Logbuch

DER SCHILLERNDE IM RADIO.

Gestern wurde mit mir ein Podcast produziert. Ich hatte keine Ahnung, was das ist, habe aber geduscht und den etwas besseren Anzug angezogen. Sogar Kaffee und Kuchen besorgt. Alles überflüssig. Es wurde nur der Ton aufgezeichnet. Dampfradio? Volksempfänger? Echt?

Ich hatte kein UHER Reportertonband erwartet, dessen legendäres Laufwerk noch mit einem Federaufzug mechanisch angetrieben wurde. Das war mir klar. Obwohl mich ein solches Wiedersehen gefreut hätte. Man hatte damals Kopfhörer vom Format englischer Bärenmützen. Heute stecken zwei weiße Knöpfe in meinem Ohr, die 170 Euro gekostet haben und unaufgefordert mit mir reden. Ob sie einen Anruf von Karl Arsch entgegennehmen sollen, fragen sie, mitten in ein Interview rein. Wissen die Schlaumeier nicht, dass ich gerade podcaste?

Als ich noch regelmäßig in den Talkshows des Fernsehens saß, erkannte mich jeder zweite Taxifahrer. Ich galt als der mit dem Hang zur kräftigen Meinungsäußerung. Und es gab einen Komiker, der regelmäßig die Frage parodierte: „Komm ich jetzt im Fersehn?“

Nun, mein VIP-Status ist verdampft, ich komm jetzt im Radio. Vermute ich. Gibt es einen Podcast-Sender? Zwischen Langenberg, Seligenstadt und Königswusterhausen?

Jedenfalls hatte der Redakteur nur zwei Minigeräte dabei, eins davon wohl sein Handy und ein sorgsam getipptes Manuskript. Tolle Vorbereitung. Es ergab fast eine Stunde lang ein so intensives Gespräch, dass wir vergaßen den Kuchen zu verzehren. Der Kaffee wurde kalt. Kalter Kaffee also. Wann kommt das im Radio? Auch das habe ich vergessen zu fragen.

Den Herausgeber des betreffenden Blattes kenne ich seit mehr als 40 Jahren; ich traf ihn erstmals 1981 bei der Ruhrkohle AG, wo ich als Redenschreiber diente. Den Chefredakteur, der mich gestern besuchte, habe ich vor mehr als 35 Jahren kennengelernt; ich war Geschäftsführer der PR-Gesellschaft der Stromversorger. Fast ein ganzes Berufsleben lang haben diese Jungs mich begleitet. Darüber lohnt es sich zu staunen. Und es herrschte immer ein fast freundschaftlicher Ton.

Mehr sage ich nicht. Weil ein PR-Profi niemals einen Journalisten lobt. Oder gar Freundschaft nachsagt. Das würde dessen Unabhängigkeit in Frage stellen; geht also gar nicht. Man stellt sich im Pressekontakt dem Urteil einer anderen Macht, der Vierten Gewalt, und hofft auf ein faires Urteil. Wer so viel Diplomatie nicht beherrscht, möge Botschafter der Ukraine werden oder deren Staatsschauspieler, zum PR-Manager taugt er nicht.

Jetzt sagt der Chefredakteur in dem Podcast (woher kommt dieses komische Wort für ein Radiointerview eigentlich?), dass er „eine der schillerndsten Figuren der PR-Branche“ zu interviewen habe. Woher, frage ich mich, kommt dieses Werturteil? Was ist dieses Schillern? Glitzern im Halbschatten? Wie schillert man im Radio, wo ja gar kein Licht an ist?

In dem Podcast wird vom dem Interviewer ein geneigtes Journalistenurteil über meine Berufsrolle verlesen. Ich lasse mich verleiten, den Journalisten, der mich lobt, zu loben. Ein echter Lapsus. Als ich dann noch, auf Nachfrage, dessen Name nennen soll, finde ich in die Professionalität zurück. Keine Namen. Jedenfalls kein Lob. Über üble Nachrede, da kann man immer reden. Aber kein Lob mit Klarnamen. Wir sind hier doch nicht bei LinkedIn.

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ÖLGÖTZEN.

Die Flut in Hamburg machte Helmut Schmidt zum Helden. Die Flut an der Ahr beendete politische Karrieren. Weil im Herzen der Wähler der Wunsch nach dem Nothelfer SANKT CHRISTOPHERUS steckt. Wir wollen wie das Jesuskind durch die Fluten getragen werden.

Wir haben eine religiöse HEILSERWARTUNG an die Politik. Blanker Aberglaube. ÖLGÖTZEN in unseren Seelen. Wenn die Politiker dieser Legendenbildung entsprechen, behandeln wir sie wie HEILIGE. Wenn sie unsere Erwartungen aber enttäuschen, ereilt sie das Schicksal aller Märtyrer. Sie werden geopfert. Das erklärt die jüngsten Fälle. Heilige wurden Hexen.

Natürlich scheiterte die schwarze Dame in Düsseldorf und die grüne in Berlin daran, dass sie gelogen haben. It‘s never the crime, it‘s always the cover up. Aber was das Lügen angeht, da sind Wähler leidensfähig. Die Enttäuschung sitzt tiefer. Der Reisende erwartet Schutz von jenem Riesen, der als St. Christopherus das Jesuskind auf seinen Schultern durch die Fluten trägt. In tausenden Autos kleben dessen Plaketten. Der ADAC-Rettungshubschrauber heißt sogar so. Gib mir den Christopherus!

Wenn aber religiöse Inbrunst enttäuscht wird, schlägt sie in Rachegelüste um. Ich folge der Kritik, die diese Heiligenverehrung in der Reformation erfahren hat, man sprach von Götzendienst an Ölbildern, darum ÖLGÖTZEN. Ich sage: Das Problem ist nicht die Politik, sondern unsere alberne Heilserwartung. Nun, die Grünen bestehen politisch nur aus solchen Heilsversprechen; insofern trifft es im Fall Anne Spiegel schon die richtige Fraktion.

Ich prognostiziere, dass die ENTMYTHOLOGISIERUNG des Friedensengels Annalena Baerbock furchtbar wird. „Frieden schaffen mit Angriffswaffen!“ Höre ich als neues Motto der ehemalige Friedensbewegung. Hmmm. Das wird ein böses Erwachen. Deshalb ist die Zurückhaltung von Kanzler und Vizekanzler politisch entschieden klüger.

Ja, ich lobe, wen ich einst als SCHOLZOMATEN schmähte. Man übt Zurückhaltung. Um den Preis der Kriegstreiberei rate ich ohnehin nicht zu großen Gesten.

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DEN SPIEGEL VORHALTEN.

Im großen Welttheater, das wir Politik nennen, darf das Publikum die Bühne und ihre Helden bestaunen. Die komischen wie die tragischen. Um sich selbst die Frage zu stellen, wer es denn sei.

Die Grüne Anne Spiegel räumt gestern Abend öffentlich Überforderung ein und erlaubt sich ein BEISEITE-SPRECHEN auf offener Bühne. Tragisch vielleicht, aber nicht verwerflich. Da zögert der Satiriker und begnadigt. Der Rest ist Schweigen.

Der Grüne Anton Hofreiter übt sich kurz vorher als Rüstungsexperte und wird dampfplaudernd zum Kriegstreiber. Ein Gescheiterter sucht Revenge. Das weckt den Satiriker und er zürnt. Dass dieser Butterblumen-Striezi uns zur Kriegspartei drängt und unaufgefordert den Panzerschrott der Rheinmetall verticken will, das nehme ich den Grünen übel. Reaktionär.

Überhaupt ist meine Stimmung angegriffen, weil der TATORT gestern so grausam war, jedenfalls für Menschen, die dem Jagdhandwerk eher fern stehen. Meine Seele wäre lieber Förster denn Jäger. Lieber sähe ich hundertjährigen Eichen beim Wachsen zu, als dass es mich gelüstete, selbst erlegte Wildsäue auszuweiden.

Wenn das bitte für den nächsten TATORT wie die WELTPOLITIK berücksichtigt werden könnte.

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Wir geben nix ! Ein Plädoyer für Hartherzigkeit

Mildtätigkeit ist ein widerlicher Charakterzug. Jetzt auch Hasso Plattner, davor Bill Gates und David Rockefeller. Die Milliardäre wollen, nachdem sie sich ein Erwerbsleben lang ohne jeden Skrupel bereichert haben, geliebt werden und als kunstsinnig erscheinen.

Das ist der alte Mäzenatentraum, in dem sich die Wucherer und Ausbeuter in den Augen ihrer Zeitgenossen zu besseren Menschen erheben wollen. Es drängt ihre Seelen eine Art von Altersmilde. Ein kleines Paradies auf Erden soll nun ihren Namen tragen. Das Motiv ist vielleicht Reue, sicher aber Eitelkeit. Ekelhaft.

Der Mensch lebt ja nicht nur von Kunst allein; manche, so weiß man selbst in den besseren Vierteln, hungern wohl. Hier setzen die „Tafeln“ an, die arme Menschen aus den Mülltonnen der Reichen ernähren wollen. Weil man Lebensmittel, das tägliche Brot des Herrn, ja nicht einfach wegwirft, wird die Suppenküche mit den Resten aus dem Sterne-Restaurant aufgenordet. Den hungrigen Bettler, der an unsere Tür klopft, weisen wir auf unsere Mülltonne? Widerlich.

Pferdefleisch hat sich in die Nahrungskette jener geschlichen, die nur argentinisches „beef“ mögen oder spanischen „ham“, weil sich die Tiere allein von Gras oder Kastanien ernährten. Weil die Tiefkühlgourmets nun Ekel ereilt, entsteht eine mildtätige Idee: Man möge doch die Lasagne mit Fury  nicht wegwerfen, sondern an die Armen verfüttern. Zynisch.

Der Frankfurter Hauptbahnhof wird von Sinti und Roma durchzogen, die systematisch betteln. Über diese Romakinder höre ich nun, dass sie als Sklaven in gewerbsmäßigen Banden gehalten werden und 350 € pro Tag an die Clanchefs abliefern müssen, wollen sie nicht als Stricher zur Prostitution gezwungen werden. Mir kommt der Gedanke, dass ich mit meinem Euro dieses System überhaupt erst möglich mache. Fassungslos.

Dabei gebe ich gerne. In Berlin Moabit kommt jeden Samstag ein Trompeter durch die Straße, immer werfe ich Geld vom Balkon. Ein Kind sammelt es ein. Ich fühle mich dabei gut, ja, danach fühle ich mich sogar besser, weil ich, der Schlipsträger, gezeigt habe, dass ich ein Herz habe. So ein klein wenig fühle ich mich wie der tolle Hasso in Potsdam. Was mein karitatives Herz aber in Wirklichkeit wärmt, ist Eitelkeit. Scheinheilig.

Geht es hier gegen versklavte Romakinder oder Junkies auf Entzug oder verarmte Menschen mit Hunger oder Universitäten mit Finanzbedarf oder klamme Museen, denen man ein Kupferdach schenken muss? Unsinn. Es geht darum, dass Mildtätigkeit die Empfänger beschämt und die Geber in dem Maße erhöht, in dem sie die Beschenkten erniedrigt. So wird nicht das Elend beseitigt, sondern es erscheint erträglich, den Nicht-Elenden. Hartherzigkeit wäre hilfreicher.

Niemand soll in diesem Land unter Brücken schlafen müssen oder aus Mülltonnen essen; das ist mein politischer Ernst. Aber genau dagegen hilft nicht diese scheinheilige Mildtätigkeit, sondern nur eine wirkliche Veränderung der Verhältnisse. Dieses „Geben-Wollen“ verlängert das Elend. Wir sollten es lassen. Im großen wie im kleinen. Christliche Nächstenliebe ist etwas ganz anderes, denn sie ist reinen Herzens.

Die Hassos dieser Welt mögen sich doch bitte ein anderes Hobby suchen, um ihr Ego zu pflegen. Vor die Altersmilde hätten sie in ihrem Erwerbsleben Steuerehrlichkeit stellen können. Und dort, wo der Staat ihnen die Steuerflucht legaliter erlaubt hat, Steuerredlichkeit. Und sollte die Mildtätigkeit auch noch staatssubventioniert, sprich steuersparend sein, so gilt endgültig: Schluss mit der Doppelmoral der milden Gaben.

Quelle: starke-meinungen.de