Logbuch
REDEFREIHEIT.
Zweihundert Millionen Jünger können nicht irren. Das ist die Gemeinde des neuen Messias namens Musk; die scharrt er um sich. Ich weiß nicht, ob diese Zahl der „Follower“ stimmt, aber noch nie hatte ein einzelnes Medium eine solch überbordende Resonanz wie X, früher Twitter. Wir erleben eine gewaltige Revolution der Propaganda, einen qualitativen Sprung.
Und wie kommt sie daher, die neue Propaganda? Als Wahrheit. Das allerdings ist nicht neu. Schon immer hat sie sich als Volksaufklärung verstanden und dafür neue Medien genutzt, früher das Radio, heute das Internet. Schon immer hat sie sich „anti-elitär“ gegen eine herrschende Meinung gestemmt; heute gegen etwas, das sie „mainstream“ oder „legacy press“ nennt und dem von den Demokraten beherrschten Establishment zuordnet. Die Neue Rechte firmiert ihre „fake news“ als bisher unterdrückte Wahrheit. Die Mehrheit der Wähler glaubt ihr.
Dabei hält Musk selbst den Habitus des kalifornischen Nerds bei, der von der Luftmatratze seines Büros aus prägnant kommentiert, bevor er beim YMCA duschen geht. Nach der hohen Frequenz seiner Posts kann man aber wissen, hier arbeitet eine Riesenredaktion. Das ist das eine, das andere ist: Eine Zensur findet nicht statt. Im Gegensatz zu früher. Jedermann kann hier gratis frei reden. Man findet viele unterdrückte Dokumente und sogenannte Bürgerberichte. Ich weiß, dass das der Linken und den Grünen stinkt. Ich kenne aber keinen Fall, in dem „freedom of speech“ nicht gewährt wurde. Das ist qualitativ neu und wirklich erstaunlich, was der kalifornische Oligarch da anstellt. Man beweise mir das Gegenteil!
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POLITIKMÜDE.
Irgendwie habe ich es seit neuestem unter der Dusche mit alten Liedern:
„Wann wir schreiten Seit’ an Seit’
und die alten Lieder singen
und die Wälder widerklingen
fühlen wir, es muss gelingen:
Mit uns zieht die neue Zeit,
mit uns zieht die neue Zeit.“
Nostalgie wie nie. Olaf hat fertig.
Der Wähler hat nun wieder das Wort. Und was macht er, der Souverän? Er gähnt. Das gilt allgemein als Zeichen der Langeweile und der Müdigkeit; ein unfreiwilliges Signal des Körpers, dass er sich dem Wachen entziehen möchte. Und einschlafen. Übrigens ein Reflex bei allen Lebewesen, also nicht gesteuert oder ersehnt; es passiert einfach. Ein Signal aus den Tiefen des Körpers. Zugleich wird es tabuisiert, das willkürliche Aufreißen des Mauls unter eigenartigem Stoßatem; es gilt als unhöflich.
Nun, verehrter Herr Vorsitzender Lars Klingenbeil, so viel Unhöflichkeit muss jetzt mal sein, wenn man genötigt wird, der SPD bei ihrer Selbstzerstörung zuzusehen. Was er mit seiner „Kovorsitzenden“ (Zitat), Frau Sarah Esskens, da abliefert, das beleidigt die Intelligenz selbst der Dummen. Mit widerwilligen Worten wird der Verzicht des alternativen Kandidaten zu Olaf Schulz als „souveräne“ Entscheidung verkauft; die ohnehin dünne Glaubwürdigkeit eines satten Parteischergens strapazierend. Jetzt also die Erneuerung mit altem Personal. Olaf die Zweite. Gähnen.
Das Gähnen wird als biologischer Reflex übrigens ähnlich wie das Lachen einem universellen Vermögen zugerechnet, das uns die Natur mitgegeben hat. Alle Menschen lachen, unterschiedlich. Ist nur die Frage, worüber. Mir sind zum Beispiel Witze über Eigennamen fremd; das finde ich allenfalls albern. Guter Humor geht anders. Ich halte Humor für einen edlen Teil menschlicher Regung; gekrönt nur noch von Selbstironie. Die braucht es, wenn einem nach Lachen nicht mehr zu Mute ist und das Gähnen kommt. Ein Zustand, in dem Einschlafen die Erlösung brächte.
Und das geht mir durch den Kopf am frühen Morgen, wo es einen zerreißen müsste vor Tatendrang. Was gäbe es zu tun? In der Politik, jedenfalls bei den Linken, vollständiger Verlust der Agenda. „Völker, hört die Signale! Auf zum letzten Gefecht. Die Internationale erkämpft das Menschenrecht.“ Die dazugehörige Partei tritt an als Mission Silberlocke. Und die andern üben sich im Unterhaken. Ich gähne.
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GIPFELSTURM.
Die Schlafmütze vom Kopf gerissen, singe ich unter der Dusche. Sehr selten sowas. Jetzt doch: „Im Frühtau zu Berge wir gehn, fallera, es grünen die Felder, die Höhn, fallera. Wir wandern ohne Sorgen singend in den Morgen, noch eh' im Tale die Hähne krähn. Ihr alten und hochweisen Leut, fallera, ihr denkt wohl, wir wären nicht gescheit, fallera.“ Ein Fall von ewiger Jugend. Zu einer Jahreszeit, die eigentlich der Besinnlichkeit und Glühwein gewidmet sein sollte.
Die Euphorie hat ihren Grund darin, dass wir in wenigen Wochen an die Wahlurnen treten dürfen, genau gesagt am Geburtstag von Britta Ernst, wie ihr Gatte zur Wahlkampferöffnung auf politischer Bühne erklärt. Das Siechtum des vermaledeiten Dreiers namens Ampel hat ein Ende; alle Parteien treten mit Kanzlerkandidaten vor den Souverän. Ich empfinde Luis-Trenker-Lust. Man will Deutschland wieder groß machen. Make Germany Great Again. Was die Amis konnten, werden wir ja wohl auch noch hinkriegen. „Im Frühtau zu Berge!“
In meine Pfadfindereuphorie mischt sich ein zweites Gefühl. Was MAGA in Amerika war, das passt nicht so richtig in die politische Harmonielehre meines Vaterlands. Der Franzose mag von der Grande Nation reden, der Engländer davon, dass er jetzt wieder die Wellen beherrscht; wenn der Germane von Großdeutschland singt, stockt der Atem. Da bleiben wir doch lieber bei Brittas Geburtstag. Zudem fällt die Konkurrenz leichter; neulich sah ich Charlotte Merz öffentlich agieren; das war nicht von überbordendem Charme.
Reden wir von Privatem? Entschieden nein. Ich halte es für eine unbedingte Tugend, die Familie aus der politischen Auseinandersetzung herauszuhalten, vor allem die Kinder und Enkel. In einer anderen Welt sind wir freilich, wenn die Gattin zum Aushängeschild gemacht wird, wie wir das aus Amerika kennen. Mir wäre lieber, wenn wir über die Sache redeten und nicht einen Schaulaufen der Gefühle. Was gegen Frau Alice Weidel spricht, ist ja nicht, dass sie in einer lesbischen Ehe Kinder in der Schweiz großzieht. Daran ist nun gar nichts auszusetzen.
Richten wir also unsere Augen und Ohren auf die Sache! Von meiner Nase würde ich jetzt mal absehen wollen, weil mir der Geruch von Mottenpulver nicht aus dem Sinn geht. Die Akteure riechen alle, als habe man sie im Fundus der Komischen Oper eingekleidet. Selbst wo es um die Rolle des Jugendlichen Liebhabers geht, wirken die Herrschaften verkleidet. Von der Mission Silberlocke der Linkspartei ganz zu schweigen; Possen aus dem Altersheim. Irgendwie ist meine Sehnsucht nach Gipfelsturm unerwidert. In diese Lethargie des deutschen Michel passt ein neues Buch. Angela Merkel erläutert, wie sie dieses Land in eine lustlose Duldungsstarre versetzt hat. Das Gift wirkt nach.
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Politik als Posse und Profit: wie heute „Brot und Spiele“ geht
Ob es Charles, dem Thronnachfolger, nun gefällt oder nicht, Elizabeth II hält durch. Der Gatte hat ihr zugeraunt: „Keep calm and carry on!“ Das gilt uns als vorbildlich. Wir lieben die Queen. Und verzeihen gern gelegentliche Verfehlungen ihrer Familie; Stichwort Lady Di (übrigens ein Imperativ).
Nur der Bruder vom Orgel-Ratz aus Regensburg, der Bücher-Ratz, hat als Papst den Köhler gemacht, bevor man mit ihm den Wulff machen konnte. Der „französische Abschied“ im Vatikan hat die alte Logik aus dem Lebenswandel notorischer Rumtreiber: Ein guter Abgang ist die halbe Miete. Aber das ist nur der Anschein, Eigentlich ist dies eine Revolution, ein Kulturbruch immenser Art.
Man steigt nicht vom Kreuz, hat es Jahrhunderte geheißen. Oh doch, sagt da der Reaktionär Ratzinger, ich schon. So hat denn nun auch die Stellvertretung Christi ihre Zeit. Das Religiöse geht ins historische Gesetz: alles nur solange, wie es währt. Dieser Rücktritt zu Rom ist eine ungeheure Säkularisierung. Der Stuhl Petri wird verweltlicht. Nicht der Herr ruft ab, man haut selbst in den Sack.
Kirche verweltlicht sich, so wie sich Politik theatralisiert. Weltliche wie religiöse Macht wird zum öffentlichen Schauspiel. Der Eindruck auf das Publikum ist das eigentliche Regulativ des Handelns. Der manische Blick ins Parkett führt dazu, dass die Zunft der Demoskopen zu ungeahnter Macht kommt. Sie sind jene, die heute schon sagen können, ob es Applaus gibt oder Gähnen. Das Regime Merkel hat gezeigt, dass diesem Kalkül alles unterworfen werden kann. Wer konservativ noch mit wertorientiert übersetzt, hat nichts von der Entwicklung der Parteienlandschaft verstanden. In der Bundespolitik ist ganzjährig Berlinale.
Der Lateiner sagt: theatrum mundi: die Welt ein Theater. Man darf das nicht als Sittenverfall diskutieren. In Wahrheit ist es eine Wiedergeburt alter Ideale, eine Renaissance der Antike, namentlich des Alten Rom. Stichwort: „Brot und Spiele“.
Der Held dieser Welt ist zu Recht Stefan Raab, das Blödel-Genie aus den Kölner Vorstädten. Er rettet die vergreisenden Formate der Vergangenheit durch ironische Neu-Inszenierungen. Gerade diese Ironie ist es, die die jüngere Generation wieder auf die Fernsehcouch bringt. Soap hat sich immer als soap verkauft, da liegt das Genie der Seifenopern. Sie wollen gar nicht mehr Hochamt sein. Und die Demission von Herrn Ratzinger zeigt, dass auch die katholische Kirche zu dieser Säkularisierung bereit ist. Der Heilsanspruch ist suspendiert zugunsten des Willens zur „bella figura.“ Nichts wird mehr wirklich ernst genommen, man zitiert Rituale, imitiert Stile und reißt Witzchen. Willkommen im Diktat der profanen Ironie.
Der fürsorgende Sozialstaat weiß, dass die Menschen nicht vom Brot allein leben, deshalb unterhält er sie noch obendrauf. Darum heißt es .“Brot & Spiele.“ Das zwangsfinanzierte TV ist ein Paradigma dieser Doppelfunktion, ein Versorgungsanspruch mit Unernstem von Verfassungsrang. Das wissen wir doch seit Kaisers Zeiten: Das Volk soll sich nicht versammeln, sondern zerstreuen. Nun geht den Windsors die Zerstreuung der Massen leichter von der Hand als den Köhlerwulffs, aber auch eine unfreiwillige Tragödie kann komisch sein.
Raab stellt die Kanzlerkandidaten vor; daran ist nichts sensationell, das ist, sagen wir es im Idiom der Zielgruppe „voll normaal.“ Hier ist der politische Journalismus in diesem Land gelandet, bei dem Total Normal eines Unterhaltungskünstlers. Der Kandidat der SPD war zunächst dagegen, um sich dann, weil es die Amtsinhaberin ja auch tut (welch eine Logik), dem Plebiszit zu unterwerfen. Der SPIEGEL kommentiert in Bestform: „Wieder verwandelt Steinbrück eine potenzielles Desaster in ein vollständiges.“ Und der Boulevard prognostiziert unter Anspielung auf die Soap „Schlag den Raab“: „Raab schlägt den Steinbrück.“
Verglichen mit dem Kölner Medienunternehmer Raab, einem der erfolgreichsten seiner Zunft, ist das Honorareschneiden des Vortragsreisenden P€€R Kleinvieh. Politik kann zu Profiten führen, aber wohl nicht, indem man unter Patronage der Sozis die Stadtwerke Bochum plündert. Raab ist ein deutscher Berlusconi in der Verkleidung eines Vorstadt-Rappers, der das blöde Grinsen als Attitüde einer ganzen Generation begriffen und daraus ein Millionengeschäft gemacht hat. Nun also sitzt er am Katzentisch des politischen Journalismus. Davon wird nur einer profitieren, und der oder die ist nicht Kanzler dieser Republik. Welch eine Schmach. Man möchte nicht dazugehören müssen.
So scheint der peinliche Kandidat Steinbrück Opfer eines Prozesses, den Kanzler Schröder als Täter einst virtuos betrieb. Nur Boulevard und Glotze brauche man, um in diesem Land zu regieren, wird er zitiert. Wohl wahr, hätte der sprichwörtliche Caesar ihm zugestimmt. Caesar hatte sich auf dem Weg zum Consul als Aedil (so hieß damals der Minister für Brot & Spiele) gnadenlos verschuldet. Gemeinhin erholten sich Aedile von den Ausgaben nur durch anschließende Ämter als Praetor, die ihnen die wirtschaftliche Ausbeutung fremder Provinzen ermöglichten. Insofern hat Schröder seinen Caesar schon gut verstanden. Nach der Posse kommt für die Politik der Profit.
Quelle: starke-meinungen.de