. LIMES für den Römer. Das Römische Reich lebte im Kern vom Korn seiner Satelliten. Diese IMPORTABHÄNGIGKEIT brachte es zu Fall.

Und dann sehe ich den Namen jenes ukrainischen Ortes im Fernsehen wieder, der für mein berufliches Leben wichtig wurde: Tschernobyl. Fanal der friedlichen Nutzung der Kernenergie. Ein Gau nach Experimenten in dem graphitmoderierten Reaktor führte im April 1986 zu radioaktiven Niederschlägen auch hier bei uns. Eine berufliche Fortüne machte mich damals zum Sprecher der Hersteller und Betreiber der Kernkraftwerke in der Bundesrepublik Deutschland. Es ist klar, dass ich dieser Aufgabe nicht gewachsen war.

Aber wir haben damals versucht, der Branche ihre technokratische Arroganz abzugewöhnen. Der eigenen! Dass das nicht so recht gelungen war, wusste ich als ich ALLENSBACH vortragen hörte, dass die Bevölkerung zurück zur Normalität wolle. Nix passiert, das war das Gefühl der Hierarchen. Back to business. Der Kern des Problems war wieder verdeckt. Er liegt darin, dass man schlecht eine deutsche Bevölkerung überreden kann, die Risiken einer Technik zu tragen, wenn man das damit verdiente Geld in New York an der Börse abliefern will. Aber wie stolz waren sie, die gelernten Kohlebarone, als sie in den USA gelistet waren. Technokraten. Ich habe in der Elektrizität, in der Kohle, dem Öl und dem Gas gearbeitet; ich weiß wohl wie die da ticken.

Kernenergie steht immer in einem militärischen Kontext; sie kann daher im nationalen Maßstab und zur Stromerzeugung nur hoheitlich betrieben werden. Damit ist noch nichts zur Betriebssicherheit oder der Entsorgung, etwa der Lagerung der Abfälle gesagt, aber zur Verantwortung. Nur der Staat kann sie für meine Begriffe tragen. Wenn man sie als Gesellschaft tragen will. Und da sollte es kein Prerogativ einer Elite geben. Eine Gesellschaft, die dies Risiko nicht mehrheitlich und nicht dauerhaft will, wird keinen Staat haben, der es tragen kann. Mein altes Credo: Die Kernenergie hat allenfalls eine Zukunft, wenn auch die Grünen sie wollen.

Nun also wieder Verteilungskämpfe um Erdgas. Schon immer Verteilungskämpfe um Öl. Früher, obwohl vergessen, welche um Kohle. Selig die Nation, die ihren ENERGIEHUNGER stillen kann mit dem, was sie auch erntet. Weil uns das Glück der Vögel fehlt, die nicht säen und ernten, aber doch vom Herrgott genährt werden. Jetzt die wirkliche Kernfrage: Wie sät man Energie? Gute Frage. Jedenfalls erntet man nicht mit Krieg. An die Freunde des russischen Gases: Nulla salus bello.