Logbuch
KEINE KINDER.
Denksportaufgabe: Wenn Geld keine Rolle spielte und Du sechs Wochen Zeit hättest, wohin ginge Deine WELTREISE? Gute Frage, schwere Antwort. Wo vermuten wir denn das Paradies auf Erden? Den Maler Paul Gauguin zog es nach Neuguinea, wo er mit postkolonialem Blick schöne nackte Frauen entdeckte. Gemälde beweisen bis heute seinen lüsternen Blick.
Den deutschen Kleinbürger zieht es vielleicht noch immer auf die „Fidschi-Inseln“, begeistert von der Barbusigkeit fremder Völker. Oder nach Kirrwiller bei Straßburg, in ein Tanztheater ohne BHs. Casino-Cultur, Porno light. Aber das ist ja doch sehr vordergründig. Die Naturschönheit der Welt begeistert uns, Wasserfälle, endlose Sandstrände und dann einen Hummerschwanz am Tisch des Kapitäns. Weil man das Biest ja nie aus der Schale kriegt, kommt der frisch aus der Tiefkühlkammer der Kombüse. Dort liegen auch auf der Reise verstorbene Passagiere; altersbedingt nicht wenige.
Das Traumschiff-Syndrom lässt schwimmende Hotels entstehen, die nur noch als groteske Gigantonomie bewertet werden können. Vergnügungskasernen zur See, gegen die jede unwirtliche Werkskantine wie eine Idylle wirkt. Und ab und zu fährt ein angetrunkener Captn, der seiner bulgarischen Gespielin imponieren will, den Pott an einen Felsen und sinkt.
Die bessere Klientel, zum Beispiel Oberstudienrat Piffermann aus Oer-Erckenschwick mit Gattin Helga, zieht es in den Norden; er wählt ein schnelles Postschiff („hurtig“), um die Fjorde zu sehen, in denen die Norweger in riesigen Netzen Fischfarmen betreiben, um Lachse zu züchten, die sie mit asiatischem Fischmehl und eigen Drogen mästen und ins Aldi bringen. Die Wikinger sind die Asiaten Europas.
Dazu höre ich auf einem englischen Radiosender eine interessante Werbung. Den reisewilligen Tommies wird ein Erlebnisurlaub auf den Booten der Wikinger versprochen. Na gut. Sonnenuntergang am Sognefjord. Der Spot endet aber mit einem lapidaren Hinweis: „No casinos, no children, over fifty only“. Alter Schwede.
Keine Kinder zugelassen, das ist also ein Glückswertversprechen für Urlaub? Ein Paradies ohne Kids und Titten, dafür lauter alte Leute? Ein Altersheim zur See. No kids, over fifty only? Liebe Wikinger, das ist wirklich obszön. Ohne mich.
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WALKING ON SUNSHINE.
Gestern soll der Mond für einen Moment die Sonne verdeckt haben, jedenfalls wenn man in México stand und in den Himmel starrte. Mich befremdet die allgemeine Begeisterung darüber, so als sei in China ein Sack Reis umgefallen.
Das muss ganz anders gewesen sein, als die Galileis mit der katholischen Macht darum kämpften, ob die Erde eine Scheibe sei. Das war eine Schlacht der empirischen Wissenschaft gegen die Inquisition. Auch eine philosophische Debatte, zu der der dreihundertjährige Immanuel Kant alles gesagt hat, was zu sagen ist. Ich interessiere mich nicht für das All, weil es meine Begriffe übersteigt.
Das gleiche Desinteresse bringe ich dem Raketenunternehmer Elon Musk gegenüber auf, der die Menschheit auf mehreren Gestirnen leben lassen will und so sein Aufrüstungsprogramm mit einem Pendelverkehr zum Mars begründet. Meine Skepsis zeigt sich schon in der Wortwahl; ich spreche von Aufrüstung. Den Verdacht werde ich seit Kennedys Mondlandung nicht los.
Aber Mythen kann er, der Erfinder des WLAN aus dem All, des autonomen Batterieautos und des ÖPNV zum Mars. Mythen kann er. Die von den kalifornischen Oligarchen allseits erzeugten Begeisterung fehlt hierzulande bitter. Vielleicht ist das das tragischste Ergebnis der Ampel, dass sie der grünen Begeisterung die Freude genommen hat. Und der roten Euphorie einer Neuen Mitte den Elan. Wie der gelben Liberalität jeden Schwung. Traurige Truppe.
Solange die AfD mehr Stimmen hat als die SPD. Oder als die Grünen. Und die FDP Angst vor der Fünfprozentklausel. Solang kann mich die interplanetare Sonnenfinsternis mal. Hier ist auch so dunkel genug.
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ERBFEINDSCHAFT.
Eine junge Studentin äußert sich zum Konflikt Israels mit der HAMAS und spricht von Unversöhnlichkeit; sie hat arabische Wurzeln und bezeichnet sich als Palästinenserin. Niemals werde man mit Juden zusammenleben können. Das junge Antlitz verzerrt sich. Von Todfeindschaft ist die Rede. Ich erschrecke und bin nachdenklich zugleich.
Unversöhnlichkeit über Generationen ist ein Kulturbruch, weil das ENDE VON POLITIK. Gleichzeitig weiß ich, dass mein Großvater väterlicherseits so über die Franzosen gedacht hat und sich zufrieden zeigte als Hitlers Flieger gen Paris flogen. Gegen den Erbfeind. Heute unvorstellbar. Ich streite nicht mit der Kommilitonin, weil eine Hochschule ein geschützter Raum ist, in dem man alles sagen darf. Ich weise sie nicht mal zurecht, was deutsche Staatsräson angeht; ein Fehler, finde ich nachträglich. Ich war zu erschreckt.
Eine Debatte um die Kriegsgründe hilft nicht, weil Kriegsgründe keine rationalen Einsichten, sprich Gründe sind. Sie sind immer ein Trivialmythos. Ich bin zudem dem mütterlichen Prinzip der Berta von Suttner verpflichtet, die ihre Kinder nicht zum Soldaten geboren haben will, damit sie die Kinder anderer Mütter töten. Trotzdem habe ich natürlich keine Äquidistanz zu den Kriegsparteien; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Politik heißt seine Einstellung ändern, um Kompromisse schließen können, ohne das Gefühl zu haben, seine Werte verraten zu haben. Der Krieg ist nicht die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, sondern ihr Ende. Jeder Krieg ein Kulturbruch, auch der gerechte.
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Politik als Posse und Profit: wie heute „Brot und Spiele“ geht
Ob es Charles, dem Thronnachfolger, nun gefällt oder nicht, Elizabeth II hält durch. Der Gatte hat ihr zugeraunt: „Keep calm and carry on!“ Das gilt uns als vorbildlich. Wir lieben die Queen. Und verzeihen gern gelegentliche Verfehlungen ihrer Familie; Stichwort Lady Di (übrigens ein Imperativ).
Nur der Bruder vom Orgel-Ratz aus Regensburg, der Bücher-Ratz, hat als Papst den Köhler gemacht, bevor man mit ihm den Wulff machen konnte. Der „französische Abschied“ im Vatikan hat die alte Logik aus dem Lebenswandel notorischer Rumtreiber: Ein guter Abgang ist die halbe Miete. Aber das ist nur der Anschein, Eigentlich ist dies eine Revolution, ein Kulturbruch immenser Art.
Man steigt nicht vom Kreuz, hat es Jahrhunderte geheißen. Oh doch, sagt da der Reaktionär Ratzinger, ich schon. So hat denn nun auch die Stellvertretung Christi ihre Zeit. Das Religiöse geht ins historische Gesetz: alles nur solange, wie es währt. Dieser Rücktritt zu Rom ist eine ungeheure Säkularisierung. Der Stuhl Petri wird verweltlicht. Nicht der Herr ruft ab, man haut selbst in den Sack.
Kirche verweltlicht sich, so wie sich Politik theatralisiert. Weltliche wie religiöse Macht wird zum öffentlichen Schauspiel. Der Eindruck auf das Publikum ist das eigentliche Regulativ des Handelns. Der manische Blick ins Parkett führt dazu, dass die Zunft der Demoskopen zu ungeahnter Macht kommt. Sie sind jene, die heute schon sagen können, ob es Applaus gibt oder Gähnen. Das Regime Merkel hat gezeigt, dass diesem Kalkül alles unterworfen werden kann. Wer konservativ noch mit wertorientiert übersetzt, hat nichts von der Entwicklung der Parteienlandschaft verstanden. In der Bundespolitik ist ganzjährig Berlinale.
Der Lateiner sagt: theatrum mundi: die Welt ein Theater. Man darf das nicht als Sittenverfall diskutieren. In Wahrheit ist es eine Wiedergeburt alter Ideale, eine Renaissance der Antike, namentlich des Alten Rom. Stichwort: „Brot und Spiele“.
Der Held dieser Welt ist zu Recht Stefan Raab, das Blödel-Genie aus den Kölner Vorstädten. Er rettet die vergreisenden Formate der Vergangenheit durch ironische Neu-Inszenierungen. Gerade diese Ironie ist es, die die jüngere Generation wieder auf die Fernsehcouch bringt. Soap hat sich immer als soap verkauft, da liegt das Genie der Seifenopern. Sie wollen gar nicht mehr Hochamt sein. Und die Demission von Herrn Ratzinger zeigt, dass auch die katholische Kirche zu dieser Säkularisierung bereit ist. Der Heilsanspruch ist suspendiert zugunsten des Willens zur „bella figura.“ Nichts wird mehr wirklich ernst genommen, man zitiert Rituale, imitiert Stile und reißt Witzchen. Willkommen im Diktat der profanen Ironie.
Der fürsorgende Sozialstaat weiß, dass die Menschen nicht vom Brot allein leben, deshalb unterhält er sie noch obendrauf. Darum heißt es .“Brot & Spiele.“ Das zwangsfinanzierte TV ist ein Paradigma dieser Doppelfunktion, ein Versorgungsanspruch mit Unernstem von Verfassungsrang. Das wissen wir doch seit Kaisers Zeiten: Das Volk soll sich nicht versammeln, sondern zerstreuen. Nun geht den Windsors die Zerstreuung der Massen leichter von der Hand als den Köhlerwulffs, aber auch eine unfreiwillige Tragödie kann komisch sein.
Raab stellt die Kanzlerkandidaten vor; daran ist nichts sensationell, das ist, sagen wir es im Idiom der Zielgruppe „voll normaal.“ Hier ist der politische Journalismus in diesem Land gelandet, bei dem Total Normal eines Unterhaltungskünstlers. Der Kandidat der SPD war zunächst dagegen, um sich dann, weil es die Amtsinhaberin ja auch tut (welch eine Logik), dem Plebiszit zu unterwerfen. Der SPIEGEL kommentiert in Bestform: „Wieder verwandelt Steinbrück eine potenzielles Desaster in ein vollständiges.“ Und der Boulevard prognostiziert unter Anspielung auf die Soap „Schlag den Raab“: „Raab schlägt den Steinbrück.“
Verglichen mit dem Kölner Medienunternehmer Raab, einem der erfolgreichsten seiner Zunft, ist das Honorareschneiden des Vortragsreisenden P€€R Kleinvieh. Politik kann zu Profiten führen, aber wohl nicht, indem man unter Patronage der Sozis die Stadtwerke Bochum plündert. Raab ist ein deutscher Berlusconi in der Verkleidung eines Vorstadt-Rappers, der das blöde Grinsen als Attitüde einer ganzen Generation begriffen und daraus ein Millionengeschäft gemacht hat. Nun also sitzt er am Katzentisch des politischen Journalismus. Davon wird nur einer profitieren, und der oder die ist nicht Kanzler dieser Republik. Welch eine Schmach. Man möchte nicht dazugehören müssen.
So scheint der peinliche Kandidat Steinbrück Opfer eines Prozesses, den Kanzler Schröder als Täter einst virtuos betrieb. Nur Boulevard und Glotze brauche man, um in diesem Land zu regieren, wird er zitiert. Wohl wahr, hätte der sprichwörtliche Caesar ihm zugestimmt. Caesar hatte sich auf dem Weg zum Consul als Aedil (so hieß damals der Minister für Brot & Spiele) gnadenlos verschuldet. Gemeinhin erholten sich Aedile von den Ausgaben nur durch anschließende Ämter als Praetor, die ihnen die wirtschaftliche Ausbeutung fremder Provinzen ermöglichten. Insofern hat Schröder seinen Caesar schon gut verstanden. Nach der Posse kommt für die Politik der Profit.
Quelle: starke-meinungen.de