Logbuch
GESCHLECHTER.
Eine freiheitliche Gesellschaft sollte jede Lebensform gewähren, die die Rechte anderer nicht übermäßig einschränkt. Ich will, dass es alles gibt, was es gibt. Punkt.
Es tobt eine innenpolitische Debatte in Schottland darum, dass man sein Geschlecht amtlich ändern lassen kann, wenn man nachweist, darüber drei Wochen nachgedacht zu haben. Kinder sechs Monate. Mehr braucht es nicht als diese Frist. Frauen fürchten nun eine quasi-biologische Zuwanderung von Männern aus dritten Motiven. Ich kann diesen Einwänden einiges abgewinnen.
Frauen haben ein erhöhtes Schutzrecht, wo sie wegen ihres Geschlechts Fremdbestimmung in besonderem Maß ausgesetzt sein können. Das gilt insbesondere für sexuelle Übergriffe wie für ihre ureigenen Rechte als Mütter. Sie tragen mehr als Männer zum Leben bei, was ihnen eine Ritterlichkeit der Männer sichern sollte, jedenfalls erhöhten staatlichen Schutz und ureigene Privilegien. Weiter will ich hier in diese Debatte nicht rein.
Eine willkürliche Wahlfreiheit würde aber Privilegien, die Frauen zurecht haben, zum Spielball machen; der Missbrauch ist mit Händen zu greifen. Siehe Haftbedingungen von Frauen oder Schutzräume. Der umgekehrte Fall, dass Männer Röcke tragen wollen, ist von geringerem allgemeinen Gewicht, wenn auch, zugestanden, subjektiv vielleicht als dringend empfunden. Da habe ich nicht zu richten. Und Röcke tragen die Kerle in Schottland ohnehin schon.
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VOLKSHERRSCHAFT.
Mit der Pariser Guillotine begann die Moderne. Der Geist der europäischen Aufklärung schwärmte dann von Amerika, dem Land der Freiheit. Und wurde bei näherem Hinsehen enttäuscht.
Auf den Hogmanay wartend lese ich in Edinburgh ein amerikanisches Buch über einen Franzosen. Alexis de Tocqueville war eine mehr als erstaunliche Persönlichkeit. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert erforscht er die amerikanische Demokratie. Klug und kritisch, vor allem aber nach persönlichem Augenschein. Er bereist das Land, rauf und runter, und bleibt stets skeptisch. In den Sümpfen Michigans reitend, von Mücken zerstochen, studiert er die Lage der Indigenen („Indianer“), lehnt deren staatliche Zersiedlung ab, bleibt aber zurückhaltend, was deren gesellschaftliche Zukunft angeht.
Das amerikanische Gefängniswesen studiert er vor Ort in allen Ausformungen; ein strikter Gegner der Sklaverei nimmt er einen Rassismus wahr, der ihn politisch sehr erschreckt. Zweifel am allgemeinen Wahlrecht. Einwände gegen die Kolonialisierung Algeriens durch sein französisches Vaterland fehlen ihm auch. Ein Bündel wandernder Widersprüche, dieser Spross des französischen Hochadels, der den bürgerlichen Anglophilen ihre eigene Welt erklärt. Er gilt bis heute als der “Mann der die Demokratie verstand“. Nämlich ihre Grenzen.
Die GLEICHHEIT steht schnell, fand er, im Gegensatz zur FREIHEIT. Es lauert eine Diktatur der Mehrheit, wenn die Rechte der Minderheiten nicht geschützt sind. Mit einigem Recht darf man ihn als Vater des liberalen Prinzips sehen, dessen Wahrung durch das RECHT er einer starken JUSTIZ auferlegen wollte. Der freiheitliche Rechtsstaat kennt also keine Plebiszite. Und auch keinen NOTSTANDSBONUS für Eiferer, wo immer die sich festkleben.
Im deutschen Fernsehen gleichzeitig die bräsige Ansprache des Bundespräsidenten, der das für einen Generationenkonflikt der Jungen gegen die Alten hält und die Älteren jovial zu Änderungen auffordert. Unterkomplex, der Herr Steinmeier; sollte mal Tocqueville lesen.
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ÖKO-MARKETING.
Unsere Bequemlichkeit macht Mutter Natur zu schaffen. Deshalb gibt es das Bequeme mit einem Ablasshandel, dem Tribut an den Zeitgeist. Gewissensbisse erspart. Teuer bezahlt.
Ich gestehe es ein, schuldbewusst: WEISSE WARE ist nicht mein Ding. Nein, nicht das bolivianische Marschierpulver. Ich meine diese weißen Geräte, in die man benutztes Geschirr räumt und gebrauchte Wäsche oder feuchte Handtücher. Ich weiß diese Geräte nicht zu bedienen. WEISSE WARE ist einfach nicht mein Ding.
Es sind Differenzierungen vorzunehmen nach Temperaturen und Textilien sowie nach unterschiedlichen Pulvern und anderen Zusätzen in Tablettenform, die mich komplett überfordern. Was zum Teufel ist ein Weichspüler? Terra incognita. Die Fersehwerbung bietet mir aber jetzt einen Wunderzusatz an, der wie Bonbons gestaltet ist und deshalb außerhalb der Reichweite von Kindern aufzubewahren ist. Der Verzehr verläuft tödlich; es gibt Opfer. Motto: Keep caps from kids. Warum dann das?
Industrielle Logik. Markenpolitik. Waschpulver war eine COMMODITY, etwas, das Du bei Aldi zum halben Preis kriegst, als Eigenprodukt des Handels vom selben Hersteller. Die Margen werden dann marginal. Das haben die nicht so gern, in den industriellen Riesen. Sie spekulieren also auf meine gelernte Bequemlichkeit und bieten mir CONVENIENCE an. Gegen gutes Geld darf man dann seine Faulheit pflegen.
Nun also Caps wie Pralinen. Und, klar doch, klimagerecht. Die Waschtemperatur wird gesenkt und durch erhöhte Chemie kompensiert. Das alles öko-verbrämt, nämlich nicht mehr in einer Plastikverpackung mit sicherem Verschluss, sondern neuerdings im Pappkarton, weil Papier gut ist und Kunststoff böse. Dass das Kinder stärker gefährdet und auch Pappe ein toter Baum ist, das soll ich übersehen. Ehrlich gesagt, die verarschen uns.
Dass das klappen könnte, hat die BRAUNE WARE bewiesen, die Einführung der Kapsel in die Kaffeezubereitung. Ein Tsunami an Alu- und Plastikverpackungen überrollt uns und macht aus der vulgären „Tass Kaff“ eine kleine Kostbarkeit. Zu deutsch: aus einer COMMODITY eine CONVENIENCE. Aber bitte im Wellpappe-Karton. Wegen dem Klima. Na prima.
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BURGHERREN frieren immer. Alte Gemäuer sind unglaublich zugig und im Winter arschkalt. Man sieht es ja auf den Gemälden alter Meister: dicke Mäntel mit Pelzkragen und gelegentlich trug seine Lordschaft sogar ein warmes Mützchen. Es war nicht nur das Mädchengejammer der Burgfräuleins („Hunger, Pipi, kalt …“), das die gewaltigen Kamine mit dem fürstlichen Forst befeuern ließ. So eindrucksvoll die getürmten Felsen auch wirkten, hinter ihnen verbarg sich ein Universum an Ritzen und Spalten, Rissen und Nischen, aus denen böse der finstere Frost kroch. Und die wohlige Kaminerfahrung, sollte sie halten, war nicht nur aufwendig und voller Mühe, sondern auch im Wortsinn einseitig, von vorne zu heiß und von hinten zu kalt. Oder umgekehrt. Ich habe großen Respekt vor den heutigen Adelsgeschlechtern, die die Schlösser und Burgen erhalten, zumal in diesen Zeiten, in denen ein zahlendes Publikum ausbleibt. Ich möchte deren Ölrechnung nicht zahlen müssen. Eigentlich wären das Objekte für unterbödige Stromheizungen mit billigem Grundlaststrom. Das war ja mal eine Mythos der Kernenergie, dass sie so billig werde, dass sich Stromzähler gar nicht mehr lohnen. Damit hätte man dann auch international Wettbewerbspolitik machen können; ein französisches Kalkül. Daraus wurde dann in meinem Vaterland nichts, aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Als ich noch Bahn fuhr, traf ich dort gelegentlich JÜRGEN TRITTIN, den ich noch (mit Schnäuzer) aus Göttingen kenne; dieser Mann, denke ich dann, hat das Land wirklich verändert; vielleicht der Politiker mit den tiefsten Spuren. Wie muss er, der gelernte Kommunist, jetzt darunter leiden, dass sich mittlerweile die grünen Burgfräuleins den Schwarzen Rittern als Machtbeschaffer andienen?