Logbuch

POLITISCH KORREKT VON GEBURT AN.

Ich lese, eine junge Frau, jetzt wohl in der Politik, habe als Pubertantin Freches und Falsches getwittert. Echt? Hallo? Das Recht zu beleidigen steht allemal über dem Recht, nicht beleidigt zu werden. Gilt für Kids nahezu uneingeschränkt.

„Was das Feuer nicht heilt, heilt das Eisen.“ Weisheit des Hippokrates. Diesen Spruch hat der junge Friedrich Schiller über ein Machtkampfdrama verfeindeter Brüder geschrieben. Es war seine STURM UND DRANG Zeit. Er war jung und von revolutionärer Ungeduld. Wollte man dies dem reifen Dichter des Wallenstein vorhalten? Mir gefällt der junge Stürmische noch immer besser als der alte Abgewogene.

Biografien ohne Jugendsünden sind gefälscht oder behandeln Pinsel. Das fängt schon damit an, dass Kinder erst DURCH und MIT ihren Eltern groß werden, aber dann GEGEN sie. Vieles noch Wirres wird gegen die Autoritäten erprobt, um die Grenzen auszutesten. Ein Naturrecht der Heranwachsenden.

Soweit das Altväterliche. Nun das wirkliche Paradox: Erziehung gibt schon vor, was sie erst erreichen möchte. Sie behandelt mit voller Absicht die Kindsköpfe wie Erwachsene. Narren wie Weise. Der Erziehende gewährt bereits, was er erst noch erreichen möchte.

Vielleicht ist das der Kern des christlichen Menschenbildes, also von CARITAS (Luther: „Nächstenliebe“), dass man moralisch Vorschuss gewährt. Ich behandle den Befremdlichen wie einen zu Vertrauendem; den Fremden behandle ich als Nächsten.

Aber sehenden Auges: Ich tue es, weil ich will, nicht weil ich müsste. Ich tue es, obwohl es noch nicht stimmt. Das ist vorsätzlich kontrafaktisch. Nicht zu vergessen. Alles andere wäre dann doch zu naiv.

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NETT SIND DIE DOOFEN.

Bei Portraits wollen viele nett aussehen. Sie lächeln. Das ist ein Fehler. Man muss schlau wirken, nicht nett. Für Politiker gilt das besonders. WILLE ZUR MACHT, das soll rüberkommen. Nett sind immer die Doofen, weil sie ja keine andere Chance haben.

Ich lese von einem Experiment mit kluger Methode. Man hat unvoreingenommen Menschen Politikerportraits gezeigt und sie gefragt, wer von diesen Gesichtern wohl die Wahl gewonnen hat. Keinen klaren Befund gab es bei den als nett empfundenen Antlitzen. Die Betrachter lagen 50 zu 50 richtig, also in einer Zufallsverteilung.

Wenn man aber nach der vermuteten Kompetenz fragt und dann noch den Siegern, ist die Quote signifikant: 70 Prozent liegen richtig. Die kompetent wirkenden Kandidaten haben deutlich öfter gewonnen als die nett wirkenden.

Unser Bauchgefühl reagiert auf MACHTANSPRUCH. Das Lächeln, das ist uns zu trügerisch. Sich aber dem Klügeren unterzuordnen, das haben wir schon im Rudel gelernt.

Für die Zweifler: Science, Vol 308, No 5728, 10.06.2005.

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EIGENLOB STINKT.

Früher galt es in der PR als peinlich, Eigenlob auszusprechen. Das hat sich offenbar geändert. Es gibt ganze Medien des Narzissmus. Noch immer peinlich.

Niemals hätte ich als PR-Chef eines Unternehmens öffentlich erklärt, dass mein Vorstandsvorsitzender ein toller Boss ist. Erstens eine alberne Selbstbewahrheitung. Zweitens eine protokollarische Zumutung. Was sonst hätte man denn sagen können? Als MIETMAUL.

Nie hätte ich als Presse-Chef eines Konzerns einen Journalisten öffentlich gelobt, der über mein Haus geschrieben hat. Weil er über meinen Laden geschrieben hat. Vielleicht, in sehr seltenen Fällen, getadelt, aber nie gelobt. Zum Freuen ging man in den Keller.

Nie hätte ich behauptet, der Schlauere zu sein. Ich bin mit der Aussage, schlicht keine Ahnung von Autos zu haben, blendend in der Auto-Industrie zurechtgekommen. Gebogenes Blech interessierte mich eigentlich nicht. So macht man andere (!) berühmt. Das ist der Gegenstand von PR: verdeckt FREMDLOB zu BEWIRKEN.

Never ever hätten wir, die Spin Doktoren, öffentlich über Kommunikation im Sinne Strategischer Kalküls gesprochen und unsere PARTNER AUF DER ANDEREN SEITE, sprich die Pressevertreter, zu kleiner Münze gemacht. Ihnen einen Nuttenorden umgehängt. Ein guter Journalist ist der Gegner der PR-Leute, nicht deren billiges Liebchen.

Das alles hat LINKED-IN verändert und das Vordringen von ambitionierten Journalisten in die PR, ein Geschlecht der Übergelaufenen, denen die Eitelkeit nun aus allen Knopflöchern quillt. Selbst gekaufte (!) Presse präsentieren sie stolz in den Sozialen Medien, und zwar mit deutlichem Eigenlob. Paaah.

Standesehre der PR? Der Journalist ist nie mein Feind, aber immer mein Gegner. Ich achte, dass er publizistisch eine gegenläufige Rolle zu spielen hat. Das ist ein KONSTITUIVER RESPEKT. Diese vordergründigen Lobhudeleien sind allenfalls Werbung, niemals PR.

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We must have been doing something right

Zwei Dinge füllen die Medien, die uns erschütternd scheinen. Da ist die Allmacht der Geheimdienste, die sich als Staat im Staat, wenn nicht als Weltregierung verstehen, und die Entzauberung eines amerikanischen Präsidenten, der messianische Züge zu haben schien. Wie haben wir diese Kontraktion von John F. Kennedy, Martin Luther King und Michael Jackson in Deutschland gefeiert, wie sehr haben wir gehofft, dass nun die CIAs dieser Welt sich mit einem YES WE CAN dem Guten widmen… Und jetzt lugt aus all dem die Fratze des US-Imperialismus.

Ich habe mich darüber mit einem rheinischen Juden unterhalten, der die Welt von Paris aus betrachtet und durch eine attische Brille. Er kam gerade aus den Nahen Osten und berichtet: „Mehr als je wimmelt es in der Levante von britischen Agenten, die über jeden Beduinen, ja über jedes Kamel, das durch die Wüste zieht, Erkundigungen einziehen.  Wieviel Zechinen Mehmet Ali in der Tasche, wieviel Gedärme dieser Vizekönig von Ägypten im Bauche hat, man weiß es ganz genau in den Bureaus von Downingstreet. Hier glaubt man nicht an die Mirakelhistörchen frommer Schwärmer; hier glaubt man nur an Tatsachen und Zahlen.“

Mein Gewährsmann will seine Beobachtung der „intelligence services“ nicht auf den Vorderen Orient beschränkt wissen. Er fährt fort: „Aber nicht bloß im Orient, auch im Okzident hat England seine zuverlässigsten Agenten, und hier begegnen wir nicht selten Leuten, die mit ihrer geheimen Mission auch die Korrespondenz für Londoner aristokratische oder ministerielle Blätter verbinden; letztere sind darum nicht minder gut unterrichtet. Bei der Schweigsamkeit der Briten erfährt das Publikum selten das Gewerbe jener geheimen Berichterstatter, die selbst den höchsten Staatsbeamten Englands unbekannt bleiben; nur der jeweilige Minister der äußeren Angelegenheiten kennt sie, und überliefert diese Kenntnis seinem Nachfolger.“

Finanziert werde das System so, wie man als Fußball-Chef sein Spielgeld verwaltet, mittels Nummernkonten: „Der Bankier im Ausland, der einem englischen Agenten irgendeine Auszahlung zu machen hat, erfährt nie seinen Namen; er erhält nur die Order; den Betrag einer angegebenen Summe derjenigen Person auszuzahlen, die sich durch Vorzeigen einer Karte, worauf nur eine Nummer steht, legitimieren werde.“

Mein Gesprächspartner heißt Heinrich Heine, und wir schreiben das Jahr 1840. Und so sagt Heine über die Engländer, was mir als eine Analyse der Amerikaner als Weltmacht scheint. „Sind die Engländer in der Politik wirklich so ausgezeichnete Köpfe? Worin besteht ihre Superiorität in diesem Felde? Ich glaube, sie besteht darin, dass sie erzprosaische Geschöpfe sind, dass keine poetischen Illusionen sie irrleiten, dass keine glühende Schwärmerei sie blendet, dass sie die Dinge immer in ihrem nüchternsten Lichte sehen, den nackten Tatbestand fest ins Auge fassen, die Bedingnisse der Zeit und des Ortes genau berechnen und in diesem Kalkül weder durch das Pochen ihres Herzens noch durch den Flügelschlag großmütiger Gedanken gestört werde.“

Das ist das Genie des Schlichten, mit dem die amerikanische Politik sagt: Wir werden unsere Feinde töten, egal, wo sie gerade zum IPhone greifen. Nummer kam, wir wissen es, vom BND. Drohne kommt anschließend von oben. Bumm. Keine überbordenden Gedanken, kein ethisches Pingelpangel, kein Völkerrechtsgewäsch. Es fehlt vollständig an Bedenken.

Heine hat recht: „Dieser Mangel ist die ganze Force; und der Grund ihres Gelingens in der Politik, wie in allen realistischen Unternehmungen, in der Industrie, im Maschinenbau usw. Sie haben keine Phantasie; das ist das Geheimnis.“ Das Dogma des Guten ist frei von Zweifel, jedenfalls von Selbstzweifel.

Quelle: starke-meinungen.de