Logbuch
HOTEL MAMA.
Ob der Dichter FRANZ KAFKA ein glücklicher Mensch war, daran gibt es berechtigten Zweifel. Den hegt jeder, der sein Werk kennt. Mir ist jetzt ein Detail aus seinem Leben aufgefallen, dass zu diesem Unglück einen eigenen Zugang schafft. Kafka hatte nur ein Durchgangszimmer.
Er war fast ein ganzes Leben ein MUTTERSÖHNCHEN, dem eine Ehe nicht vergönnt war. Als er am Ende seiner knappen Tage unter dem mütterlichen Rock hervorkommt und von der elterlichen Wohnung in Prag nach Berlin zieht, ist er schon todkrank und bedarf der Pflege durch seine dort gefundene Frau. Kafka war ein MAMMONE, wie der Italiener, der sich in Fragen des Matriarchats auskennt, sagt.
Sein Durchgangszimmer lag zwischen dem Wohnzimmer der großen und lebendigen Familie (er beschwert sich öffentlich über den LÄRM der Verwandtenbesuche) und dem Schlafzimmer der Eltern (wie gesagt, in einer hellhörigen Wohnung). Dazwischen sitzt er am Tisch und versucht nächtens zu schreiben. Der ihm verhasste Vater wird uns als vitaler und viraler Mann geschildert. Da sitzt er also fest, der Dichter, in einer Innenarchitektur, die sich ÖDIPALER nicht denken lässt.
Ich will das literarische Werk des großen Franz Kafka nicht schmälern und bin eigentlich gegen solche biografischen Zugänge, aber das hat sich mir doch eingebrannt, während ich durch die Ausstellung in der Berliner STABI zu dem Familienalbum der Kafkas wandere.
Vielleicht wäre ja Gregor Samsa, der junge ledige Mann, der noch bei seinen Eltern wohnte, wie es heißt, kein Käfer geworden, der verschollene Protagonist Karl Roßmann auf seiner Reise nach AMERIKA glücklich geworden und hätte HERR K. gar seinen PROZESS gewonnen, hätte ihr Schöpfer ein eigenes Zimmer gehabt.
Der Gedanke ist nicht so beiläufig, wie er scheint.
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STAMMESÄLTESTE.
Putin nimmt Botox, fürchte ich. Nicht, dass allein das gegen ihn spräche. Aber, Genosse Generalsekretär, man sieht inzwischen unter der jugendlichen Strahlkraft das Alter. Menschlich, allzu menschlich, wenn man das auch bei einem absoluten Herrscher sagen darf.
Das Alter soll man eigentlich ehren. Ich gehöre ja mittlerweile zu den Nutznießern einer solchen Einstellung, die graues Haar (oder die schüttere Glatze) mit Respekt behandelt. Nun gut. Aber dass Greise das Sagen haben, darüber würde ich gerne noch mal reden wollen. Eine Betrachtung zur Tradition des Stammesältesten.
Viele Weisheiten zum Wesen des Lebens habe ich von einem Berliner Chirurgen, der wie alle Medizinmänner schnörkellos denkt. Mit vierzig Lenzen, sagt er, sei man biologisch aus der Pflicht. Man hat dann Kindern das Leben geschenkt, ist also generationstechnisch mit der Erhaltung der Art durch. Große Skeptiker warten vielleicht noch ab, ob es zu Enkeln kommt. Das war es dann aber auch, was das Leben angeht. Der Rest ist Hobby. Oder die Gnade und Gunst des HERRN.
Als Zeichen der Hochkultur gilt anschließend, dass die auf dem Altenteil noch einen Platz auf der Ofenbank kriegen, täglich einen Teller warmer Suppe und ab und an ein freundliches Wort. Aber das Sagen? Die Alten an die Macht? So hielten es wohl die Herrschaftshäuser des Adels und die primitiv genannten Stammeskulturen. Aber macht das kognitiv Sinn? Ich blicke auf Joe Biden, wie er in staksigem Schritt ans Mikro tippelt und dann nicht mehr weiß, was er sagen wollte. Dieser Großvater ist der Hegemon und rettet uns vor einem erneuten Präsidenten Trump? Ich habe Zweifel.
Ohnehin kann man hinterfragen, warum die Natur die Gebärfähigkeit zeitig beendet, während die Samenproduktion noch Jahrzehnte anhält. Das Privileg der Böcke ist doch, mal abgesehen vom Biologischen, ein Institut des Patriarchats! Durch Unsinnsdrogen wie Viagra wird diese biologische Überlänge noch illusorisch erweitert. Unselige Peinlichkeiten des ewigen Machos sind die Folge.
Trump soll gerade in einer Rede Biden mit Obama verwechselt haben. Der war schon nicht helle, als er noch in Saft und Kraft stand. Die Demenz kommt schleichend. Von Ronald Reagan erzählt man sich, dass er im Alter nicht mehr zwischen Erinnerungen an wirkliches Erleben und Filmszenen aus seiner Schauspielerkarriere unterscheiden konnte. Das gefällt mir beruflich als Konstruktivist, ist aber, wenn es um Krieg oder Frieden geht, kein Trost.
Ich mach es mal drastisch: Wir kommen in Windeln ins Leben und gehen, wenn wir Glück haben, auch so. Das Sagen sollte den Lebensaltern dazwischen vorbehalten sein.
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WÄHRSCHAFT.
Man sollte die Kronenhalle in Zürich nicht zu sehr loben, das erhöht nur den Anteil der Touristen in Shorts; auch wenn man sich hier wie andernorts redlich müht, durch enorme Preise das gemeine Volk rauszuhalten. Stammgast dort ist der Schriftsteller Martin Sutter, der im Lokalteilt der Neuen Zürcher Zeitung dazu doziert.
Die Gemälde an den holzvertäfelten Wänden sind, das weiß selbst der sandalenbewehrte Tourist aus dem Reiseführer, echt, der Chagall wie der Picasso. Sutter sitzt am Diogenestisch, nach dem wunderbaren Schweizer Verlag benannt, der auch ihn verlegt. Es herrscht eine gewisse Kleiderordnung, die Sutter überzuerfüllen weiß. Er nimmt seinen Kaffee, weiß ich aus eigener Anschauung, im Garten des Baur au Lac und schlendert dann herüber zur Tonhalle, deren Brasserie er am liebsten nachmittags beehre, deutlich nach dem Lunch der Banker, aber vor dem Apero (so die NZZ).
Es stellt sich bei Sutter wie der Tonhalle wie der NZZ die Frage: Ist das noch liberales Bürgertum oder walten hier peinliche Spießer? Gentlemen oder Pausenclowns? Ist der Erfolgsdichter wie seine Figur Allmen dekadent oder tugendtreu? Scheint uns die NZZ ein Blatt des Citoyen oder der intellektuelle Vorhof der AfD? Von Sutter wird man dazu nichts erfahren, da er unbegrenzt ironiefähig ist. Und die Tonhalle ist nicht das Borchardt oder der Kaefer.
Man hat mich gelegentlich mit Sutter respektive seiner Figur Allmen (sprechender Name: Jedermann) verglichen; danke für‘s Kompliment. Aber ich würde doch anmerken wollen, dass die gemeinsame Sprache nicht den Verdacht nähren darf, dass Schweizer Deutsche seien. Man lese Sutter‘s Roman „Melody“ und erkenne, dass verglichen mit den eidgenössischen Stutzern (pun intended) die letzte Generation der Buddenbrooks noch frisch war.
Zudem: Was heißt hier „gemeinsame Sprache“? Die Küche der Tonhalle nennt Sutter lobend „währschaft“. Mit betontem „ä“ und „sch“. Damit lasse ich Sie jetzt allein.
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GENERATIONSKONFLIKT.
Was eine Demokratie ausmacht, das ist oft nur das Urteil der Historiker, also rückblickend. Oder die Wähler, die einem System die Zustimmung entziehen; Regierungen werden immer nur abgewählt, und zwar, wenn es dem Souverän mit dem alten Regime reicht. Auch rückwärts gewandt. Wehe, wenn es dem Volk reicht. Da hilft auch nicht mehr, wenn Olaf Correctiv und die Omas gegen Rechts schickt.
Die Republik (eine öffentliche Angelegenheit, wörtlich übersetzt) verfügt über vier Gewalten; die gesetzgebende, die rechtsprechende und die exekutive. Die Gewalten sollten geteilt sein, damit die Herrschaften sich gegenseitig kontrollieren, bevor der Wähler sie kassiert oder die Geschichtsschreibung sie in die ewige Verdammnis schickt.
Dabei erinnere ich das Urteil einer Dame des englischen Hochadels, die, als ihre ledige Tochter (deren leiblicher Vater nicht seine Lordschaft war), schwanger vor der Familie stand, versicherte, dass sie die Frage nach dem Vater gänzlich in ihrem Belieben beantworten könne. „That is a Ladies prerogative!“ Das sei das Vorrecht einer Dame. Ich stimme zu. Mütter haben Vorrechte, auch dieses.
Die vierte Staatsgewalt ist die prärogative, nämlich im Notstand auch gegen seine eigenen Grundsätze entscheiden zu dürfen, wenn er das für unumgänglich hält. Etwa beim Ausbruch einer Seuche. Die Macht hat, wer den Notstand erklären kann. Siehe Corona und der Hausarrest im Wege einer Verordnung, nicht mal eines Gesetzes. Mittels der Expertise von Tierärzten.
Die Prärogative von Ihro Gnaden endet im Recht der Infantin, nämlich zu erfahren, wer ihr leiblicher Vater sei. Wenn der klug ist, folgt er der Ansage von Mylady. Die Prärogative des Corona-Regimes endet jetzt: alle Akten ungeschwärzt auf den Tisch. Dann folgen die Urteile von Wähler und Historiker.
Die Notverordnungspolitik der Tierärzte verliert ihre Kraft. Es ist wie bei der Pest: die Überlebenden haben das Sagen. Das Prärogativ künftiger Generationen. Bald also die Rache der eingesperrten Kinder und Kindeskinder. Oder deren Mütter. Gemütlich wird das nicht. Wir werden uns viel zu verzeihen haben.