Logbuch

SCHNAPPSCHUSS.

Deutsche Bundesminister stehen im kriegsgezeichneten Kiew mit dem VIP-Bürgermeister auf einem Balkon, halten Sektgläser und haben offensichtlich Spaß. Kriegstourismus.

Das ist ein übles Bild, dass da Frau Faeser, der Innenministerin, und Herrn Heil, dem Sozialminister, unterlaufen ist. Es zeigt Partylaune an der Front. Ich kenne Hubertus, er ist ein anständiger Kerl. Und von der Nancy höre ich das auch. Offensichtlich ein missglückter Moment. Lehrsatz: Bilder können lügen.

Das glauben wir aber nicht. Wenn der Schnappschuss trifft, ist er tödlich. Die suggestive Kraft des Fotodokuments ist zu groß. Als Beweis bei Gericht anerkannt. So sind wir erzogen: Dem gesprochenen Wort wissen wir zu misstrauen, dem fotografischen Abbild nicht, wenn es SYMBOLCHARAKTER gewinnt. Lehrsatz: Fürchte die autonome Kraft des Symbols.

Solche Symbole bestätigen nämlich VORURTEILE, die wir ohnehin haben. Das gefällt uns, wenn wir in unseren RESSENTIMENTS Recht behalten. Das ist unser Teil der Schuld, die des Publikums. Zur Schuld der Akteure gehört, dass sie MISSVERSTANDEN werden konnten; solche Risiken geht man als Profi nicht ein. So was lässt man die PR inszenieren.

„Ein Politiker ist für das Maß seiner Missverstehbarkeit verantwortlich“, hat Cato, der Ältere gesagt. Der im Ahrtal lachende Laschet hat den Preis dafür gezahlt. Und deshalb wirkt der Kanzler so roboterhaft, wie ein zwangsneurotischer Apparatschik, der Scholzomat. Nur keinen Fehler machen.

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VERKEHRSERZIEHUNG.

Eine freiberuflich tätige EU-Bürgerin in deutlicher Animationspose hat mich in Fragen des Verkehrs belehrt. Des Geschlechtsverkehrs. Und zu Grundsetzen der autofreien Mobilität. Eine wahre Begebenheit.

Eigentlich bin ich ein car guy. Zu Zwecken der Leibeserziehung fahre ich gelegentlich Rad (Müller&Wiese), auch ohne die Anweisung der einschlägigen OrientierungsApp. Ich biege also spontan aus dem Wald kommend statt nach links in Richtung Wirzenborn nach rechts in Richtung Großholbach. Und verirre mich im folgenden im Wald. Leichte Panik: Der Akku fast leer. Sehe dann aber ein einzelnes Gebäude, das ich an einer Straße wähne, und nähere mich ihm. Das Landhaus bei Großholbach. Ich wollte eigentlich zur Wirzenborner Liss, ein Ausflugslokal (der gedeckte Apfelkuchen ist zu empfehlen). Aber gut, halt ein Landhaus (wohl eher kein Ausflugslokal).

Kurz vor der Straße dann am Wegesrand, von einer Einfahrt die Straße betörend, ein besetzter Campingstuhl. Darin weilt, eine Zigarette rauchend, eine tiefdekolltierte junge Frau, die ich nach dem Weg fragen kann. Die Rettung. Not lost in Limburg. Ich steure mit dem Rad also auf sie zu und hebe nett an: Hallo, Frau Gevatterin. Wo es denn auf der Straße nach Montabaur gehe, links oder rechts rum?

Sagt sie mir: „Musst Du kommen Auto. Mach ich nicht auf Fahrrad.“ So, jetzt Ihr.

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POWER LUNCH.

Das gemeine Volk ging früher, als man noch in die Firma ging, mittags in die Kantine. Und die höheren Ränge entwichen in edle Restaurants. Das war eine Ertragssäule für die Edelköche. Fini, aus der Traum.

Wenn ich in London Geschäfte abzuschließen hatte, buchte ich mittags das PIED A TERRE, ein Laden mit französischer Küche, die ein Grieche kocht, und der einem Iren gehört. Stramme Preise. PIED A TERRE heißt übrigens "Fuß am Boden" und meint ein Appartement in der großen Stadt, das man gelegentlich nutzt (also nicht gerade dann, wenn man in Begleitung der eigenen Ehefrau ist); aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Das Mittagessen auf Geschäftskosten wurde aus Rechtfertigungsgründe nicht einfach "business lunch" genannt, sondern hieß in der City bei den city boys POWER LUNCH. Na ja.

Alle Restaurationen liebten es; jammert mir ein Restaurantbesitzer vor: "100 per cent corporate, 100 per cent male, 100 per cent grand" (zu Deutsch: immer dicke Rechnung von Männern auf Firmenkosten). Das ist vorbei. Dafür gibt es zwei Gründe. Der erste ist biologisch, der zweite kulturell. Beginnen wir mit der Biologie. Die Covid-Pest hat die Geschäfte in Video-Konferenzen verdrängt. Man isst nicht mehr im Fuß-am-Boden, sondern weilt auf ZOOM, wo nicht diniert wird, sondern Powerpoint-Unsinn vorgetragen. Schaler Wortwitz: statt Powerhouse Lunch jetzt Powerpoint Lunch. Selbst in Bentley's Oyster Bar & Grill. Paaah.

Zweiter Todesstoß. Der amerikanische Calvinismus, der die Geschäftswelt verseucht. Ein Geschäftsessen in Paris dauerte immer drei Stunden. Über Rom oder Mailand rede ich gar nicht. In Zürich geht man nach dem Essen erst gar nicht mehr ins Kontor, wie man hier sagt. Mir erzählt ein Freund, der von einer französischen Bank zu einem holländischen Institut gewechselt ist, dass dort zum Zwölf Uhr der Kühlschrank der winzigen Kaffeeküche geöffnet wurde und zum Mineralwasser abgepackten Sandwichs an die Konferenzteilnehmer verteilt. Vorwiegend vegan belegt, also gar nicht.

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Freiheit oder Sozialismus oder wie oder was

Früher wusste man, wo man stand. Jedenfalls wussten die Gegner, wo man hin zu packen war. In den amerikanischen Sektor der Nachkriegsgeschichte oder in den russischen. Adenauer war für den Westen und Wehner ein Kommunist. Kanzler Kiesinger war in der NSDAP und Brandt in Norwegen; feige Sau, Vaterlandsverräter.

Man hörte das Churchill- Wort  zitiert, nach dem der einzige wirkliche Fehler der Alliierten gewesen sei, nach „dem (für Hitler) verlorenen Krieg“ nicht auch noch gegen den Kommunismus ins Feld zu ziehen. Da gefiel,dass der englische Warlord als Antikommunist gedanklich mit dem Weltkrieg spielte, einem dritten, nachdem der zweite keine wirkliche endgültige Lösung beschert hatte.

Als Jugendlicher ist mir die Unterscheidung zwischen rechts und links nicht schwer- gefallen: Ich wusste, wer mir politisch als Feind und wer als Freund erschien. Die Bilder von napalmgetränkten vietnamesischen Kindern vor Augen, war Che auf meinem T-Shirt und nicht ein Ray Ban bewehrter GI. Drohnen gab es ja noch nicht. Man flog Bombenlasten noch mit manpower und Ray Ban.

Auch für die Generation unserer Väter war schwarz schwarz und weiß weiß. Jedenfalls war damals die Union noch (irgendwie) konservativ und die SPD noch (irgendwie) sozialistisch. Und bei den Freidemokraten gab es einen Flügel, den man auch bei zurückhaltendem Urteil mit deutschnational beschreiben musste. In der Welt des Kalten Krieges war Lagerwahlkampf möglich. Nachdem die Bundesrepublik unter Helmut Kohl die DDR annektieren durfte und die DDR-Opposition den gesamtdeutschen Staat, sind diese Zeiten vorbei.

Politik ist langweilig und leer geworden, jedenfalls die offizielle. In den Social Media mag eine Debatte toben, die Bundeskanzlerin (ex Ost, siehe oben) schweigt, der Bundespräsident (ex Ost, siehe oben) schweigt. Der Bundestagspräsident liest seine Diss. noch mal (und schweigt). Dabei ist Wahlkampf. Allgemeines Gähnen. Verdrossen auch die Genossen.

Bei den unsäglichen Kapriolen von Berlusconi bin ich eigentlich immer anderer Meinung, oft empört, aber leider eben auch gut unterhalten. Bei Franz Josef Strauss und Jürgen W. Möllemann ging es mir ähnlich. Großes Kino. Kleines Kino ist die unfreiwillige Komik des Peer Steinbrück, die schlechte Parodie eines Karl Valentin.

Wie trist ist heutzutage mein Vaterland. Einen Gähnwahlkampf erleben wir, richtiger gesagt: Wir erleben nichts. Die Plakate sind an Austauschbarkeit nicht zu überbieten. Für das Gute, so was steht da drauf. Oder: Gegen das Schlechte. Auch die Texte von Karl Valentin. Ich habe den Test gemacht: Überklebt man die Partei, weiß man nicht mehr, wer das sagt, weil es einfach gar nichts sagt.

Merkel will gemeinsam erfolgreich sein und für Steinbrück entscheidet das WIR. Dort, wo Themen aufscheinen, sind sie von einer so einschläfernden Beliebigkeit, dass man sie nicht erinnert; schon gar nicht, wer nun was angesprochen hat. Das gleiche gilt für die Versprechen; sie sind so pauschal, dass die Absicht, sie nicht einzuhalten, schon zu erkennen ist.

In der Union sind die Seifenblasen des Ungefähren Ausdruck einer klugen Taktik. Man will nicht polarisieren, weil das die Wähler der Gegner wecken und zum Wahlgang veranlassen könnte. Frau Merkel, dieses Genie des Vagen, will nicht einem Block angehören, der einem anderen Block gegenüber steht. Sie will, mit ihren Händen vor ihrem Unterbauch notorisch eine ovale Öffnung formend, die Mutter der Nation sein.

Die Merkelsche Strategie hat etwas profan Feudales; vor uns steht eine ostdeutsche Katharina die Große. Deren Porträt steht auf Merkels Schreibtisch, kein Zufall. Es ist so vordemokratisch gemeint, wie es aussieht. Ich kenne keine Parteien mehr, nur Deutsche. Mutti wählen. Oder zuhause bleiben.

Die Sozialdemokratie zerbeißt sich die Unterlippe vor Wut und Verzweiflung über den Wahlkampf aus der Berliner Wilhelmstraße. Dort haben sich die halbgebildeten Bürokraten mit halberfahrenen Agenturhanseln zu einem Wahlkampfteam gefunden, das eine Kampagne so führt, wie man in Schilda das Ordnungsamt und die Friedhofsverwaltung führt. Pannen-Peer patzt. Slogan: „Das WIRR entscheidet.“

Bei Merkel langweilen wir uns, von Steinbrück aber fühlen wir uns verarscht. Mutti wird das Brave ihrer Kampagne nützen, Steinbrück aber hat die SPD zum Trottel gemacht und seine Wähler wie Deppen behandelt. Das werden weder die Wähler noch die Genossen verzeihen. Dead man walking.

Quelle: starke-meinungen.de