Logbuch

KONSERVATIV ZUM KANZLER.

Jetzt heißt es, eine gute Figur machen. Der Wähler schaut ja hin. Höfliche Herren machen den Kratzfuß. Durch Lächeln an die Macht. Schaulaufen der biederen Softies.

Im schlechtesten Hotel Berlins in einer der miesesten Ecken dieser an schlechten Hotels nicht armen Stadt, geschweige denn an miesen Ecken, da tagt heute die CDU, die Partei Adenauers. Warum gehen die da hin? Und nicht ins Rheinhotel Dreesen in Bonn am Rhein? Aus pragmatischen Gründen.

Die Idylle des Konservativen unter dem Alten, wie sie den greisen Kanzler zurecht nannten, ist lang dahin. Dessen katholisch geprägter „rheinischer“ Kapitalismus mit einer strikten Westorientierung und Duldung brauner Biographien, der ist aus der Zeit gefallen. Und Dreesen, wenn es das Ding noch gibt, eine viel zu kleine Herberge. Die Rechten sind heimatlos.

Man lebt mit unbedingtem Pragmatismus in dem Vakuum der Kohlschen Bräsigkeit von BASF-Gnaden, die nur durch die Bräsigkeit von Frau Merkel zu verlängern war, die dem geerbten Mief jeden Sauerstoff zu verweigern wusste, fort. Pragmatismus, sich durchwurschteln. Dazu passt das Estrel am Ende der Sonnenallee, der Straße vom Getto ins Nichts. Die Rechten finden für sich keinen Ort.

Ich habe das Parteiprogramm der neuen Konservativen gelesen; es ist frei von inhaltlichen Bestimmungen. Kein rechter Gedanke, der nicht noch im gleichen Satz wieder kassiert würde. Das ist das wirkliche Problem der CDU, nur noch auf das Reaktionäre anspielen zu können, aber gleichzeitig der AfD ausweichen zu müssen. Wenn die vielbesungene Haselnuss schwarz braun sein will, dann kann sie es heutzutage ohne die liberalen Konservativen. Gibt es die überhaupt noch?

Es ist die Zeit der Lächler, deren Ernst es ist, auch mit den Grünen zu können oder der LINKS-Partei, mit den Groko-Sozen eh, die FDP schon lange im Sack. Sie können mit allen, nur nicht mit der AfD, weil die ihnen den Markenkern geklaut haben. Der Lächler Wüst nennt sie eine Nazi-Partei (wie übrigens auch die böse Frau der SPD), ist aber darüber schon so erschöpft, dass man einen zweiten Gedanken von ihm nicht zu erwarten wagt, so erschütternd ist er intellektuell bereits überfordert. Flexibler Normalismus. Softer Pragmatismus. Dünne Luft. Kein Sauerstoff.

Was ist heute konservativ? Und was heißt das für morgen? Aus dem Estrel ist dazu keine Antwort zu erwarten. Also die erfolgreiche Wahl eines leeren Anzugs namens Fritz Merz, der Kanzler nicht kann. Herr Wüst wird dazu lächeln. Er folgt der Theaterweisheit: Auge vor Ohr. Das könnte also was werden.

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DER KONTEXT MACHT‘S.

Ich lese einen langen Essay in der immer hervorragenden „London Review of Books“ (LRB 25. April 2024) des oft lesbaren Terry Eagleton zur Frage, wo KULTUR eigentlich herkomme. Es ist überhaupt eine Linie der LRB verständlich sein zu wollen; man ist sich nie schade, den Leser an die Hand zu nehmen. Aber es gilt natürlich das Grundgesetz aller Einsichten:
Man sieht nur, was man schon weiß. Context matters.

Eagleton beginnt seine Herkunftsforschung von KULTUR mit der Agrikultur. Das hat Charme; der Bauer als Vater aller Kunst. Nur wer nicht mehr Tag ein, Tag aus Bären jagen muss und Beeren sammeln, hat Zeit für Künstlerisches. Es muss einen gewissen materiellen Überfluss geben („surplus“). Hätte ich mit Eagleton zu diskutieren, würde ich hier auf die Bedeutung von Korn hinweisen, das von der Natur so kunstvoll konservierte Lebensmittel (Gleiches gilt für Reis). Das Korn und der Korn, damit beginnt Sesshaftigkeit, also Kultur. Aber der englische Essayist ist da gebildeter.

Ich finde bei ihm den sensationellen Satz: „We need to eat, but we don‘t need to eat at the Ivy.“ Alter Schwede! Um diesen Satz zu verstehen, sollte man schon mal das Glück ergattert haben, im Ivy gegessen zu haben. Ich habe vor Jahren eine Engländerin gehobener Bildung gebeten, sich unter ihren Freundinnen in den „chatting classes“ umzuhören, wo man in London, der Hauptstadt der Welt, wie Brecht sagte, gewesen sein muss. Es zieht uns also nach Kensington, genauer nach Chelsea.

Das Ivy ist eine traditionsreiche Brasserie, die sich in ein Gartenhaus erstreckt; hier einen Tisch zu kriegen, bedarf einer gewissen Finesse. Der Kenner folgt in der Bestellung den Untiefen britischer Küche. Die mich begleitende Dame aus der Fleet Street nahm doch allen Ernstes „fish and chips“ (bester Halibut), worauf ich mich an „bangers and mash“ wagte; eigentlich sind es aber schon Austern und Krustentiere. Champagner und schwerer Rotwein, abgeschlossen mit altem Port.

Tjo, man muss essen, aber nicht im Borchardt. Der Essay endet mit einer Warnung vor Hochmut, ganz im Sinne der griechischen Tragödie. Und dann, zweiter Hammer, mit einem exorbitanten Schlusssatz, der dem großen Rudyard Kipling geschuldet ist, allerdings ohne ihn ausdrücklich zu nennen. Da steht schlicht nur: „But that‘s another story.“ Alter Schwede: Daran erkennt man die Spitzen der Kultur.

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DER ONKEL DOKTOR.

„Machen Sie sich schon mal frei“, sagt die Helferin, „der Doktor kommt gleich.“ Wer hier zum Entkleidungsakt auffordert, das ist genau genommen eine MFA (medizinische Fachangestellte) und der Onkel Doktor ein Arzt. Aber so ist das in bildungsfernen Schichten, dass der Doktortitel den Weißkitteln symbolisch verliehen ist. Mein Hausarzt ist nicht promoviert und doch der Medizinmann meines Vertrauens. Die meisten Wunderheiler & Kurpfuscher haben ihn aber, den so begehrten Titel.

Den Dr. med. zu erlangen, ist gar kein so großes Ding, wenn man es einmal in das Studium geschafft hat, dessen Zugang stark beschränkt wird („numerus clausus“). Man könnte die Promotion in der Medizin als Regelabschluss bezeichnen. Ein Dr. phil. ist von anderer Qualität; der Doktor der Philosophie verwendet darauf nach Abschluss des Studiums noch mal drei Jahre oder neun und darf den Titel erst führen, wenn die Doktorarbeit publiziert ist. Oft ist mehr als ein Jahrzehnt unter kargen Bedingungen verzehrt.

Wer hier also den Weg durch Plagiieren abkürzt, spart Zeit, Geld und Lebenskraft. Aber Betrug macht nicht klug. Oft findet sich auch die besondere Tragik des betrogenen Betrügers. Diese Plagiatsdebatten sind aber, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Zudem ich will beim Dr. phil. nicht pro domo reden, sondern nur erläutern, was mir an Wissenschaft imponiert, indem ich von medizinischen Studien erzähle, namentlich den klinischen. Mich hat da ein Detail wirklich beeindruckt. Zunächst aber zum Selbstverständlichen. Die Medizin spricht von „evidenzbasiert“, wenn sie sich vom Quacksalbertum der Homöopathie absetzen will. Gemeint ist, dass man eine Wirkung nur anerkennt, wenn deren Ursache plausibel ist. Und umgekehrt. Das ist bei hochkomplexen Systemen wie Lebewesen kein leichtes Ding. Deshalb ist man in seiner Ethik bescheiden. Der moralische Anspruch der Medizin lautet „noli nocere“, zu deutsch: Zumindest nicht schaden!“ Wenn man das von allen Ratschlägen sagen könnte.

Die klinische Studie ist zudem betont selbstkritisch; sie verfährt mit latenten Kontrollgruppen und zwar doppelblind. Das führt aber hier zu sehr ins Detail. Was mich so beeindruckt hat, dass die Autoren der Studien eingangs bekennen, welchen anderen Loyalitäten sie unterliegen; bei wem sie also sonst noch so in Diensten stehen. Man benennt, wo man „conflicted“ sein könnte, weil man es nicht sein will.

Das würde ich künftig gern von allen Akademikern wissen, die Rat erteilen wollen, wo sie sonst noch die Hand aufgehalten haben. Bei Publizisten wage ich erst gar nicht, das vorzuschlagen. Von Politikern ganz zu schweigen.

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Vorgetäuschter Wahlkampf

Einen Orgasmus, habe ich gelernt, kann man vortäuschen. Nicht, dass ich dies als Junge überhaupt verstehe, aber eine Nachwuchspolitikerin wurde dies vor Jahren bei einem Besuch von Radio Freibier gefragt und sie hat bejaht. Damit stand das Stigma. Jetzt sitzt sie im Zug nach Stuttgart im gleichen Wagen. Ich schaue auf die erwachsen gewordene Frau und denke: Ach, Mädchen, da hast Du den Wulff gemacht.
Männer heucheln, wenn sie sagen, dass sie das überhaupt interessiert, was ein vorgetäuschter oder ein richtiger Orgasmus bei einer Frau ist; Leser von Charlotte Roche und die Warmduscherfraktion vielleicht ausgenommen. Fragt man erfahrene Frauen, so wissen sie zu berichten, dass ihnen viel daran liegt, gerade im Bett als authentisch zu erscheinen.
Authentisch ist, was der Partner wiedererkennt, wenn er in sein Unterbewusstes hineinhorcht. Authentisch ist das Wiedererkennen des Ressentiments. Mädchen, die gut im Bett sind, tun deshalb das, was die Schauspielerinnen in den Pornos tun, die sich die Jungs ansehen, wenn es drängt. Keine Menschin würde ansonsten völlig unmotiviert brüllen: „Ja, ja, oh, zeig‘s mir…“
Sex als Unterwerfungsritual, wie banal. So kommt das Schema für die Lust aus den schlechten Drehbüchern für Onaniervorlagen. Eigentlich deprimierend. Das Intimste äußert sich in der Sprache der Gosse; schlimmer noch, in der Sprache der Geschäftemacher der Gosse. Puff statt Poesie.
Während ich über den Lapsus der jungen Genossin räsonniere, fällt mir auf, dass das Syndrom des vorgetäuschten Orgasmus den gesamten Wahlkampf der Opposition erklärt. P€€R Steinbrück, der peer-spektivenlose, treibt vorgetäuschten Wahlkampf. Er will gar nicht kommen.
Die SPD will unter dem Rock von Frau Merkel, der Retterin aus den Fluten, an die Macht. Sie vergisst, dass die Dame nur Hosenanzüge trägt und Nägel beißt. Wer hier zu Diensten sein will, wird den Dackel machen müssen. Steinmeier zeigte dereinst, wie das geht. Er ist als Merkels Pudel bitter gescheitert.
Das sogenannte Kompetenzteam des Kandidaten Steinbrück wirkt wie die Besetzung einer Reisebühne, die im Stadttheater von Oer-Erkenschwick den Hamlet geben soll und irrtümlich die Truppe aus dem Bauernstadl dabei hat. Sagen wir es lutherisch deutsch: Eine SPD, in der es dem  Kandidaten an Potenz fehlt und ersatzweise Helmut Schmidt der Star ist, ist im Arsch. Homestory: Helmut hat nach Loki eine neue, aber die kennt er auch schon vierzig Jahre. Hallo?
Und die Grünen? Nicht weniger enttäuschend. Wo man wilde Szenen der Kohabitation erwarten könnte, die zur Klimax führen,  wird der Wähler mit Tändelei bespielt. Die prüde Pfarrersgattin, die dralle Dramaturgin, die anämische Knastanwältin: Großer schmutziger Sex sieht anders aus. Auch Trittin hampelt, auch er will nicht kommen.
Dabei wäre die Flut doch das Thema der Ökologen. Nichts kommt. Mutti gibt den Christopherus und die Grünen bohren in der Nase. Catch 22: das Dilemma liegt darin, dass die Natur verrückt spielt, sich aber im ideologischen Repertoire der Ökos keine zweckmäßige Antwort findet.
Der Umweltpartei sind die Antworten ausgegangen. Am Castor sollte, so die alte Heuchelei, die Menschheit vergehen, jetzt aber, da ganze Landstriche ersaufen: Schweigen im Wald. Hinter den Bio-Pose lukt nur eins hervor, der Wille zur Macht.
Der vorgetäuschte Wahlkampf von Rot-Grün löst den bösen Satz von Schwarz-Gelb ein, dass diese Politik „alternativlos“ sei. Das ist im Grundsatz eine Frechheit, weil es das Wesen von Politik ist, dass es immer mindestens eine Alternative gibt. Und es stimmt doch. Diese Opposition ist keine, Vollversager.
Das alles erinnert mich an das kleine Gedicht von Erich Fried, in dem die Impotenten sagen: „Eines Tages werden wir den Geschlechtsverkehr widerlegen.“

Quelle: starke-meinungen.de