Logbuch
HELDEN.
Was macht einen ausgeruhten Charakter zum Heroen? Nichts. Nur die zu kurz geratenen Männer wollen sich brüsten. Erkenntnisse in einem römischen Museum. Über kleine Männer, den Pitzdopp als solchen.
Unter all den Helden der Antike sticht HERAKLES hervor. Er war der Sohn von Zeus und Alkmene. Schon als Kleinkind soll er eine Schlange, die seine Wiege heimsuchte, mit bloßen Händen erwürgt haben. Ich stehe in Rom im Museo Capitolino vor einer Kopie einer entsprechenden griechischen Plastik. Tjo, ob man das so alles glauben kann. Heldensagen sind nicht verlässlich. Aber aufschlussreich.
HERAKLES war ein Shorti, ein untersetzter Mann, selbst für antike Verhältnisse, also sehr klein. Später würde man vom Napoleon-Syndrom sprechen. An der Ruhr: Pitzdopp. Aber zu HERAKLES: Viele seiner Fertigkeiten wie das Speerwerfen oder Bogenschiessen waren vielleicht Kompensationen dafür, dass er ein Pitzdopp war. Man rühmte seine Stärke und seinen Mut, aber auch von einem Hang zur Wollust ist in den Quellen die Rede. Ein Geltungssüchtiger. Schon als Jugendlicher soll er ein Raubtier, das in der anvertrauten Herde Schafe riss, mit bloßen Händen erledigt haben, den berühmten Löwen von Kitharion.
Dafür nahm ihn dann der König Thespios bei sich auf und gesellte ihm nächtens seine Tochter zu. Andere Quellen sprechen davon, dass Herakles fünfzig Nächte blieb. Und er jede Nacht eine weitere der insgesamt fünfzig Töchter des Königs beglückte; oder sie ihn. Ohne zu ahnen, dass sich statt der Einen eine schwesterliche Folge näherte. Er wähnte sich immer in den gleichen Armen. Bei Pausanias liest man, dass Herakles deutlich vom Wein betört war und er in einer einzigen Nacht, eine nach der anderen, alle fünfzig Töchter des Thespios erkannte, ohne zu erkennen, versteht sich, dass jedes Mal eine andere zu ihm huschte. Jede von ihnen, so sagt die Sage, gebar ihm danach einen Sohn. Unglaublich, Du glaubst einen guten Lauf gehabt zu haben und bist in einem Hub kinderreich. Nur weil Du den Löwen von Kitharion erwürgt hast.
HERAKLES wurde später, noch als junger Mann, vom Wahnsinn geschlagen. Das sei hier warnend angemerkt, bevor sich andere kleine Männer zu großen Taten berufen fühlen.
Logbuch
SCHLANGE STEHEN.
Der gigantische Trauermarsch zu London, das Defilieren zum Sarg von EIIR zeigt den englischen Nationalcharakter. Er ist es eigentlich, der hier zu Grabe getragen wird. Ein Mythos ist plötzlich leer.
Um von ihrer Königin Abschied zu nehmen, stehen die Engländer Schlange, diszipliniert und bedächtig. Von der City bis weit hinein nach Southwark auf die andere Themseseite. Die Wartezeit beträgt inzwischen unglaubliche 24 Stunden, bis die Trauernden den Sarg erreichen. Man weiß gar nicht, wie sie das physisch schaffen. Welch eine Trauer, welch ein Respekt. Und Wehmut.
Eine Nation weiß, dass das Symbol ihres besseren Selbst gegangen ist. Eine Nation hat mit Elisabeth der Zweiten endgültig sich selbst verloren; und sie weiß es. Man fühlt sich in Leere entlassen. Schon der BREXIT war ein verzweifelter Aufstand gegen die Wirklichkeit. Flucht in eine atavistische Nostalgie. Aber bleiben wir bei #TheQueue.
Man hat es schon immer an Londoner Bushaltestelle bewundern können. Die Wartenden bilden eine Schlange. Alle Menschen, von sich aus. Sich vorzudrängeln, das gilt als unfein. JUMPING THE QUEUE, das ist, wie man heute im Deutschen sagt, ein “no go“. Wir reden über zwei Tugenden und ein ideales Gesellschaftsmodell. Die Tugenden sind die der Höflichkeit und der Freundlichkeit. Man will „polite“ und „kind“ sein. Das sind die Manieren des Gentlemans und der dazugehörigen Lady.
Natürlich ist es historisch richtig, dass beide ihr Vermögen im Sklavenhandel gemacht haben, wenn sie nicht Bergwerksbesitzer waren, die Kinderarbeit zuließen, oder Landadel mit hungernden Kleinbauern. Man lese „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ von Friedrich Engels. Oder Dickens. Oder Kipling (vor allem ihn). Das EMPIRE war ein imperialistischer Exzess, über Jahrhundert. Auf dem Rücken der unterworfenen Provinzen entwickelte sich als feiner Zug ein Selbstverständnis des FAIR PLAY; das ist jenes idealisierte Selbstverständnis, das spielerisch GERECHTIGKEIT im Umgang miteinander sehen wollte.
Der englische Fußball hat andere Wurzeln (er ist Fabriksport in der Rüstungsindustrie), aber zumindest ist er Mannschaftssport. Aber CRICKET, das Spiel, dessen Regeln nun wirklich niemand versteht, gilt als die Schule dieses Lebens. Dabei gibt es viel Ironie, auch das eine englische Tugend. Ironischerweise war die Queen, die den Engländern Mut gegen den Angriffskrieg Deutschlands gab, der Herkunft nach deutsch. Die deutschen Battenbergs anglisierten sich zu einem Fake-Adel namens Mountbatten. Egal.
Ein Volk steht als verwaistes Kind am Sarg der Mutter und fühlt sich für immer ins Profane entlassen. Aber so viel Nationalcharakter muss dann doch sein: Brav in der Schlange. Höflich und freundlich. Ich entdecke als Republikaner eine kleine Träne in meinen deutschen Augen. „Nach Ihnen!“ „Sehr freundlich, aber bitte nach Ihnen!“ „Vielen Dank!“
Logbuch
LARMOYANZ.
Als eine feige Bande erscheinen die Journalisten, die gegen Missstände im eigenen Haus nix sagen wollten, weil sie Angst um den Job hatten. Wie klein. Früher war das das Salz der Erde.
Ist das jener unerbittliche Journalismus der HALTUNG, der seine Opfer ohne jede Gnade entehrt? Zweierlei Maß. Der NDR klärt über sich selbst mittels der Mediensendung ZAPP auf. Habe ich mir leider angesehen, das neueste Praktikantenstück. Wir sehen im Wesentlichen Außenaufnahmen von Gebäuden und zwei, drei Interviews mit marginalen Personen. Eine davon eine Moderatorin, die entlassen wurde und vor dem Arbeitsgericht in zwei Instanzen verloren hat; nennt sich in der PR „verärgerter Mitarbeiter“, eine Quelle minderer Qualität. Die Dame ergeht sich dann auch in anonymes Hörensagen. Sie hat verdeckte Werbung ins Programm gehoben, weil sie Angst um ihren Job hatte; der Markt für „übergewichtige Moderatorinnen“ sei nicht groß. Peinlich. Wehleidig.
Wo sind die Intendanten und Intendantinnen als Arbeitgeber? Warum schützen sie ihre Leute nicht? Macht sich irgendjemand Gedanken darüber, welches Bild von Journalismus hier gezeichnet wird? Ich meine nicht jenen Eindruck durch die aufgefallenen angeblichen Bösewichter (beim NDR alles Peanuts für meine Begriffe oder regelrechte Falschdarstellungen), sondern der Eindruck, den jetzt die Saubermänner von der Profession machen. Diese Selbstaufklärung ist dünn, sehr dünn. Eine Nacherzählung der Gerüchtelage ohne einen Hauch frischer Erkenntnis. ZAPP ist echt schlapp.
Sind das die Kräfte der Selbstheilung? Paaah. Was bleibt ist der Eindruck einer Kaste im Treibsand der Selbstdiskreditierung. Fast hat man als PR-Mann Mitleid. Aber auch das ist nicht nötig. Das Selbstmitleid ist bei den HALTUNGSJOURNALISTEN ohne Rückgrat ja schon groß genug. Einst Scharfrichter, jetzt Jammerlappen.
Logbuch
Rübe ab, einsperren, Schlüssel wegwerfen: Neues von Law & Order
Thilo Sarrazin in der Verkleidung eines schwarzen Zuhälters, denke ich, als ich in das Gespräch meiner Nachbarn hinein höre. Die Sprüche des deutschen Stammtisches kann man also auch im Ausland vernehmen. Die bunte Truppe am Nachbartisch intoniert: „Lock the gangsters up und throw away the keys!“ Wir sind im industriellen Herzen Englands, den West Midlands, wo Bandenkriminalität als Kehrseite von Multi-Kulti erscheint.
Die Sarrazinschen Horrorszenarien hatten Birmingham eingeholt, bevor sie in Berlin überhaupt aufschienen. Vor zehn Jahren gab es hier zweimal am Tag einen Schusswechsel im Migrantenmilieu. In die entsprechenden Vororte ging man nicht nach Einbruch der Dunkelheit. Aber Ausgrenzung und Bestrafung lösten das Problem hier so wenig wie in New Jersey, der Heimat berühmter Bandenkriege.
Das ist Thema in Birminghams Island Bar, einer knallvollen Cocktail Lounge, die offensichtlich keine Kleidervorschriften macht. Die Herrschaften um den Pimp-Sarrazin sind so bunt und lasziv gekleidet, dass man sie eher einer Punkband zurechnen würde. Sie sprechen lautrein das proletarische Englisch der Midlands, ihre Familien stammen offensichtlich ursprünglich aus afrikanischen, indischen und sonstigen asiatischen Ländern. Und ich habe mich verhört. Man fordert nicht Rübe ab, sondern macht sich über solche Forderungen lustig.
Mit seinen neuen Waffengesetzen will der amerikanische Präsident einen zweiten Versuch unternehmen, europäisches Denken in den USA einzuführen. Erst eine vernünftige Krankenversicherung, jetzt eine Entmilitarisierung der Zivilgesellschaft. Das sind Vokabeln, die mich endgültig erstaunen. Die Punker sprechen die Sprache europäischer Sozialpolitik. Sie erinnern sich an den Spruch des damaligen französischen Präsidenten, dass man den Schmutz mit dem Kärcher aus den Vororten vertreiben müsse, mit bitterem Humor. Gemeint waren die Jugendgangs von Einwanderern.
Da meine mithörenden Ohren inzwischen eine Größe wie beim afrikanischen Buschelefanten erreicht haben, mein Interesse also bemerkt wird, bittet man mich und meinen Kumpel an den Nachbartisch. Es haut uns um. Die YMCA-Truppe sind Beamte auf einem Absacker nach Dienstschluss. Willkommen bei den Jungs und Mädchen vom West Midlands Mediation and Transformation Service. Sie sehen aus wie ihre Kunden, sagen sie. Das kann ich jetzt bestätigen. Wir wirken in unseren Geschäftsanzügen in der Runde wie Pinguine im Zoo. Eine wirklich wilde Vorstadt-Gang in Begleitung ihrer Anwälte.
In den letzten zehn Jahren haben sich die „gun crime incidents“ von über siebenhundert im Jahr auf weniger als dreihundert mehr als halbiert. Aus vier, fünf ernsthaften Schießereien am Wochenende ist jetzt eine geworden. „Still one too many!“ Die Sensation liegt in der Begründung für den Rückgang: Es ist nicht mehr die Polizei, die sich um die Probleme kümmert, jedenfalls nicht vorderhand. Alle Verantwortlichen der Kommune haben sich an einen Tisch gesetzt und eine gemeinsame und vor allem neue Strategie beschlossen, die auf einer ungewöhnlichen Überzeugung beruht. Law & Order hilft nicht als alleiniges, schon gar nicht als erstes Rezept.
Aus allen Militarisierungen der Parallelgesellschaften kennt man die sich aufwärtsdrehende Spirale von leichten zu mittleren zu schweren Delikten. So rückt Organisierte Kriminalität vom Rand in die Mitte der Gesellschaft. Die volle Wucht der Strafjustiz, sagt mein Sarrazin-Zuhälter, ist eine Bildzeitungsillusion („tabloid illusions“), die die reaktionären Gemüter beruhigt, aber das Problem vergrößert. In Birmingham kümmern sich Mediatoren um die Kommunikation zwischen den Gangs, um die Kultur der Vororte. So wird aus einer (empfundenen) Respektlosigkeit keine Schießerei, aus einen Gerangel kein Krieg. Im Idealfall.
Der baumlange Baseballspieler mit westindischem Hintergrund zeigt sich endgültig als Sozialarbeiter, als er mir vorrechnet, dass ein einziger Mordfall ein bis zwei Millionen Pfund an Aufklärungskosten verzehre, die Verhinderung nicht mal ein Zehntel koste; wohl gemerkt, die Verhinderung von 300 Gang-Morden kostet nicht ein Zehntel, fügt er an. „To be fucking clear, mate: We are spending taxpayer‘s money to save taxpayer‘s money. Full stop.“
Mediation statt Strafjustiz. Das nehme ich jetzt mit nach Moabit, wo ich täglich am Knast vorbei fahre. Neuerdings mit der Vorstellung, dass dort eines Tages ein Schild hängen könnte: Zimmer frei.
Quelle: starke-meinungen.de