Logbuch

MIGRATION WAR IMMER.

Warum heißt der Berliner Ortsteil, den ich am Wochenende besichtige, eigentlich MOABIT? Ich muss etwas ausholen.

Zum Gründungsmythos der ISRAELIS gehört, das sie auf den Baustellen der Ägypter Zwangsarbeit leisten mussten (diese irren Pyramiden bauen, könnte sein) und sich verdrückt haben. Der berühmte EXODUS. Dort geflohen, nahm diese Migranten das Volk der MOABITER auf. Das fand sie gut. So kam MOBIT zu einem guten Ruf im Alten Testament.

Seit dem 17. Jahrhundert wurden aus dem katholischen Frankreich die Evangelischen vertrieben, damals waren das CALVISTEN, also Reformierte nach Schweizer Muster. Das moderne Entwicklungsland PREUSSEN nahm sie auf. In Berlin durften sie im Norden hinter der Spree siedeln. Da sie einen EXODUS hinter sich hatten, benannten sie die neue Heimat nach dem biblischen Vorbild eben MOABIT. Sie waren belesen und fleißig, beides wahrscheinlich im Unterschied zu den Eingeborenen.

Sprung ins 19. Jahrhundert. Es gibt nicht viele DOMINIKANER KLÖSTER, die nach der Reformation gegründet wurden; eines davon in Moabit. Ich rede mit dem Chef der Patres, ein tief gebildeter Mann mit großem Humor. „Na ja,“ sagt er, eine preußische Logik beschreibend, „lieber Katholiken als Kommunisten!“ Moabit sei in der Industrialisierung von sehr vielen POLEN besiedelt worden, die als Migranten in der Schwerindustrie des Fabrikherren BORSIG schufteten. Die waren von Hause aus Katholiken. Und den Dominikanern ans Herz gelegt, bevor die KPD aus dem Wedding ihre Seelen holt. Pater Michael lächelt. Ein kluger Mann.

In den letzten Jahrzehnten kamen auf die Insel MOABIT, das ist sie zwischen Spree, Kanälen und Westhafen, eine innerstädtische Insel, viele TÜRKEN als Gastarbeiter. Und diverse Asylbewerber, auch abgelehnte, die nun hier, wie das im Amtsdeutsch heißt, eine „Duldung“ erfahren. So haben wir, nachdem die Nazis die örtlichen JUDEN zur Vernichtung entführt haben, hier also mindestens zwei christliche Religionen, eine muslimische und ganze Heerscharen von GOTTLOSEN. Und den Hauptbahnhof. Jeder soll nach seiner eigenen Facon selig werden, lautete das preußische Motto. Jeder zweite Bewohner Moabits hat heutzutage einen Migrationshintergrund. Nach neuer Zählung.

Nach alter Zählung müssen es eigentlich alle sein, denn hier war ja nix, nur Sand und eine karge Viehweide. Alles andere ist zugezogen. Die Lokalpatrioten, von denen man gelegentlich hört, nennen den örtlichen Heimatverein, unter Einschluss eines erheblichen Grammatikfehlers: MOABIT IST BESTE. Eine Übertreibung, natürlich.

Vieles gefällt mir nicht. Bei diesen und bei jenen. Ob das historisch immer harmonisch war, im MELTING POT, dem Schmelztiegel jener, die mühselig und beladen waren? Das wäre die gleiche Frage wie danach, ob der Exodus wohl ein Ausflug war. Keiner!

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HARTGELD-LOBBY

In BRÜSSEL sehe ich, durch die Stadt schlendernd, in einem historischen Stadthaus, jetzt als Bürogebäude, Achtung, jetzt kommt es, die „Vertretung der deutschsprachigen Minderheit Belgiens bei der EU“. Das können nur drei Dörfer bei Eupen sein, in denen neben flämisch oder wallonisch noch teutonisch geschwätzt wird. Aber einen eigenen Repräsentanten. Spesenkonto wahrscheinlich nach oben offen. Insgesamt hat die Stadt 25.000 Spesenfähige, davon gut 1000 mit Schwarzen Kreditkarten (ohne Limit); die wollen bedient sein, die Karten. Der dicke Scheck für das dicke Geschäft.

In Straßburg war ich mal mit der Mitarbeiterin eines EU-Parlamentariers essen, in so einem Chicki-Micky-Laden mitten in einem Stadtpark, ich dachte erst, das sei ein Ausflugslokal, da bin ich für zwei Personen, vier Gänge und zwei Flaschen Wein knapp dreistellig geblieben, fast vierstellig. Euro, nicht Lire. Man muss es sich leisten können. Und wissen wo. Da viele dicke Spesenetats haben, ist es am Ende das GEWUSST WO.

Wie funktioniert die EU, sprich BRÜSSEL, wirklich? Ich mache es kurz: unterhalb der KOMMISSARE gibt es den riesigen Apparat der Bediensteten. Das ist aber auch in den nationalen Regierungen so: nicht den Minister, den Referatsleiter muss man kennen. In BRÜSSEL kommen die dann noch aus aller Herrenländer. Und haben Zirkel; aus Heimweh. Da gilt oft: Wer Sorgen hat, der hat Likör.

Bei einem KOMMISSAR, den ich aus Hong Kong gut kannte, habe ich mal dessen Bürochefin kennengelernt, eine fidele Irin. Die hatte jeden Dienstag ein Dinner in einer irischen Kneipe in BRÜSSEL, zu dem eine ganze Kohorte irischer Damen kamen, die an allen möglichen anderen Stellen der Bürokratie arbeiteten. Ein dezentrales Zentrum des Machtwissens. Im Schnitt wussten die alles! Wenn Du schlau warst, lungertest Du im O‘Reilly’s, und zwar dienstags, an einem der Nachbartische rum …

Nach der dritten Runde wurde die HEN‘S PARTY munter. Man musste allerdings vor der sechsten Runde wieder weg sein, sonst konnte es ein langer, ein sehr langer Abend werden. Also: französischer Abgang und zur Pommesbude Maison Antoine am Jordanplein. Hat immer bis um Eins auf. Hier treffen sich die, die den Dinnern und den Damen entfliehen konnten. Ich empfehle die große Tüte Pommes aus der Flämischen Frittüre, und zwar mit frisch gehackten Zwiebeln und Majo („speciale“). Für unter 10€ habe ich hier schon sehr interessante Leute bewirtet. Wie gesagt, mit dicken Schecks können es alle, mit Hartgeld nur die Profis!

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GUINESS IS GOOD FOR YOU.

Die europäische Bürokratie untersagt bei Lebensmitteln sogenannte gesundheitsbezogene Aussagen. NO HEALTH CLAIMS. Bier darf sich nicht mehr „bekömmlich“ nennen; auch wenn man es überall bekommt (ein Scherz von Heinz Ehrhardt). Für mich ist der beste Werbespruch noch immer jener, die die Brauerei des schwarzen Biers den irischen Konsumenten zugerufen hat: „Guiness is good for you!“ Anzuwenden mit einem Whisky als Begleiter. Wobei ich da lieber zum schottischen greife, weil der irische so schmecken kann, als könne man damit auch Möbel abbeizen.

Was an der EU-Politik zu kritisieren ist, dass damit ein Urrecht der Werbung verloren geht, nämlich das RECHT ZU LÜGEN. Das ist das Ende jedweden kreativen Marketings. Ein Beispiel aus der Zeit, als noch die „gute Butter“ gab, damals als Superlativ gesunder Ernährung: Eine miesige Margarine dann so zu benennen, dass Butter, Sahne und Rahm assoziiert wird („Botteram“ oder „Rama“ oder „Sanella“), das ist es doch. Einen Plastiklappen in die Nähe von Leder zu rücken („Vileda“), da beweist sich Genie. Den lausigen Stahl hart erscheinen zu lassen wie Diamanten („Widia“), natürlich ist das nicht die volle Wahrheit.

Diese Logik gilt ja auch im gescheiterten Versuch. Den Golf mit Kofferraum in den USA als Langweiler („to bore s.o.“) zu denunzieren, das gelang dem „Bora“. Einen Hundehaufen meint der Frazose, wenn er „e-tron“ sagt; wusste man wohl nicht in Ingolstadt. Ein bestimmter Mitsubishi heißt für den Brasilianer Wichser (pagero). Renault hat den 17 eine Birne genannt, was im Französischen so viel meinen kann wie im Deutschen die Pflaume. Und der Toyota MR2 lautet für die Frankophilen MRdeux, sprich wie „merke“, eben ein verbreiteter Fluch zu einer Fäkalie.

Gänzlich verheerend sind historische und politische Assoziationen, die massive Tabus berühren. So war das russische Gasunternehmen Gazprom nicht gut beraten, ein Joint Venture in dem westafrikanischen Nigeria in einer sogenannten Kontraktionsform aus den Anfangssilben des westafrikanischen Partners und des eigenen Firmennamens “Nigaz“ zu nennen, was eine vernakuläre Lautung einer Unsagbarkeit anklingen lässt. Als ich bei der RAG Ruhrkohle AG war, wollte man eine Anlage zur Hydrierung von Steinkohle „Gesellschaft zur Vergasung…“ nennen. Habe ich verhindern können. So sensibel ist heute nicht mehr jeder im Geschäft mit Erdgas.

Ein Kunstwerk der Werbesprache ist nach wie vor der Citroën DS; französisch: la deesse, das ist „die Göttin“. Der große Roland Barthes hat sich darüber gar nicht mehr beruhigen wollen. Wie kann gebogenes Blech besser heißen? Alles Lügen, große und kleine. Das Recht zu flunkern, das dürfen wir uns von Brüssel nicht nehmen lassen. Kunst lügt immer. Lügen ist eine Kunst. Volle Transparenz und uneingeschränkte Wahrhaftigkeit sind puritanische Tugenden des Teufels.

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Politisch korrekt: demokratisch defekt

Die Grüne Woche in Berlin geht zu Ende. Das Bio-Öko-Pille-Palle-Geschwätz aller Orten verebbt. Reden wir wieder von dem Recht, dass wir uns als Staatsbürger mit Messer und Gabel umbringen dürfen, auf jede uns genehme Art. Treten wir den hohlwangigen Agenten der Gesundheitsdiktatur entgegen. Es gibt ein Leben vor dem Tode. Beginnen wir mit dem Rauchverbot.

Das Rauchverbot gilt auch im Land des Marlboro-Manns. Schluss mit  Freiheit und Abenteuer. Da es sich um einen Fall von „politischer Korrektheit“ handelt, wird der Bann mit ganz eigenem  Nachdruck umgesetzt. Der weitgereiste Jeremy Clarkson erzählt, dass man im „land of the free“, den Vereinigten Staaten von Amerika, ein Gebäude im Besitz der Bundesregierung („federal building“) nicht mehr mit Rauchermaterial betreten dürfe, jedwedem Material, nicht nur nicht mit den Blättchen, die die Selbstdreher nutzen (und dann so eigenartig dicke Zigaretten haben, die so anheimelnd riechen).

Die Benutzung von Parkplätzen der Polizei sei unmöglich, berichtet Clarkson, wenn man einen Zigarettenanzünder im Auto habe. Das Recht, Feuerwaffen zu tragen, ist aber Menschenrecht. Bei einer Minderheit der amerikanischen Öffentlichkeit gibt es inzwischen Zweifel an der Sozialverträglichkeit von automatischen Angriffswaffen.

Die Waffenlobby setzt den Gedanken der allgemeinen Lehrerbewaffnung dagegen. Als gelernter Pauker kann ich nur sagen: Es hat ein paar Momente gegeben, da hätte ich gerne mal das Eisen sprechen lassen. Insbesondere im Lehrerzimmer, vor allem aber beim Elternsprechtag. Warum nicht auch allgemeine Bewaffnung der Schüler? Ach ja, „under-law“. Alkohol dürfen ja auch nur Volljährige. Und Trinken auf der Straße, gar aus unverpackten Schnapsflaschen, das verbietet sich eh; jetzt auch in Tübingen, schreibt  der grün-alternative Herr Palmer, der OB, in seinem Blog. Er kommt aus einer Bewegung, die mal mit „free dope“ angetreten ist. Der harte Kern hat sogar die allgemeine Volksbewaffnung gefordert und sich in klammheimlicher Freude ergötzt; aber daran wollen die früheren Kommunisten nicht mehr so gern erinnert werden, gell, Herr Trittin?

Abendessen im St. John. Hinter den riesigen Schlachthöfen Londons liegt das Restaurant in einem unscheinbaren Hinterhof. Freunde haben uns gesagt: Achtet auf das Schwein im Galopp. Wir finden es auf einem Türschild, es wirbt für Außerhausverkauf. Brot und Wein werden zum Verkauf angeboten. Durch eine Einfahrt betreten wir den Innenhof vor einem Pub (überdacht, ein Fenster auf, aus juristischen Gründen): Man sitzt an Tischen und raucht zum Getränk Pfeife, Zigarre, Zigaretten. Links eine Bäckerei unter Glas, rechts die Treppe rauf zum Speisesaal.

BSE, hier „mad cow disease“ genannt, stand im Verdacht, durch „meat on the bone“ oder durch das Knochenmark verursacht worden zu sein. Das gibt der Vorspeise den Thrill. Man sitzt auf Gartenstühlen an kargen Holztischen, lutscht Kuhknochen aus und trinkt einen  Weißwein aus dem Libanon. Wegen BSE bei Lebensgefahr, wunderbar. Danach eine rauchen im Hof. Dann etwas, das am Ort „unresponsible drinking“ heißt und sich großer Beliebtheit schon bei Heranwachsenden, auch jungen Frauen,erfreut. Das „land of the free“ ist, das sei den Deppen der tea-party-Bewegung in USA mal gesagt, an der Themse.

Ich berichte der trunkenen Gesellschaft, dass in Deutschland Rumpelstilzchen umbenannt werden soll, weil das diskriminierend ist als Ausdruck. Der Wicht heißt am Ort ganz nach deutscher Lautung Rumpelstiltskin und gilt als Deutscher. Das sagen sie aber anders, ein Hunne heißt es, „a nazi prat“. Dabei haben sie richtig Spaß und knuffen mich. Englische Diskussionskultur. Diese perfiden Albinos, denke ich, sage es aber nicht laut, weil der Tommy bei Kneipenschlägereien auch nicht schlecht ist.

Quelle: starke-meinungen.de