Logbuch
ORIGINAL & FÄLSCHUNG.
Aus der Welt der Wissenschaft, die zweite. Zum Anschein des Authentischen. Das Authentische ist kein Wert, der in den Dingen liegt, sondern nur im Umgang mit ihnen. Wie bei den Reliquien.
Dass etwas nicht gefälscht sei, sondern authentisch, das ist argumentativ ein steiler Angang, weil schon mit der Behauptung der Zweifel gesät ist. Der Authentizitätsanspruch ist immer nur der eines Prätendenten, den auch er nur durch Anschlüsse an den aktuellen Wahrheitsdiskurs motivieren kann, dessen Macht zu seinem Ausschluss er entgehen will. Martin Doll (siehe gestriges Logbuch, ebenda, S. 50) zitiert dazu Michel Foucault zur Unterscheidung des Arztes vom Quacksalber (charlatant). Es herrsche dazu der medizinische Diskurs; man spricht heute von „evidenzbasierter“ Medizin. Gänzlich unbeeindruckt davon erweisen sich aber die Anhänger der Homöopathie.
Es gelten bei allen Diskussionen um Originalität schlicht die Regeln der Falschmünzerei; solange der falsche Fuffziger unerkannt zirkuliert, ist alles gut. Der Geldschein, im Unterschied zur Goldmünze oder dem Silberling, hat ja seinen Wert nicht in sich; er lebt nur solange er nicht falsifiziert ist.
Also ist Originalität als Gegenbegriff zu dem der Fälschung eine Kategorie der Pragmatik, der sozialen Praxis. Hier steht die ganze Lebendigkeit eines relativen Wahrheitsbegriffes an. Wahr ist, was so behandelt wird, weil es noch nicht verbindlich enttarnt ist. Wahrheit ist eine Kategorie der Pragmatik.
Die Reliquie gilt dem Religiösen als echt, obwohl er weiß, dass sie das nur durch seinen Glauben ist; sie ist echt, weil mit ihr so umgegangen wird.
Logbuch
FAKE.
Neues aus der Wissenschaft. Was ist fachlich das Wesen der Fälschung, wie sie unter Donald Trump sogar höheren Orts eingezogen ist? Die amerikanische Presse hat dazu einen neuen Kommentarmodus: „facts first“! Ob das hilft?
Die Bestimmung von Fälschungen oder Fake News ist dichotomisch, also zu ihrem Gegenteil, schwierig. Was ist denn auf der anderen Seite? Wahrheit, gar absolute Wahrheit? Oder Wirklichkeit? Die wirkliche Wirklichkeit? Im Sinne einer realistischen Weltsicht? Ist „fake“ dem Wesen nach nun das Fiktive oder etwas Fiktionales? Was liegt also zwischen Factum, Facsimile und Artefakt? Über die Kunst zu lügen.
Eine veritable Lüge enttarnt sich erst durch den Nachweis des Vorsatzes, sprich durch den Konflikt des enttarnten Lügners mit dem so Getäuschten. Was aber ist, wenn das Gegenüber getäuscht werden will? Propaganda bedarf zu ihrer Wirksamkeit nicht des Wahrheitsbeweises; ihre Macht entfaltet sich auch im Kontrafaktischen.
Ich lese bei Martin Doll (Fälschung und Fake, Berlin, Kados, 2022, 3. Aufl., S. 35, Anm. 43) einen weitreichenden Hinweis in rhetorischer Anlehnung an Karl Popper, nämlich dass Originale nur so lange zirkulieren, wie sie nicht falsifiziert wurden und ihr Nachleben als Fälschungen fristen müssen, einen Vorgang, den er passim als „Kipplogik“ oder „Enttarnung“ bezeichnet. Sein Lehrsatz: Eine „Verifikation von Originalen (ist) nicht möglich, wohl aber deren Falsifikation.“
Logbuch
PFINGSTEN.
Ostern ist so albern wie Weihnachten. Jedenfalls als Brauchtum. Weder Lametta an immergrüner Tanne noch allzu buntes Hasenei bedeuten was. Aber Hoffnung naht.
Jetzt geht es auf Pfingsten. Ich erinnere eine vorwitzige Frage der Angela Merkel an ein christliches Publikum, wer denn sagen könne, wofür Pfingsten stehe. Da hatte das evangelische Urgestein, überwintert im Sozialismus, eben einen Vorteil, auch im Westen. Jetzt ist sie vergessen.
Es steht für sie noch ein Orden an, verliehen von Frank-Walter Steinmeier, den das Regnum des Gerd Schröder im höchsten Amte vergessen hat. Seine Ostpolitik und die Geschäfte seines Ziehvaters sind in Misskredit geraten, da Deutschland und Europa nur noch als NATO gedacht werden. Kluges dagegen von Macron.
Wo ist eigentlich Joschka Fischer? Vergessen und, wie ich höre, versoffen. Vielleicht auch aus Kummer, wie sein gutes Vorbild im Irakkrieg verschwindet hinter seinem bösen Vorbild im Balkankonflikt. Was ist heute noch grün, außer der Kommandowirtschaft des Jürgen Trittin? Wo Kreuze stehen müssten, auf den Hügeln der Christenheit, prangen Windmühlen.
Also, an Pfingsten wurde aus einem versprengten Haufen an nachgelassenen Trotteln die (!) christliche Kirche, indem die Jünger mit dem Heiligen Geist erfüllt wurden. Die Tradition spricht von dem Ausgießen des Heiligen Geistes. Aus Trotteln wurden Aposteln. Aus Schülern wurden Lehrer. Aus Vasallen Heroen.
Ich bin frei von jedem kirchlichen Engagement. Trotzdem halte ich Pfingsten für das wichtigste Fest des Christentums. Versteht kein Mensch. Wg. fehlendem Geist.
Logbuch
Aus für Ulis Spielgeld: Das Kapital sorgt jetzt für die Moral
Man kriegt einen Mann aus dem Ghetto, aber niemals das Ghetto aus einem Mann. Man macht einen ballklugen Metzgerssohn zum Vorstand, aber er verliert den Geruch des Schlachthofs nicht. Das Depot mit „windfall profits“ füllen wie das gegnerische Tor mit Treffern wie den Schafsdarm mit Brät. Tragisch endet, wer als solcher Held nicht sieht, dass die Spiele der Großen nicht mehr die Rosstäuschereien der Kleinen sind.
Das ist der Moment, wo die Aufsteiger in die Gosse zurückfallen, der sie entronnen sind. Idol hin, Idol her, sie werden fallen gelassen, weil niemand mit ihnen durch das Blut des Schlachthofs waten möchte.
Die Ghetto-Kicker riechen auch parfümiert noch nach Leberwurst und Schweiß. Nur Kriminalität und Sport spülen gesellschaftlich nach oben, was die Klassengesellschaft sonst in den Vorstädten gehalten hätte. Nur hier kann man mit Beinarbeit jenes Geld zusammenbringen, für das andere Hochschulen besuchen oder den Golfclub ihres alten Herrn. So wird man dann eines tragischen Helden angesichtig, auch wenn man weder Fußball spielt oder schaut noch im Wurstwarengeschäft unterwegs ist. Es überträgt sich der Erfolg der Spiele auf die Spielmacher. Vulgärmythen der Fankultur ersetzen im Niedergang der alten Religionen die Heiligen durch die Vereinsgötter.
Der Verdacht, dass Organisierte Kriminalität und Sport Gemeinsamkeiten haben, könnte auch dem sportfernen Zeitgenossen schon gekommen sein, als er Gerhard Gribkowsky ein Urteil über gut acht Jahre Knast kassieren sah. Der Vorstand der Bayrischen Landesbank hatte von dem Formel 1 – Veranstalter Bernie Ecclestone ein Schmiergeld über 44 Millionen Dollar empfangen. Die Zahlung erfolgte während eines Geschäftes für seinen Arbeitgeber. So wie das jüngste Ereignis im gelobten Bayern eine Gleichzeitigkeit des Überreichens von Spielgeld für Schwarzkonten zum Anteilseignerwechsel und Sponsorverträgen hat, die für industrielles Denken schlicht unerträglich ist. Niemand in einem Unternehmen würde damit nur einen Tag überleben. Mindestens böser Schein, mindestens. Im Krimi heißt diese Melange sowieso Korruption.
Das Thema im Fußball wie im Motorsport ist also nicht Steuerhinterziehung; die mag wie bei Al Capone der Hebel der Behörden gewesen sein. Das Thema ist Korruption in Vereinen und Aktiengesellschaften. Man muss es der Fußballnation erklären: Bei den Geschäften des Vereins wie der AG geht es nie um eigenes Geld. Beides sind Veranstaltungen mit dem Geld anderer Leute. Der Verein gehört seinen Mitgliedern, die AG ihren Aktionären. Und die Vorstände sind bestellte Verwalter, denen die Vermögen als Treuhänder anvertraut sind. Ob ein Metzger oder ein Rennveranstalter mit seinen privaten Millionen zockt oder nicht,ob er das hier oder in der Schweiz macht, kann uns egal sein, Ja, man kann noch fragen, ob die Steuer zu ihrem Recht gekommen ist, aber auch das interessiert mich eigentlich nicht. Das sind die Attitüden der Steinbrücks.
Karl Marx rotiert im Grab, Altkommunisten reiben sich die Augen. Wer bringt die Moral in die Wirtschaft? Das Kapital. Was die Kirchen in tausend Predigten nicht geschafft haben, realisiert die Börsenaufsicht in einem Strich. Und die neue Logik greift durch: Wer bescheißt, geht in den Knast. Da mögen sich der Mannesmann-Ausverkäufer Klaus Esser (unschuldig) noch freigekauft haben und dem Siemens-Vollstrecker Heinrich von Pierer (unschuldig) bis heute nichts nachgewiesen sein, seit Klaus Zumwinkel wissen die Großkopferten: Wenn was rauskommt, klingelt der Staatsanwalt. Und er bringt das ZDF gleich mit. Deshalb steht heute hinter jedem Vorstand ein Compliance-Manager (oder zwei): weil man bei den großen Geschäften nicht durch die kleinen Verbrechen gestört werden will. Für den alten Korpsgeist gibt es keinen Raum mehr. Heute zeigt eine Krähe die andere an.
Wenn also Massen-Sport nur in Zusammenhang mit mehr oder weniger organisierter Kriminalität geht, wird Sport nicht mehr mit Unterstützung der Unternehmen gehen. Hier sind noch hunderte von Stories im Rohr. Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. Auch im Massen-Sport kommt das Thema Compliance. Oder es hat sich dann ausgesponsort… Wer wollte das bedauern?
Quelle: starke-meinungen.de