Logbuch

TINTE AUF PAPIER.

Eine der besten Zeitungen der westlichen Welt soll die Washington Post gewesen sein. Ich habe sie nie gelesen, will das aber gerne glauben. Zu viele Mythen ranken um ein liberales Blatt, das sich der unbedingten Wahrheit verpflichtet weiß; jedenfalls soweit sie dem liberalen Amerika zu Diensten war.

Dann verlor ein Medium sein Geschäftsmodell. Ich lese dazu die Wehmut eines Journalisten, der fünfzig Jahre dort gearbeitet hat. Robert G. Kaiser weiß um alle Wendungen, die schließlich der reichste Mann der Welt, Amazongründer Jeff Bezos, genommen hat, um das analoge Geschäft im Digitalen zu retten. Er war nicht knapp bei Kasse, aber an Ideen. Irgendwann war „ink-on-paper“ nicht mehr zu retten. Jeff verlor die Lust.

Das aber ist nur die halbe Wahrheit. Der Strukturwandel des Mediums traf auf einen Hegemoniewechsel. Kaiser berichtet vom Schock bei dem fleißigen Buchhändler Bezos, als seine Amazon Web Services von einer Vergabe des Pentagon ausgenommen werden sollte. Microsoft stand als Konkurrent höheren Orts stärker in der Gunst. Der neue Hegemon hatte Rüstungsaufträge zu vergeben. Da war man bei Hofe willkommen oder nicht.

Die wehmütige Journaille will nun in der Pose gelernter Moral eine neue Korruption für ihren Niedergang verantwortlich machen. Das scheint mir viel zu kurz gesprungen. Wir haben einen Paradigmawechsel wesentlich profunderer Art. Das betrifft vordergründig mediale Technologie, im Kern aber ubiquitäre Wehrtechnik und das Ende der Aufklärung. Ich werde meine Bochumer Notizen aus den Vorlesungen von Friedrich Kittler rauskramen müssen.

Und natürlich ist der Einzelhandel durch Amazon auch noch keine wirkliche Revolution; er ersetzt Tante Emma durch einen dösigen Paketboten. Wo liegt da der qualitative Sprung? Aber es gibt ihn, epochaler als wir ahnen.

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GUTES GEDÄCHTNIS.

Die Ölkonzerne verlangen jüngst an ihren Tankstellen 2 Euro 50 für den Liter Diesel; ich kann nicht vergessen, dass ich schon mal 49 Pfennig, sprich 0,25€, bezahlt habe. Das ist nach Adam Riese eine Teuerung um den Faktor zehn. Und nach Karl Marx ist das Geld nicht weg, nur in den Taschen anderer.

Man wird die Stadt der tausend Feuer vielleicht nicht mehr kennen, im Volksmund Gesellenkirchen genannt. Hier ist gerade eine Raffinerie, eine petrochemische Großanlage der seligen VEBA, von der britischen BP an einen osteuropäischen Restnutzer verscherbelt worden. Mein Vater hat hier schon in den dreißiger Jahren gearbeitet; die Kriegsvorbereitungen der Nazis schlossen neben Verstromung und der Produktion von Kunstdünger die Hydrierung von heimischer Steinkohle zu Öl und Gas ein. Spitzentechnologie wegen Autarkie. Ideologieverdacht berechtigt.

Sein Sohn war Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre an der Eröffnung einer Pilotanlage zur Verflüssigung und Vergasung der Ruhrkohle Öl & Gas beteiligt. Hier an der Emscher. Man wollte an eine Renaissance der Steinkohle Glauben machen. Mein Gospel damals. Das Argument war wie eine Epoche zuvor Importunabhängigkeit. Es gab gleichzeitig auch eine ökologische Debatte („saurer Regen“), aber noch andere Prioritäten. Wir wollten die Kirche im Dorf lassen.

Sein Enkel durfte dann Mitte der achtziger Jahre nicht mehr vor die Tür, weil in der Ukraine ein russisches Kernkraftwerk havarierte. Schuld waren Bauart und Fahrweise; in Japan 2011 ein Erdbeben in der Tiefsee mit Flutwelle, das nuklear umgedeutet wurde. Die Kirche wurde geschleift. Jetzt das ganze Dorf. Nun berät er, der Enkel, Hersteller und Vermarkter von Strom aus Wind und Sonne, bei denen wir mittlerweile zwar die Anlagen importieren müssen, nicht aber das Wetter. Heimisches Schiefergas bleibt derweil, wir starren auf die Straße von Hormus, ungefördert im Heideboden. Wir sind weltweit die einzigen Irren, die ihre Kernkraftwerke in die Luft sprengen.

Warum erinnere ich mich an all das? Weil ich es kann. Das Gedächtnis des Zeitgeistes ist allerdings bedeutend schwächer als meins. Früher sagte man Glückauf und meinte: Möge der Schornstein rauchen. Dekarbonisierung muss man wollen. So was kommt von so was. Gruß an die Kumpel in Gesellenkirchen am Emscherstrand.

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ÜBER LEERE GRÄBER.

Ich lese in einem englischen Feuilleton einen Bericht über die erste Woche des Irankrieges, einen Rückblick also auf Mord und Totschlag; es erschließt sich mir kein Plan von irgendeinem, insbesondere wenn man versucht hinter den Ereignissen eine Absicht zu erkennen, die den Begriff Strategie rechtfertigen würde. Es sei denn diese läge in der planmäßigen Erhaltung des Chaos, was ein Widerspruch in sich ist. Aber sein kann.

Während ich das notiere, höre ich kurz und diskant die Osterglocken der nahen Kirche der örtlichen Protestanten. Dazu am Schluss ein Wort. Vorher Wörter der Verstörung über die Kriegsrhetorik der Ideologischen Staatsapparate jetzt auch in den USA und in Israel. Zu den Islamismen bedarf es keines Kommentars. Eigentlich gewohnt im Westen mit den notorischen Lügen der leider nötigen Verteidigung beschwichtigt zu werden, erfahren wir mittlerweile von Plänen der Vernichtung des Feindes in apokalyptischem Jargon. Endlösungen auf allen Seiten.

Der Mossad soll, lese ich, die Straßenkameras in Teheran geheckt haben, so dass man sich dort so gut auskenne wie in Jerusalem, weshalb man chirurgisch Eingriffe vornehme; man assoziiert einen Regimewechsel ohne zivile Opfer. Dann anhaltende Kriegshandlungen mit Mittelstreckenwaffen auf Alliierte, die auch Proxis heißen. Schließlich punktuelle Übergriffe in neutralen Gewässern anderer Erdteile. Konventionelles Bombardieren von Nuklearanlagen. Ölverknappung. Mal dies, mal das. Mit welchem Ziel? Ich verstehe nicht das Geringste.

Das alles kann kein Zufall sein. Ich soll nichts verstehen. Genauer: Ich soll nichts mehr verstehen wollen. Man erzieht mich zur Hinnahme von allem und jedem. Die Verhaltensforschung nennt das intermittierende Verstärkung; führt verlässlich zu Wahnsinn. Vielleicht ist das das Kriegsziel, dass wir nicht mehr beklagen, den Verstand verloren zu haben.

Jetzt zu Ostern. Das Grab ist leer. Weil wir das nicht verstehen, beschäftigen wir uns mit Hasen, die in bunte Hühnereier alberne Motive kratzen und im Garten unter Krokussen verbergen, wo dümmlich vergnügte Infanten sie finden sollen. Frohe Ostern!

Es ist eine gewisse Diskrepanz zu bemerken zwischen dem Zustand der Welt und unserem Glauben an sie.

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HEIMARBEIT.

Warum Hausarrest und räumlicher Entzug des Arbeitsplatzes sowie die zweckwidrige Nutzung der privaten Wohnung für Erwerbstätigkeit eines ENGLISCHEN Wortes bedurften, wissen die Götter. HOME OFFICE, was für ein albernes Wort für den Umstand, dass die wenigsten Familien über Immobilien verfügen, die eben das auch räumlich vereinbar machen, eine Familie zu haben und deren Lebensraum als Büro zu nutzen. In den großzügigen Villen der Vorstädte mag das klappen und bei Mittelständlern, die schon immer „selbst & ständig“ ran mussten. Oder bei den Beamten , die noch nie ins Büro mussten und wesentliche Teile ihres Tagwerks im steuerlich privilegierten „Arbeitszimmer“ verrichten durften. Aber viele Mieter erleben seit Monaten einen eigenen Stress. Man hat sie zu Klosterbrüdern und Nonnen gemacht, ohne ihnen eine Kathedrale und die Großzügigkeit einer Klosteranlage zu bieten. Eingesperrt in eine Zelle, das ist Knast, nicht Kloster. Vor allem aber fehlt die STRUKTUR DES LEBENS. Das gilt biologisch; wir brauchen die Nacht. Zu ununterbrochenem Schlaf. Und wir brauchen Mahlzeiten in festem Rhythmus. Das gilt aber auch kulturell. Wir brauchen Rituale und Geselligkeit. Der Tagesablauf im Klosterleben ist eisern geteilt, in Beten und Arbeiten, beides in kleinen Portionen, die ihre strikte Ordnung haben. Endlose Tage gehören zum Terror einer Irrenanstalt. Wenn die Struktur des Lebens fehlt, geraten Kinder nicht. Und Erwachsene werden deviant wie Rentner mit Käfigsyndrom. Es beginnt mit der Kleidung, die Disziplinlosigkeit, und setzt sich bei der Hygiene fort. Wir werden gerade ein Volk von Pennern. Wer sein Bett nicht mehr macht und in Jogginghosen durch den Tag kommt, hat sein Leben aufgegeben. Man wird die FABRIKGLOCKE noch bitter vermissen. Mag sie auch früher verhasst gewesen sein, die Knute des Kapitalisten, aber ihre Kehrseite war der FEIERABEND. Dann hatte der Arbeitgeber sein Recht verloren; das Proletariat gehörte sich selbst. Im Bergbau gab es zu Schichtende am Werkstor aus der Kelle einen halben Liter Schnaps. Pro Mann. Und dann ging es in die Eckkneipe oder gleich heim zu Mutti. Alles klar?