Logbuch
DER GEGNER IST NICHT DAS PROBLEM.
Ich weiß nicht, ob man sich an Bill Clinton erinnert, der Amerikanische Präsident, der zwei Amtszeiten gemacht hat. Vielleicht eher an seine Gattin Hillary, die von sich meinte, es auch zu können, weil sie schon immer der geniale Teil der Ehe gewesen sei, und krachend scheiterte. Man hat hier in Europa gar nicht nachempfunden, wie unbeliebt Hillary Clinton und ihre Demokratische Partei waren, als sie gegen Donald Trump und seine Republikanische Partei antraten. Und ihm, dem Unsäglichen ins Amt verhalfen. Aber ich schiesse mich nicht auf Hillary ein, so wie es Dick Morris getan hat, Bills Freund und Wahlkampfmanager; Dick ist mittlerweile eine ganz tragische Figur. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Ich saß mit Dick Morris in Paris an der Bar und er sollte in einer halben Stunde einen Vortrag halten, auf einer meiner Veranstaltungen. Erstens kriegte er ein Honorar, für das man einen Kleinwagen erwerben hätte können. Zweitens trank er (obwohl Nachmittags). Drittens hatte er acht Fragen. Nur acht, aber die schon. Ich meine, das muss man können, eine geschlagene Stunde vor zweihundert Fachleuten reden, und keine Ahnung gehabt zu haben, wo man eigentlich engagiert ist und warum. Dick Morris sprach über „campaigning“. Das ist zu allererst die Fähigkeit eine ARCHITEKTUR der POLITISCHEN KOMMUNIKATION zu entwerfen. Das ist das, was zum Beispiel den GRÜNEN fehlt.
Die achte Frage des genialen Dick: „Hast Du die Macht, Dich bei Deinen eigenen Leuten durchzusetzen?“ Da war er sehr entschieden. Man scheitere immer im eigenen Lager. Wenn nicht an Intrigen, dann an Dummheiten der Mitarbeiter. In den harten Worten des New Yorkers: THE ENEMY IS IN YOUR HQ. Der Feind sitzt im eigenen Hauptquartier. Das war übrigens auch die Grundidee der sogenannten Campas der SPD, raus aus der Parteizentrale, möglichst auf‘s freie Feld, lieber auf einen anderen Stern.
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WAHLKAMPF KANN JA JEDER.
Journalisten legen großen Wert darauf, keine PR-Berater zu sein. Politische Journalisten den allergrößten, dass sie selbst nicht Wahlkampf für irgendwen betreiben. Die Mietmäuler, das sind die Öffentlichkeitsarbeiter. Das ist in Ordnung, weil es tatsächlich unterschiedliche Rollen sind. Die moralischen oder juristischen Überhöhungen, mit denen sich die Presse selbst ziert, wenn sie sich als Agens der WAHRHEIT oder VIERTE GEWALT sieht, sollte man ihr zubilligen. Journalisten sind wichtig, werden aber lausig bezahlt, gehören also respektiert.
Eigenartig ist allerdings die Neigung, der jeweils anderen Seite Ratschläge zu erteilen. Unter den PR-Leuten sind es nicht die hellsten Kerzen auf der Torte, die Journalisten auf den Block diktieren wollen, was sie gerne im Blatt läsen. Jüngst lese ich noch in den Sozialen Medien die Petiten eines ehemaligen Firmen-Sprechers (ein „has-been“ der Autoindustrie) dazu, was man nach seiner Meinung über seine alte Firma lesen können soll. Vollmundige Rüge. Medienschelte. Da kann man nur seufzen.
Ebenso wundersam sind die Ratschläge von Journalisten an die Wahlkampfmanager, zum Beispiel dazu, wie man eine sogenannte PR-Krise hätte vermeiden können. Siehe letzte Runde in der Causa BAER & BOCK. Im Handumdrehen ist dann aus einem Pressevertreter ein PR-Genie geworden. In einigen Fällen feiert sich dabei auch noch ein besonderer Zynismus: der Jäger erklärt dem Gejagden, wie er es hätte vermeiden können, dessen Opfer zu werden. Ich glaube, das nennt sich neudeutsch VICTIM BLAMING. Erst niederschreiben, dann bemitleiden, schließlich belehren.
Erfahrene PR-Leute wissen, dass Journalisten kein PR können. Die essen zwar gern, können aber nicht kochen. Der gesamte Medienprozess besteht im Hochkochen, Würzen und Anrichten von NEWS, sprich GESCHICHTEN; das sind die Gerichte. Es ist tatsächlich wie in der Gastronomie. Einige essen gern, andere kochen gern. Die Gourmets der Gerichte sind die Journalisten, die Köche die PR-Manager. Einige wenige; es gibt nicht viele Sterneköche in der PR. Dazwischen laufen sich Heerscharen von Kellnern die Füße platt. Aber das gehört zum blinden Fleck des Journalismus, dass er von PR lebt; ein Tabu.
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LICHT AN.
Berlin wäre bei Touristen wie Zugezogenen nicht so attraktiv, hätte es nicht traditionell den Ruf eines ungebremsten Nachtlebens. „Kreuzberger Nächte sind hundert Meter lang und länger“, sangen einst die ortsüblichen Gebrüder Blattschuss. Es ging um die in Berlin angeblich fehlende Sperrstunde. Und die fehlenden Sperrbezirke wie den fehlenden Wehrdienst, aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Der Mythos des NACHTLEBENS setzt historisch auf die ROARING TWENTIES auf, die Zwischenkriegszeit, in der sich ein wildes Partymilieu entfaltete. Ich summe immer noch die Melodien aus dem Kinofilm „Cabaret“ mit Liza Minnelli. Und natürlich die Dreigroschenoper Brechts, zu der es jüngst einen wirklich grandiosen Film gab (Titel MACKIE MESSER von Joachim A. Lang). Aber grundsätzlicher gefragt: Was ist es, dass die großen Städte mit dem Ruf der endlosen Lustbarkeit verbindet? Die Laterne. Licht an?
Im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert beginnt in den europäischen Metropolen tatsächlich das „street lightning“. Die Gaslaterne oder dann das elektrische Licht verändern das urbane Leben. Eine weitere Tageszeit spreizt nun deutlich das wache Leben. In einem Buch zur Aufklärung lesen ich von dem „Philosophen der Nacht“, einem Roger Ekirch; ich erinnere mich, mal einen dicken Wälzer von ihm in der Hand gehabt zu haben, wo es um die Geschichte der Dunkelheit ging (ein eher fahriges Werk). Es sei eine Tageszeit für weitere Arbeit, vor allem aber für „Freizeit“ („leisure“) hinzugekommen. Das stimmt für den Schuster, der im Kellerloch, bisher nur auf eine Glaskugel angewiesen war, und nun auch nachts bei seinen Leisten bleiben konnte.
Aber die Erfindung der Freizeit, ist das auch eine städtische Errungenschaft? Man ist ambitionierter. Das aufgehende Licht der großen Städte stehe für ENLIGHTMENT, also „Erleuchtung“, als „Aufklärung“ nur schlecht ins Deutsche übersetzt, nämlich die Flucht aus der Dunkelheit des Unwissens, des Analphabetentums, der Unfähigkeit zu rechnen, des Aberglaubens und der Intoleranz. Die Straßenlaterne als Symbol des Großen Lichts der Aufklärung. Da sieht man mal wieder, wie sehr die Philosophen daneben liegen können.
Was das NACHTLEBEN ausmacht, ist nicht VERNUNFT, sondern ausdrücklich deren Gegenteil, die vorsätzliche Unvernunft. Hier herrscht nicht der klare Verstand, sondern der nachdrücklich vernebelte. Hier kommt zum Zuge das Menschenrecht auf RAUSCH, seit Dionysos, dem Weingott der Antiken, notorisch. Es betätigt sich der Abgrund der menschlichen Seele, wenn nicht der Abgrund des Körperlichen. Dazu braucht es, damit man beim Straucheln nicht allzu sehr strauchelt, ein ganz klein wenig Licht, den Halbschatten einer Gasfunzel, mehr nicht. Kein Neon. Nachts sind alle Katzen grau. Im Dunkeln ist gut munkeln. You name it.
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Politisch korrekt: demokratisch defekt
Die Grüne Woche in Berlin geht zu Ende. Das Bio-Öko-Pille-Palle-Geschwätz aller Orten verebbt. Reden wir wieder von dem Recht, dass wir uns als Staatsbürger mit Messer und Gabel umbringen dürfen, auf jede uns genehme Art. Treten wir den hohlwangigen Agenten der Gesundheitsdiktatur entgegen. Es gibt ein Leben vor dem Tode. Beginnen wir mit dem Rauchverbot.
Das Rauchverbot gilt auch im Land des Marlboro-Manns. Schluss mit Freiheit und Abenteuer. Da es sich um einen Fall von „politischer Korrektheit“ handelt, wird der Bann mit ganz eigenem Nachdruck umgesetzt. Der weitgereiste Jeremy Clarkson erzählt, dass man im „land of the free“, den Vereinigten Staaten von Amerika, ein Gebäude im Besitz der Bundesregierung („federal building“) nicht mehr mit Rauchermaterial betreten dürfe, jedwedem Material, nicht nur nicht mit den Blättchen, die die Selbstdreher nutzen (und dann so eigenartig dicke Zigaretten haben, die so anheimelnd riechen).
Die Benutzung von Parkplätzen der Polizei sei unmöglich, berichtet Clarkson, wenn man einen Zigarettenanzünder im Auto habe. Das Recht, Feuerwaffen zu tragen, ist aber Menschenrecht. Bei einer Minderheit der amerikanischen Öffentlichkeit gibt es inzwischen Zweifel an der Sozialverträglichkeit von automatischen Angriffswaffen.
Die Waffenlobby setzt den Gedanken der allgemeinen Lehrerbewaffnung dagegen. Als gelernter Pauker kann ich nur sagen: Es hat ein paar Momente gegeben, da hätte ich gerne mal das Eisen sprechen lassen. Insbesondere im Lehrerzimmer, vor allem aber beim Elternsprechtag. Warum nicht auch allgemeine Bewaffnung der Schüler? Ach ja, „under-law“. Alkohol dürfen ja auch nur Volljährige. Und Trinken auf der Straße, gar aus unverpackten Schnapsflaschen, das verbietet sich eh; jetzt auch in Tübingen, schreibt der grün-alternative Herr Palmer, der OB, in seinem Blog. Er kommt aus einer Bewegung, die mal mit „free dope“ angetreten ist. Der harte Kern hat sogar die allgemeine Volksbewaffnung gefordert und sich in klammheimlicher Freude ergötzt; aber daran wollen die früheren Kommunisten nicht mehr so gern erinnert werden, gell, Herr Trittin?
Abendessen im St. John. Hinter den riesigen Schlachthöfen Londons liegt das Restaurant in einem unscheinbaren Hinterhof. Freunde haben uns gesagt: Achtet auf das Schwein im Galopp. Wir finden es auf einem Türschild, es wirbt für Außerhausverkauf. Brot und Wein werden zum Verkauf angeboten. Durch eine Einfahrt betreten wir den Innenhof vor einem Pub (überdacht, ein Fenster auf, aus juristischen Gründen): Man sitzt an Tischen und raucht zum Getränk Pfeife, Zigarre, Zigaretten. Links eine Bäckerei unter Glas, rechts die Treppe rauf zum Speisesaal.
BSE, hier „mad cow disease“ genannt, stand im Verdacht, durch „meat on the bone“ oder durch das Knochenmark verursacht worden zu sein. Das gibt der Vorspeise den Thrill. Man sitzt auf Gartenstühlen an kargen Holztischen, lutscht Kuhknochen aus und trinkt einen Weißwein aus dem Libanon. Wegen BSE bei Lebensgefahr, wunderbar. Danach eine rauchen im Hof. Dann etwas, das am Ort „unresponsible drinking“ heißt und sich großer Beliebtheit schon bei Heranwachsenden, auch jungen Frauen,erfreut. Das „land of the free“ ist, das sei den Deppen der tea-party-Bewegung in USA mal gesagt, an der Themse.
Ich berichte der trunkenen Gesellschaft, dass in Deutschland Rumpelstilzchen umbenannt werden soll, weil das diskriminierend ist als Ausdruck. Der Wicht heißt am Ort ganz nach deutscher Lautung Rumpelstiltskin und gilt als Deutscher. Das sagen sie aber anders, ein Hunne heißt es, „a nazi prat“. Dabei haben sie richtig Spaß und knuffen mich. Englische Diskussionskultur. Diese perfiden Albinos, denke ich, sage es aber nicht laut, weil der Tommy bei Kneipenschlägereien auch nicht schlecht ist.
Quelle: starke-meinungen.de