Logbuch
PAT & PATACHON.
RUSSLAND ist eine zentraleuropöische Nation. Zugegeben mit tiefem Hinterhof, aber doch eine Art naher Osten, kulturell gesehen. Man empfindet das ohne geopolitische Ressentiments, wenn man durch St. Petersburg schlendert. Paris klingt an. Amsterdam.
Dieses St. Petersburg ist zwar nur die zweitgrößte Stadt Russlands, aber sicherlich noch immer die schönste. Schon der Zar hatte sie als Ostseehafen geplant, aber als Tor zu Europa gemeint. Man darf sie ruhig weiterhin als Ausdruck der europäischen Identität Russlands sehen. Daran hat auch die vorübergehende Benennung als Leningrad nichts geändert.
Ohnehin hatte der Marxismus-Leninismus nichts Asiatisches; Mao Tse-tung möge mir verzeihen. Wo kam Lenin, dessen Mutter ja Deutsch war, eigentlich landsmannschaftlich her? Bei Karl Marx ist dies ja klar. Er kam aus Trier und war damit Pfälzer. Friedrich Engels kam aus dem Bergischen Land, genauer gesagt war er Oberberger, und zwar aus Engelskirchen; nahe dem Siegerland. Ein Pfälzer und ein Oberberger. Strange brew.
Wollte man zeitgenössische Repräsentanten für das Pfälzische und das Bergische nennen, so fielen einem Kurt Beck und Friedrich Merz ein. Eine Mischung aus Kurt Beck und Friedrich Merz? Damit ist klar, dass der Marxismus scheitern musste. Das konnte auch der Genosse Stalin nicht mehr retten.
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VOGELFREI.
Die ehemaligen Bündnisstaaten der großen Sowjetunion seien, sagt jetzt der russische Außenminister, nach dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes „verwaistes Gebiet“, das sich nun nicht der NATO zuwenden dürfe.
Es geht auch um das Baltikum. Auf dem Weg aus dem Livländischen nach St. Petersburg, vom unserem russischen Piloten schlicht PIETER genannt, niederländisch für den Heiligen Petrus, dem historischen Namensgeber für LENINGRAD. Zar & Zimmermann. Dünnbesiedeltes Gebiet, lichte Wälder, Heidelandschaft. Am Himmel pittoreske Schwärme schwarzer Vögel, in seltsamen Gebilden. Gespenstisch. Wirrer Flug: Wehe, wer jetzt keine Heimat hat.
Mit dem Turbo-Prop Überflug einer Hausmüllkippe in Finnland (sogenannter „landfill“); übersät mit Zugvögeln aller Art. Nicht nur Möwen, Enten, Krähen, Raben, größeres Getier. Ich kenn mich nicht aus in der Ornithologie. Der Pilot erläutert: Die Herrschaften finden hier hinreichend Nahrung. So dass der weite Weg nach Afrika nicht mehr lohne.
Die Diät kann ja so schlecht nicht sein; was vom Frühstück übrigblieb. Smörrebröd. IKEA-Küche. Lihapiirakka. Sehr lecker. Jedenfalls nicht „Tote Oma“ oder „Soljanka“. Wo wir gerade bei der DDR sind: Sind das nicht eigentlich auch „verwaiste Territorien“. Kann man da noch was nachverhandeln?
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MULTIKULTI.
Weltoffene Städte. Für Hong Kong galt das mal. Für KL gilt es noch. Und mit Einschränkungen für Singapur. Im Nordosten Europas ist Vilnius zu nennen. Eine Frage der Leitkultur.
Weiterfahrt vom Lettischen ins Litauische. Die Hauptstadt Vilnius war mal eine Metropole des Nordens. Uneinnehmbar für die Imperialisten des DEUTSCHEN ORDENS, der furchtbaren Ritter der Kolonialisierung des Ostens. Mich fasziniert der Grund für Stärke und Blüte. RELIGIONSFREIHEIT.
Vilnius galt als JERUSALEM DES NORDENS, mit einer großen jüdischen Gemeinde, zeitweise 40 % der Bevölkerung. Als die Nazis das Land überfielen, hatten sie 1000 Synagogen niederzubrennen. Und unter polnischem Einfluss gab es massiven Katholizismus. Vilnius ist auch das ROM DES NORDENS geworden. Kirchturm an Kirchturm.
Die Liberalität hatte Gründe: der Ort ist eine der ältesten UNIVERSITÄTSSTÄDTE. Die Pracht entstand seit dem Spätmittelalter und blühte noch im Barock; viele Gebäude aus dem 18. Jahrhundert. Wenn es nicht nur unter den vierzig Jahren der Sowjets so hätte verfallen können. Aber wir waren bei MULTIKULTI. So geht Blüte, war mein Argument.
Allerdings stand die Uni lange in schlechtem Ruf. Sie sollte der GEGENREFORMATION dienen und war eine Hochburg der JESUITEN. Da blickte das protestantische Preußen ex Königsberg böse hin. Aber örtliche Großbürgertum war evangelisch, da konnten die Schwarzen Seelen SJ deren Toleranz ausnutzen, aber mehr eben nicht. Alle anderen Religionen waren auch da. Bunt. Geschäftig.
Man wünscht sich, diesen Geist atmend, dass das reaktionäre Polen unserer Tage wieder unter litauischer Herrschaft stünde.
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Journalisten machen kein PR – das ist leider wahr
Der SPIEGEL zerlegt gerade seine Reputation; es tut in der Seele weh, wie jämmerlich sich das „Sturmgeschütz der Demokratie“ selbst darstellt. Es gehört ja zur Ehre der Investigativen Journalisten, dass sie kein PR machen. Ganz offensichtlich können sie es auch nicht. Das ist wie Moral im Alter: der Verzicht auf sexuelle Abenteuer fällt leichter, wenn auch die versagenden Lendenkräfte ihn nahe legen.
Man muss das dem Rest der Menschheit, der nicht zur hochwohl gelobten (ab-)schreibenden Zunft gehört, erklären: Was in der Liebe wahre Gefühle sind und was bezahlter Sex, dieser Unterschied bestimmt auch die Differenz von Journalismus und PR. Das sagen jedenfalls die Anhänger der wahren Liebe, die Redakteure, Inhaber der Vierten Gewalt. Und PR ist ihnen fremd. Die Ware Liebe wird von den PR-Leute betrieben, die Auftragsarbeiten ausführen.
Wer erwachsen ist und zu oft auf moralische Verklärungen reingefallen, weiß gleich: Hier stimmt was nicht. Aber es soll uns nicht darum gehen, die vermeintliche Ehre der PR-Leute zu retten (das macht schon deren Ethik-Rat in atemberaubender Peinlichkeit). Es geht uns um die Jammergestalt, die Journalisten abgeben, wenn es um ihre Zunft und ihre Blätter geht. Mein Anliegen ist die Autorität des gehobenen Journalismus, der Respekt vor einem Blatt wie dem SPIEGEL; mein Schmerz, die Posse, mit der beim SPIEGEL gerade die Chefredaktion ausgetauscht wird. Dabei wird unfreiwillig eine böse Geschichte über das Blatt erzählt, die wenig Respekt zurücklässt.
Was ist passiert? Man durfte in einem Blatt der nun wirklich anders gestrickten Springer-Presse lesen, dass die Chefredakteure für das gewichtige Blatt und den leichtfüßigeren Internetdienst rausfliegen, weil sie zerstritten sind und ein Geschäftsführer des Verlages findet, der eine tue nicht, was er wolle. Aha! Die Redakteure gelten als überrascht. Zuvor hörte man schon Dinge über das Betriebsklima und die Frauenquote in der Berliner Dependance und andere Grillen.
Wieso war man intern überrascht? Das verwundert, weil seit einigen Tagen alle möglichen Publizisten der Republik angemeiert werden, ob sie den oder die Jobs nicht wollen. Den Nachfolger suchen, um den Vorgänger los zu werden, das gehört zu den wirklich schmutzigen Verfahren im Personalmanagement. Wie Sauerbier wird Hans und Franz angeboten, was einst als der Olymp des Journalismus galt.
Zweiter Vorwurf: Der Online-Mann wolle keine Integration von Papier und Netz. Und er wolle die Gratis-Kultur, während die Springerleute angeblich zeigen, wie es geht. Zur Zusammenführung seien auch Redakteure des Blattes nicht geneigt, weil sie dann am Ende mehr als ein Stück im Monat machen müssten, was dann nun wirklich an Lohnschreiberei grenze. Hallo? Wer sich jemals die Stückchen aus SPON angesehen hat, weiß, das solche Häppchen zwischen Fahrstuhl und WC runterzudiktieren sind. Das alles mögen aber böswillige Gerüchte sein.
Jetzt aber kommt es. Was sagt die Pressestelle des Sturmgeschützes angesichts des Kommunikationsdesasters? Sie sagt, man werde keine Gerüchte kommentieren. Punkt, Ende, aus, Micky Maus. Das ist der absolute Dummfick-Satz der PR, für den selbst in PR-Agenturen der Provinz die Praktikanten rausfliegen. Und die Pressestelle sagt eben auch „off-the-records“ nichts mehr. So verschiebt sich die Schuld für das Elend spekulativ auf ein Wesen namens Mitarbeiter-KG. Das ist so schlecht, dass es schon Methode haben könnte.
Jetzt werden als neue Führer gehandelt: ein Leitender Redakteur der BILD, und der schon beim letzten Desaster vergraulte Grüne aus Bielefeld, inzwischen Herausgeber und Mitbesitzer eines Wirtschaftsblattes, eine Agentur-Mops, der gelernte Staatsanwalt und Ständige Vertreter Gottvaters bei der SZ, der Verlegersohn TGIF, der Pizzabäcker von der Leine, zur Zeit an der Spitze der Lehrerzeitung, ein Chefredakteur von Kölner Gnaden, der schon längst auf die schwarze Seite (vulgo: PR) gewechselt ist, es aber könnte…You name it.
Beenden wir die wilden Spekulationen und kommen zu den harten Fakten: das Problem heißt Mitarbeiter-KG. Der Altverleger Augstein hatte in einer eher philanthropischen als sozialistischen Anwandlung seinen Mitarbeitern die Hälfte des Unternehmens geschenkt. Die sind nun in Mielkes Letztem Kombinat, der Mitarbeiter-KG, organisiert. Schon beim unwürdigen Abgang der letzten Redaktionsspitze hatte man das Gefühl, dass hier das Heckenschützentum zur Königsdisziplin entwickelt ist. Aber nichts genaues, weiß man nicht. Denn Journalisten machen kein PR.
Was geht uns das als Leser an? Bitte ruiniert nicht ein Blatt, das wir schätzen und fürchten gelernt haben. Was geht uns das als Bürger an? Bitte ruiniert nicht einen Beruf, den wir schätzen und fürchten gelernt haben. Was geht uns das als PR-Menschen an? Gebt einem unserer Kollegen einen Job, damit diese Posse nicht ewig währt. Wenn wir nämlich in einer SPON-Welt wach werden, dann braucht es weder gute Journalisten noch gute PR-Leute. Das, was dann noch SPIEGEL heißt, kann der Leser oder ein paar Werbetussen sich selbst zurecht bloggen. Dann bliebe von der wahren Liebe noch der Quickie. Ach.
Quelle: starke-meinungen.de