Logbuch
VORSÄTZE, GUTE.
Silvester nimmt man sich was vor, für das Neue Jahr. Aber heimlich. Wer darüber plaudert, hat die Übung schon versaut. Allein das fällt schwer genug.
Sie kann alles, die Klasse der Plauderer; nur schweigen, das kann sie nicht. Nicht mal über Privates. Früher war Pornografie die Zurschaustellung von tertiären, sekundären und schließlich auch primären Geschlechtsmerkmalen; heute die Zwangsinformation über seelische Zustände.
Gemessen an dem Trivialen aus Privatem ist ein nackter Arsch geradezu vom philosophischem Gehalt. Die Einbeziehung vom Kindern erscheint mir besonders problematisch. Es mag Gründe geben; ich würde sie eher vermeiden wollen.
Woher kommt der Drang, im nächsten Jahr ein besserer Mensch sein zu wollen? Sigmund Freud hat es als Kampf von Trieb und Tabu gesehen; er glaubte an drei Mächte in uns: das Es, das Über-Ich und das Ich, als Persönlichkeit zwischen Sünde und Soll. Tjo, im nächsten Jahr also mehr SOLL und weniger SÜNDE? Ich weiß nicht so recht.
In dem faktischen Hausarrest der Seuchenpolitik ist ohnehin wenig geblieben, vom dem was Bacchus und Dionysos so trieben. Wo der Mediterrane Sünde hatte, da hat der Preuße ja eh die PFLICHT. Du musst Dein Leben ändern. Ein besserer Mensch werden. Machen wir also einen kleinen Katalog der neuen Pflichten. Keine Pointe.
Logbuch
SIEDEWASSERREAKTOR.
Jetzt geht der letzte deutsche SIEDEWASSERREAKTOR vom Netz. Eine Technik aus den fünfziger Jahren. Ich habe eine ganze Reihe davon besichtigt, in Deutschland und einen in Schweden. Die Biester haben nur einen Kreislauf. Weiß irgendjemand, wovon die Rede ist?
Wasser wird zugleich als Moderator der Kernreaktion genutzt und als Prozessdampf. Der DRUCKWASSERREAKTOR hat einen Wärmetauscher, also zwei Kreisläufe. Sicherer. Bin trotzdem mal in der Sicherheitsschleuse hängen geblieben. Unnützes Wissen, das kümmert kein Schwein mehr. Der Reaktor in Tschernobyl, der durch Fehlbedienung havarierte, war GRAPHITMODERIERT; Graphit brennt, Wasser nicht. Interessiert das hier noch jemanden? Nein.
Wir sind ausgestiegen, nachdem wir wieder eingestiegen waren, nachdem wir schon ausgestiegen waren, weil es in Japan ein Erdbeben im Meer gab, mit einer Flutwelle, die doppelt so hoch war, wie die Schutzmauer um das Kernkraftwerk in Fukushima. Überflutet, abgesoffen. Folge: CHINASYNDROM, die Reaktoren brannten durch. By the way: Warum sind Kernkraftwerke immer nah am Wasser gebaut? Interessiert keinen Menschen mehr.
Mit all meinem nutzlosen Wissen kann ich bestenfalls auswandern. Aber so viel ist das gar nicht, unter uns. Über ERDGAS wüsste ich mehr. Oder MINERALÖL. Auch wertlos. Ich bin der Enkel vom Bergleuten. STEINKOHLE? Völlig aus der Zeit. In Deutschland.
Logbuch
KEINE MEINUNG.
Zur Corona-Pandemie habe ich keine Meinung. Jedenfalls äußere ich keine. Schon gar nicht zum Milieu der Reaktanz. In eine Güllegrube tropft man keinen Schampus. Eine Ausnahme heute.
Eine anständige Familie polnischer Zuwanderer, hier jetzt mit Job und Häuschen, Kinder in der Schule, kreuznette Leute, teilt mir bei einem Bewerbungsgespräch um einen Nebenerwerbsjob mit, dass sie nach reiflicher Überlegung entschieden habe, sich auf keinen Fall impfen zu lassen. Man ist über die aktuelle Verordnungslage auch in diesem Bundesland bis in Details informiert; aus dem Internet. Trotzdem… Verdacht: Telegram.
Jetzt lese ich im TAGESSPIEGEL eine Reportage, die die Böll-Stiftung gefördert hat, dass es im Herkunftsland meiner Gesprächspartner eine Meinungsbildung von Priestern der Katholischen Kirche gebe, sich auf keinen Fall impfen zu lassen, weil der Impfstoff aus dem Blut abgetriebener Föten hergestellt werde. Der blanke Irrsinn. Verdacht: PiS.
Den Job habe ich ihnen nicht geben können. Ich fürchte, sie sind durch Stimmen aus der alten Heimat so gründlich fehlberaten; ich weiß es nicht. Aber, so denke ich, hoffentlich überleben sie das und jene, die sie möglicherweise, wenn unerkannt infiziert, noch infizieren.
Man sagt: „Die Zivilisation ist nur ein dünner Firnis, darunter brodelt die Barbarei.“ Vielleicht ein falsches, weil zu kräftiges Wort. Aber es ist eine dünne Decke, die VERNUNFT, mancherorts eine ganz dünne. AUFKLÄRUNG ist eine Hoffnung, mehr nicht.
Logbuch
Der Euro, das Mysterium, und Mutti, die Märchentante
Im Universum des Dummschwätzens, das unsere Zeit prägt, taucht gelegentlich ein wahrer Satz auf, der wie ein Blitz die Nacht erhellt: „Eine Staatsschuldenkrise lässt sich nicht mit immer neuen Schulden bekämpfen. Die Schuldentragfähigkeit der Griechen wurde nur auf dem Papier hergestellt. Das gilt für die ganze Euro-Rettung: Der Wunsch hat sich als Wirklichkeit maskiert.“ Unser Schicksal wird von einem Mysterium bestimmt, das wir als Euro-Krise wahrnehmen, aber nicht wirklich verstehen. Politik als Opium für das Volk.
Den klugen Satz schrieb der Herausgeber des Handelsblattes, Gabor Steingart, mir morgens um sechs Uhr in einer Mail, mit der er sein Blatt anpreisen will. Gut gebrüllt, Löwe. Ich sage das, obwohl ich keine historisch gewachsene Zuneigung zu diesem Menschen empfinde. Als er noch beim Spiegel war, ging er mir gelegentlich auf den Geist. Insbesondere, wenn er sich samstagmorgens bei mir in rüdem Ton beschwerte, dass eine Info, die er von mir hatte, auch woanders stand, wozu ich nun wahrlich nichts konnte. Aber damals war die Welt noch halbwegs in Ordnung.
Wir wissen heute nicht mehr, ob wir in der europäischen Finanzpolitik das Zusammenspiel vernünftiger Akteure erleben oder ein Spektakel reiner Unvernunft. Die ökonomischen Prozesse haben spätestens seit der Finanzkrise eine geisterhafte Unheimlichkeit angenommen. Täglich werden uns neue Rätsel aufgegeben, die in ihrer Folge als immer unlösbarer erscheinen. Chimären und Chiffren, Mysterien, die sich der Entzifferung entziehen, bestimmen die Nachrichten. Wo Klarheit in Euro und Cent herrschen sollte, treiben Geister Spuk. Und jene Experten, die das leugnen, sind zeitgleich untereinander tief uneinig und morgen ohnehin wieder anderer Meinung.
Im Casino-Kapitalismus treibt der Spekulant das Geschehen. Das ist ein Böser; so wie ein Banker ein Guter und ein Investmentbanker ein Schuft ist. Märchenstunde für Doofe. Die Krise ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel; so einfach ist das. Früher war der Spekulant für jeden Lateiner ein „speculator“, ein Seher: so wurden die römischen Wachposten genannt, die auf den Limestürmen Ausschau hielten, ob sich wieder die Barbaren nähern. Der Späher von heute sieht aber nichts mehr. Der Spekulant lebt von blinden Wetten. Das ist der Kern des gesamten Finanzmarktes, ein allseitiges Wettgeschäft, das jede Verbindung zur Realwirtschaft abgelegt hat. So definiert der schon gelobte Vogl ein Termingeschäft: „Jemand, der eine Ware nicht hat, sie weder erwartet noch haben will, verkauft diese Ware an jemanden, der diese Ware ebenso wenig erwartet oder haben will und sie auch tatsächlich nicht bekommt.“ Das ist aber nur das halbe Elend. Darauf, dass das gutgeht, schließt jemand eine Versicherung ab, gegen die jemand wettet, der glaubt, dass es schiefgehen muss. Wenn diese Blase platzt, darf Papa Staat die Rechnung zahlen.
Der Markt regelt gar nichts in dieser Welt, außer dass er dem vagabundierenden Wahnsinn irgendwann ein Ende setzt. Ich finde in einem Antiquariat in Goslar, das ein belesener Ossi führt, die Bände 23 bis 25 der Werkausgabe der Herren Marx und Engels und erwerbe sie in alter Sentimentalität. Marx beschreibt den Fetischismus des Kapitalismus mit einer Verselbstständigung, die man ansonsten nur aus religiösen Spinnereien kenne. Die Beziehungen der Menschen zueinander nähmen die „phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen“ an: „Um daher eine Analogie zu finden, müssen wir in die Nebelregion der religiösen Welt flüchten…“ (MEW 23,86) Im Fetischismus unterwerfen sich die abergläubischen Menschen den angenommenen Kräften des irrational Bösen, das sie sich zuvor selbst geschaffen haben. Und dann der Jahrhundertsatz: „Sie wissen das nicht, aber sie tun es.“ (MEW 23,88) Das Motto meiner Generation: Lire le capital…
Mutti rettet nicht den Euro, sondern versucht sich durch eine internationale Staatsschuldenkrise zu lavieren, in der das Schicksal der Staaten in die Händen der Spekulanten gelegt worden ist. Man höre den irischen Bankern zu, wie sie über Mutti reden, und lerne. Diese Jungs haben die Macht. Bittere Weisheit: Wir können nicht mehr ausgeben, als wir arbeiten, auch nicht in der griechischen Sonne oder bei spanischem Wein. Demokratie geht nicht auf Pump. Und genau dies verwischt das Wahlgeschenke-Konzept der CDU erneut. Taktisch klug, weil es die Sozis in die hässliche Rolle der Nein-Sager drängt. Denn der Wähler will Muttis Märchen hören. Uff.
Quelle: starke-meinungen.de