Logbuch
WORK FROM HOME.
An den Arbeitsplätzen der HEIMARBEIT entsteht ein neues Proletariat, dessen sich weder Betriebsräte noch Gewerkschaften annehmen. So sieht heute AUSBEUTUNG aus.
Wenn die Sklaven ihre Ketten lieben. Die Popularität der sogenannten HOME OFFICES liegt in der Befreiung von der Pflicht, sich morgens aufzumachen und ins Büro zu müssen. Dieser bequemen Chance zu gammeln steht beim WORKING FROM HOME eine klare Arbeitsverdichtung entgegen. Das ist das vornehmere Wort für Ausbeutung. Es entfällt nicht nur der arbeitnehmerfreundliche behördenübliche Schlendrian in den Ritualen von Kaffeepause, Kantinengang, Kollegenschwätzchen, Kaffeepause zwei, Sitzungstourismus. Es entfallen für den Arbeitgeber vor allem die Kosten für den Arbeitsplatz. Und Büros in besten Lagen, die waren schon immer sehr teuer.
Die Firma gratis als Untermieter zuhause. Zur Arbeitsverdichtung an (vornehmlich) Frauen in Heimarbeit gehört, dass das bisschen Haushalt und das bisschen Kinderbetreuung noch auf das bisschen Teams-Konferenzen oben drauf kommen kann. Und der Hund findet sich in die Garage gesperrt, damit er nicht in der Video-Konferenz rumbellt. Die elektronische Überwachung registriert zudem, wer seine PC-Maus schon 4 Minuten nicht mehr bewegt hat und zeigt ein rotes Licht… BIG BROTHER im Wohnzimmer.
Dieser neue Manchester-Kapitalismus wird von keinem Betriebsrat gestört. Er gilt als agil. Und agil ist gut. Sagt auch die Gewerkschaft: agiles NEW WORK. Aber all das ist nur, sage ich, der ich immer eher auf der bösen Seite der Macht (Arbeitgeber) geschafft habe, das ist nur der Beginn. Aus London höre ich gerade, dass eine große Anwaltskanzlei (LAW FIRM) ihren Mitarbeiterinnen anbietet, dass sie in das HOME OFFICE (heißt in korrekten Englisch WFH, work from home) dürfen, wenn das Gehalt dazu um 20% gesenkt wird.
Lohndumping und Entlassung in die Heimarbeit? Ist es das? Und Euch agilen Digitalen erscheint das als die neue große Freiheit? Sklaveninnen, die ihre Ketten lieben.
PS: Ganz andere Geschichte. Gestern feierte die Schauspielerin Margarita Broich (ex Wuttke) ihren 62. Geburtstag bei einem Franzosen in Köln; habe Gelegenheit genommen, ihr zu ihrer künstlerischen Leistung zu gratulieren. Es freute sie besonders, dass ich sie als Ophelia in Hamlet lobte (und nicht als Tatort-Kommissarin). Eh klar.
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POSTMODERNE.
Die Post-Moderne hat nichts mit DHL zu tun oder dem freundlichen jungen Mann in den albernen Elektrokarren aus Aachen, der die Briefe brachte, als diese noch nicht MAIL hießen. Postmodern ist der Frust, wenn man merkt, dass die Moderne nicht kommt.
Einst waren die Städte, haben wir gelernt, unwirtlich (Frau Mitscherlich sei Dank für das Wort). Das hat sich mancherorts gründlich geändert. Vielleicht nicht in Gelsenkirchen, aber in Düsseldorf. Jetzt sind sie, die großen Städte, wahrlich wirtlicher. Aber der Wirt wartet möglicherweise auf Gäste, die es nicht mehr gibt.
Pressetermin im Düsseldorfer Industrieclub, ein Haus mit Vorkriegs-Tradition (Kipling würde sagen, eine andere Geschichte), aber auch mit Nachkriegs- und Wiederaufbau-Geschichte. Geradezu historisch die Erfahrung, dass der mit dem Auto anreisende Zeitgenosse hier keinen Parkplatz kriegen wird, außer er klemmt sich in die Enge der Betonetagen der verdreckten Kaufhausparkhäuser; oft elend lange Suche. Vergangene Zeiten.
Direkt aus dem Innenstadttunnel in ein sehr komfortables Parkhaus neuester Generation. Großzügig geplant, übersichtlich gestaltet, blitzsauber. Mit dem Aufzug von "minus 2" hoch und man steht am High End der legendären Kö, der Mutter aller Prachtstraßen. Ich staune. Die 6, 50 € nach knapp zwei Stunden zahlt gern, wer so vornehm beherbergt wurde. Seine Stahlschüssel hat beherbergen lassen.
Auf der Kö Filmaufnahmen mit jungen Mode-Models, die vor einer Kamera auf und ab schlendern. Das ist das Herz des eitlen Düsseldorf, der Stadt der Mode-Messen, dass man sich wie in Paris oder New York fühlen darf. Köln ist im Vergleich dazu ein eher proletarisches Wesen; der Rheinländer auf Niveau, der haust hier. Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen ist eines der Attribute und die Sanierung der Rheinpromenade ein historisches Verdienst. Mode und Kunst und eine stark abgerockte Kneipenlandschaft in der Altstadt. Sehnsuchtsort meiner Freitagabende in früher Jugend.
Ich habe das palasthafte Parkhaus schon verlassen, als mir auffällt, dass die Stadt sehr ruhig ist. Sie wirkt leer. Es ist Mittag; vielleicht ist 12 Uhr zu früh für den Düsseldorfer. Ich fahre raus zum Flughafen und finde in der hochmodernen Bürostadt, die man auf dem Gelände der ehemaligen Kaserne (der Engländer, die hier als Hoheitsmacht lagen) eine Parkplatz. Spontan. An vielen Büroetagen hängen Hinweisschilder, dass hier Büros jeder Art zu mieten seien. Makler scheinen in Sorge um künftige Kundschaft.
Angesichts der beachtlichen Modernisierungen kommt mir ein eher befremdlicher Gedanke: Sind diese Städte für eine Zeit gebaut, die gar nicht kommen wird? Stehen auf der Kö Boutiquen leer, in denen Blüschen hängen, die längst ein Heer von Paketboten in die Vorstädte schafft? Hat der Airport Büroetagen für Flugreisende, die gar nicht den Fliegern entströmen, weil sie in der Provinz in einem Home Office kauern und ihre Kollegen über "teams" kontaktieren? Fallen wir mit dieser Moderne aus der Zeit?
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LEICHTIGKEIT DES SEINS.
Europa fühlte sich ohne Krieg leichter an. Zumal im beginnenden Frühjahr. Dabei war er nur hier fern. Wir haben lange eine Idylle des Friedens genossen, stellen wir mit neuem Ernst fest.
Der fußt auf dem Ernst, eine Pest überlebt zu haben. Auch das war historisch eine Idylle. Wäre man nicht erwachsen, man würde religiös. So bleibt es bei Nachdenklichkeit. Und einer Konzentration auf die Pflichten. Preußischer Mai.
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Grosse Politik stellt die Wahrheitsfrage nicht, nie!
Fassungslos stehe ich vor dem Schmierentheater, das der Bundesinnenminister in albernen Posen und Possen abliefert, um uns glauben zu machen, er habe dem US-amerikanischen Staatsapparat mal so richtig den Kopf gewaschen. Da versichert dieser unbeholfen wirkende Christlich-Soziale mit der Frisur, es ginge auch in der ganz großen Politik alles mit rechten Dingen zu. Ich will nicht darüber reden, ob er recht hat. Die Enthüllungen um die Spionageprogramme erregen mich nämlich nicht, weil ich nie etwas anderes angenommen habe und weil sie mein Verhalten nicht verändern werden. Ich will darüber reden, wo politische Naivität endet.
Politik kann nicht nur ein sehr schmutziges Geschäft sein, sondern auch ein tödliches. Es jährt sich gerade jetzt zum zehnten Mal der Tod von David Kelly. Man fand ihn in der Nähe seines Hauses am Feldrand mit geöffnetem Puls; sein Gartenmesser lag neben ihm, aber nur wenig Blut am vermeintlichen Tatort. Die Umstände seines Selbstmordes, so er von eigener Hand gefallen ist, bleiben bis heute unklar. Aber man kann klar sagen, was ihn umgebracht hat. Er war eine ehrliche Haut, die in die große Politik geriet. Er wusste die Wahrheit, als die Macht nur noch die Lüge wollte. Es ging ihm um die Sache, als es anderen nur noch um die Macht ging.
Wir sind kurz vor (oder nach?) der amerikanischen Invasion in den Irak, der sich die Engländer anschließen wollen. Die amerikanischen Geheimdienst (ja, der jetzt gerühmte allmächtige) hatte festgestellt, dass der irakische Diktator Saddam Hussein über Massenvernichtungswaffen verfügt und plane, sie einzusetzen. Diese Bedrohung sollte als „casus belli“ einen präventiven Krieg rechtfertigen. Klarer Fall von Staatsnotwehr. Wenn ich mich recht erinnere, waren Gerd Schröder und Joschka Fischer „nicht überzeugt“, was ihren Platz in der Weltgeschichte sichert. Tony Blair, der britische Premierminister, war überzeugt, sagte er.
Mein Kollege Alastair Campbell, ein gelernter Journalist und dann Spin Doctor von großer Leidenschaft, hatte das Motto ausgegeben, dass das vorhandene Geheimdienstmaterial noch mal „aufge-sext“ werden müsse, bevor man es in die Medien gebe. In diesem Kontext trifft sich der Wissenschaftler Kelly, ein Experte für Massenvernichtungswaffen, im Charing Cross Hotel mit einem BBC-Reporter. Es handelt sich um Andrew Gilligan, den gut beleumundeten Militärexperten des bestens Senders der Welt. In der Absteige hinter’m Bahnhof führt Dr. Kelly ein Gespräch „unter drei“. Das ist ein professionelles Versprechen von Journalisten, die ihre Informanten zur Leichtfertigkeit verleiten soll. Man werde die Quelle nicht zitieren, lautet das Versprechen.
Ich kriege die zeitliche Folge nicht mehr zusammen, ob das nun vor oder nach Kriegsbeginn war. Jedenfalls ging es um die Frage, ob der Geheimdienst vorsätzlich gelogen oder die Wahrheit gesagt hatte und folglich der Irakkrieg ein Verbrechen sei oder nicht. Kelly wusste, dass die Kriegsgründe gelogen waren. Es gab im Irak keine „weapons of mass destruction“. Darüber hat er die BBC unter Drei informiert, als Staatsbürger. Solche Helden nennen wir Whistleblower; sie stellen die Wahrheitspflicht über ihren Arbeitsvertrag und werden von den Medien, denen sie was stecken, geschützt. Deshalb sind sie die Helden der Zivilgesellschaft. In der Theorie.
Zunächst zu den Neuigkeiten. Als Dr. Kelly, der von der BBC als Quelle verratene Experte, der wußte, dass die Regierung lügt, ermordet aufgefunden wurde, was machten dann Tony Blair, der aufrechte Sozialdemokrat, und Alastair Campbell, das Genie des Spin? Sie setzten mit Lord Hutton (Oberhaus) an der Spitze eine Untersuchungskommission ein, die die Umstände des Todes klären sollte. Die Hutton-Kommission gilt in der PR als eine der klügsten Maßnahmen an der Krisenfront, inzwischen ein Schulbuchbeispiel.
Seit gestern (ich bin in London und war im richtigen Club) weiß ich, wieviel Zeit verstrichen ist zwischen dem Auffinden der Leiche und dem Auftrag an Lord Hutten. Drei Stunden. Eine Untersuchungskommission einzusetzen, ginge bei uns vielleicht in drei Monaten. Dre Stunden: Das ist ad hoc. So schnell ist nur, wer mit Täterwissen ausgestattet ist, oder jener, der von einer sehr grundsätzlichen Skepsis getrieben wird. Wenn dies keine Täterhandschrift ist (was ich nicht glaube), so ist es die Signatur der Zynik der Macht.
Es hat im Fall Kelly keine amtliche Leichenschau gegeben. Niemand ist der Frage nachgegangen, wie man mit einem Gartenmesser und einigen Tropfen Blut zu Tode kommen kann. Nach wie vor bestehen Zweifel, ob der Fundort der Leiche der Tatort war. Alles nicht wichtig. Es ging um mehr. Es ging um die Frage, ob Labour das Land in einen illegalen Krieg getrieben hatte. Des halb sagt der Spin Doctor: Wenn wir nicht an die Fakten glauben können, dann müssen halt die Fakten dran glauben.
David Kelly wurde in den Tod getrieben. Er ist das Opfer seiner politischen Naivität. Tony Blair ist gefragt worden, ob er im Fall Kelly Blut an den Händen habe. Man hätte auch den Journalisten Andrew Gilligan und den Regierungssprecher Alastair Campbell fragen können. Ich kann und will die Frage nicht entscheiden. Aber die Trauer über dieses böse Drama um einen Whistleblower, die hehre BBC und die viel gelobte PR-Arbeit von New Labour schlägt bei mir in Wut um, wenn ich den amtierenden Bundesinnenminister über seinen Spritztour in die USA dampfplaudern höre.
Quelle: starke-meinungen.de