Logbuch
FREITAG, DER FREMDE.
In den Kaffeehäusern Londons kursierte ab 1719 eine Reportage, um einen englischen Seemann, der 28 Jahre auf einer einsamen Insel überlebt hatte. Mittels seiner Hände Arbeit! Robinson Cruseo war ein Exempel für das neue Selbstbewusstsein des Bürgers, der seine Existenz nicht dem Adel oder Gott verdankte, sondern seiner Arbeit. Selbstkonstitution durch Arbeit; die Moderne der Aufklärung begann. Viel Licht, viel Schatten.
Was macht der Weiße Mann, da er auf den Eingeborenen trifft? Nun, er macht ihn, den Wilden, zu seinem Diener; im Geiste dieser Zeit eh klar. Da der fremde Kerl im Rahmen seiner Anstellung auch einen Namen braucht, benennt er ihn, berichtet Daniel Defoe, nach dem Wochentag, an dem er auftauchte. Freitag war geboren. Zu mehr Individualität hat es nicht gereicht. Eine typische Geschichte für all jene, die das Verhältnis des weißen Gentlemans zu den „persons of color“ kritisch sehen. Freitag, der Fremde; wie arm ist das denn?
Auch wer die Fremden freundlich zu begrüßen denkt, wird sich doch vor Romantisierungen hüten wollen. An der Bushaltestelle in Zehlendorf hat sich auf der Bank ein wohnungsloser Mann regelrecht niedergelassen, den sie Zigeuner nennen; was mir als Begriff nicht so leicht fällt, da ich das dicke Buch von Bogdan über Antiziganismus gelesen habe. Das Wort stammt hier und heute von dem Inhaber des vietnamesischen Restaurants gleich hier hinter der Haltestelle. Er sagt es zu dem von ihm herbeigerufenen türkischstämmigen Polizisten, der seiner brandenburgischen Kollegin ob der Situation ratlos ins Gesicht schaut. Schwieriger Job. Ich möchte mit der Streife nicht tauschen.
Aus anderen Kiezen wird berichtet, dass das Gesetz der Straße von Gruppen in die Hand genommen wird, die sich im Sinne ihrer Herkunftskulturen patriarchalisch verstehen, ihren Gott über das Gesetz stellen und Frauen dem Sachrecht zu ordnen. Ich bemühe mich um eine zurückhaltende Beschreibung. Aber man muss einräumen, dass es zu Fragen der Integration unterschiedlich gut geeignete Voraussetzungen gibt. Und unterschiedlich starke Bereitschaft. So wie es natürlich berechtigte Ängste vor einem Verlust der eigenen Identität gibt. Daniel Defoe hatte Robinson befragt, nicht aber Freitag.
Alle mir bekannten Gesellschaften, in die Zuwanderung stattfindet, kämpfen mit den Fragen der Integration. Das ist ein sozialer Prozess, der der politischen Gestaltung bedarf. Gute Nachbarn kriegt man nicht geschenkt. Und darum haben die Robinsons ja auch Regeln aufgestellt, die sich Menschenrechte nennen oder Religionsfreiheit oder Gewaltenteilung. Die gelten übrigens in der ganzen Woche, nicht nur freitags.
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CUPPA.
Der englische Rundfunk begleitet mich seit Radio Caroline, ein Piratensender, der von einem Schiff in der Nordsee aus das Sendemonopol der BBC durchbrach. Man spielte ganztägig Musik, jene neue, die sich Pop nannte und dem Rock&Roll entstammte. Bands wie THE WHO oder STATUS QUO begeisterten ein junges Publikum; man fühlte sich kulturrevolutionär gestimmt. Mir war es vor allem ein Rätsel, wie man bei Seegang eine Schallplatte abspielen konnte.
Heute höre ich, sittlich reifer, Classic FM; andere Musik, älteres Publikum, wahrscheinlich die gleichen Menschen, die Ende der Sechziger Caroline hörten. Damals wie heute befassen sich die Moderatoren (früher DJs) mit Belanglosigkeiten. Wir erleben die Konversation über ein Sammelsurium des englischen Alltagslebens, Exempel der elementaren Soziokultur. Es gibt eigene Sendungen mit dem Inhalt, was man gestern zuletzt getan habe. Meint: vor dem Zubettgehen. Die meisten Hörer berichten vom Teetrinken.
Der Inglese setzt zumeist den Kessel auf und brüht sich Tee, cup of tea, auch kurz „cuppa“. Was hat dieses Volk gemacht, bevor sie China und Indien ausplünderten, um Tee und Zucker heimzubringen? Man kann doch nicht ganze Tagesabschnitte mit heißem Wasser und einer winzigen Spur von Koffein verbringen. Ich vermute, dass diese Ritualisierung von warmem Wasser einfach nur tarnt, dass sie nix tun, während sie das Zeug schlürfen. Wie der Türke beim Kaffee. Oder sind das die Araber? Und nimmt der Muslim nicht auch Tee? Oder Mocca? Italienische Kaffeeautomaten mit dem Aufwand von Mondlandefähren.
Das eigentliche Thema ist, lerne ich als Kulturanthropologe, die Ritualisierung der Biederkeit. „No sex, please, we‘re British!“ So sind sie vergangen, die Sehnsüchte des Rock&Roll. Cuppa tea. Tass Kaff.
Logbuch
DAS LEBEN ALS FUSSNOTE.
Tagebücher stehen im Geruch, besonders authentisch zu sein, weil man annimmt, sie seien unverbrüchlich Zeugnis einer Beichte. Insbesondere bei berühmten Menschen erlangen sie daher einen geradezu historischen Wert. Das könnte ein Irrtum sein.
Eine Historikerin erzählt mir, dass der Propaganda-Minister der Nazis, der unsägliche Joseph Goebbels, seine Tagebücher schon vor der Niederschrift an einen Verlag verkauft habe, da er das Geld zum Erwerb eines Anwesens an den Promigestaden Berlins benötigte. Goebbels hat dann also Tagebuch geführt in dem Wissen, dass sie veröffentlicht werden, und man ja annehmen musste, dass der „Führer“ noch lebte und herrschte und die eifersüchtigen Schergen der faschistischen Meute. Was erwartet man unter diesen Umständen von seinen Lebensbeichten? Dokumente des Widerstands?
Überhaupt ist es nicht unüblich, dass die Rechte an Tagebüchern schon an Verlage veräußert werden, bevor sie überhaupt geschrieben worden sind. Gilt auch für die Memoiren wichtiger Leute, die sie nach öffentlichen Aufgaben zu kargem Lohn nunmehr als Autoren ihrer selbst reich machen sollen. Wer hätte da den Mut darzulegen, dass sein Leben langweilig war und er selbst ein Einfaltspinsel.
Ein weiteres Hindernis für ertragreiche Lektüre liegt im historischen Verlust des Kontextes. Der spätere Leser hat nicht mehr auf dem Schirm, was dem Zeitgenossen noch präsent war. Was heute ein Mörderwitz, kann morgen ein schaler Kalauer sein. Oder gänzlich krude. Viele Schlüsselromane werden so nur noch verständlich durch einen Monsterapparat an Fußnoten. Das mag den Philologen faszinieren, für den flüchtigen Leser ist das eine Tortur.
Der Weltmeister im Verstellen von Verständnis war der Dichter Franz Kafka. Ich lese gestern, dass es bei der Parabel „Vor dem Gesetz“ eigentlich um die Auflösung seiner Verlobung im Askanischen Hotel gegangen sei, die er ohnehin durch einen flotten Dreier kompliziert hatte; zudem hätte es Inzestängste gegeben. Ja, Alta, man kann es sich aber auch unkommod einrichten. Max Brod hätte das ganze Zeug seines Kumpels weisungsgemäß verbrennen sollen. Was es damit auf sich hat, erfahren Sie in hundert Jahren hier an dieser Stelle durch eine Fußnote.
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Wir geben nix ! Ein Plädoyer für Hartherzigkeit
Mildtätigkeit ist ein widerlicher Charakterzug. Jetzt auch Hasso Plattner, davor Bill Gates und David Rockefeller. Die Milliardäre wollen, nachdem sie sich ein Erwerbsleben lang ohne jeden Skrupel bereichert haben, geliebt werden und als kunstsinnig erscheinen.
Das ist der alte Mäzenatentraum, in dem sich die Wucherer und Ausbeuter in den Augen ihrer Zeitgenossen zu besseren Menschen erheben wollen. Es drängt ihre Seelen eine Art von Altersmilde. Ein kleines Paradies auf Erden soll nun ihren Namen tragen. Das Motiv ist vielleicht Reue, sicher aber Eitelkeit. Ekelhaft.
Der Mensch lebt ja nicht nur von Kunst allein; manche, so weiß man selbst in den besseren Vierteln, hungern wohl. Hier setzen die „Tafeln“ an, die arme Menschen aus den Mülltonnen der Reichen ernähren wollen. Weil man Lebensmittel, das tägliche Brot des Herrn, ja nicht einfach wegwirft, wird die Suppenküche mit den Resten aus dem Sterne-Restaurant aufgenordet. Den hungrigen Bettler, der an unsere Tür klopft, weisen wir auf unsere Mülltonne? Widerlich.
Pferdefleisch hat sich in die Nahrungskette jener geschlichen, die nur argentinisches „beef“ mögen oder spanischen „ham“, weil sich die Tiere allein von Gras oder Kastanien ernährten. Weil die Tiefkühlgourmets nun Ekel ereilt, entsteht eine mildtätige Idee: Man möge doch die Lasagne mit Fury nicht wegwerfen, sondern an die Armen verfüttern. Zynisch.
Der Frankfurter Hauptbahnhof wird von Sinti und Roma durchzogen, die systematisch betteln. Über diese Romakinder höre ich nun, dass sie als Sklaven in gewerbsmäßigen Banden gehalten werden und 350 € pro Tag an die Clanchefs abliefern müssen, wollen sie nicht als Stricher zur Prostitution gezwungen werden. Mir kommt der Gedanke, dass ich mit meinem Euro dieses System überhaupt erst möglich mache. Fassungslos.
Dabei gebe ich gerne. In Berlin Moabit kommt jeden Samstag ein Trompeter durch die Straße, immer werfe ich Geld vom Balkon. Ein Kind sammelt es ein. Ich fühle mich dabei gut, ja, danach fühle ich mich sogar besser, weil ich, der Schlipsträger, gezeigt habe, dass ich ein Herz habe. So ein klein wenig fühle ich mich wie der tolle Hasso in Potsdam. Was mein karitatives Herz aber in Wirklichkeit wärmt, ist Eitelkeit. Scheinheilig.
Geht es hier gegen versklavte Romakinder oder Junkies auf Entzug oder verarmte Menschen mit Hunger oder Universitäten mit Finanzbedarf oder klamme Museen, denen man ein Kupferdach schenken muss? Unsinn. Es geht darum, dass Mildtätigkeit die Empfänger beschämt und die Geber in dem Maße erhöht, in dem sie die Beschenkten erniedrigt. So wird nicht das Elend beseitigt, sondern es erscheint erträglich, den Nicht-Elenden. Hartherzigkeit wäre hilfreicher.
Niemand soll in diesem Land unter Brücken schlafen müssen oder aus Mülltonnen essen; das ist mein politischer Ernst. Aber genau dagegen hilft nicht diese scheinheilige Mildtätigkeit, sondern nur eine wirkliche Veränderung der Verhältnisse. Dieses „Geben-Wollen“ verlängert das Elend. Wir sollten es lassen. Im großen wie im kleinen. Christliche Nächstenliebe ist etwas ganz anderes, denn sie ist reinen Herzens.
Die Hassos dieser Welt mögen sich doch bitte ein anderes Hobby suchen, um ihr Ego zu pflegen. Vor die Altersmilde hätten sie in ihrem Erwerbsleben Steuerehrlichkeit stellen können. Und dort, wo der Staat ihnen die Steuerflucht legaliter erlaubt hat, Steuerredlichkeit. Und sollte die Mildtätigkeit auch noch staatssubventioniert, sprich steuersparend sein, so gilt endgültig: Schluss mit der Doppelmoral der milden Gaben.
Quelle: starke-meinungen.de