Logbuch
VERKEHRSWENDE.
Die Berliner SPD will in zwei Stadtvierteln das Parken von Autos grundsätzlich verbieten. In den SPIELSTRASSEN dürfen dann nur noch Taxis stehen und die Car-Sharing-Vehikel. Auf die früheren Parkplätze kommen Stadtmöbel. Wg. Klima.
Das wird jenen helfen, die eine eigene Tiefgarage haben oder einen privaten Stellplatz nutzen können. Oder mit Fahrer, sprich Chauffeur, unterwegs sind. So geht heute Sozi: die oberen Zehntausend bleiben außen vor. Alte und Arme und andere Behinderte mögen bitte in den Öffentlichen Personen Nahverkehr krackseln. Oder mit dem Lastrad zu Aldi fahren. Wg. Klima.
Nützen werden die Stadtmöbel (Sitzbänke und Tische monströsen Ausmaßes) in den SPIELSTRASSEN den Air-Bie-end-Bie-Touristen, die von ihren exzessiven Sauftouren in Berlins Kneipen nach Mitternacht noch mal am Späti (Nachtkiosk) nachtanken und ja irgendwo sitzen, singen, pinkeln und sich übergeben können müssen. Die Verslumung der Bushaltestellen und U-Bahnzugänge breitet sich weiter aus. Das nicht-gentrifizierte Ghetto als Kulturziel.
Der Parkverkehr, meint die Suche nach Parkplätzen jener Trottel, die schlicht auf ein Auto angewiesen sind, wird auf die benachbarten Viertel abgedrängt, wo schon Parkautomaten bereitstehen. Deren Preis soll dann um den Faktor 10 erhöht werden, womit dann auch das eine soziale Frage wird. Siehe oben: so geht heute Sozi. Wg. Klima.
Ich spreche auf einem Empfang mit einem jungen Mann, der bei der IHK arbeitet, der Interessenvertretung der Wirtschaft, und Sympathie für die Verkehrsverdrängung erkennen lässt. Er fährt nur Car-Sharing, sagt er mir. Das sei ja die Zukunft. Auch raus in die Vororte? Auch aus den Vororten in die Stadt? Auch zur Kita oder in die Schule oder von dort weg? Und nachmittags bei Betriebsschluss der Fabrik? Auch für andere Wesen als die Büroangestellten in der Mitte der Stadt? Nö, da funktioniere das eher nicht, was die SPD da wolle. Aber es sei die Zukunft. Wg. Klima.
Zurück zur Parteipolitik. Wer spricht sich dagegen aus? Die GRÜNEN am Ort. Das sei eine VERKEHRSWENDE gegen die Menschen und nicht mit ihnen. Die SPD ist verdutzt. Wer darüber bei den Sozen nicht den Verstand verliert, hat keinen zu verlieren.
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FROSCHSCHENKEL.
Der russische Spitzenpolitiker Medvedev verhöhnt europäische Kollegen, zu Besuch in der Ukraine, damit, dass sie sich von Fröschen, Leberwurst und Spaghetti ernähren. Über die Ethnisierung von Nahrungsmitteln.
Franzose verzehren Froschschenkel, ja. Der Italiener hält die historisch aus China stammenden dünnen Schürchennudeln für seine DNA. Und dass Olaf Scholz als beleidigte Leberwurst in die Geschichte eingeht, dafür hat der ukrainische Botschafter zu Berlin, ein Herr Melnyk, gesorgt. Über alle drei erhebt sich die russische Kriegspropaganda, an deren Tisch es wässrige Kohlsuppe gibt; genauer gesagt Kaviar im Kreml und Borschtsch für das Volk.
Darf ich als Kartoffel dazu etwas sagen? Wir identifizieren schon immer fremde Menschen mittels ihrer Essgewohnheiten. Das gilt als primitiv („Was der Bauer nicht kennt…“), ist es aber nicht. Auch die bessere Gesellschaft denkt so, aber sie strebt nach exotischem Essen, gehorcht also der gleichen Regel, nur in umgekehrter Richtung. Hier frisst man gerade, was fremd. Und wir reden so, wenn wir uns beim Griechen verabreden oder zum Chinesen gehen. Übrigens esse ich nicht mit Stäbchen; ich habe ein Menschenrecht auf Messer und Gabel.
Stets ohne Löffel. Weil man Suppe ohnehin niemals bestellt; das ist immer Spülwasser, gleich welcher Nationalität. Und wer zu Spaghetti mehr als eine Gabel braucht, ist eh ein Banause. Über das Verzehren der Beinmuskeln von Kröten regt sich niemand auf, der jemals eine westfälische Hausschlachtung miterlebt hat und weiß, wie Wurst gemacht wird. Für den Westfalen kommt zudem die Kartoffel erst in Frage, wenn sie durch das Schwein gegangen ist.
Die Pseudo-Ethnisierung von Restaurants ist inzwischen für jede Mischform zu haben; nennt sich „fusion“. Hatte ich als Student dauernd, genannt Bunte Pfanne, aus den Resten im Kühlschrank. Sei’s drum. Kommt eh alles in einen Magen, pflegte mein Großvater mütterlicherseits zu sagen. Ohnehin ist in Berlin der Chinamann aus Vietnam und der Italiener ein Tamile. Und der Ortsteil Charlottograd weiß viele Russen ansässig. Ich bin aus tiefstem Herzen polyglott. Und liebe gekochte Kartoffeln mit heißer Butter; es gibt nichts besseres.
Zu den Herren des Gases sage ich nichts, wie ich über den Botschafter schweige, der einen Partisanenführer seiner Heimat verehrt, der mit den Nazis kollabierte, die damals im Namen meines Vaterlandes seine Heimat überfallen hatten. Das alles ist evident. Im Übrigen habe ich zurzeit an der Leberwurst nichts auszusetzen, was mich überrascht. Man muss ihm genau zuhören. Er hat von der Zugehörigkeit zur europäischen Familie gesprochen, nicht von der Mitgliedschaft in der EU. Klug.
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LOB DER LINDE.
In der großen Stadt blüht vor meinem Fenster eine Linde. Sie lebt ihr Leben als STRASSENBAUM, eine Heldin. Ein Lob.
Ich entdecke zufällig, wie Bienen die Blüten der Linde umschwärmen. Auf den zweiten Blick sehe ich dann den ganzen Baum in Blüte. Ein munteres Gelb mit gelegentlichem Grün. Und gewachsen ist er auch. Vor Jahren noch kaum zu sehen, schützt er jetzt den vierten Stock. Ein herrlicher stattlicher Straßenbaum.
Aber ich mache einen Fehler; ich gendere falsch. Obwohl mir sonst die Verwechslung von grammatischem Geschlecht und biologischem, wie es die linguistischen Dille-Tanten (pun intended) vornehmen, zuwider ist, die Linde ist kein „er“. Die Linde ist ein weibliches Wesen, seit altersher. In ihr wohnt FREYA, die Mutter aller Elfen. Hier steht eine Frau auf dem Trottoir, eine Schönheit am Straßenrand.
Aber im Ernst, wir haben es ihr schwer gemacht. Sie wächst neben der mit Bitumen versiegelten Straßen und unter einem gepflasterten Gehweg. Wo ihre Wurzeln die Platten gehoben haben, wurden sie brutal überteert. Was für ein elendes Habitat. Das kleine Quadrat um den Stamm herum ist von verrosteten Fahrrädern bestanden, Hundekot verziert und Hort für Müll. Mädchen, das hast Du nicht verdient! Vom ernsten Schicksal des Berliner Straßenbaums.
Ich hab da was im Gedächtnis aus den Zeiten als mich noch mein Lateinlehrer Attila Huch (so hieß er wirklich) triezte,nach dem unter Linden Mädchen feine Fäden spinnen: „Filia sub tilia…“ Kriege ich nicht mehr zusammen. Jedenfalls werde ich sie heute begießen, die blühende Freya in Moabit. Leute, wässert Eure Bäume!
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Die Vereinigten Staaten von Europa
Ein Idioten-Argument: Europa ist nicht Amerika! Allen deutschen Provinzseelen sind die USA (die sie nicht kennen) eine Nation aus einem Guss, ein ganzheitlicher Kontinent sui generis. Wer mal drüben war, weiß, dass die Vielfalt erschlagend ist. Und weite Regionen die Bundeshoheit nur widerwillig anerkennen, wenn überhaupt. Selbst der Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südstaaten ist noch spürbar.
Man spricht, glaubt der deutsche Michel, dort allenthalben englisch, genauer amerikanisch. Und er wundert sich, dass der Taxifahrer in New York nur Spanisch kann. Einheitlich ist in den USA nur die Währung, aber dieses Argument passt angesichts der Euro-Krise gerade nicht ins Bild. Europa, das sollen keine Vereinigten Staaten sein. Vielleicht sind wir es aber schon?
Die US of A, das ist ein föderales Konglomerat von widerwillig zusammengehaltenen Regionen, in denen die Zentralstaatlichkeit nach wie vor ein Politikum ist. Es herrscht unter dem Schirm der bundesstaatlichen Regelungen ein Gewirr regionaler Eigenheiten. Man weiß nicht mal so genau, wie viele Sterne die Nationalflagge gerade hat. Wie in Europa.
Es gibt einen wesentlichen Unterschied: die Idee von Amerika, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die amerikanische Idee ist ein Gründungsmythos, der bis heute das Einwanderungsland zusammenhält. Menschen unterschiedlichster Völker schwören auf diese Idee einer neuen Freiheit. Und unterhalb der Idee stoßen sich die Dinge hart im Raum. Von Europa aber gibt es nicht mal eine Idee.
Dabei wäre es ganz einfach. Man muss nur historisch bewandert sein. Alles eine Frage der Bildung. Europa, das sind jene Kulturnationen, die sich rund um den Mittelmeerraum gebildet haben. Das liegt nicht an der guten Luft und den schönen Stränden, sondern an der Logistik: Nur über die Seefahrt fanden sich die Völker. Deshalb ist Europa dem Wesen nach mediterran. Europa ist eine lateinische Idee.
Zum Mittelmeer, dem in der Mitte, zählen freilich auch die an den Rändern: Das ist für die Gründerzeit dieses edlen Erdteils rund um das Mittelmeer in Richtung Asien natürlich auch das Schwarze, Kaspische und Asowsche. Und in Richtung Norden zählen wir die atlantischen Küstenregionen und die Ostsee hinzu, soweit die Wikinger kamen. Die nautische Dimension mag nicht überraschen, sie deckt sich mit den Karten, die wir bis heute pflegen.
Zu Europa gehörten für den kundigen Thebaner, der weiß, wo Karthago liegt und Kyrene, natürlich auch das heutige Nordafrika und Ägypten, der Vordere Orient. Alle drei großen monotheistischen Religionen sind europäisch: das Judentum, die Christenheit und die Muslime. Man vergisst zu leicht, dass Spanien eine bedeutende Zeit an Allah glaubte. Der Konflikt zwischen Israel und den Anrainern ist, wir haben es immer gewusst, ein europäischer.
So reicht also Europa historisch von der griechischen und römischen Antike bis an die französische und die englische Revolution, den Westfälischen Frieden, die Niederschlagung des italienischen und deutschen Faschismus, weiter zur Rückkehr Russlands aus der Sowjetunion oder der Befreiung des Baltikums oder der Eigenstaatlichkeit Palästinas und den bürgerlichen Revolutionen in Nordafrika und dem Vorderen Orient.
Sprachlich ist dies ein recht einheitlicher Raum. Man spricht irgendeine Version des Indogermanischen. Ausnahmen in diesem oder jenem Reitervolk bestehen fort. Integrationsnotwendigkeiten bestehen ferner noch gegenüber den muslimisch geprägten Regionen, da sie sich selbst sehr lange separatistisch verstanden haben. Das legt sich aber, wie man in Berlin oder Manchester oder Istambul lernen kann.
Warum ist Europa lateinisch? Ich habe meinem Freund Schorsch (rheinisch für Giorgio; gemeint ist der venezianische Professore Agamben) jetzt eine gute Stunde zugehört. Es war kurzweilig (Essen bei Nöthel’s, dem Nachfolger des Hummerstübchens in Düsseldorf) und will ich es nun auf den Punkt haben. Er sagt: „dolce far niente“. Das hält er für den Kern der Lebensart in bei Italienern, Franzosen, Spaniern, Griechen und zur Not noch bei Portugiesen. Er glaubt, dass hier die Kraft einer neuen Leitidee, ja, einer Hegemonialkultur liegt.
Natürlich leidet er unter dem protestantischen Deutschland „der“ Merkel, die sich wie alle Migranten aus dem Osten anglo-amerikanischer gebe als die Anglo-Amerikaner selbst. Schorsch nennt das Überkompensation. Aber das sei der Vorteil eine Leitkultur, man könne auf ihre Attraktivität setzen. Die anderen kämen dann schon. Das lateinische Reich habe jede Chance gegen das slawisch-asiatische und gegen das anglo-amerikanische, findet der Herr Professor.
In der Wirtschaftsordnung stellt sich mein venezianischer Freund eine Mischung aus Markt- und Planwirtschaft vor. Jetzt gerate ich endgültig ins Grübeln, was der Herr Neomarxist mir da vorträgt. Er hat viel, zu viel Heidegger gelesen, geht mir als erstes durch den Kopf. Dann merke ich, dass er die italienischen Verhältnisse der Schattenwirtschaft für vorbildlich hält: unter staatlichem Schutz kleinteilige Konkurrenz. Und ich raune: „la mafia non esiste…“Beim Dessert angelangt, liegt mir die lateinische Reichsgründung schwer im Magen.
Quelle: starke-meinungen.de