Logbuch

MARATHON.

In Berlin findet an diesem Wochenende ein Marathonlauf statt, der die Straßen der Innenstadt den Autos entzieht und den sportlichen Massen gibt. Dazu habe ich als Anwohner eine Meinung, die nicht zählt. Als Bürger sage ich: Soll so sein. Schließlich ist zu feiern, dass im Jahr 490 v. Chr. die edlen Athener die elenden Perser geschlagen haben; dieser Sieg, das war die Botschaft des ersten Marathonläufers.

Nun haben die Aktivisten der LETZTEN GENERATION angekündigt, dass sie den Lauf blockieren wollen. Wg. Klima. So wie sie gerade das Brandenburger Tor mit Farbe beschmiert haben. Wg. Klima. Ich sehe im TV eine Sprecherin der LETZTEN, eine hysterische Dame der Oma-Generation mit dem Spruch, vor dem Klima könne man auch nicht weglaufen. Bei mir um die Ecke haben die Aktivisten ein Quartier in einer Kirche; dort filmt, als ich den Beussel Kiez erwandere, ein abgerissener Opa frech die vorgefahrene Wanne (Mannschaftswagen der Polizei). Beide Typen, Kampf-Oma wie Provo-Opa, könnte ich noch aus den Zeiten kennen, als wir „Ho, Ho, Hotschi Min!“ skandierten.

Es ist doch schön, wenn die Oldies im Alter noch eine Aufgabe haben. Und die Kids eine eigene Endzeit, derer sie sich erwehren. Jetzt aber mal im Ernst: Ihr verwirkt gerade den Anspruch darauf, noch ernst genommen zu werden. Man muss sich dieses Respektes selbst vor einer rigorosen Meinung auch würdig erweisen können.

Falsch, ist keine Meinung, sondern WISSENSCHAFT. Sagt der bullenfilmende Altachtundsechziger an der Wanne mir, dem promovierten Passanten. Ich frage ihn, ob er einen Abschluss hat. Statt einer Antwort spuckt er aufs Trottoir. Das ist also das, was Habermas deliberative Demokratie nennt. Egal, ich schlendre weiter Richtung Plötze. Da gehören sie eigentlich hin, geht mir durch den Kopf. Der Gedanke ist zu verwerfen.

Ob der historische Marathonlauf nun 38 km ausmachte oder über hundert (also von Sparta nach Athen ging), ist strittig. Für mich eh unerreichbar. Meine Physio will, dass ich 10.000 Schritte am Tag mache, also 10 km. Da könnte sich mal einer von der LETZTEN GENERATION in den Weg stellen und mir beim Schonen helfen. Jedenfalls schlugen damals 3.500 Christen aus Athen das Heer der 25.000 persischen Muslime, ohne ihre Mitgriechen aus Sparta hinzuziehen zu müssen. Das war im Jahr 490 v. Chr. So was weiß der studierte Mann.

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TRAINERWECHSEL.

Wenn die Mannschaft keine Tore schießt, muss der Trainer gehen. Das ist für ihn keine Schande. So soll das beim Fußball notorisch sein; ich habe aber eigentlich keine Ahnung von den Gepflogenheiten dort. Mich hat immer irritiert, dass beim Profikicken ausschließlich ehemalige Spieler zu höheren Ehren kommen. Das ist kein industrielles Prinzip; es stammt aus der Organisierten Kriminalität. Wie so manches andere auch.

Man soll übrigens die Clankriminalität nicht mehr so nennen, sagt Frau Künast (Grüne), weil es in den Clans auch Mitglieder gebe, die nicht kriminell seien. Tja, so ist das, wenn man nicht weiß, was „eineindeutig“ von „eindeutig“ unterscheidet. Clan ist nur eindeutig. Der Begriff sagt, dass alle Kriminellen dieser Bande verwandt sind; er sagt nicht, dass alle dortigen Verwandten kriminell sind. Die Grünen sind wie immer im Ton rigoros, aber schwach in Logik, eben sprachverwirrt, weil denkschwach.

Es geht mir aber gar nicht um OK oder um Fusseck (was eindeutig das gleiche ist), sondern um die morgendliche Mitteilung, dass ein hochgestimmter PR-Chef geschasst worden ist. Das passiert. Der heutige hat es für seine Verhältnisse ohnehin weit gebracht. Jetzt aber: er gehe auf eigenen Wunsch, heißt es, weil er mal eine andere Branche wünsche. Und dann lobt ihn sein bisheriger Chef über den grünen Klee.

Ich hoffe, dass es dem Kollegen persönlich gut geht; er ist ein Talent eher des unteren Drittels, vielleicht mittlerer Güte, aber ein netter Kerl. Alles Gute! Wenn sein alter Chef, der ihn gerade „freiwillig“ zurücktreten lässt, aber dabei doch noch öffentlich derart lobt, so weiß man als Insider vor allem eines: Der Auflösungsvertrag ist nicht ausverhandelt. Da wäre noch ne Million drin gewesen.

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HACKEPETER.

Gehacktes geht als Hamburger um die Welt und erfreut als Bulette den hungrigen Handwerker. Für die Ösis unter uns: faschierte Laibchen. Dem Bayern das Fleischpflanzerl. Der Berliner aber hat das ekligste Gericht kreiert, das Mettbrötchen.

Rohes Schweinefleisch wird gewiegt (nicht: gewogen), klassisch mit dem Wiegemesser, meist aber dem Fleischwolf, womit es nicht nur kurzfaseriger wird, also vorverdaut, sondern sich vor allen seine Oberfläche dramatisch vergrößert. Das freut die gemeine Trichine, aber auch andere Gäste, insbesondere den hinterhältigen Botox, der sich nachts vermehrt, wenn das zurückgestellte Mett im Stillen nachreift.

Zur Übertünchung der urinhaften Ebernote kommen Pfeffer und Salz, vor allem aber gehackte rohe Zwiebeln auf das Mettbrötchen, Gurke kann noch und Knoblauch. Gegessen wird mit großen Bissen aus der Hand. Rohes Schwein. Nur Pute finde ich ekliger. Obwohl ich noch kürzlich bei Corina das Kalbstartar genommen habe; logisch, auch roh.

Wozu ist das Feuer erfunden? Richtig, zum Durchbraten. Obwohl ich mein Steak „medium rare“ nehme, also fast noch blutig. Könnte man auch drüber nachdenken. Kurzum: Schwein nur als Bulette oder als Schinken, hauchdünn wie Negligés. Hackepeter geht gar nicht.

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Warum gibt es eigentlich so viele Arschlöcher?

With a little help from my friends: Auf der Suche nach einem Thema für diesen Kommentar habe ich einen Hilferuf unter meine Freunde gebracht. Auf FACEBOOK wurde auf meiner Pinnwand ein CALL FOR IDEAS gepostet. Basisdemokratischer geht es ja nimmer.

Partizipation ist Trumpf in den Social Media. Von meinen gut viertausend Freunden auf FACEBOOK haben sich dann die üblichen Verdächtigen gemeldet und Vorschläge für die Kolumne unterbreitet. So entstand die Frage nach den Arschlöchern. Lange habe ich überlegt, ob man überhaupt mit einem solchen Kraftausdruck aufmachen sollte.

Zwischenruf an meine Frau Mutter: Ja, Mama, ich weiß, dass das ein völlig unangebrachtes Wort ist. Aber so reden hier alle, Mama. Die Social Media haben einen „Informalitäts-Zwang“. Wer hier nicht umgangssprachlich und lässig daherkommt, der hat schon verloren. Ja, wie in der Gosse. Auch ältere Herrschaften pflegen hier einen derben oder losen Jargon, von dem sie annehmen, dass er dem der Jugend entspricht. Dazu gehört, jeden Text mit Informalitätsmarkern zu durchsetzen. Ja, Ghetto-Stil, ich weiß. Nein, Mama, die Leute glauben jetzt nicht, dass Du mir nichts Besseres beigebracht hast. Aber das ist Web-Zwei-Null, das ist der Fortschritt. Nein, wenn ich meine Füße unter Deinen Tisch stecke, werde ich nicht mehr so reden.

Abgesehen von den Bedenken der Wohlanständigkeit: Das Verfahren ist doch toll. Endlich steht in den Medien, was die Menschen wirklich beschäftigt. Mediendemokratie wird Wirklichkeit. Einer meiner Fratzenbuchfreunde fasst zusammen: „Wenn man sich all diese Vorschläge, Themen, Vorgänge mal anschaut, ist ein gemeinsamer Nenner: Warum gibt es eigentlich so viele Arschlöcher? 15.000 Jahre Menschheitsgeschichte! Und immer noch verpesten und verhindern lauter Vollidioten den Frieden, den Zusammenhalt, die Gerechtigkeit, die Solidarität, das Mitgefühl, die Wehrhaftigkeit, die Wahrhaftigkeit, die Kultur…Ist doch zum Durchdrehen.“ Mein Freund, ein kluger Kopf, ist empört.

Empörung ist wichtig in den Social Media. Trotz der notwendigen Rücksicht auf den Ruf meiner guten Erziehung muss man das Wort nennen, mit dem dann eine erfolgreiche Empörungskommunikation bezeichnet wird: „shitstorm“ ( wahrscheinlich angelehnt an das amerikanische Sprichwort von dem Moment, „when the shit hits the fan“, wobei letzterer „fan“ kein Anhänger, sondern ein Ventilator ist).

Aber nehmen wir die Frage ernst: Warum besteht der überwiegende Teil der Menschheit aus Arschlöchern? Die Frage geht mir nach, seit ich das Brecht-Wort gelesen habe, nach dem er von Menschen, auch sich selbst, immer nur das Geringste erwartet habe und noch nie enttäuscht worden sei. Da klingt dieser Song aus der Dreigroschenoper an: „Denn wovon lebt der Mensch? Dass er so gründlich vergessen kann, dass Mensch er doch ist; davon lebt der Mensch.“ Die ganze Oper handelt davon, dass der Mensch nicht nach der Moral lebe, sondern von ihr. Wie immer bei Brecht gibt es dafür eine Verdichtung: „Der Mensch, die Krone der Schöpfung, das Schwein.“ Das ist wohl nicht das christliche Menschenbild.

Ich erinnere mich an eine leidenschaftliche Diskussion darüber mit Toni Soprano im Bada Bing , diesem Tanzlokal, das ihm gehört. Toni hat zwei Menschenbilder, eines entspringt seiner alten Heimat, das andere seiner neuen. Als Migrant in New Jersey hat er Ansichten über seine Mitbürger afrikanischer Herkunft, mit irischen Wurzel und jüdischen Glaubens entwickelt, die nur noch übertroffen (oder unterboten) werden durch seine Vorurteile gegenüber Russen.

Gegenüber diesen Mitmenschen ist die Kategorie unserer Überschrift allemal angebracht. Toni kennt hundert Geschichten, die das belegen. Während er selbst versucht, seine Familie durch seine Tätigkeit in der Abfallbeseitigung („waste mangement“) zu ernähren, gehen die anderen mehr oder weniger verachtenswürdigen Jobs nach und sind sich dabei für nichts zu schade. Toni hält die Familie hoch und die Kirche, die katholische, versteht sich. Glaube, Treue, Fürsorge.

Salvatore („Big Pussy“) Bonpensiero stimmt ihm zu: So teilt sich die Welt in das Böse und das Gute, in Licht und Schatten. Dazwischen fällt, was wir lernen müssen über Heimkinder im katholischen Irland und auch unter der Hoheit der deutschen Kirchen. Elternlose Kinder, die ganz besonders schutzbefohlen sind, sollen hier über Jahrzehnte einer Schwarzen Pädagogik ausgesetzt worden sein.

Im Namen des Herrn wurden mit seelischer und körperlicher Gewalt Persönlichkeiten zerstört. Als wäre das nicht schlimm genug, soll es notorisch zu sexuellen Übergriffen durch die Geistlichen, Mönche und Nonnen gekommen sein, Notzuchtverbrechen unter’m Kreuz. Der fabelhafte Journalist Peter Wensierski hat das im SPIEGEL und in einem lesenswerten Buch und jetzt einem Film aufgedeckt. Das ZDF reagiert mit einem Themenabend. Hier ist Empörung angebracht, und das Schimpfwort unserer Headline eher noch zu schwach.

Was nun sagt die Täterseite zu diesem Wirken der Kirche Christi? Dass der scheidende Papst in seinem Pontifikat wesentlich zur moralischen Läuterung der schwarzberockten Agenten der Doppelmoral beigetragen habe, finden vor allem die seinen. Und sofort räumen sie ein: Man sei als Mensch halt fehlbar, und das werde so bleiben „bis zur Wiederkunft Christi“. Hallo? Solang darf dann wohl noch der Geist willig, aber das Fleisch schwach bleiben.

Toni Soprano im Bing findet ohnehin, dass man mit den Guten nicht so ins Gericht gehen solle und sich mehr auf die wirklich Bösen konzentrieren. Es gebe eben unsere Sache („cosa nostra“) und das, was, ich zitiere den Jargon, die Neger, Juden und Iren so anstellten; und die Russen seien die Schlimmsten. Und damit sind wir auf dem Punkt: Moral ist der Anspruch, den wir an andere stellen.

Oder das Mittel, mit dem wir andere richten wollen. Es geht um unser Geschäft. Moral ist eine Hure der Macht. Toni widerspricht lebhaft. Und er wisse  nun wirklich, was eine Hure sei. Allmählich beginne ich zu zweifeln, ob das Bing wirklich nur ein Tanzlokal ist. Toni sagt : ja. Er schwört es beim Leben der Jungfrau Maria. Salvatore Bonpensiero flüstert ihm ins Ohr, er könne nicht beim Leben der Jungfrau schwören, die sei nicht mehr. So lässt sich Toni nicht entmutigen. Dann eben auf das Bild von Padre Pio. Toni hat eine verblichene Postkarte mit einem süßlichen Porträt des Volksheiligen auf die Tür seines Wandsafes geklebt.  Für alle Fälle.

Quelle: starke-meinungen.de