Logbuch

DAS EUROPÄISCHE HAUS.

Den Unfrieden soll ein zürnender Gott im alten Babylon in die Welt gebracht haben. Er verwirrte die Sprachen. Seitdem hilft nur noch das Polyglotte. Babbel, auf neudeutsch.

In dem Haus, das mich in Berlin beherbergt, gibt es neben drei alten Familien vier junge, sprich solche mit Nachwuchs. Bei dem wunderbaren Kind mit türkischen Wurzeln weiß ich nicht, wieviel Sprachen es spricht. Aber es gibt eine junge Frau (im Kita-Alter), mit der ich Deutsch oder Englisch reden kann; und einen jungen Mann (im Kita-Alter), der deutsch wie italienisch spricht. Man wächst zweisprachig auf. Was der gerade Eingeschulte spricht, weiß ich auch nicht, aber wir sind ein europäisches Haus von Kindesbeinen an. Das Polyglotte imponiert mir. Die Polyglotten widerstehen der babylonischen Sprachverwirrung und verständigen sich. Vorbildlich.

Was mir Sorgen macht, ist das große europäische Haus, Europa selbst. In Italien bewerben sich Postfaschisten um die Macht. Die FRATELLI sind politisch meine Brüder nicht. Und um Ratschläge zu faschistischer Politik bin ich nicht verlegen. Nicht schon wieder, könnte man fast sagen; kein Bedarf, liebe Freunde jenseits der Alpen, an FÜHRERN, auch wenn es jetzt eine Führerin ist. Man ist fast geneigt, das alte Partisanenlied anzustimmen: „Ciao bella, ciao…“ Aber ich vertraue der notorischen Instabilität italienischer Politik.

Nicht besser die Briten, die sich zu allen Seiten im absurden Mythos des Brexits verstrickt haben und in Engländer und Iren zerfallen und Schotten und was der Partikularismus sonst noch so hergibt, um sich vom Schock der Zuwanderung aus Polen zu erholen. Tragisch: die dortige Linke antieuropäisch. Ein Reich der rechtspopulistischen Possen, das kein Reich, sprich EMPIRE, mehr ist. WESTMINSTER, das dort Rechte wie Linke zerstören, war mir immer Sehnsuchtsort. Politisch ein Paradigma. Viele herrliche Urlaube. Nicht mehr.

Und die Türkei, Heimat vieler meiner Nachbarn in Moabit, hängt zwischen gewährter NATO-Mitgliedschaft und verweigerter EU-Zugehörigkeit. Wohl als Mittelmacht am Eisernen Vorhang, den die russische Regierung kriegerisch verschiebt, was sie als Selbstverteidigung wähnt. Eine Expansion westlicher Kultur, unmissverständlich postsowjetisch, wird als feindliche Hegemonie gedacht; von russischer Seite, bitte nicht auch noch von türkischer. Man sollte alle Mittelmeeranrainer als gemeinsame Kultur einen können, denke ich.

Ich könnte noch was zu Polen und Ungarn sagen, aber man kann eine Metapher auch überdehnen. Ich wünsche dem großen Haus Europa, das es wie das kleine werde: friedlich, fleißig, vielsprachig und fruchtbar.

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BENEIDENSWERT.

Zwei große Interviews nehme ich als Print mit ins Wochenende. Den einen dort Prahlenden verachte ich tief, der andere genießt meine Bewunderung. Aber beide sind Narzissten. „Ich, ich, ich…“ Beneidenswert, wer frei davon.

Alles Authentische war mir schon immer peinlich. Bitte keine Herzensergießungen. Als großer Lügner zu erscheinen, das ist des Dichters Ehre. Aber von sich selbst im Duktus der Offenbarung zu sprechen, das ist peinlich. Eitelkeit ist nur zu verzeihen, wenn sie nicht die Würdelosigkeit der seelischen Offenbarung hat. Darüber nämlich schweigt des Sängers Höflichkeit. Anders die beiden Zeitgenossen, deren Seelen-Striptease ich am Sonntag noch mal nachlesen will.

Würde hat nichts mit Wahrheit zu tun. Was die ungleichen Narzissten jeweils erzählen, es stimmt. Sachlich in Ordnung. Aber: warum? Ich, ich, ich… Der Geifer in den Mundwinkeln, das Gehetzte im Ausdruck, der Nachdruck in der Ambition. Missionare ohne Glauben, aber mit der Gier, unter allen Umständen wieder beachtet zu werden. Keine ihrer Intimitäten ist vor ihrem Hang zur Entblößung geschützt. Es fehlt ihnen der Respekt vor sich selbst. Narzissten halt.

Der Narzisst leidet unter Gier. Er wird von der Sucht getrieben, Beachtung zu finden. Es geht ihm nicht um Anerkennung; man mag von ihm halten, was man will, solange man ihn nur beachtet. Er ist so sehr auf diese Droge angewiesen, dass er auch Verachtung riskiert, wenn er nur Aufmerksamkeit erlangt. Jedes Mittel ist recht.

Der Grund für diese Bereitschaft, sich zum Gespött zu machen, liegt tief; es ist der Verlust von Selbstwert, der auf dem Verlust des Selbst beruht. Der Eitelkeitswahn basiert auf einer eigenartigen Seelenlosigkeit. Der Eitle will Bewunderung, weil er leer ist, weil er sich im Grunde selbst verachtet. Das macht es so bitter, wenn man Zeuge des Exhibitionismus dieser Geschöpfe wird. Zeigefreudig, heißt das in Kleinanzeigen. Der Zwang zu Prahlen hat sie entkernt. Maschinen, wenn nicht Monster der Beachtungssucht. Chiffren.

Nein, Namen nenn ich nicht. Ach, ich lese es auch nicht noch mal. Ab in den Papierkorb. Jungs, es tut mir leid, ich kann das nicht mehr. Zu oft habe ich Euch auf die leere Tonne namens Ego schlagen gehört. Soll wer anderer Euch Aufmerksamkeit schenken. Valete quam optime: alles Gute.

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EINE LANGE DÜRRE.

Oft schon mussten die Menschen unter einer Dürre leiden. Woher ich das weiß? Weil ich von den Versuchen lese, sich dieses Unglück zu erklären. Wir reden von dem jungen Phaeton, der tragisch am Solaren scheiterte.

Phaeton war der Sohn des Helios; sein Papa leugnet aber die Vaterschaft. Phaeton wurde gehänselt. Da ließ Papa ihn mal einen Tag lang den Sonnenwagen über den Himmel lenken. Das ging schief. Phaeton wurde an dem von vier Pferden gezogenen Wagen übermütig und verlor die Kontrolle. Die Gäule stürzten auf die Erde und verbrannten sie. Eine lange Dürre folgte.

Da wurde es Zeus, dem Götterchef, zu bunt und er, der Zürnende, sandte einen Donnerkeil, der den übermütigen Sohn des Sonnengottes tötete. Phaeton fiel in den Po und ertrank (so viel Wasser muss also damals doch noch drin gewesen sein). Seine Schwestern, die Nymphen, standen am Ufer und beweinten den gerichteten Jüngling, worauf sie zu Pappeln verwandelt wurden. Po-Begrünung.

Warum wurde dann doch wieder alles gut? Nun, Zeus reute seine Tat und er sandte eine Sintflut, um die Erde wieder abzukühlen. Wenn das dann bitte möglichst bald sein könnte und ich endlich aufhören könnte, den Garten zu wässern. Das alles habe ich mal nachgelesen, als mein Unternehmen ein Auto nach Phaeton benannte und keiner im Vorstand wusste, was der Namen eigentlich heißt. Passiert (siehe Audi E-tron).

Für diejenigen unter uns, die in Altgriechisch schwach sind, tut es auch der Bibel erster Teil, das sogenannte Alte Testament. „Es zürnte der Herr und er sandte eine lange Dürre. „My skinny Minnie is a crazy chick.“ (Bill Hayley). Darüber haben wir als Pubertanten lachen können.

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Die drei Mirakel der unbesiegbaren Merkel

Niemand, der bei Verstand ist, bezweifelt, dass die Ostdeutsche die Wahl gewinnt und Kanzlerin bleibt. Das hat drei Gründe, die tief, ganz tief in uns, den Wählern, angelegt sind. Frau Merkel spielt routiniert eine aus der Not zusammengebastelte Rolle und lässt uns glauben, dass eben dies kein Spiel ist, sondern ein Wink des Schicksals. Angela ist authentisch, weil wir sie so empfinden. Wahlkampfstrategen nennen das den „no-spin spin“: die Komplettverarschung.

Wir wollen Angela, weil wir wollen, dass Aschenputtel den Prinzen kriegt. Ich spreche vom „Cinderella-Syndrom“, einem Archetyp der Volksseele. Unzählige Märchen und Sagen handeln von der ausgleichenden Gerechtigkeit, dem Menschheitstraum, dass ein widriges Schicksal, insbesondere eine harte Jugend, nicht in der Asche enden muss, sondern gegen die Eitelkeit der Welt eine Belohnung erfahren kann. Merkel kann darauf vertrauen, dass die Tauben ihr beim Linsenlesen helfen. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Am Ende passt er, der gläserne Schuh.

Und wir wollen Angela, weil wir Borussen, sprich Preußen sind. Da ist etwas Grundlegendes passiert vor zwanzig Jahren. Der Migrationshintergrund des Hugenottischen beherrscht immer mehr unser Land. Die Ossis sind an der Macht. Das Profan-Preußische in dieser unserer Wiedervereinigungskultur will keine gepuderten Sonnenkönige, sondern Diener des Staates, denen ins Gesicht geschrieben ist, dass sie sich dienend verzehren. Ich spreche vom Vorbild des Alten Fritz. Rheinischer Kapitalismus, gütig katholisch, byzantinisch lebensfroh? Unsinn, das war einmal. Brandenburg ist überall.

Deutsch sein, das heißt eine Sache um ihrer selbst willen tun. Die EU-Potentaten mögen dies „muddling-thru“ nennen, also „sich-durchwurschteln“, der ostdeutsche Borusse hat nichts anderes gelernt. So hat er schon seine Datsche gebaut, obwohl es nichts zu kaufen gab. Die Datsche ist nun Deutschland. Der Konjunkturvergleich in Europa zeigt es: Es brummt nur in deutschen Landen. Ideologen gelten nichts unter den teutonischen Calvinisten. Man steht nicht auf, um irgendwelche Werte zu beweisen und eventuell daran auch noch zu scheitern. Money und Macht, nein, in umgekehrter Reihenfolge: Macht und Money, denn wir wollen ja nicht protzen. Es reicht als Beute der Staat.

Deshalb hatten in Preußens Gloria historisch die Katholiken, Juden und Sozis auch nichts zu melden. So wurde man nichts in den oberen Gefilden des Staates. Man studiere die Beamtenkarrieren in jener Zeit, in der es noch eine Ehre war, Staatsdiener zu sein. Was brauchte es? Protestant musste man sein, gedient haben, vielleicht auch studiert, aber immer hierarchiebewusst und bescheiden im Auftreten. Dieser Habitus des schweißgetränkten Dienstrocks und der vorsätzlichen Sorgenfalten ist das zweite Mirakel der Merkel, von der wir hoffen dürfen, dass ihr der Gläserne Schuh am Ende passt.

Der CDU-Wahlkampf setzt diese Doppelrolle aus Altem Fritz und neuer Cinderella mit großer Konsequenz und feiner Expertise um. Diese Kampagne verdient den Namen, gerade weil es ein Kampf ohne Kämpfen ist. Mutti ist präsidial. Vielleicht ist das die dritte Rolle: Mutter der Nation. Die Körpersprache macht sprachlos. Vor ihrem Unterbauch formen ihre Hände notorisch eine Raute, deren zwangsläufige Assoziationen zu erwähnen die Kinderstube verbietet. Aber alle Muttersöhnchen wissen schon, welche Höhle da droht. Da müsste der männliche Gegenkandidat, um ikonografisch mitzuhalten, den durchgereckten Mittelfinger zeigen. Sofern er es bereits tut, geht es entsprechend schief. Denn man beleidigt nicht seine Mama.

Ich nenne die Wirkung auf den Wähler einen „preußischen Ödipus-Komplex“: Mutter Courage führt ihre Kinder durch die Wirrungen widriger Zeiten. Brav folgen wir ihr. Mitbewerber aus dem eigenen Lager wissen von ihrem Ruf als arsenbewehrter Mehrfachwitwe. Gelegentlicher Spott ist den Infanten erlaubt, solange Mutti das Sagen hat. Nach der Datsche macht Mutti jetzt Deutschland. So sieht in meinem wiedervereinigten Vaterland Demagogie aus. Das verstehen, heißt nicht, es zu billigen. Aber leugnen hilft eben auch nicht.

Quelle: starke-meinungen.de