Logbuch
DIE WARE LIEBE.
Der Fuchs war im Hühnerstall. Aufregung in der Berliner Journaille. Der Medienunternehmer und selbsternannte Pionier der Publizistik Gabor STEINGART hat zu einem Rundumschlag gegen seine Branche ausgeholt und dabei die Praxis seiner publizistischen Kolleginnen der Prostitution bezichtigt. Wörtlich. Sich selbst der Ästhetik gerühmt. Welch eine Achilles Ferse! Um es vorweg zu nehmen, Rom fällt nicht, wenn halbe Huren halbe Huren halbe Huren nennen. Thetis.
Interessant ist es doch, weil die Invektive den inneren Zustand der Vierten Gewalt zeigt. Ich versuche das zu argumentieren, bevor ich zur Thetis komme.
Presse war die Fähigkeit, Papier so zu bedrucken, dass die Leser Geld dafür geben und Leerraum für Werbung entsteht, die die Kasse noch mal klingeln ließ. Zur Erhaltung des Tauschwertes wurde Redaktion und Werbung fein säuberlich getrennt. Vehement vertrat man moralische Erhabenheit und politische Geltung. Das Geschäftsmodell ist kaputt; man hat es nicht ins Internet rüberretten können.
Das neuste sind Podcasts, sprich Hörspiele, die sich moderne Menschen beim Joggen, im Auto oder der U-Bahn anhören. Der Vorzeigejournalist Robin Hood hat so ein Ding mit seiner Gattin gegründet, nennt sich MACHTWECHSEL und ist echt gut. Weil das publizistische Paar aber dort auch der Werbung die eigene Stimme verleiht, meint STEINGART die Frau, die mal seine Mitarbeiterin war, wenn er von Prostituierten spricht. Das ist nicht fein und nicht fair, aber nicht meine Sache. Ich hätte mich an Steingarts Stelle nicht mir Robin Hood angelegt; schon gar nicht seine Frau beleidigt.
Denn er selbst, der Pionier, hat sich aus dem Zeitungssterben gerettet, indem er eine hybride Mischform von PR und Presse betreibt. Um die Klebrigkeit dessen aufzuhübschen, macht er das auf einem Bötchen auf der Spree. Wie albern. Wer sich da reinkaufen will, wird um 5000 € für ein Lebensabo gebeten. Heidewitzka, Herr Kapitän. Ein Freund erzählt mir, er habe 10k gezahlt, um im morgendlichen Info-Dienst des Bötchen-Patriarchen stets gut wegzukommen. Das Trennungsgebot von Werbung und Redaktion scheint mir hier aufgehoben. Wie kann ich da die Gattin von Robin Hood ehrverletzen wollen?
Jetzt zu Thetis. Sie hat in Mythologie der alten Griechen die Charakterlosigkeit in die Welt gebracht. Sie war zwar die Mutter des Achill, stiftete den Zwist, der den Trojanischen Krieg begründete. Und in Essen-Kettwig, wo ich zur Schule ging, lag auf dem Stausee ein ehemaliges Restaurantschiff, bei dem erst zum späteren Abend die Lichter angingen. Wer erinnert sich noch? Ich schwör! Es hieß Thetis und die Lampen waren rot. Ein Bötchenbordell. Tja, lieber Gabor, das älteste Gewerbe der Welt. Wer im Glashaus sitzt.
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DER PATE DER RUHR.
Denkwürdiger Auftritt im Düsseldorfer Industrieclub gestern, ein historischer Ort mit eigener Biederkeit, aber eben auch klugen Momenten. Es tritt auf der Chef eines eher unbekannten Unternehmens namens Amprion. Ein Übertragungsnetzbetreiber; alle Kunde der Kundigen beruht auf einem doppelten Mangel der Elektrizität: Strom ist leitungsgebunden und er lässt sich nicht speichern; wer beides leugnet, ein Dilettant. Derer gibt es viele.
Der CEO des Dortmunder Unternehmens Dr. Christoph Müller bemüht sich um einen tragfähigen Konsens in der Energiepolitik und weiß einen weisen Satz zu sagen: Die Kernenergie wird in Deutschland erst dann eine Zukunft haben, wenn die Grünen sie befürworten. Das ist fundamental und nicht ganz neu. Vor vierzig Jahren habe ich dazu ein Buch verlegt, das den Titel trug „Des Feuers Macht“. Eine Entlehnung von einem alten Industriefilm des Benzolverbandes BV, auch bekannt als Aral. Ich war damals Geschäftsführer der „Informationszentrale der Elektrizitätswirtschaft“, genannt IZE. Des Feuers Macht erschien zunächst als Jahresgabe des Herner Bauunternehmers Heitkamp, dann in großer Auflage als Publikation der IZE. Wir zahlten den Autoren gut.
Kern ist die Idee eines Zieldreiecks von Energiepolitik, nämlich die Triade von Versorgungssicherheit, Umweltverträglichkeit und Preiswürdigkeit. Der Segen liegt in der Mitte des Dreiecks. Das trägt gestern Dr. Christoph Müller vor. Er sammelt damit in der heillos zerstrittenen Energiepolitik die Verständigen. Erfolg ist zu wünschen. Wo liegt die Pointe? Nun, das epochale Werk von „Des Feuers Macht“ hatte einen damals wichtigen Autor. Er hieß Dr. Werner Müller. Der Pate der Ruhr. Ich verdanke ihm viel. Er ist Christophs Vater; zwischenzeitlich verstorben, aber mental im Raum, wenn sein Sohn klug spricht. Ich erinnere mich daran, dass der alte Müller mir seinerzeit den Arsch rettete, als ich mich als Jungtürke mal wieder zu weit aus dem Fenster gelegt hatte. Ich schulde dem alten Herrn was. Jetzt Applaus für den Sohn.
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DIE BLONDE.
Ein Vorfall eklatanten Sexismus ist zu beklagen, sagt man mir. Eigentlich beantworte ich keine Leserbriefe und reagiere auf jedes feedback in den Sozialen mit einem "Daumen hoch" ("like"), weil wer wäre ich, mir ein Urteil zu erlauben. Ich danke dem treuen Leser für Lektüre. No explanations, no excuses. Ohnehin kann man heutzutage fast alles über die KI eruieren, was der Erläuterung bedürfte. Nicht immer zutreffend.
Für die häufigen Fehler in Belangen der Orthographie und wohl auch der Interpunktion ist meine unzureichende Schulbildung verantwortlich und die Tatsache, dass ich als Rechtshänder die Glossen frühmorgens zum ersten Kaffee mit Links ins Schema von "facebook" eintippe und von dort für Weiterleitungen sorge. Edelfedern bräuchten halt eigentlich immer CvD, Textchef und Lektor...
Jetzt zu "The Blonde". Das ist eine literarische Figur meines Vorbildes Adrian Anthony Gill (AA Gill), die er in seinen Restaurantkritiken als Pendant genutzt hat. Man munkelt, dass seine Lebensgefährtin Nicola Formby das Vorbild war. Aber ganz gleich, wer ihn dazu anregte, die Blonde war keine lebende Person, sondern immer nur eine rhetorische Figur.
Ich kann das beweisen, weil ich mit ihm essen war, keine Dame am Tisch und doch eine Kolumne mit der Blonden erschien. Kommt leider nicht wieder vor, weil AA vor Jahren verstorben; ein ganz Großer.
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Mainz ist überall: Von der Lust am Lynchen
Journalisten rufen mich in diesen Tagen an und erbitten eine Stellungnahme zur Krisen-PR der Deutschen Bahn im Fall der personellen Unterbesetzung eines Stellwerkes bei Mainz. Das Ereignis muss totalisiert werden. Man erwartet, dass ich draufhaue. Man erwartet, dass ich noch einen drauflege. Ich soll einer Rolle als verbaler Kraftmeier gerecht werden. Leider muss ich absagen.
Ich bin leidenschaftlicher Bahnfahrer, und ein alter Freund arbeitet bei der Bahn. „Conflicted“ nennt man das, Absage wegen Befangenheit. Das finden die Kollegen der Medien schlapp, wo ich doch immer für eine starke Meinung gut sein sollte.
Fukushima, Wulff, Mainz: was läuft hier eigentlich? So verschieden die Vorgänge sind, die hinter diesen Stichworten stehen, so sehr sind sie alle durch die gleiche Paradoxie gekennzeichnet. Die allgemeine Aufregung fragt nach den Hintergründen eines Vorfalls. Und sie will nichts weniger wissen als diese Hintergründe. In der „auf Permanenz gestellten Apokalypse“ (Norbert Bolz) ist Fukushima keine Flutkatastrophe nach einem Erdbeben, sondern die verdiente Quittung für die friedliche Nutzung der Kernenergie.
Der Westentaschen-Berlusconi Wulff ist nicht mehr das mediokre Opfer seiner uninspirierten Ambition und der Liaison mit dem Boulevard. Aus zwei armseligen Provinzfeten und einer gesponsorten Nacht konnte man plötzlich in den Orkus eines korrupten Systems schauen. Das war so überzogen, dass man im Nachgang einige der Rufmörder dabei bewundern konnte, wie sie Krokodilstränen weinten. Reue der Journaille über dem Sarg, in dem sich schon die Würmer der Wulffschen Reputation annahmen.
Der Vorwurf eines Kampagnenjournalismus ist irreführend. Darum weisen die Damen und Herren Kolleginnen und Kollegen in den Redaktionen ihn auch zu Recht zurück. Die Vorstellung einer Kampagne setzt voraus, dass es einen „spiritus rector“ gibt, der die Gleichschaltung anordnet und überwacht. Den gibt es nicht. Weil es ihn nicht braucht. Die Medien werden nicht gleichgeschaltet, sie schalten sich selbst gleich. Auch das Publikum begeht in Skandalen diesen kollektiven Akt der Selbstentmündigung.
Plötzlich reden alle all überall über den jüngsten Skandal. Buchstäblich jeder hat etwas beizutragen, mit der Empörung wächst das Problem, nicht umgekehrt. Die Rechtfertigung über das bestimmte Thema mit stürmischer Intensität zu reden, ergibt sich daraus, dass es ein Skandal ist. Ein Skandal ist es, weil alle darüber reden. Ein Riesenskandal entsteht, wenn noch mehr als alle noch öfter als immer über das Thema reden.
Der römische Rhetor Cato, der Ältere hat es so gefasst: „Das Gerücht wächst, indem es sich verbreitet.“ Er brandmarkt damit eine autoreferentielle Logik, einen Zirkelschluss, der sich selbst zu legitimieren sucht. Das Fatale der Fama ist, dass sie vorgibt über das wirkliche Leben eine überaus berechtigte Beschwerde zu führen, aber ihr Momentum aus sich selbst bezieht.
Das Gerücht ist selbstbewahrheitend, weil es ab einem gewissen Stadium der Verbreitung egal ist, ob es nun stimmt oder nicht. Deshalb helfen auch keine Dementis. Es gibt bei Rufmord für den Gemeuchelten nur sehr selten eine Auferstehung von den Toten. Meist wird keine natürliche Person umgebracht, sondern nur deren guter Ruf.
Sentimentalitäten sind hier wie im Krieg selten. Einem Boulevard-Chef wird das Motto zugeschrieben: „Wer mit uns im Aufzug nach oben fährt, fährt mit uns auf wieder nach unten.“ Man versteht das, wenn man mal im Paternoster des Verlagshauses gefahren ist. Oder Christian Wulff am Maschsee trifft, einen Schatten seiner selbst. Selbst seine Gegner wünschen ihm ein Comeback.
Wellenreiten in der Empörungskommunikation kennt eben nicht nur die fröhlichen Beach Boys und Bitch Girls, die ihren Spaß haben. Dies ist kein Spiel, sondern Krieg. Und wenn der vorbei ist, stehen nicht alle wieder auf und gehen nach Hause. Das Kanonenfutter bleibt im Graben liegen. Na ja, bisschen Schwund ist immer.
Quelle: starke-meinungen.de