Logbuch
DICKE BERTA.
Wer Geschäfte machen will, darf nicht zimperlich sein. Das gilt für die Aufrüstung allemal. Es kann den Eignern des Rüstungskonzerns Krupp seinerzeit nicht recht gewesen sein, dass ihr Erfolgsprodukt unter den Kanonen einen Spitznamen erhielt, der doch sehr nach dem Vornamen von Frau Bertha Krupp von Bohlen und Halbach klang. Es mag andere Erklärungen für die Dicke Berta und den Langen Max geben, aber mir fällt die Nonchalance derer aus der Villa Hügel auf. Schon krass. Wenn es dem Endsieg diente, konnte man doch nicht zimperlich sein.
Deshalb warne ich vor voreiligem Spott über Donaldus Crassus oder die spillerige Flinten-Uschi, wenn ich da mal die Spötter zitieren darf; nicht jede billige Polemik trifft ins Schwarze. Hier wird mit der Militarisierung Europas eine Ankurbelung der Konjunktur gestemmt, die ihresgleichen sucht. Man weiß als Steuerpflichtiger, sprich als Bürger, schon gar nicht mehr, wie viele Nullen hier im Spiel sind, wenn immer neue Budgets aufgerufen werden. Zerstreut ist zudem der Eindruck, dass es sich um eine exzessive Verschuldung handelt, die am Ende jemand wird bezahlen müssen. Es handelt sich um SONDERVERMÖGEN, also Guthaben. Dicke Budgets. Alles gut.
Da ziemlich sicher ist, dass für die Militarisierung der EU nicht in Moskau eingekauft wird oder in Peking, ist klar, wessen Konjunktur hier angetrieben wird. Es geht um Big Bertha. Ich selbst bin mir noch unsicher, ob ich die allgemeine Euphorie teilen soll; es wäre mir eher nach Big Blues. Man sieht mich also skeptisch. Aber das ist sozialisationsbedingt, sprich eine Folge meiner Kinderstube. Mein Herr Vater hat den letzten Big Bang, wie er selbst sagte, tatsächlich nur zufällig überlebt; er teilte den Wehrwillen meines Großvaters nicht. Ich hätte meine Kinder und Kindeskinder gerne in seinem Erbe gesehen. Kluge Menschen sind skeptisch, insbesondere wenn die Mächtigen sich ihrer Sache so krass sicher sind.
Ich hatte einen kaisertreuen Nonno und einen kommunistischen, nämlich den mütterlicherseits. Der wäre mit einer Erklärung dazu, was hier gerade läuft, schnell bei der Hand gewesen, weil er sich bestätigt gesehen hätte. Vielleicht erleben wir aber auch die „Renaissance des lateinischen Europa“ (Heinrich August Winkler) und dann doch keine dicke Blamage.
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DIE PARADOXIE DES FREMDEN.
Der Lehrsatz des Grünen Milieus lautet: Man findet eine Fremdenfeindlichkeit dort besonders ausgeprägt, wo tatsächlich wenig Fremde leben. Mit dem empirischen Argument will man belegen, dass nicht notorisches Fehlverhalten der Fremden das Problem ist, sondern die Engstirnigkeit der Einheimischen. Das ist deutlich zu kurz gesprungen; man merkt die Absicht und ist verstimmt.
Auffällig ist ohnehin eine innere PARADOXIE bei den Fremdenfeindlichen. Sie stoßen sich an dem Anderssein der Anderen, entsprechen aber nicht notwendig selbst ihrer eigenen Leitkultur. Die vermeintliche Identität, die die einen haben und die anderen eben nicht, ist ein Maulheldentum, ein ideologisches Konstrukt, keine wirkliche Wirklichkeit. Einheimisch in den USA war Winnetou und nicht Old Shatterhand; der Cowboy ist Migrant. Dem arischen Titan entsprach der schmächtige hinkende Goebbels so wenig wie der adipöse Morphinist Göring.
Wir alle sind Fremde, wenn in der Fremde. Es geht bei Freunden wie Feinden der Zuwanderung deshalb im Kern nicht um eine Frage der Rasse oder Religion, sondern immer um die soziale Frage. Im Kleinen wie im Großen. Gute Nachbarschaft ist das schöne Wort und Veränderungsangst das hässliche dieser inneren Soziologie der Migration. Der Skandal der Merkelschen Permissivität liegt in der Delegation dieser sozialen Frage auf Länder und Kommunen, denen zugleich untersagt wurde, die Grenzen des wirklich Machbaren aufzuzeigen.
Ich wundere mich schon, wie gut der amerikanische Vizepräsident über Migrationsprobleme in Europa informiert ist und merke, dass er Herrn Orban und Frau Weidel als Quellen hat. Dieser Star des amerikanischen Traums ist mit einer gebürtigen Inderin verheiratet, wozu ich gratuliere. Sein Chef stammt aus der Pfalz und neigt osteuropäischen Schönheiten zu. Paradoxie wie noch nie. In der aufgesetzten Fremdenfeindlichkeit spiegelt sich die innere Verunsicherung der Eingeborenen. Der Skandal folgt dann erst: Daraus wird böswillig Politik gemacht. Dieses Böse ist einheimisch.
Ich komme mit meinem türkischen Nachbarn blendend aus, so wie mit dem Griechen von gegenüber und dem Ostfriesen von nebenan. Die Attiker unterschieden unter den freien Menschen zwei Kategorien; sie kannten den polyglotten politischen Kopf und jenen, der sich dem Eingeborenem, seinem Kram, widmete und die Welt fürchtete. Den nannten sie Idiot. Mehr ist dazu nicht zu sagen.
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ROMANE REDEN.
Meine Frau Mutter mochte es nicht, wenn eine Erzählerin nicht auf Punkt kam; ihr waren die Umschweife der Nachbarin zuwider. Dann fiel anschließend die Redewendung, dass jemand „vom Hölzken auf‘s Stöcksken“ käme. Gemeint war ein zielloses Extemporieren, das Reden, um des Redens Willen, sprich Gerede. Sie hatte ihre Jugend in der „schweren Zeit“ als OP-Schwester im Feldlazarett verbracht und gelernt, dass man bei Amputationen nicht schwätzt.
Ein guter Erzählfluss ist auch einer. Er beginnt an einer Quelle und als frischer Bach. Daraus wird zielstrebig ein kräftiger Fluss, dann ein Strom, der schließlich ins Meer mündet. Der schlechte Erzähler bewegt sich umgekehrt, jeden Mäander nutzend erreicht er die Quelle nie, jedenfalls nicht frisch und munter. Seine Geschichte ist trübes Brackwasser, kein labender Quell, von dem der Psalmist uns spricht.
Das geht mir durch den Kopf, da ich seit langem mal wieder einen Roman lese, der mich nicht langweilt. Eigentlich sind Novellen mein Ding, Kurzgeschichten. Vor mir liegt die Schwarte von Feridun Zaimoglu SOHN OHNE VATER. Der Lümmel kann schreiben. Abgesehen vom Fluss, der homerisches Format hat, ist es die Formulierkunst im Detail, die gerade jener haben kann, der klug seine zweite Sprache erkundet. Das Staunen über das Fremde schafft viel verbale Kraft. Aber ich verfalle ins Schwätzen und höre die mahnende Stimme meiner Mutter, die schon einige Zeit beim Gerechten weilt.
Jetzt aber zur Sache. Was ist der beste Romananfang aller Zeiten? Der hier:
„Als der sechzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von New York einfuhr, erblickte er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht. Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor, und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte.“ (Kafka, Der Verschollene) Rupp, zupp, auf den Punkt.
Nachtrag aus aktuellem Anlass: Da hat sich das Klima gewandelt; inzwischen ist es ein unangenehm schwüler Smog, eher schlechte Luft, recht stickige Atmosphäre, die die Dame gänzlich verhüllt. Das mit dem Schwert stimmt freilich. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
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Der Euro, das Mysterium, und Mutti, die Märchentante
Im Universum des Dummschwätzens, das unsere Zeit prägt, taucht gelegentlich ein wahrer Satz auf, der wie ein Blitz die Nacht erhellt: „Eine Staatsschuldenkrise lässt sich nicht mit immer neuen Schulden bekämpfen. Die Schuldentragfähigkeit der Griechen wurde nur auf dem Papier hergestellt. Das gilt für die ganze Euro-Rettung: Der Wunsch hat sich als Wirklichkeit maskiert.“ Unser Schicksal wird von einem Mysterium bestimmt, das wir als Euro-Krise wahrnehmen, aber nicht wirklich verstehen. Politik als Opium für das Volk.
Den klugen Satz schrieb der Herausgeber des Handelsblattes, Gabor Steingart, mir morgens um sechs Uhr in einer Mail, mit der er sein Blatt anpreisen will. Gut gebrüllt, Löwe. Ich sage das, obwohl ich keine historisch gewachsene Zuneigung zu diesem Menschen empfinde. Als er noch beim Spiegel war, ging er mir gelegentlich auf den Geist. Insbesondere, wenn er sich samstagmorgens bei mir in rüdem Ton beschwerte, dass eine Info, die er von mir hatte, auch woanders stand, wozu ich nun wahrlich nichts konnte. Aber damals war die Welt noch halbwegs in Ordnung.
Wir wissen heute nicht mehr, ob wir in der europäischen Finanzpolitik das Zusammenspiel vernünftiger Akteure erleben oder ein Spektakel reiner Unvernunft. Die ökonomischen Prozesse haben spätestens seit der Finanzkrise eine geisterhafte Unheimlichkeit angenommen. Täglich werden uns neue Rätsel aufgegeben, die in ihrer Folge als immer unlösbarer erscheinen. Chimären und Chiffren, Mysterien, die sich der Entzifferung entziehen, bestimmen die Nachrichten. Wo Klarheit in Euro und Cent herrschen sollte, treiben Geister Spuk. Und jene Experten, die das leugnen, sind zeitgleich untereinander tief uneinig und morgen ohnehin wieder anderer Meinung.
Im Casino-Kapitalismus treibt der Spekulant das Geschehen. Das ist ein Böser; so wie ein Banker ein Guter und ein Investmentbanker ein Schuft ist. Märchenstunde für Doofe. Die Krise ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel; so einfach ist das. Früher war der Spekulant für jeden Lateiner ein „speculator“, ein Seher: so wurden die römischen Wachposten genannt, die auf den Limestürmen Ausschau hielten, ob sich wieder die Barbaren nähern. Der Späher von heute sieht aber nichts mehr. Der Spekulant lebt von blinden Wetten. Das ist der Kern des gesamten Finanzmarktes, ein allseitiges Wettgeschäft, das jede Verbindung zur Realwirtschaft abgelegt hat. So definiert der schon gelobte Vogl ein Termingeschäft: „Jemand, der eine Ware nicht hat, sie weder erwartet noch haben will, verkauft diese Ware an jemanden, der diese Ware ebenso wenig erwartet oder haben will und sie auch tatsächlich nicht bekommt.“ Das ist aber nur das halbe Elend. Darauf, dass das gutgeht, schließt jemand eine Versicherung ab, gegen die jemand wettet, der glaubt, dass es schiefgehen muss. Wenn diese Blase platzt, darf Papa Staat die Rechnung zahlen.
Der Markt regelt gar nichts in dieser Welt, außer dass er dem vagabundierenden Wahnsinn irgendwann ein Ende setzt. Ich finde in einem Antiquariat in Goslar, das ein belesener Ossi führt, die Bände 23 bis 25 der Werkausgabe der Herren Marx und Engels und erwerbe sie in alter Sentimentalität. Marx beschreibt den Fetischismus des Kapitalismus mit einer Verselbstständigung, die man ansonsten nur aus religiösen Spinnereien kenne. Die Beziehungen der Menschen zueinander nähmen die „phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen“ an: „Um daher eine Analogie zu finden, müssen wir in die Nebelregion der religiösen Welt flüchten…“ (MEW 23,86) Im Fetischismus unterwerfen sich die abergläubischen Menschen den angenommenen Kräften des irrational Bösen, das sie sich zuvor selbst geschaffen haben. Und dann der Jahrhundertsatz: „Sie wissen das nicht, aber sie tun es.“ (MEW 23,88) Das Motto meiner Generation: Lire le capital…
Mutti rettet nicht den Euro, sondern versucht sich durch eine internationale Staatsschuldenkrise zu lavieren, in der das Schicksal der Staaten in die Händen der Spekulanten gelegt worden ist. Man höre den irischen Bankern zu, wie sie über Mutti reden, und lerne. Diese Jungs haben die Macht. Bittere Weisheit: Wir können nicht mehr ausgeben, als wir arbeiten, auch nicht in der griechischen Sonne oder bei spanischem Wein. Demokratie geht nicht auf Pump. Und genau dies verwischt das Wahlgeschenke-Konzept der CDU erneut. Taktisch klug, weil es die Sozis in die hässliche Rolle der Nein-Sager drängt. Denn der Wähler will Muttis Märchen hören. Uff.
Quelle: starke-meinungen.de