Logbuch
APHORISMUS.
Die ganze Wahrheit in einem Satz; und der noch brillant formuliert. Wer oft so einen guten Spruch drauf hat, der gilt als geistreich. Aber das Elend ist nah. Wenn einer immer nur lauert, wie er was witziges sagen könnte, wird er anstrengend. Routine tötet. Man kennt das von den hauptberuflichen Komikern: ihre Kunst ist die der KLEINEN FORM. In der Pointe liegt die Kraft. Es gibt keine abendfüllenden Filme mit „stand-up-s“, die erträglichen wären. Ich habe keinen Woody Allen Film wirklich genossen; immer schaler Nachgeschmack, manches peinlich (das Autobiographische oberpeinlich). Weil die KLEINE FORM eben nur eine kurze Zeit geht. Esprit zu zeigen, Witz zu haben, das sind Blitze an einem dunklen Himmel, nicht dauergrelle Neonreklamen. Ein Bonmot, das ist ein seltenes Glück, das daraus lebt, überraschend zu sein. Wirklich spritzige Sottisen sind wie Sternschnuppen. Zu seiner inhaltlichen Wirkkraft bringt es der Aphorismus, weil er radikal verkürzt oder dramatisch überzieht, beides eine intellektuelle Leitung. Der große Karl Kraus hat einem Aphorismus bescheinigt, die halbe Wahrheit zu treffen oder anderthalb. Gut gesagt. REDUKTION VON KOMPLEXITÄT, hat der Soziologe aus Bielefeld es genannt. MUT ZUM PARADOX, ergänze ich. Hier nun liegt die Tragik der notorisch Originellen auf Twitter und sonst wo: Sie suchen Geistesblitze zu produzieren wie die Nudelfabrik Pasta. Jeden Tag drei. Anfänglich würdigt man noch das Bemühen, dann steigt Langeweile auf, schließlich Mitleid über das Scheitern. „Heute sinkt für Sie: das Niveau!“
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FAIR PLAY.
Das Leben sei kein Debattierclub, sagen jene, die nie in einem waren. Es ist die Unfähigkeit zu spielen, die das Zusammenleben so anstrengend macht. Die Idee war doch eigentlich , man spielt miteinander, um sich zu vergnügen; dabei hält man sich an die Regeln. Weil es ein SPIEL ist. Am Ende liegt man sich vielleicht nicht in den Armen, aber man geht ausgeglichen auseinander. So laufen die GESPRÄCHE hier nicht. In den SOCIAL MEDIA geht es nicht sozial, eher asozial zu. Es darf geholzt werden. Man schlägt unter die Gürtellinie. Es scheinen Masochisten anzutreten und nach ihresgleichen zu suchen: Bitte belehre mich! Bitte beschäme mich! Der hechelnde Atem der Gesinnungsträger und ewigen Rechthaber allenthalben. Die Meute lungert, ob es nicht einen Scheiterhaufen zu errichten gilt. Ich empfinde diese Atmosphäre des Richtens als anstrengend, insbesondere wenn es um Belangloses geht. Unangenehm wird es, wenn Tabuverletzungen gerächt werden sollen. Regelrechte Aufrufe zur Gewalt soll es geben, berichten die Opfer dessen, was man hier „shitstorm“ nennt. Man ist sich im Zustand der Abregung einig, dass Hass zu weit geht; aber schon dieses polemische Herumlungern ist unangenehm. Und es mag sein, dass manche Aufregung zu Recht erfolgt. Aber wären nicht die seltenen Fälle des fairen Umgangs zu loben? Der Nachsicht?
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Die MACHT DER WORTE.
Gelungene Formulierungen können geiler sein als erotische Bilder. Wenn ich mal ganz ehrlich sein soll. Beweis gefällig? Ich lese zum neuesten Stand der kapitalistischen Welt: Man sei allenthalben fasziniert von der Hochzeit zwischen Wall Street und Silicon Valley. So was wie Goldman Sachs plus Google. Im Englischen aber noch steiler: „the inflight marriage of Wall Street and Silicon Valley in the cockpit of globalization“; schreibt Jackson Lears in einer Rezension. Hammer. Ich sehe die Szene in meinem KOPFKINO und werde sie nicht mehr los. Dazu das feiste Grinsen von Elon Irgendwas, der einer Investmentbankerin an die Hüfte fasst... Die Macht der Worte kommt von der Macht der Bilder.
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WAS JETZT ALLES GRÜN IST.
Gestern Mittag schiele ich auf das Nachrichtenfernsehen und sehe als newsreel, dass die Rüstungsindustrie gern von der EU als NACHHALTIG eingestuft würde. Was jetzt alles grün sein will, erstaunlich. Von der KERNENERGIE als jetzt grüner Energie hörte man das ja kürzlich schon.
Jetzt also auch Panzer. Kernwaffen sind besonders nachhaltig, schon von der Halbwertszeit her. Massenvernichtungswaffen stehen also vor einem völlig neuen Markenprofil. Ich starre auf n-tv. Dann sehe ich Anton Toni Hofreiter, den bayrischen BUTTERBLUMEN-STRIEZI, im TV, wie er dem Kanzler mangelnden Kriegswillen vorwirft. Der Düpierte findet in den Söderschen Politikstil. Das Problem, sagt er, dessen Partei in der Koalition sitzt, läge im Bundeskanzleramt. Illoyal bis auf die Knochen. Wie erträgt die Ampel den? Es gibt auch eine solche Stimme aus der FDP; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Bleiben wir bei dem Burschi! Er fordert ultimativ schwere Waffen für die Ukraine. So geht jetzt also Friedensbewegung: „Frieden schaffen / Mit Angriffswaffen!“ Ich staune. Schon der taubenblaue Anzug, den der adipöse Biologe sich jüngst bei Ulla Poepken besorgt hat, irritiert mich. Nicht nur wegen der gänzlich ungewissen Konfektionsgröße. Aus welchem Stoff? Ist das auch gerecht gehandelte Baumwolle?
Sieht mir eher nach Kunstfaser aus, was der Toni da trägt. Der grüne Bellizist kleidet sich in Kunststoff. „Frieden schaffen/ In Plastiksachen!“ 100% Polyester: das ist jetzt Öko? Nachhaltig soll ja neuerdings auch der Dress sein; steht jetzt bei H&M an jeder Unterhose, dass die in ihrem vorigen Leben eine PET-Flasche war. Nachhaltigkeit, eine Leerformel; das ist der Lehrsatz.
Zum politischen Kalkül, einem Narrativ, dass man die von Russland überfallene Ukraine zügig und schwerstens aufzurüsten habe, damit sie für uns (!) siege, dazu sage ich als Deutscher nichts. Der grüne Hofreiter ist ein politischer Idiot. So über dieses Osteuropa zu reden, als Dispositionsraum der Hegemonialen Mächte, das hat eine historische Dimension, die mich sehr nachdenklich stimmt. Wenn der deutsche Bundeskanzler nicht Hänschen Voran spielt, sondern auf die NATO-Verbündeten schaut, habe ich das nicht zu kritisieren.