Logbuch
DIE ARMLÄNGE ABSTAND.
Wir sollten SILVESTER als Prüfstein unseres Menschenbildes wählen. Schauen wir uns im Neuen Jahr an, was wir von unseren Nachbarn zu halten haben. Für dieses Experiment gilt als einzige Voraussetzung: Alles was passiert, ist passiert. Die Ausnahme ist die Regel.
Man sollte den Schutz der Dunkelheit nicht akzeptieren, auch nicht den des Brauchtums oder den des allfälligen Drogengebrauchs. Man richte das helle Licht der Erkenntnis auf die mitternächtlichen Straßen und Plätze. Die Ausnahmebezirke sind die Regel. Wir werten die Exzesse mal als eine Mitteilung an uns, was die Feiernden von uns so halten.
Das gehe nicht? Die Ausnahme dürfe man nicht als Regel lesen? Im Grunde seines Herzens sei auch der Übergriffige ein guter Kerl. Halt nur in der Gruppe derangiere er zur Horde; war ja auch Silvester und zudem das billige Captagon und Tilidin, was ja als halal gilt. Das Pogrom speise sich im übrigen aus mehreren Milieus. So lauten die Einwände.
Nun gut: Ironie aus. Aber die satirische Hypothese hat ihre Geschichte. So hat es der berühmteste Massenpsychologe Gustave Le Bon angestellt. Er war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein vielzitierter Mann, die Koryphäe in der Psychologie der Massen. Es hatte ihn beeindruckt, wie die Revolutionäre der Pariser Kommune die Stadt schliffen. Sein Werk besteht dann in der Bewertung von Beschreibungen dritter Beobachter. Hörensagen aus Tertiärquellen. Methode wie oben.
Der Mensch als Individuum sei gut, in Gruppen drehe sich das, als Horde werde er gefährlich und als Masse sei er eine reine Katastrophe. Sagt Le Bon. Das ist eine so einfache Gedankenübung, dass ich seinen Ruhm nicht verstehe. Selbst Sigmund Freud fand das klasse. Und Joseph Goebbels.
Wenn man das Wesen des Berliners an Silvester erkennt, dann gilt das gleiche für den Kölner an Karneval oder den Münchner auf der Wiesn. Apropos Köln. Deren Oberbürgermeisterin hat ja belästigten Frauen geraten, künftig eine Armlänge Abstand zu fremden Männern zu halten. Opfer zu Tätern. Warum hat Neukölln keinen so schlauen Bürgermeister, werden wir uns übermorgen fragen. Wetten?
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POLENBÖLLER.
In meiner Jugend war der „Chinaböller“ das angesagteste Feuerwerk; jetzt soll es der „Polenböller“ sein, den ich im „Fidschi-Markt“ im Osten Berlins erwerben könne. Sagt der Taxifahrer aus Neukölln. Mich irritiert schon die abwertende Benennung der Vietnamesen. Ich fliehe zum Jahresende aus Berlin auf‘s Land.
Die Hauptstadt hat ein eigenes anarchisches Milieu. Wenn ich den Beusselkiez Richtung Plötze runterfahre, lese ich auf einem Giebel das Graffiti „Seien wir unregierbar!“ Eine authentische Stimme jener alimentierten Pauper, die Feuerwehren angreifen und an Krankenwagen die Radmuttern lösen. Im Schutze der Nacht, Feiglinge, keine Helden.
Berlin hat zudem Probleme mit dem Sozialverhalten adoleszenter Migranten, was man wie immer durch Verheimlichung befrieden möchte. Dem rechtspopulistischen Versuch, die Straßentäter durch öffentliche Nennung ihrer fremden Vornamen zu diskreditieren, widerspricht die Justiz. Gut so. Aber die Tabuisierung des Phänomens „Sonnenallee“ wird nicht helfen. Die Delinquenz wird zudem nicht besser, wenn die „street fighting men“ Jürgen oder Kurt heißen.
Die Stadt ist voll von drogenaffinen Touristen, die ihren Teil zum Straßenterror beitragen werden. Viele Schwaben mit Pronomen auf ihren LinkedIn-Profilen. Wahlidentität an diesen Feiertagen: Hobby-Hippie der Generation „woke“. Ich untersage mir die intellektuelle Verachtung dessen aus pädagogischen Gründen: Die werden noch.
Jetzt was zu dem biodeutschen Berliner kleinbürgerlichen Verhaltens. Er spricht von „Süllwester“ und schreibt „Sylvester“. Alta, das kommt von „silva“, lateinisch für „Wald“. Wenn wir das jetze bitte lernen würden: SILVESTER. Und es heißt nicht „Feuerwerk‘s Körper“. Aber das Idiotenapostroph ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Die bösen Geister mag zu SILVESTER böllernd vertreiben, wer will. Ich werde auf dem Land um 18.00h speisen, dann den Champagner nehmen und spätestens um 22.30h schlummern. Projekt: Durchschlafen. Die Welt, Welt sein lassen. Aber es sind ja noch zwei Tage hin für bessere Pläne. Zum Beispiel DINNER FOR ONE, sprich Besäufnis und „gang bang“; genau darum geht es nämlich dort.
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NIHIL NISI.
Bei Nachrufen wird häufig eine Regel zitiert, insbesondere, wenn man gegen sie verstoßen will. Sie entstammt der lateinischen Antike und besagt: Über Verstorbene ist nichts als Gutes zu sagen. Soll man am offenen Grab also lügen?
Wohl kaum. Dem Trauernden sei ein sentimentaler Blick erlaubt, aber vom Historiker müssen wir doch erwarten, dass er nüchtern bilanziert. Die beliebteste Rhetorische Figur in diesem Dilemma ist die Unterscheidung zwischen der öffentlichen Rolle und der privaten Person. Selbst wenn man den politischen Respekt verweigert, kondoliert man der Familie. Nun gut.
Im Falle von Wolfgang Schäuble ist ein wesentlicher Teil der persönlichen Hochachtung der Tatsache geschuldet, dass er für sein öffentliches Engagement mit der Gesundheit zahlte und mehr als drei Jahrzehnte an den Rollstuhl gefesselt war. Ein Attentatsopfer. Respekt!
Wiegt das die aktive Rolle auf, die er bei der damals gängigen politischen Korruption der Konservativen gespielt hat? Hier kaufte sich die Rüstungslobby durch Schmiergeld politischen Einfluss. Dass er sich dann mit dem noch korrupteren Kohl zerstritt, ist kein Zeichen von Charakter. Den Aufstieg von Merkel haben diese beiden möglich gemacht; Schäuble hat ihr danach willig gedient. Aber NIHIL NISI BONUM.
Im TV sehe ich erstmals Frau und ältestes Kind; denen hat die Politik einiges zugemutet. Die 19jährige Tochter hat ihre Mutter vom Attentat auf den Vater unterrichten müssen; das wünscht man niemandem. Und ich sehe so einen griechischen Drecksack, der den Tod des alten Gegners zur Promotion seines neusten Buches nutzt.
Darf man das über Yanis Varoufakis sagen, dass er ein Drecksack sei? Ja. Denn er lebt noch und kann sich wehren. Das ist der moralische Kern der Regel NIHIL NISI: Man beleidigt niemanden, dem das Widerwort verwehrt ist. Jedenfalls nicht am offenen Grab; die Geschichtsbücher dürfen dann weniger Rücksicht walten lassen.
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Politik als Posse und Profit: wie heute „Brot und Spiele“ geht
Ob es Charles, dem Thronnachfolger, nun gefällt oder nicht, Elizabeth II hält durch. Der Gatte hat ihr zugeraunt: „Keep calm and carry on!“ Das gilt uns als vorbildlich. Wir lieben die Queen. Und verzeihen gern gelegentliche Verfehlungen ihrer Familie; Stichwort Lady Di (übrigens ein Imperativ).
Nur der Bruder vom Orgel-Ratz aus Regensburg, der Bücher-Ratz, hat als Papst den Köhler gemacht, bevor man mit ihm den Wulff machen konnte. Der „französische Abschied“ im Vatikan hat die alte Logik aus dem Lebenswandel notorischer Rumtreiber: Ein guter Abgang ist die halbe Miete. Aber das ist nur der Anschein, Eigentlich ist dies eine Revolution, ein Kulturbruch immenser Art.
Man steigt nicht vom Kreuz, hat es Jahrhunderte geheißen. Oh doch, sagt da der Reaktionär Ratzinger, ich schon. So hat denn nun auch die Stellvertretung Christi ihre Zeit. Das Religiöse geht ins historische Gesetz: alles nur solange, wie es währt. Dieser Rücktritt zu Rom ist eine ungeheure Säkularisierung. Der Stuhl Petri wird verweltlicht. Nicht der Herr ruft ab, man haut selbst in den Sack.
Kirche verweltlicht sich, so wie sich Politik theatralisiert. Weltliche wie religiöse Macht wird zum öffentlichen Schauspiel. Der Eindruck auf das Publikum ist das eigentliche Regulativ des Handelns. Der manische Blick ins Parkett führt dazu, dass die Zunft der Demoskopen zu ungeahnter Macht kommt. Sie sind jene, die heute schon sagen können, ob es Applaus gibt oder Gähnen. Das Regime Merkel hat gezeigt, dass diesem Kalkül alles unterworfen werden kann. Wer konservativ noch mit wertorientiert übersetzt, hat nichts von der Entwicklung der Parteienlandschaft verstanden. In der Bundespolitik ist ganzjährig Berlinale.
Der Lateiner sagt: theatrum mundi: die Welt ein Theater. Man darf das nicht als Sittenverfall diskutieren. In Wahrheit ist es eine Wiedergeburt alter Ideale, eine Renaissance der Antike, namentlich des Alten Rom. Stichwort: „Brot und Spiele“.
Der Held dieser Welt ist zu Recht Stefan Raab, das Blödel-Genie aus den Kölner Vorstädten. Er rettet die vergreisenden Formate der Vergangenheit durch ironische Neu-Inszenierungen. Gerade diese Ironie ist es, die die jüngere Generation wieder auf die Fernsehcouch bringt. Soap hat sich immer als soap verkauft, da liegt das Genie der Seifenopern. Sie wollen gar nicht mehr Hochamt sein. Und die Demission von Herrn Ratzinger zeigt, dass auch die katholische Kirche zu dieser Säkularisierung bereit ist. Der Heilsanspruch ist suspendiert zugunsten des Willens zur „bella figura.“ Nichts wird mehr wirklich ernst genommen, man zitiert Rituale, imitiert Stile und reißt Witzchen. Willkommen im Diktat der profanen Ironie.
Der fürsorgende Sozialstaat weiß, dass die Menschen nicht vom Brot allein leben, deshalb unterhält er sie noch obendrauf. Darum heißt es .“Brot & Spiele.“ Das zwangsfinanzierte TV ist ein Paradigma dieser Doppelfunktion, ein Versorgungsanspruch mit Unernstem von Verfassungsrang. Das wissen wir doch seit Kaisers Zeiten: Das Volk soll sich nicht versammeln, sondern zerstreuen. Nun geht den Windsors die Zerstreuung der Massen leichter von der Hand als den Köhlerwulffs, aber auch eine unfreiwillige Tragödie kann komisch sein.
Raab stellt die Kanzlerkandidaten vor; daran ist nichts sensationell, das ist, sagen wir es im Idiom der Zielgruppe „voll normaal.“ Hier ist der politische Journalismus in diesem Land gelandet, bei dem Total Normal eines Unterhaltungskünstlers. Der Kandidat der SPD war zunächst dagegen, um sich dann, weil es die Amtsinhaberin ja auch tut (welch eine Logik), dem Plebiszit zu unterwerfen. Der SPIEGEL kommentiert in Bestform: „Wieder verwandelt Steinbrück eine potenzielles Desaster in ein vollständiges.“ Und der Boulevard prognostiziert unter Anspielung auf die Soap „Schlag den Raab“: „Raab schlägt den Steinbrück.“
Verglichen mit dem Kölner Medienunternehmer Raab, einem der erfolgreichsten seiner Zunft, ist das Honorareschneiden des Vortragsreisenden P€€R Kleinvieh. Politik kann zu Profiten führen, aber wohl nicht, indem man unter Patronage der Sozis die Stadtwerke Bochum plündert. Raab ist ein deutscher Berlusconi in der Verkleidung eines Vorstadt-Rappers, der das blöde Grinsen als Attitüde einer ganzen Generation begriffen und daraus ein Millionengeschäft gemacht hat. Nun also sitzt er am Katzentisch des politischen Journalismus. Davon wird nur einer profitieren, und der oder die ist nicht Kanzler dieser Republik. Welch eine Schmach. Man möchte nicht dazugehören müssen.
So scheint der peinliche Kandidat Steinbrück Opfer eines Prozesses, den Kanzler Schröder als Täter einst virtuos betrieb. Nur Boulevard und Glotze brauche man, um in diesem Land zu regieren, wird er zitiert. Wohl wahr, hätte der sprichwörtliche Caesar ihm zugestimmt. Caesar hatte sich auf dem Weg zum Consul als Aedil (so hieß damals der Minister für Brot & Spiele) gnadenlos verschuldet. Gemeinhin erholten sich Aedile von den Ausgaben nur durch anschließende Ämter als Praetor, die ihnen die wirtschaftliche Ausbeutung fremder Provinzen ermöglichten. Insofern hat Schröder seinen Caesar schon gut verstanden. Nach der Posse kommt für die Politik der Profit.
Quelle: starke-meinungen.de