Logbuch
POLENBÖLLER.
In meiner Jugend war der „Chinaböller“ das angesagteste Feuerwerk; jetzt soll es der „Polenböller“ sein, den ich im „Fidschi-Markt“ im Osten Berlins erwerben könne. Sagt der Taxifahrer aus Neukölln. Mich irritiert schon die abwertende Benennung der Vietnamesen. Ich fliehe zum Jahresende aus Berlin auf‘s Land.
Die Hauptstadt hat ein eigenes anarchisches Milieu. Wenn ich den Beusselkiez Richtung Plötze runterfahre, lese ich auf einem Giebel das Graffiti „Seien wir unregierbar!“ Eine authentische Stimme jener alimentierten Pauper, die Feuerwehren angreifen und an Krankenwagen die Radmuttern lösen. Im Schutze der Nacht, Feiglinge, keine Helden.
Berlin hat zudem Probleme mit dem Sozialverhalten adoleszenter Migranten, was man wie immer durch Verheimlichung befrieden möchte. Dem rechtspopulistischen Versuch, die Straßentäter durch öffentliche Nennung ihrer fremden Vornamen zu diskreditieren, widerspricht die Justiz. Gut so. Aber die Tabuisierung des Phänomens „Sonnenallee“ wird nicht helfen. Die Delinquenz wird zudem nicht besser, wenn die „street fighting men“ Jürgen oder Kurt heißen.
Die Stadt ist voll von drogenaffinen Touristen, die ihren Teil zum Straßenterror beitragen werden. Viele Schwaben mit Pronomen auf ihren LinkedIn-Profilen. Wahlidentität an diesen Feiertagen: Hobby-Hippie der Generation „woke“. Ich untersage mir die intellektuelle Verachtung dessen aus pädagogischen Gründen: Die werden noch.
Jetzt was zu dem biodeutschen Berliner kleinbürgerlichen Verhaltens. Er spricht von „Süllwester“ und schreibt „Sylvester“. Alta, das kommt von „silva“, lateinisch für „Wald“. Wenn wir das jetze bitte lernen würden: SILVESTER. Und es heißt nicht „Feuerwerk‘s Körper“. Aber das Idiotenapostroph ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Die bösen Geister mag zu SILVESTER böllernd vertreiben, wer will. Ich werde auf dem Land um 18.00h speisen, dann den Champagner nehmen und spätestens um 22.30h schlummern. Projekt: Durchschlafen. Die Welt, Welt sein lassen. Aber es sind ja noch zwei Tage hin für bessere Pläne. Zum Beispiel DINNER FOR ONE, sprich Besäufnis und „gang bang“; genau darum geht es nämlich dort.
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NIHIL NISI.
Bei Nachrufen wird häufig eine Regel zitiert, insbesondere, wenn man gegen sie verstoßen will. Sie entstammt der lateinischen Antike und besagt: Über Verstorbene ist nichts als Gutes zu sagen. Soll man am offenen Grab also lügen?
Wohl kaum. Dem Trauernden sei ein sentimentaler Blick erlaubt, aber vom Historiker müssen wir doch erwarten, dass er nüchtern bilanziert. Die beliebteste Rhetorische Figur in diesem Dilemma ist die Unterscheidung zwischen der öffentlichen Rolle und der privaten Person. Selbst wenn man den politischen Respekt verweigert, kondoliert man der Familie. Nun gut.
Im Falle von Wolfgang Schäuble ist ein wesentlicher Teil der persönlichen Hochachtung der Tatsache geschuldet, dass er für sein öffentliches Engagement mit der Gesundheit zahlte und mehr als drei Jahrzehnte an den Rollstuhl gefesselt war. Ein Attentatsopfer. Respekt!
Wiegt das die aktive Rolle auf, die er bei der damals gängigen politischen Korruption der Konservativen gespielt hat? Hier kaufte sich die Rüstungslobby durch Schmiergeld politischen Einfluss. Dass er sich dann mit dem noch korrupteren Kohl zerstritt, ist kein Zeichen von Charakter. Den Aufstieg von Merkel haben diese beiden möglich gemacht; Schäuble hat ihr danach willig gedient. Aber NIHIL NISI BONUM.
Im TV sehe ich erstmals Frau und ältestes Kind; denen hat die Politik einiges zugemutet. Die 19jährige Tochter hat ihre Mutter vom Attentat auf den Vater unterrichten müssen; das wünscht man niemandem. Und ich sehe so einen griechischen Drecksack, der den Tod des alten Gegners zur Promotion seines neusten Buches nutzt.
Darf man das über Yanis Varoufakis sagen, dass er ein Drecksack sei? Ja. Denn er lebt noch und kann sich wehren. Das ist der moralische Kern der Regel NIHIL NISI: Man beleidigt niemanden, dem das Widerwort verwehrt ist. Jedenfalls nicht am offenen Grab; die Geschichtsbücher dürfen dann weniger Rücksicht walten lassen.
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DER SPAZIERSTOCK.
Ich sammle diverse Stöcke, die dem Wandern gedient haben. Gänzlich unerlässlich beim Bergsteigen zur Überwindung unwegsamer Strecken im Gebirge. Ursprünglich Arbeitsgerät der Hirten oder Gewehrstütze des Jägers. Beides war ich nie, trotzdem musste ein Stock sein.
So wie der Spazierstock nur der kleine Bruder des Wanderstocks ist, mindert sich die alpine Bedeutung im Stadtpark zur Gehhilfe. Aber auch das ist nicht der Kern seiner Beliebtheit; auf eine Krücke angewiesen zu sein, das hat ja nicht Rühmenswertes. Was mal ein bloßer Ast war, wird für den flanierenden Bürger ein Kunstobjekt.
Die hohen Herren haben Elfenbein. Der Kleinbürger verziert den Stock mit Emailleplaketten seiner Reiseziele. Die Pauker schlugen damit nach den witzigen Eleven. Die Burschenschaften verstecken Dolche in ihm. Und der fahrende Handwerksgeselle hat einen kunstvoll gewachsenen Knotenstock. Die instrumentelle Funktion wird von einer kommunikativen überlagert. Man geht mit Hut und Stock, wenn man was auf sich hält.
Die liebsten sind mir aber jene Stöcke, die ich in der Muße eines Urlaubs selbst geschnitzt habe, eine Fertigkeit, die ich mir als kleiner Junge von meinem Herrn Vater abgeschaut habe. Stets mit einem Taschenmesser zum Äpfelschälen ausgestattet, wusste er eindrucksvolle Schlangenmuster in die Rinde zu bringen. Die größte Sorgfalt galt dem Griff, der besonders glatt auszufallen hatte.
Nicht immer fällt dem Schnitzer ebenmäßiges Weidenholz in die Hand. Dann muss man dem krummen Hund seinen Willen aufzwingen. Die Krönung ist aber weder Griff noch Schaft, sondern die Spitze. Tagelang suchte man am Straßenrand nach einer alten Schraube oder einem rostigen Nagel, den man in dem Kern versenken konnte. Ein so bewehrter Stab wusste auf Steinen keck zu springen und hielt ewig.
Hinter alldem verbirgt sich als Geheimnis jenes Gerät, für dessen Erfindung die Schweizer zu den Kulturvölkern gerechnet werden, das Taschenmesser.
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Der europäische Zoo zu Pfingsten
Ein frankophones Affentheater sei Europa. Sagt der englischste aller Engländer. Der brillante Kolumnist Jeremy Clarkson hält die EU für einen irren Zoo, in dem die Eulen und die Mäuse in einem Käfig gehalten werden. Das sei so, als wenn man in einem Streichelzoo auch noch ein paar Krokodile in den Teich lege. Am Ende gäbe keine Zieglein mehr oder Schweinchen und eben auch keine Kinder. In Brandtschem Deutsch ist im EU-Zoo zusammengewachsen, was nicht zusammen gehört.
Damit formuliert, nach dem venezianischen Professor Giorgio Agamben, eine zweite Stimme Unbehagen an der fehlenden Idee für die Vereinigten Staaten von Europa. Der italienische Philosoph will einen lateinischen Gründungsmythos rund um die mediterrane Lebensart: „dolce far niente“ als europäisches Kulturprinzip. Da greift sich der Engländer an den Kopf. Das sei von Leuten, die den Tag damit verbrächten, auf einem Plastikstuhl am Straßenrand zu sitzen. Aber die Idee eines Kern-Europa teilt er auch; nur liegt das nicht bei den Mittelmeeranrainern.
Deutschland, England, Dänemark und Holland. Das ist der Kern. Europa soll, wenn es nach Clarkson geht, aus diesen vier Staaten bestehen, weil die Menschen hier eine gemeinsame Auffassung von Arbeit und Leben haben. Wohlgemerkt: in der Reihenfolge. Und von Schottland oder Wales war nicht die Rede. Aber es gäbe auch eine industrielle Idee für Kerneuropa. In der neuen Arbeitsteilung läge das Design bei den Dänen, die Herstellung bei den Deutschen,die Holländer würden den Handel übernehmen und die Engländer hätten das Geld. Doch keine politische Idee, nur ein Partywitz?
Skandinavien wäre eine eigene Region für Leute, die gerne Strickjacken tragen und ihre gesamten Einkünfte beim Staat abliefern. Frankreich, Italien und Spanien (der lateinische Komplex nach Professore Agamben) wäre eine weitere eignen Zone in der EU, „where everyone spends nine months of the year on the beach“. Die zänkischen Belgier kriegen in der EU das Sagen, weil sie es so vorbildlich schaffen, in unendlichen Separationen endlos zu streiten und dabei nichts geregelt kriegen, man also keine Folgen befürchten muss. Alle anderen fliegen raus und müssen sich neu bewerben.
Also doch nur ein Partywitz? Ja und nein. Ja, weil Engländer sich das Recht nehmen, so zu reden. Clarkson nennt mich voller Sympathie „the Nazi prat“ (was wir nicht übersetzen werden). Nein, weil alle Ideen von Nationen auf solchen banalen Vorurteilen beruhen. Wenn Professoren reden, wie der Stammtisch pöbelt, dann nennt man das „nationale Stereotypen“ (siehe Agamben in La Repubblica). Clarkson bemängelt, dass man heute, wenn man eine schrecklich zutreffende Bemerkung über eine andere Nation mache, sofort von den linksliberalen Weicheiern Rassist genannt werde. Außer bei Witzen über die Zänkischen Belgier, da gäbe es eigentlich immer Beifall.
Was also ist eine Nation? Eine Nation ist ein staatlicher Homunculus, ein ganz abstraktes rechtliches Konstrukt, das sich einen Gründungsmythos zulegt, für den die Geschichte und die Kultur so lange geklittert werden, bis eine „natürliche“ Einheit angenommen wird, die anderen Nationen gegenüber überlegen ist. Der Mechanismus bei Staaten ist der gleiche wie bei Alltagsmenschen. Wenn der Italiener schon zu doof ist, in einem gekachelten Badezimmer den Bodenabfluss an den tiefsten Punkt des Raumes zu legen, so will er doch wenigstens im Bett ein echter Zampano sein: latin lover. Das ist sie wieder, die lateinische EU.
Auch die USA sind keine authentische Nation, sondern ein Konglomerat abgespaltener Kolonien, von Puritanern gegründet, mit exzessiver Immigration bevölkert und über allem von einer schlichten Idee der „neuen“ Freiheit repräsentiert. Können Staatengemeinschaften auf den Nationalcharakter verzichten? Ja und nein. Ja, am deutschen Wesen soll die Welt nicht mehr genesen, jedenfalls sagen wir das nicht mehr offen. Nein, denn die Alltagsmenschen brauchen einfache und plausible Geschichten dazu, wer sie als Gemeinschaft sind und wofür sie stehen. Der Soziologe Niklas Luhmann hat deshalb gesagt: Man braucht „Sinn“ zur Reduktion von Komplexität. Also werden wir die EU-Idee schmieden müssen. Der Wettbewerb ist einfacher, wenn er in der Abgrenzung von anderen Gemeinschaften möglich ist. Feinde schmieden ihre Gegner zu Freunden zusammen. Aber die Hetze über die slawischen Untermenschen oder die Gelbe Gefahr oder den pistolenverrückten Yankee gehen den Agitatoren aller Länder nicht mehr so leicht von der Feder.
Und doch müssen Europa und die EU Sinn machen. Wo sind die großen Symbole? Westminster war das lange Zeit für die Demokratie und die Französische Revolution für die Menschenrechte, Immanuel Kant für die Philosophie und die bissfeste, längliche Teigware für die Kulinaristik. Aber das reicht ja nicht mehr. Wir müssen hinter der Vielfalt der europäischen Regionen und Staaten eine einheitliche Idee konstruieren. Das ist Friedenspflicht. Ein Pfingst-Gebot: Der Heilige Geist des europäischen Glaubens mögen über uns kommen, auch wenn er in tausend Zungen spricht. Lasst uns die Geschichte klittern, bis die Schwarte kracht.
Quelle: starke-meinungen.de