Logbuch

ES WERDE LICHT.

Der Weihnachtsbaum soll nicht leuchten, höre ich jetzt allenthalben. Und das geht nicht gegen die Wachskerzen, jene kleinen Freunde der Feuerwehr. Das gefällt mir nicht. Für mich sollen die Sterne leuchten. Oder Lampen.

Ich hatte in England einen wunderbaren Kollegen, wenn auch skurriler Prägung, der einen beheizten Swimmingpool sein Eigen nannte. Der gelernte Ingenieur hatte dazu seine Ölheizung erweitert; das Wasser des freien Außenpools lief im Keller einmal durch den Heizkessel, bevor es dann im Garten für mediterrane Wassertemperaturen sorgte, in einem nicht überdachten Teich. Paul zog in der Nähe von Oxford Palmen. Keine Ahnung, wie er an das Heizöl kam.

In meinem Dorf hat es mal einen rotgrün gestrickten Bürgermeister gegeben, der sich jede Woche mit neuen Ideen im Käseblättchen meldete. Unter anderem mit der, nachts die Straßenbeleuchtung abzustellen. Argument: wer nach Zehn noch durch‘s Dorf irre, wolle eh nicht gesehen werden. Es gab einen Aufschrei. Insbesondere Frauen fanden es nicht komisch, der Dunkelheit und dem entsprechenden Gesindel anvertraut zu werden. Klima hin oder her.

In früheren Zeiten, als wir noch nicht wussten, dass norwegisches Gas gut und russisches böse ist, gab es ohnehin die Überzeugung, dass Strom gar nicht in den WÄRMEMARKT gehöre. Zum Heizen verwendete man Fernwärme, Öl und Gas, aber nicht die edelste der Primärenergien, den Strom. Das hat sich grundlegend gewandelt. Mit der DEKARBONISIERUNG ist alles Fossile böse und der Strom gut, so er regenerativ erzeugt wird. Aber auch zur Raumheizung? Gehört grüner Strom in den Wärmemarkt? Ich bin nicht sicher.

Reden wir also über EFFIZIENZ. Wo wird Energie und besonders Strom verschwendet und wo eher nicht? Nun, über den Pool von Paul brauchen wir nicht zu reden. Ich fange jetzt nicht mit dem Strom für Autos an; geschenkt. Wer aber Asien kennt, weiß, dass dort Klimaanlagen den kostbaren Saft fressen und die Türen der Geschäfte sperrangelweit offen stehen, um die Passanten reinzulocken. Das ist wie bei Paul, oder? Aber es geht hierzulande ja nur um das deutsche Vorbild für die Welt. Dunkeldeutschland. Keine Pointe.

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SEHR SELTEN SOWAS.

Hochzeitsnacht? Das war für eine so promiske Generation wie meine nur ein leeres Wort. Initiationsriten, das hatten nur Verbindungsstudenten, die wir verachteten. Aber es gibt sie, FREUDE, die Tochter aus Elysium.

Ich komme aus einer Zeit, in der Filme im Fernsehen „Straßenfeger“ sein konnten: die Gassen waren menschenleer, weil die Nation vor der Glotze saß und sich einen Krimi antat. Pseudo-anglisiertes Stubentheater, angeblich von Edgar Wallace. Das hat NETFLIX mit einer Überfülle aufgehoben; jetzt nervt mich das wahllose Überangebot der „streaming“-Dienste. Analog zum “binge drinking“ gibt es das „binge viewing“, fünf Folgen am Stück. Und trotzdem bleibt ein schaler Nachgeschmack zurück. Freudlos.

Gestern Abend anders: zufällig sehe ich in der Glotze eine amerikanisch-schwedische Koproduktion mit exzellenten Schauspielern in einer spannenden Inszenierung eines wirklich guten Buches. Toller Film. Alle Achtung! Bis zur letzten Minute bin ich fasziniert. Sehr selten sowas. Ich erinnere mich daran, wie ich zum ersten Mal von Raymond Chandler „The Long Good-Bye“ las. Oder die “Antigone“ des Sophokles in der Version Brechts. Oder Mahlers „Titan“ hörte. Sogenannte INITIALERLEBNISSE. Echt Spaß gemacht.

Vieles wird mit Routine besser, nicht alles.

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DAS EWIGE OPFER.

Wer die Zufälle seines Lebens in das Wirken feindlicher Mächte umlügt, will sich selbst Gewicht geben. Das ist ein Narrativ der Jammer-Ossis, mit dem sie die Jubel-Wessis zu beschämen suchen.

Die langjährige Kanzlerin Frau Merkel nutzt ihre frisch gewonnene Freizeit zum Feilen an ihrem Nachruhm. Sie will die Hagiographie (Jubellebenslauf) doch nicht ihren Gegnern oder, schlimmer, dem Vergessen überlassen. Merkel, die Große. Ich kenne die Frau lange; zuerst sah ich sie als stellvertretende Pressesprecherin des ersten frei gewählten DDR-Chefs, eines bratschespielenden Preußen mit schlechten Zähnen, durch den Helmut Kohl einfach hindurchsah. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Merkel lässt sich im „Spiegel“ von dem Starjournalisten Alexander Osang porträtieren. Ich lese das nicht, weil ich nichts lese, was Osang verzapft hat. Ich mag den nicht. Er ist ein peinlicher Kulissenschieber. Und er gefällt sich in der Pose des Ewigen Opfers, eine ostdeutsche Seuche. Ich will einräumen, dass die Abneigung gegenseitig ist; wir sind mal auf offener Bühne aneinander geraten. Ich war der Veranstalter, er der Gast einer Lesung; er replizierte auf meine Begrüßung ausgesprochen sauertöpfisch und verbat sich Witze über seinen Heimatstaat. „Die DDR war kein Witz“, sagte da der Herr vom Prenzlauer Berg. Humorbefreit, der Mann.

Der Kult, den ich so hasse, nennt man AUTOVIKTIMISIERUNG; das ist die Manie, sich selbst immer und überall zum Opfer zu stilisieren. Eröffnungssatz: “Wir hatten ja nix.“ Die Pose des Opfers gibt dem Selbstmitleidigen Gewicht. Ein Hauch von Tragik durchweht die Banalität des Alltags. So wird aus der Groschenheft-Existenz dann doch noch ein wenig Kafka. Das ist Osang, ein Westentaschen-Kafka.

Der „Spiegel“ hat damals den Ostberliner Lokaljournalisten Osang zum Korrespondenten in New York gemacht, einer der begehrtesten Posten, der Traum vieler Federn. Und wie erzählt das das EWIGE OPFER? Der Chefredakteur Stefan Aust habe ihn allen Ernstes vorher gefragt, ob er überhaupt Englisch könne. Für den so viktimisierten Ossi ein echter Skandal. Na klar konnte er Englisch. Wie bei Merkel; zweite Fremdsprache nach Russisch. Das zu erwähnen, ist aber nicht in Ordnung, weil es die Ossis diskriminiert. Osang mag das Nassforsche der Wessis nicht. Das zelebriert er in verdecktem Selbstmitleid.

Manchmal verstehe ich den Getto-Gebrauch des Wortes „Opfer“, der bei meinen türkischstämmigen Nachbarn im Wedding eher ein Vorwurf ist, frei von jedem Mitleid. „Alta, Du Opfa!“

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Politik als Posse und Profit: wie heute „Brot und Spiele“ geht

Ob es Charles, dem Thronnachfolger, nun gefällt oder nicht, Elizabeth II hält durch. Der Gatte hat ihr zugeraunt: „Keep calm and carry on!“ Das gilt uns als vorbildlich. Wir lieben die Queen. Und verzeihen gern gelegentliche Verfehlungen ihrer Familie; Stichwort Lady Di (übrigens ein Imperativ).

Nur der Bruder vom Orgel-Ratz aus Regensburg, der Bücher-Ratz, hat als Papst den Köhler gemacht, bevor man mit ihm den Wulff machen konnte. Der „französische Abschied“ im Vatikan hat die alte Logik aus dem Lebenswandel notorischer Rumtreiber: Ein guter Abgang ist die halbe Miete. Aber das ist nur der Anschein, Eigentlich ist dies eine Revolution, ein Kulturbruch immenser Art.

Man steigt nicht vom Kreuz, hat es Jahrhunderte geheißen. Oh doch, sagt da der Reaktionär Ratzinger, ich schon. So hat denn nun auch die Stellvertretung Christi ihre Zeit. Das Religiöse geht ins historische Gesetz: alles nur solange, wie es währt. Dieser Rücktritt zu Rom ist eine ungeheure Säkularisierung. Der Stuhl Petri wird verweltlicht. Nicht der Herr ruft ab, man haut selbst in den Sack.

Kirche verweltlicht sich, so wie sich Politik theatralisiert. Weltliche wie religiöse Macht wird zum öffentlichen Schauspiel. Der Eindruck auf das Publikum ist das eigentliche Regulativ des Handelns. Der manische Blick ins Parkett führt dazu, dass die Zunft der Demoskopen zu ungeahnter Macht kommt. Sie sind jene, die heute schon sagen können, ob es Applaus gibt oder Gähnen. Das Regime Merkel hat gezeigt, dass diesem Kalkül alles unterworfen werden kann. Wer konservativ noch mit wertorientiert übersetzt, hat nichts von der Entwicklung der Parteienlandschaft verstanden. In der Bundespolitik ist ganzjährig Berlinale.

Der Lateiner sagt: theatrum mundi: die Welt ein Theater. Man darf das nicht als Sittenverfall diskutieren. In Wahrheit ist es eine Wiedergeburt alter Ideale, eine Renaissance der Antike, namentlich des Alten Rom. Stichwort: „Brot und Spiele“.

Der Held dieser Welt ist zu Recht Stefan Raab, das Blödel-Genie aus den Kölner Vorstädten. Er rettet die vergreisenden Formate der Vergangenheit durch ironische Neu-Inszenierungen. Gerade diese Ironie ist es, die die jüngere Generation wieder auf die Fernsehcouch bringt. Soap hat sich immer als soap verkauft, da liegt das Genie der Seifenopern. Sie wollen gar nicht mehr Hochamt sein. Und die Demission von Herrn Ratzinger zeigt, dass auch die katholische Kirche zu dieser Säkularisierung bereit ist. Der Heilsanspruch ist suspendiert zugunsten des Willens zur „bella figura.“ Nichts wird mehr wirklich ernst genommen, man zitiert Rituale, imitiert Stile und reißt Witzchen. Willkommen im Diktat der profanen Ironie.

Der fürsorgende Sozialstaat weiß, dass die Menschen nicht vom Brot allein leben, deshalb unterhält er sie noch obendrauf. Darum heißt es .“Brot & Spiele.“ Das zwangsfinanzierte TV ist ein Paradigma dieser Doppelfunktion, ein Versorgungsanspruch mit Unernstem von Verfassungsrang. Das wissen wir doch seit Kaisers Zeiten: Das Volk soll sich nicht versammeln, sondern zerstreuen. Nun geht den Windsors die Zerstreuung der Massen leichter von der Hand als den Köhlerwulffs, aber auch eine unfreiwillige Tragödie kann komisch sein.

Raab stellt die Kanzlerkandidaten vor; daran ist nichts sensationell, das ist, sagen wir es im Idiom der Zielgruppe „voll normaal.“ Hier ist der politische Journalismus in diesem Land gelandet, bei dem Total Normal eines Unterhaltungskünstlers. Der Kandidat der SPD war zunächst dagegen, um sich dann, weil es die Amtsinhaberin ja auch tut (welch eine Logik), dem Plebiszit zu unterwerfen. Der SPIEGEL kommentiert in Bestform: „Wieder verwandelt Steinbrück eine potenzielles Desaster in ein vollständiges.“ Und der Boulevard prognostiziert unter Anspielung auf die Soap „Schlag den Raab“: „Raab schlägt den Steinbrück.“

Verglichen mit dem Kölner Medienunternehmer Raab, einem der erfolgreichsten seiner Zunft, ist das Honorareschneiden des Vortragsreisenden P€€R Kleinvieh. Politik kann zu Profiten führen, aber wohl nicht, indem man unter Patronage der Sozis die Stadtwerke Bochum plündert. Raab ist ein deutscher Berlusconi in der Verkleidung eines Vorstadt-Rappers, der das blöde Grinsen als Attitüde einer ganzen Generation begriffen und daraus ein Millionengeschäft gemacht hat. Nun also sitzt er am Katzentisch des politischen Journalismus. Davon wird nur einer profitieren, und der oder die ist nicht Kanzler dieser Republik. Welch eine Schmach. Man möchte nicht dazugehören müssen.

So scheint der peinliche Kandidat Steinbrück Opfer eines Prozesses, den Kanzler Schröder als Täter einst virtuos betrieb. Nur Boulevard und Glotze brauche man, um in diesem Land zu regieren, wird er zitiert. Wohl wahr, hätte der sprichwörtliche Caesar ihm zugestimmt. Caesar hatte sich auf dem Weg zum Consul als Aedil (so hieß damals der Minister für Brot & Spiele) gnadenlos verschuldet. Gemeinhin erholten sich Aedile von den Ausgaben nur durch anschließende Ämter als Praetor, die ihnen die wirtschaftliche Ausbeutung fremder Provinzen ermöglichten. Insofern hat Schröder seinen Caesar schon gut verstanden. Nach der Posse kommt für die Politik der Profit.

Quelle: starke-meinungen.de