Logbuch
ADULTS ONLY.
Wer der Hotelbuchung eines fremden Sekretariats zu folgen hat, weil ein Geschäftsfreund zu ungewollten Gefälligkeiten neigt, geht Gefahren ein. So finde ich mich in der bayerischen Provinz, wo Fuchs und Hase sich Gute Nacht sagen, in einem Luftkurort im Besten Haus am Platz gebucht. Das Ding heißt waidmännisch, wenn ich mich recht erinnere, ZUM ALTEN BOCK, und ist ein Hotel, das Wellness auf seine Fahnen geschrieben hat sowie seit neuerem einen Sternekoch.
Eine mittlere Bettenburg mit Bäderbetrieb, fürchte ich, mit der Bahn anreisend. Wahrscheinlich auch Sauna und sowas. Ich nutze einen der seltenen Momente, da zufällig eine Internetverbindung gegeben, und stöbere auf der Homepage der Trachten- und Jodelbude. Ups. Ich finde einen überdeutlichen Hinweis, der mich wachrüttelt. Das Etablissement verlautet, nur Erwachsenen zugänglich zu sein. Der Code „adults only“ steht international eigentlich als Warnhinweis vor pornographischem Unterfangen. Vorsicht: obszön! Die werden mich doch nicht in einen Puff gebucht haben. Wie heißt das Ding noch? Irgendwas mit einem geilen Bock.
Gemach. Der neudeutsch Wellness genannte Bäderbetrieb wünscht nur keine spielenden Kinder am Pool, da die älteren Herrschaften ihre Ruhe genießen möchten. Deshalb sind Kinder hier als Gäste des Hotels unerwünscht. Ich erspare mir Anmerkungen zu der damit positiv sanktionierten Population. Wohlsein! Weil, der Skandal kommt noch. Die Begleitung durch Haustiere ist nämlich durchaus erwünscht. Man bietet gar besondere Hundezimmer an. Das meint wohl Zimmer für kinderlose Rentner mit Pudel, Dackel & Co. Dürfen auch in den Speisesaal.
Ich bin regelrecht empört. Das hier ist wirklich obszön. No kids, but pets. Ich mache mir ernsthaft Sorgen um mein Vaterland. Wer keine Kinderzimmer mehr will, der stirbt zurecht allein. Willkommen beim kulinarisch hochwertigen Seniorenteller für den alten Bock. Übrigens in Begleitung einer deutlich jüngeren Dame, die seine Tochter sein könnte. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
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PAULANER GARTEN.
Es trauern viele Freunde des Journalismus um Professor Volker Wolff, der unbemerkt und im Familienkreis verstorben. Ich kannte ihn schon vor seiner Zeit an der Universität zu Mainz; er war Chefredakteur der Wirtschaftswoche, als die noch als stockseriöses Blatt galt. Er verließ das Gewerbe und ging in die Stadt Gutenbergs; freilich mit einer stillen, aber eisernen Mission. Er wollte guten Journalismus. Er meinte das ernst.
Persönliche Zwischenbemerkung: Ich fand mich in seiner Gunst und schulde ihm einiges, obwohl doch Vertreter einer anderen Profession. Deshalb mein Salut mit den Worten: Ein guter Mann. Ein feiner Kerl. Aber er war schon zu seiner Zeit ein Anachronismus. Ich will jetzt nicht in die Schilderung anderer Figuren auf seinem Stuhl gehen, die niemand mehr erinnert. Vielleicht nicht ganz zu Unrecht. Sagen wir es nicht biografisch, sondern begrifflich. Was war Wolffs Welt?
Er vertrat zwei Trennungsgebote. Zunächst das von Nachricht und Meinung. Wie im historischen Layout der FAZ, links die Fakten, rechts der Kommentar, dazwischen ein Balken. Dann als zweites die wahrnehmbare Trennung von Redaktion und Werbung. Das eine verantwortlicher Journalismus, das andere Marketing von Werbekunden. Verdeckte Mischformen von Wirklichkeit und Wertung oder Wahrheit und Werbung waren verpönt. Das war ja allenfalls das Wesen von PR, hier Verwirrung zu stiften. Tjo, der olle Wolff und das betuliche Mainz.
Heutige Diskussionen, in der Generation seiner Epigonen und an anderen Orten, etwa auf Musikdampfern in Berlin, sind nicht nur durch eine Verwischung dieser Grenzen gekennzeichnet, sondern der vorsätzlichen Tarnung des einen durch das andere. Meinungsäußerung gebiert sich als Tatsachenbehauptung. Meinung schafft Fakten. Geschmiert erscheint die Wahrheit im gekauften Umstand der vermeintlichen Unschuld. Um es mit einem großen Dichter vom Schiffbauerdamm zu sagen: Aus der wahren Liebe wurde die Ware Liebe. Natürlich nicht immer, aber immer öfter.
Das ruft sich als der Pionier aus, und ist beides, sehr guter Journalismus ebenso wie die Tarnung der Propaganda als Vierter Gewalt. Geld fließt verdeckt immer und überall; aber auch offen beworben. Gibt es überhaupt noch Grenzen? Ja, der Kapitän der PR-Aida will in seinen Podcasts die Werbung nicht auch noch von den Redakteuren selbst vorgelesen wissen. Man bietet heutzutage die darin liegende Verwechslungsgefahr verlegerisch gegen Extraknete an. Das nennt Gabor Steingart, der Bötchen-Pionier, Prostitution. Es hartes Wort und nicht gentleman-like.
Volker Wolff hätte die ganze Veranstaltung verortet, wo sie seiner biederen Haltung nach im „Genius Loci“ hingehört, in den Paulaner Garten. In Mainz gehen die Uhren anders. Überhaupt eine interessante Uni für Publizisten. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Salut für den Anachronisten Volker Wolff. Möge ihm die Erde nicht zu schwer werden.
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KOCH & KÜCHENJUNGE.
Der Chef de Cuisine, das ist kein Familiengrad, also nicht etwa mein Onkel. So nennt sich im französischen System der jeweilige Meister der Speisenzubereitung. Die Franzmänner sind im Kulinarischen Weltmeister, weil sie den Kochbetrieb wie eine Brigade organisieren. Es wird der Kommiss zum Vorbild genommen, weshalb der Jungkoch auch Commis de Cuisine heißt. Genug der Kalauer. Es geht darum, dass die Küche eines Restaurants zu einem symbolischen Muster des Zusammenlebens geworden ist. Die Welt im Spiegel der Kochmützen.
Schuld ist das englische Boulevard-TV, das aus dem Koch Gordon Ramsay einen gnadenlosen Tyrannen stilisiert hat, der fluchend, beleidigend und erniedrigend seine Mannschaft schikaniert. Mit ihm zu arbeiten, wurde schon im Titel der Fernsehfilmchen als Alptraum bezeichnet. Warum fasziniert das die Zuschauer im Unterschichtsfernsehen? Kein Vorbild, sollte man meinen.
Es gab auch eine nette Alternative, Jamie Olivier, der Junge von Nebenan, der der englischen Hausfrau erklärte, wie man es zu mehr bringt als Heinz seinen gebackenen Bohnen in Zuckersauce auf Toast. Beide haben aus den Koch-Exerzitien ein Vermögen gemacht. Auch im Spott über das, was die Ammis unter Kochen verstehen. Bei uns ahmen das mittlere Größen wie Tim Mälzer und Frank Rosin nach; peinliche Kopien einer spektakulären Idee.
Jetzt zur Generation Z am Kochlöffel. Ich rede mit einem Sternekoch im Bayrischen, ein Mann mittleren Alters, der mir berichtet, der neue Küchenjunge habe das Bewerbungsgespräch damit begonnen, dass er ein vertrautes Du als Anrede intonierte, worauf der Chef erwiderte, dass er zwar duze, aber nicht geduzt werde. Das hat den Küchenjungen überrascht.
Das Gutsherren-Du war früher üblich, aber immer mit dem Nachnamen. Ältere Herrschaften redete man ohnehin mit einer gewissen Ehrfurcht an. Und „Sie plus Vornamen“ galt bei Chauffeuren und dem Frisör. Der Küchenjunge aus Bayern ist übrigens trotz Vertrag am ersten Arbeitstag gar nicht erst erschienen, wohl weil ihm das Klima nicht behagte. Man ist nicht auf der Welt, um alle fünf Minuten „Oui, Chef!“ zu brüllen.
Ein Chef de Cuisine im Elsass erzählt mir von der losen Arbeitsmoral seines angehenden Commis, der absehbaren Arbeitsspitzen, etwa an Feiertagen oder zu gutem Wetter, durch Krankmeldung zu entgehen wusste. Natürlich gibt es eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, meist ohne Brimborium eines ärztlichen Attestes und es wird ohnehin anständig gezahlt. Aber verblüfft sei er doch gewesen, als die Frau Mama den erwachsenen Filius mittels handgefertigtem Briefchen abmeldete vor dem Kirchweihfest. Wegen einer Essig-Allergie und dieserhalb zu beklagendem Durchfall. Gute Besserung.
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Wir geben nix ! Ein Plädoyer für Hartherzigkeit
Mildtätigkeit ist ein widerlicher Charakterzug. Jetzt auch Hasso Plattner, davor Bill Gates und David Rockefeller. Die Milliardäre wollen, nachdem sie sich ein Erwerbsleben lang ohne jeden Skrupel bereichert haben, geliebt werden und als kunstsinnig erscheinen.
Das ist der alte Mäzenatentraum, in dem sich die Wucherer und Ausbeuter in den Augen ihrer Zeitgenossen zu besseren Menschen erheben wollen. Es drängt ihre Seelen eine Art von Altersmilde. Ein kleines Paradies auf Erden soll nun ihren Namen tragen. Das Motiv ist vielleicht Reue, sicher aber Eitelkeit. Ekelhaft.
Der Mensch lebt ja nicht nur von Kunst allein; manche, so weiß man selbst in den besseren Vierteln, hungern wohl. Hier setzen die „Tafeln“ an, die arme Menschen aus den Mülltonnen der Reichen ernähren wollen. Weil man Lebensmittel, das tägliche Brot des Herrn, ja nicht einfach wegwirft, wird die Suppenküche mit den Resten aus dem Sterne-Restaurant aufgenordet. Den hungrigen Bettler, der an unsere Tür klopft, weisen wir auf unsere Mülltonne? Widerlich.
Pferdefleisch hat sich in die Nahrungskette jener geschlichen, die nur argentinisches „beef“ mögen oder spanischen „ham“, weil sich die Tiere allein von Gras oder Kastanien ernährten. Weil die Tiefkühlgourmets nun Ekel ereilt, entsteht eine mildtätige Idee: Man möge doch die Lasagne mit Fury nicht wegwerfen, sondern an die Armen verfüttern. Zynisch.
Der Frankfurter Hauptbahnhof wird von Sinti und Roma durchzogen, die systematisch betteln. Über diese Romakinder höre ich nun, dass sie als Sklaven in gewerbsmäßigen Banden gehalten werden und 350 € pro Tag an die Clanchefs abliefern müssen, wollen sie nicht als Stricher zur Prostitution gezwungen werden. Mir kommt der Gedanke, dass ich mit meinem Euro dieses System überhaupt erst möglich mache. Fassungslos.
Dabei gebe ich gerne. In Berlin Moabit kommt jeden Samstag ein Trompeter durch die Straße, immer werfe ich Geld vom Balkon. Ein Kind sammelt es ein. Ich fühle mich dabei gut, ja, danach fühle ich mich sogar besser, weil ich, der Schlipsträger, gezeigt habe, dass ich ein Herz habe. So ein klein wenig fühle ich mich wie der tolle Hasso in Potsdam. Was mein karitatives Herz aber in Wirklichkeit wärmt, ist Eitelkeit. Scheinheilig.
Geht es hier gegen versklavte Romakinder oder Junkies auf Entzug oder verarmte Menschen mit Hunger oder Universitäten mit Finanzbedarf oder klamme Museen, denen man ein Kupferdach schenken muss? Unsinn. Es geht darum, dass Mildtätigkeit die Empfänger beschämt und die Geber in dem Maße erhöht, in dem sie die Beschenkten erniedrigt. So wird nicht das Elend beseitigt, sondern es erscheint erträglich, den Nicht-Elenden. Hartherzigkeit wäre hilfreicher.
Niemand soll in diesem Land unter Brücken schlafen müssen oder aus Mülltonnen essen; das ist mein politischer Ernst. Aber genau dagegen hilft nicht diese scheinheilige Mildtätigkeit, sondern nur eine wirkliche Veränderung der Verhältnisse. Dieses „Geben-Wollen“ verlängert das Elend. Wir sollten es lassen. Im großen wie im kleinen. Christliche Nächstenliebe ist etwas ganz anderes, denn sie ist reinen Herzens.
Die Hassos dieser Welt mögen sich doch bitte ein anderes Hobby suchen, um ihr Ego zu pflegen. Vor die Altersmilde hätten sie in ihrem Erwerbsleben Steuerehrlichkeit stellen können. Und dort, wo der Staat ihnen die Steuerflucht legaliter erlaubt hat, Steuerredlichkeit. Und sollte die Mildtätigkeit auch noch staatssubventioniert, sprich steuersparend sein, so gilt endgültig: Schluss mit der Doppelmoral der milden Gaben.
Quelle: starke-meinungen.de