Logbuch

DAS SCHNÄPPCHEN.

Bevor wir unseren bürgerlichen Spott über den kleinbürgerlichen Schnäppchenjäger ergießen, nehmen wir uns seines großen Bruders an. Dazu müsste man noch wissen, was die Helden von Mantel und Bogen waren, die als Kuponschneider belächelt wurden. Wir sind im Wertpapierhandel des 19. Jahrhunderts und haben Anteilsscheine im Depot. Die Aktie bestand damals aus dem eigentlichen Wertpapier, dem Mantel, und einem Bogen mit einer Unzahl von Coupons, die man, um an die Dividende zu kommen, jeweils abschneiden musste. Daher der Name. Der Kuponschneider galt den Marxisten als feiger Hund, der spekulierte. Ein geldgeiler Parasit.

Aus den AGs schalte später der Spott, dass der Aktionär dumm und frech sei; dumm, weil er das elende Papier erworben habe, und frech, weil er jetzt auch noch Zinsen verlange. Mit der Legitimation des Raubtierkapitalismus nach dem Prinzip des „shareholder value“ verstummten beide Stimmen. Die Welt wurde wie selbstverständlich zum Casino. Für mich begann es damit, dass das edle Röhrenwerk der Brüder Mannesmann an eine englische Telefonbude verscheuert wurde und der Shorti von CEO sich eine goldene Nase verdiente. Darauf ein Victory-Zeichen! Ich werde das Werturteil von oben nicht wiederholen. Es trifft zu.

Jetzt sehe ich die Gratiszeitung, mit der man zum Wochenende meinen Briefkasten verstopft, voller Gutscheine. Sie sind wieder da, die Kupons. Wer gewillt ist, das Möbelhaus von XXL Lutz aufzusuchen, erhält in der dortigen Kantine, die ich nicht Restaurant nennen werde, einen Nudelauflauf gratis. Auf dem Foto sieht er aus, als habe ihn schon jemand gehabt, wie Mageninhalt. Das Haus des Döners gibt jedem Neukunden für Wasserpfeifen eine Teigtasche mit den Fleischabfällen an Yoghurt für 1€. Man liest, dass das Gutscheinunwesen von Walmart stamme, also aus dem Mutterland der Discounter. Dort macht es Pauper zu Preppern. Der Pepper sammelt Toilettenpapier gegen Corona. Und Pasta gegen die Pest. An der Börse geplatzte Immo-Kredite als Paket.

Jetzt auch die Bäckerin, die meine Bestellung von vier Milchbrötchen barsch kontert mit: „Fünf sind im Angebot!“ Das heißt nicht, dass insgesamt fünf billiger wären als vier; es meint, dass das fünfte, das ich gar nicht wollte, wenn ich es doch auch noch nähme, nur halb so teuer wäre, wie die vier jeweils pro Stück. Damit sinken rechnerisch die spezifischen Kosten, während die Summe steigt. Ich nehme aus bloßem Trotz keine Angebote. Discount ist englisch und bedeutet „kann nicht rechnen“. Damit werde ich leben müssen. Ich kaufe keine Sonderangebote. Eine Frage des Charakters. Klar?

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RESTAURANT-REGELN.

Mich packt kaltes Entsetzen, wenn sich Restaurantbesucher ihre Essensreste einpacken lassen. Eine Viertel Pizza in Alufolie. Was fängt man damit zuhause an? Das nimmt ja nicht mal mehr der Hund. Erstens erwähnt ein anständiger Kellner nicht den Zustand des abgegessenen Tellers und erfragt Kommentare zur Portion oder gar dem Appetit des Gastes. Zweitens verlässt man ein Lokal nicht mit den restlichen Pommes im Plastikbeutelchen. Oder dem Schnitzelrest in der Handtasche. Banausen! Peinlich.

Lehrsatz: Die Leute kommen wegen der Speisen, der Wirt lebt aber von den Getränken. Jedenfalls in einem guten Restaurant mit ausgezeichneter Küche. Wer das weiß, verhält sich entsprechend. Man bestellt eine anständige Flasche Wein; vielleicht sogar eine zweite, wenn zu viert. Dazu am Schluss noch ein Rat.

Wer eine gute Küche unterhält und nicht nur den Convenience-Scheiß warm macht, der darf für eine Vorspeise zwanzig und einen Hauptgang dreißig Euro nehmen. So gestern Garnelen in Glasnudeln oder ein Kalbstafelspitz rosa mit Pfifferlingen und im Hauptgang ein Saltimbocca oder ein feiner Fisch. Dazu ein Fläschchen Mosel von Fritz Haag, die Juffer Sonnenuhr. Weil zu dritt, noch ein zweites aufziehen lassen. Der Wein dürfte mit dreißig € im Einkauf zu haben sein und kostet nun zur Restauration 89; nicht billig. Faktor drei, das ist normal.

Gute Küche geht nur mit einer solchen Mischkalkulation. Leistet man sich ja auch nicht jede Woche. Interessante Beobachtung: Anfahrt im Porsche, das betuchte Paar am Nachbartisch, nimmt jeder nur einen Hauptgang, sie ein Wasser, er ein Pils; Zahlen mit schwarzer Kreditkarte; Münzen als Trinkgeld auf den Tisch. So kann ein solcher Laden nicht überleben.

Jetzt der Tipp: Wenn mit dem Auto, zweite Flasche wieder korken lassen. Denn man kann sich die angetrunkene Flasche in einem Papiertäschchen ohne weiteres mitgeben lassen und zuhause austrinken. So sind dann alle aus dem Schneider.

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MEIN THÜRINGER FREUND.

Zufällig finde ich das Radiogerät älteren Datums, das mir klangvoll jene Internetsender präsentiert, die ein kleiner WLAN-Empfänger in die Röhrenkiste einspeist, nach der Raumpflege gedreht, Rücken nach vorn, und entdecke, dass der Kollege aus Thüringen stammt und dort einem Volkseigenen Betrieb (VEB) entsprungen ist. Ich bitte ihn, seine Lebensgeschichte zu erzählen. Da ein Röhrengerät, dauert es einen Moment, bis er warm. Aber dann lerne ich eine historische Persönlichkeit kennen.

Seine Familie stammt aus Riga, der lettische Hansestadt, in die der Genosse Stalin die Funktechnik gegeben hatte. Weil da schon die Eisenbahnfertigung war. So geht seitdem staatliche Wirtschaftspolitik. Nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf das Baltikum wurde der Betrieb bei der AEG zu Berlin eingegliedert. Waren die sich auch nicht zu schön für. Man baute Radioempfänger und bastelte am Panzerfunk. Legendäre Verstärkerröhren entstanden, die noch bis in die fünfziger Jahre eingebaut wurden. Das sind die Ahnherren der Chips.

So wie die militärischen Dinge beim GröFaZ (größter Feldherr aller Zeiten) im Osten liefen, wurde der Betrieb 1944 eilig und notdürftig nach Thüringen verlagert, einschließlich lettischer Fachleute, die die Kriegswirtschaft als Zwangsarbeiter hier hin brachte. Als der Krieg verloren und die Amis das Gebiet an die Sowjets abtraten, gelang ein genialer Schachzug. Die Sonneberger Radiofabrik kam unter sowjetischer Sonderverwaltung und mied so lange die Nöte der DDR-typischen Mangelwirtschaft. Man baute stattliche Röhrenradios („Super“), die bald die Namen thüringischer Städte trugen. Radio Erfurt usw.

Die Sendertabelle auf der Front wies nur wünschenswerte Stationen aus, aber das hatten die findigen Letten ja schon immer verstanden, dem Willen der Vormacht nach außen zu entsprechen und doch mit der ganzen Welt zu verbinden. Erst die Halbleitertechnik, der elende Transistor, und das leidige Stereo hätten sie aus der Bahn geworfen, klagt er mir. Ich soll seinen Namen noch sagen, bittet mich der nette Zeitzeuge. Es handelt sich um Weimar WU Modell Super 6118/55 der VEB Sternradio Sonneberg. Prächtige Holzkiste. Noch immer toller Klang. Wir sind befreundet.

An Panzerfunk besteht kein Interesse mehr, jedenfalls keines des terrestrischen Radioempfangs. Da gibt es jetzt Internet aus dem All. Dem Weisen genügt das als Hinweis. Sapienti sat.

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Aus für Ulis Spielgeld: Das Kapital sorgt jetzt für die Moral

Man kriegt einen Mann aus dem Ghetto, aber niemals das Ghetto aus einem Mann. Man macht einen ballklugen Metzgerssohn zum Vorstand, aber er verliert den Geruch des Schlachthofs nicht. Das Depot mit „windfall profits“ füllen wie das gegnerische Tor mit Treffern wie den Schafsdarm mit Brät. Tragisch endet, wer als solcher Held nicht sieht, dass die Spiele der Großen nicht mehr die Rosstäuschereien der Kleinen sind.

Das ist der Moment, wo die Aufsteiger in die Gosse zurückfallen, der sie entronnen sind. Idol hin, Idol her, sie werden fallen gelassen, weil niemand mit ihnen durch das Blut des Schlachthofs waten möchte.

Die Ghetto-Kicker riechen auch parfümiert noch nach Leberwurst und Schweiß. Nur Kriminalität und Sport spülen gesellschaftlich nach oben, was die Klassengesellschaft sonst in den Vorstädten gehalten hätte. Nur hier kann man mit Beinarbeit jenes Geld zusammenbringen, für das andere Hochschulen besuchen oder den Golfclub ihres alten Herrn. So wird man dann eines tragischen Helden angesichtig, auch wenn man weder Fußball spielt oder schaut noch im Wurstwarengeschäft unterwegs ist. Es überträgt sich der Erfolg der Spiele auf die Spielmacher. Vulgärmythen der Fankultur ersetzen im Niedergang der alten Religionen die Heiligen durch die Vereinsgötter.

Der Verdacht, dass Organisierte Kriminalität und Sport Gemeinsamkeiten haben, könnte auch dem sportfernen Zeitgenossen schon gekommen sein, als er Gerhard Gribkowsky ein Urteil über gut acht Jahre Knast kassieren sah. Der Vorstand der Bayrischen Landesbank hatte von dem Formel 1 – Veranstalter Bernie Ecclestone ein Schmiergeld über 44 Millionen Dollar empfangen. Die Zahlung erfolgte während eines Geschäftes für seinen Arbeitgeber. So wie das jüngste Ereignis im gelobten Bayern eine Gleichzeitigkeit des Überreichens von Spielgeld für Schwarzkonten zum Anteilseignerwechsel und Sponsorverträgen hat, die für industrielles Denken schlicht unerträglich ist. Niemand in einem Unternehmen würde damit nur einen Tag überleben. Mindestens böser Schein, mindestens. Im Krimi heißt diese Melange sowieso Korruption.

Das Thema im Fußball wie im Motorsport ist also nicht Steuerhinterziehung; die mag wie bei Al Capone der Hebel der Behörden gewesen sein. Das Thema ist Korruption in Vereinen und Aktiengesellschaften. Man muss es der Fußballnation erklären: Bei den Geschäften des Vereins wie der AG geht es nie um eigenes Geld. Beides sind Veranstaltungen mit dem Geld anderer Leute. Der Verein gehört seinen Mitgliedern, die AG ihren Aktionären. Und die Vorstände sind bestellte Verwalter, denen die Vermögen als Treuhänder anvertraut sind. Ob ein Metzger oder ein Rennveranstalter mit seinen privaten Millionen zockt oder nicht,ob er das hier oder in der Schweiz macht, kann uns egal sein, Ja, man kann noch fragen, ob die Steuer zu ihrem Recht gekommen ist, aber auch das interessiert mich eigentlich nicht. Das sind die Attitüden der Steinbrücks.

Karl Marx rotiert im Grab, Altkommunisten reiben sich die Augen. Wer bringt die Moral in die Wirtschaft? Das Kapital. Was die Kirchen in tausend Predigten nicht geschafft haben, realisiert die Börsenaufsicht in einem Strich. Und die neue Logik greift durch: Wer bescheißt, geht in den Knast. Da mögen sich der Mannesmann-Ausverkäufer Klaus Esser (unschuldig) noch freigekauft haben und dem Siemens-Vollstrecker Heinrich von Pierer (unschuldig) bis heute nichts nachgewiesen sein, seit Klaus Zumwinkel wissen die Großkopferten: Wenn was rauskommt, klingelt der Staatsanwalt. Und er bringt das ZDF gleich mit. Deshalb steht heute hinter jedem Vorstand ein Compliance-Manager (oder zwei): weil man bei den großen Geschäften nicht durch die kleinen Verbrechen gestört werden will. Für den alten Korpsgeist gibt es keinen Raum mehr. Heute zeigt eine Krähe die andere an.

Wenn also Massen-Sport nur in Zusammenhang mit mehr oder weniger organisierter Kriminalität geht, wird Sport nicht mehr mit Unterstützung der Unternehmen gehen. Hier sind noch hunderte von Stories im Rohr. Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. Auch im Massen-Sport kommt das Thema Compliance. Oder es hat sich dann ausgesponsort…  Wer wollte das bedauern?

Quelle: starke-meinungen.de