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TROPHÄEN.

Der Herr des Hauses, das mich beherbergt, frönt der Jagdleidenschaft, ein Waidmann besonderer Passion. Zum Zeichen seiner Überlegenheit zieren allerlei Hirschköpfe mit gewaltigen Geweihen all die Wände. Welch ein Steinzeitkult. Vom Beerensammler zum Bärentöter.

Im Milieu macht man den sprichwörtlichen Jagdschein, weil man so an eine Waffenbesitzkarte kommt. In der Bourgeoisie unterhält man Jagden, weil das den arrivierten Bürgerlichen eine Adelsglorie gibt. Und mein Gastgeber, ein Koch, will zeigen, dass er die Gams eigenhändig geholt hat. Ich bin gleichwohl irritiert.

Man stelle sich vor, der Metzger Tönnies würde seine Villawände mit all den Schweineköpfen zieren wollen, die aus seinen Schlachthöfen stammen. Die Halle ginge ja von Westfalen bis an den Ural. Aber hier halte ich mich zurück; die Reputation dieses peinlichen Feldherren pflegen zwei meiner nettesten Berufskollegen. Da mische ich mich nicht ein.

Unser Zeitgeist will den Triumph über das erlegte Tier nicht mehr. Wir wollen nicht mehr Jäger sein, nur noch Förster. Baumversteher. Bei einem PKW wird mir eigens gelobt, dass die Ledersitze veganer Natur seien. Wir ziehen anderen Geschöpfen nicht mehr die Haut über die Ohren. Ich sehe Bastkörbchen als Wanddeko kommen, mit denen wir Pilze und Beeren gesammelt haben.

Da war die Steinzeit rauer. Oder der Wilde Westen, wo der Sieg das Skalp kostete. Die Japaner sollen die Nasen des Besiegten abgeschnitten haben. Und das Alte Testament berichtet von erbeuteten Vorhäuten. Ach je. Dann doch lieber Beerensammeln.

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RUFMORD.

Immer wieder staune ich, im mittleren akademischen Betrieb der USA auf Altgriechisches zu treffen. Wie aus dem Nichts lese ich Zitate der hellenistischen Antike. Und verstehe sie erstmal nicht, da es bei mir zwar mit einiger Mühe zu einem großen Latinum gereicht hat, aber eben nicht zu Altgriechisch. Das behindert die Attitüde des Europäers, der gern auf die Amis herabblicken möchte.

So lese ich sogar im profanen politischen Alltag in altgriechischer Schreibung „molon labe“, was bedeutet „komm und nimm“, ein frecher Imperativ. Er geht zurück auf die Mythen um die Tapferkeit der Spartaner. Deren Anführer Leonidas soll ein Angebot der weit überlegenen Perser, die Waffen niederzulegen, mit der Erwiderung zurückgewiesen haben, man könne ja kommen und sie sich holen. Mannhafter Trotz, die Leitkultur Spartas.

Übrigens zog in Sparta die Oberklasse selbst ins Feld und schickte nicht ihre Sklaven; das nur nebenbei. Es gibt dieses Syndrom der historischen ÜBERKOMPENSATION in der neuen Welt, die sich eine Geschichte zusammensucht, die sie nicht hat. Ehrlich gesagt, es waren exilierte Frömmler, Verbrecher und Huren, die damals die Kolonien der englischen Gentlemen zu bevölkern hatten. Ich verstehe schon, dass die Evangelikalen das vergessen machen möchten. Aber das ist, wie der Dichter dieses epochalen Erbes, Rudyard Kipling sagte, eine andere Geschichte.

Molon labe, das lese ich auch auf einem T-Shirt jenes Pöbels, der auf Geheiß der Neuen Rechten das Capitol stürmte, unzweifelhaft Horden eines beschränkten Horizonts. Mein amerikanischer Freund erzählt mir, dass dies das Motto jener Waffenlobby sei, die auf der privaten Bewaffnung auch mit Sturmwaffen bestehe. Joe Six Pack mit dem Maschinengewehr wähnt sich als tapferer Spartaner, dem man die Waffen nehmen will. „Komm und hol sie Dir!“

Das uneingeschränkte Gewaltmonopol gilt in Amerika nicht in jenen Regionen, in denen die Zentralregierung noch immer Feind ist, aus historischen Gründen oder sozialen, zumal rassistischen. Ja, es gibt eine geographische Gliederung und eine soziale. Man höre der Ballade vom „Hurricane“, die Bob Dylan vorgetragen hat.  Die Geschichte des Getto-Boxers Rubin Carter, lange vor „black lives matter“.

Eigentlich kann das Leonidas, dem edlen Spartaner, nicht recht sein, welch rechtes Gesindel sich heute auf ihn beruft. Man sollte auch bei kultureller Aneignung rufen dürfen: „Du willst meinen guten Ruf? Nun, komm und hol ihn Dir!“

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KOPFKINO.

Gestern hier davon berichtet, dass das Kloster Eberbach Drehort für die Verfilmung von Eco's IM NAMEN DER ROSE war; ein Déjà-vu. Das wiederum erinnert mich an ein Erlebnis aus 1979. Ich reiste wahllos durch Wales und stieß in Snowdonia auf ein Örtchen im italienischen Stil. Mitten im tiefsten Wales ein Portofino, wie man es von der Rivera kennt.

Und dann dieser aufsteigende Verdacht: Hier warst Du schon mal. Es lohnt hier nicht die lange Geschichte von "Portmeirion" (so heißt das Kaff) zu wiederholen, meine Erinnerung kam wie im obigen Fall aus seiner Verwendung als Drehort. In den 70er Jahren wurde eine alte Krimiserie wiederholt mit dem Titel "Number Six - The Prisoner", ein skurriles Konzept in der Tradition des "Geheimauftrags für John Drake". Die war dort gedreht. Die Kulisse war noch in meinem Kopf.

Wir werden von Bildern beherrscht. Das Drama unseres Lebens findet vor Kulissen statt, die wir uns fiktional angeeignet haben.
Eine metaphorische Struktur steuert unsere Wahrnehmung der Realität. Das wiederum erinnert mich an ein Erlebnis aus dem Herbst 1988, als ich in der Hodlerstrasse in Bern zufällig in ein Kunstmuseum stolpere und bei einem Vortrag störe. Ein Professor, übrigens, wie ich beim Empfang lerne, in Begleitung seiner Tochter, trägt vor, dass "alles am radikalen Konstruktivismus Unsinn sei, was nicht Kant sei, und das gelte auch für alles, was an ihm fabelhaft sei".

So kriege ich das Berner Kunstmuseum nicht aus meinem Kopf; weiß aber nicht mehr, was dort gedreht worden ist. Morbus Alzheimer.

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Der europäische Zoo zu Pfingsten

Ein frankophones Affentheater sei Europa. Sagt der englischste aller Engländer. Der brillante Kolumnist Jeremy Clarkson hält die EU für einen irren Zoo, in dem die Eulen und die Mäuse in einem Käfig gehalten werden. Das sei so, als wenn man in einem Streichelzoo auch noch ein paar Krokodile in den Teich lege. Am Ende gäbe keine Zieglein mehr oder Schweinchen und eben auch keine Kinder. In Brandtschem Deutsch ist im EU-Zoo zusammengewachsen, was nicht zusammen gehört.

Damit formuliert, nach dem venezianischen Professor Giorgio Agamben, eine zweite Stimme Unbehagen an der fehlenden Idee für die Vereinigten Staaten von Europa. Der italienische Philosoph will einen lateinischen Gründungsmythos rund um die mediterrane Lebensart: „dolce far niente“ als europäisches Kulturprinzip. Da greift sich der Engländer an den Kopf. Das sei von Leuten, die den Tag damit verbrächten, auf einem Plastikstuhl am Straßenrand zu sitzen. Aber die Idee eines Kern-Europa teilt er auch; nur liegt das nicht bei den Mittelmeeranrainern.

Deutschland, England, Dänemark und Holland. Das ist der Kern. Europa soll, wenn es nach Clarkson geht, aus diesen vier Staaten bestehen, weil die Menschen hier eine gemeinsame Auffassung von Arbeit und Leben haben. Wohlgemerkt: in der Reihenfolge. Und von Schottland oder Wales war nicht die Rede. Aber es gäbe auch eine industrielle Idee für Kerneuropa. In der neuen Arbeitsteilung läge das Design bei den Dänen, die Herstellung bei den Deutschen,die Holländer würden den Handel übernehmen und die Engländer hätten das Geld. Doch keine politische Idee, nur ein Partywitz?

Skandinavien wäre eine eigene Region für Leute, die gerne Strickjacken tragen und ihre gesamten Einkünfte beim Staat abliefern. Frankreich, Italien und Spanien (der lateinische Komplex nach Professore Agamben) wäre eine weitere eignen Zone in der EU, „where everyone spends nine months of the year on the beach“. Die zänkischen Belgier kriegen in der EU das Sagen, weil sie es so vorbildlich schaffen, in unendlichen Separationen endlos zu streiten und dabei nichts geregelt kriegen, man also keine Folgen befürchten muss. Alle anderen fliegen raus und müssen sich neu bewerben.

Also doch nur ein Partywitz? Ja und nein. Ja, weil Engländer sich das Recht nehmen, so zu reden. Clarkson nennt mich voller Sympathie „the Nazi prat“ (was wir nicht übersetzen werden). Nein, weil alle Ideen von Nationen auf solchen banalen Vorurteilen beruhen. Wenn Professoren reden, wie der Stammtisch pöbelt, dann nennt man das „nationale Stereotypen“ (siehe Agamben in La Repubblica). Clarkson bemängelt, dass man heute, wenn man eine schrecklich zutreffende Bemerkung über eine andere Nation mache, sofort von den linksliberalen Weicheiern Rassist genannt werde. Außer bei Witzen über die Zänkischen Belgier, da gäbe es eigentlich immer Beifall.

Was also ist eine Nation? Eine Nation ist ein staatlicher Homunculus, ein ganz abstraktes rechtliches Konstrukt, das sich einen Gründungsmythos zulegt, für den die Geschichte und die Kultur so lange geklittert werden, bis eine „natürliche“ Einheit angenommen wird, die anderen Nationen gegenüber überlegen ist. Der Mechanismus bei Staaten ist der gleiche wie bei Alltagsmenschen. Wenn der Italiener schon zu doof ist, in einem gekachelten Badezimmer den Bodenabfluss an den tiefsten Punkt des Raumes zu legen, so will er doch wenigstens im Bett ein echter Zampano sein: latin lover. Das ist sie wieder, die lateinische EU.

Auch die USA sind keine authentische Nation, sondern ein Konglomerat abgespaltener Kolonien, von Puritanern gegründet, mit exzessiver Immigration bevölkert und über allem von einer schlichten Idee der „neuen“ Freiheit repräsentiert. Können Staatengemeinschaften auf den Nationalcharakter verzichten? Ja und nein. Ja, am deutschen Wesen soll die Welt nicht mehr genesen, jedenfalls sagen wir das nicht mehr offen. Nein, denn die Alltagsmenschen brauchen einfache und plausible Geschichten dazu, wer sie als Gemeinschaft sind und wofür sie stehen. Der Soziologe Niklas Luhmann hat deshalb gesagt: Man braucht „Sinn“ zur Reduktion von Komplexität. Also werden wir die EU-Idee schmieden müssen. Der Wettbewerb ist einfacher, wenn er in der Abgrenzung von anderen Gemeinschaften möglich ist. Feinde schmieden ihre Gegner zu Freunden zusammen. Aber die Hetze über die slawischen Untermenschen oder die Gelbe Gefahr oder den pistolenverrückten Yankee gehen den Agitatoren aller Länder nicht mehr so leicht von der Feder.

Und doch müssen Europa und die EU Sinn machen. Wo sind die großen Symbole? Westminster war das lange Zeit für die Demokratie und die Französische Revolution für die Menschenrechte, Immanuel Kant für die Philosophie und die bissfeste, längliche Teigware für die Kulinaristik. Aber das reicht ja nicht mehr. Wir müssen hinter der Vielfalt der europäischen Regionen und Staaten eine einheitliche Idee konstruieren. Das ist Friedenspflicht. Ein Pfingst-Gebot: Der Heilige Geist des europäischen Glaubens mögen über uns kommen, auch wenn er in tausend Zungen spricht. Lasst uns die Geschichte klittern, bis die Schwarte kracht.

Quelle: starke-meinungen.de