Logbuch

POLITIK DER WESTENTASCHE.

Wenn einer etwas GROSS tut, aber KLEIN ist, dann sprechen wir von einer Erscheinung für die Westentasche. Oder aus der Westentasche. Obwohl es nicht mehr so arg viele Männer gibt, die noch eine Weste mit diesen klitzekleinen Täschchen tragen. Billettasche, weil nur eine Theaterkarte reinpasst. Ich denke darüber nach, weil ein englischer Freund von „tin pot dictator“ spricht, wenn er einen Westentaschen-Napoleon sieht.

Der Tinpot war bei den britischen Teetrinkern ein recht billiges Geschirr, so etwas wie bei den Preußen der BLECHNAPF: „Wer einmal aus dem Blechnapf frass…“ Aber beim Westentaschen-Helden geht es nicht um Barras oder Knast, ganz im Gegenteil. Es geht um den Hang zu höherem. Dieser Held will an die Spitze. In’s Schloss. Wir reden vom Typ ANGEBER oder AUFSCHNEIDER. Wenn ein Bauer so tut wie ein Bürger, ein Großbauer wie der bessere Bürger. Bei dem Franzosen Moliere in dessen Stück über die SCHEINHEILIGKEIT: „le bourgeois gentil homme“, der betuchte Kleinbürger als Edelmann.

Der kurzzeitige Bundespräsident CHRISTIAN WULFF war ein solcher Westentaschenpolitiker. Ich räume mit allem Respekt ein, dass man ihm seinerzeit übel mitgespielt hat. Vor allem seine vermeintlichen Vasallen bei der BILD ZEITUNG, aber auch andere. Dass er charakterlich nicht aus dem harten Holz war, das Spitzenpolitiker ausmacht, zeigte erst seine Reaktion auf den eisigen Wind, der ihm ins Gesicht blies. Er selbst war mit anderen nicht zimperlich gewesen, also war man jetzt nicht zimperlich mit ihm. Seine Krise war dann am Ende seine eigene Krisen-PR.

Wulffs Gattin, eine studierte PR-Beraterin, wollte ihn und sich als das neue Rollenmodell des CAMELOT inszenieren, sprich als JOHN F. KENNEDY, der Zweite. Jungenhafter Charme und absolute Macht. Dazu war sein Hemd dann doch zu kurz. Wenn ein Hemd zu kurz ist, aber trotzdem angegeben wird wie BOLLE, dann sprechen wir vom Westentaschen-Politiker. Unter dem zu kurzen Hemd blickt man irgendwann, na ja, der nackten Wahrheit ins Gesicht.

Mein englischer Freund sagt, dass der Westentaschen-Kennedy, einmal unter Druck geraten, umfällt, und zwar nach rechts. Er nennt aus Ungarn Herrn Orban als Beispiel, der als Liberaler begonnen habe, aber als autoritärer Populist geendet sei. Ich spreche ihn auf seinen Prime Minister Boris Johnson an; er grinst: „Well, a tinpot dictator!“ Ein gutgelaunter, immer lächelnder Westentaschen-Diktator, sei der. Ein böses Urteil. Die Engländer lieben den Schwarzen Humor. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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GOTTES HUMOR.

Ob Gott wohl Humor hat, das ist eine riskante Spekulation für jene, die glauben den HERRN eines Tages wiederzusehen und sich dann im Rahmen eines JÜNGSTEN GERICHTES seinem Urteil stellen zu müssen, zumal wenn man ahnt, wie groß die Höllenqualen sind, die einem dann im PURGATORIUM bevorstehen können. Eine kühne Wette also.

Der selige HARRY HEINE aus Düsseldorf hat es ausprobiert. Er hat sein Verweilen in einem Pariser Bett, das ihn sieben Jahre gefesselt hatte, mit dem Spruch beendet: „Gott wird mir verzeihen, das ist schließlich sein Beruf.“ Auf französisch „son metier“.

Mutig, wenn man bedenkt, dass ihn eine im Bordell erworbene Syphilis in der MATRATZENGRUFT festgehalten hatte. Doppelt mutig, wenn man weiß, dass er konvertierter Jude war, also womöglich vor zwei HERREN muss. Auf der anderen Seite, er war, so vermute ich, Atheist (Agnostiker, glaube ich). Führt mich zu der Frage, wie viele Höllen es wohl gibt. Muss ich befürchten, dann da auf der Büßerbank neben rheinischen Katholiken oder gar schwäbischen Pietisten, also den gänzlich Humorlosen, zu sitzen? Kann ich den Numerus Clausus für den Himmel noch mal sehen?

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FLOHMARKT-REGEL.

Der amerikanische Präsident George W. Bush, nicht die hellste Kerze auf der Torte, hat im Jahr 2003 eine militärische Invasion des Iraks angeführt, bei der ihm die Engländer unter dem Premierminister Tony Blair gefolgt sind, Deutschland aber nicht. Bundeskanzler Gerhard Schröder und sein Außenminister Joschka Fischer waren vom Kriegsgrund nicht überzeugt. Der Kriegsgrund, bei den Alten CASUS BELLI genannt, im Englischen WAR CASE, der war schlecht erdacht. Eine dümmliche Lüge.

Ich höre Joschka noch in München im Bayrischen Hof, wie er dem amerikanischen Kriegsminister Donald Rumsfeld ins Gesicht sagte: „I am not convinced!“ Das hat mir damals sehr imponiert. Den Mut hatten Colin Powell und Condi Rice nicht, der übrigens bei mir um die Ecke am Spreeufer eine ganze Häuserzeile gehört. Aber das ist eine andere Geschichte, wie Kipling sagt.

Bush hatte in einem Akt der Selbstüberredung den irakischen Diktator als „bösen Typen“ identifiziert, den er killen müsse, und ihm durch die Desinformationstruppe der CIA unterstellen lassen, dass er über Massenvernichtungswaffen verfüge und enge Verbindungen zu islamistischen Terroristen,sprich Al Quaida, habe. Ein Unsinn. Saddam Hussein war ein säkularer Sunnit. Ein Land zerbrach also im Chaos. Es starben mindestens 200.000 Zivilisten und knapp 5000 Militärs; die ersten auf irakischer Seite, die zweiten auf Seiten der Invasoren. Ein Desaster.

Das britische Militär soll sich, entnahm ich neulich einer englischen Quelle, dabei dramatisch blamiert haben. Auf ihre Nordirland-Erfahrung verweisend haben die Herren in Khaki sich im Irak als überfordert erwiesen; nicht mal Befragungen unter Zwang, vulgo Foltermethoden, haben es ermöglicht, eine Besatzungsordnung zu errrichten. Man floh bei Nacht und Nebel unter amerikanischem Schutz. Und Toni Blair hat, out of office, über die Kanzlei seiner Frau jedwedem Despoten der Region als Berater gedient, sagen seine Feinde.

Warum hat man Bush nicht von Anfang an von diesem Irrsinn abgehalten? Der Präsident war zwar für sich sehr entschieden, sagen Zeitzeugen, aber eben auch extrem leichtgläubig. Das hätte klappen können. Er war bekanntermaßen zwar einsinnig, litt aber unter einem „utter lack of inquisitiveness“ (Robert Draper), das ist die Unfähgikeit, kluge Fragen zu stellen, oder dumme. Jedenfalls nachzufragen.

Außenminister Colin Powell hatte, lese ich bei Robert Draper, dazu diese Regel aus dem Scheunenbazar mit antikem Porzellan („Pottery Barn Rule“): Wer es zerbricht, der hat es damit gekauft. You break it, you own it. Aber so vordergründig kann doch Weltgeschichte nicht sein. Aber was weiß ich schon.

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Nelson Mandela- kein Held?

Hat sie Mandela noch alle? Vor drei Jahren traf ich einen britischen Journalisten, der mir von einer Audienz bei Nelson Mandela erzählte. Der ältere Herr habe ihn, den Motorredakteur der BBC, allen Ernstes gefragt, ob er ein Astronaut sei. Und wie es denn so wäre auf dem Mond? Mein Freund Jeremy erzählt solche Geschichten nicht ohne Absicht. Er hat Zweifel am Heiligenstatus des südafrikanischen Politikers. Ich glaube, er verachtet ihn. Als Engländer kennt er sich mit Eingeborenen in Kolonien aus.

Ist Mandela sauber? Hatten seine Gegner, die Buren der Rassentrennung, doch Recht, da sie ihn als Kriminellen schmähten? Man kann weit in die Geschichte gehen und sich den Revolutionär Mandela und seine Anwälte ansehen. Und nach der Herkunft dieses oder jenes Vermögens fragen. Da mag es Meineide gegeben haben und regelrechte Verbrechen. Es war Bürgerkrieg. Und Networking, to say the least.

Spinnt der Clan des Mandela? Man kann sich in der Familie Mandela umsehen und trifft auf wenig Licht und viel Schatten. Es gibt oder gab da eine Gattin mit schlechtem Ruf und allerlei Nachkommen mit recht profanem Erscheinungsbild. Die schwarzen Südafrikaner sind offensichtlich keine besseren Menschen. Und nicht alle Erben werden der Würde des Erblassers gerecht.

Einmal mehr Spott und Verachtung gegenüber einem Helden?  Was mich mehr prägt als der Zynismus der Publizisten, ist ein Erlebnis, das ich vor fünfzehn Jahren hatte. Ich flog mit dem Hubschrauber auf die Gefangeneninsel zu, die den Freiheitskämpfer Jahrzehnte seines Lebens beherbergt hatte. Mein Begleiter, ein Bure durchaus bürgerlichen Zuschnitts, wies mich landeskundlich ein. Hier hätten nur Terroristen gesessen, und dieser Mandela sei der schlimmste von ihnen: „a fuckin crook.“

Dann stand ich in der Zelle Mandelas. Ein kleiner Raum kargen Zuschnitts. Hinter diesen Gitterstäben hatte er fast ein ganzes Leben zubringen müssen; Pausen durch Sklavenarbeit im Steinbruch ausgenommen. Seine Mitgefangenen hatten ihn wie ihren König behandelt. Und seine Wächter wohl wie ein Stück Vieh. Durch meinen Kopf ging ein Dylan-Lied, das die Geschichte eines Boxers namens Hurricane („the authorities came to blame“) erzählt. Mir imponierte, dass er dies überlebt hat.

Noch weit mehr hat mir imponiert, dass Nelson Mandela danach Aussöhnung zwischen den Rassen gepredigt und politisch auf den Weg gebracht hat. Es gibt historische Leistungen, die nicht durch dritte Umstände dementiert werden können. Nicht mal durch bescheuerte Ehefrauen und geldgeile, strohdumme Kinder. Die Geschichte ist keine Koranschule; das Leben kein Ponyhof. Helden müssen keine Heiligen sein.

Der genannte BBC-Journalist rühmt sich ferner, den greisen Mandela nach der Astronautenepisode gefragt zu haben, ob er schon mal in einer Table-Dance-Bar war. Das habe dieser verneint. Diese Episode, in allen Archiven verbürgt, sagt mehr über Journalisten, jedenfalls den Boulevard, und über das Selbstverständnis des englischen Kolonialismus als über schwarze Bürgerrechtler. Dem Gemeinen ist alles gemein.

Quelle: starke-meinungen.de