Logbuch
DAS SCHWEIGEN.
Auf einem Grabstein, zufällig entdeckt, lese ich erstaunt nur zwei Daten, Jahreszahlen. Sonst nichts. Kein Name, kein Spruch. Jedes Symbol fehlt. Vor den Jahreszahlen jeweils ein Sonderzeichen: ein großes Ypsilon mit einem kleinen Strich in der Mitte. Eine Lebens- und eine Todesrune.
Beim Geburtsjahr sieht es wie ein Strichmännchen aus, das freudig die Arme hochreckt. Hurra, geboren. Beim Todesjahr ist das gleiche Zeichen nur auf den Kopf gestellt. Falling down. Erst die Arme zum Himmel, dann zur Hölle. Kein „Wiederauferstanden von den Toten“, ein Sterblicher, wie die Alten Griechen sagten.
Das Leben als Delta, als Zwischenwert. Mich rührt die Kargheit des Gedenksteins an. Wer mag hier beerdigt sein? Wie mag es ihm ergangen sein in seinem kurzen Leben. Warum erhielt er, obwohl anonym, doch einen Stein? Ein Mann, eine Frau? Oder gar ein Übeltäter, etwa ein Selbstmörder, den man noch über den Tod beschämen wollte? Waren die Nachgelassenen damit gemeint?
Ein eigenartiges MEMENTO MORI: Bedenke, Lebender, dass Du sterben wirst. Der Unbekannte wurde nur 38 Jahre alt und starb im letzten Kriegsjahr 1944. Wer hatte da Zeit, einen Grabstein behauen zu lassen? Und ein regelrechtes Grab zu errichten? Vielleicht für einen unbekannten Soldaten? Ein Vertriebener ohne Papiere? Ein Zwangsarbeiter? Man weiß es nicht. Ruhe in Frieden.
Grabsteine interessieren mich. Eine spannende Textsorte. Sie sollen von etwas zeugen, aber in aller Kürze und für die Ewigkeit. Viele sind heutzutage kitschig mit Porzellanfotos des Verstorbenen oder Engelchen und anderem Tand. Geschwätzig. Da scheint mir SCHWEIGEN doch die bessere Option. Schweigend stehe ich vor dem Beschwiegenen. Wir unterhalten uns.
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ORIGINAL & FÄLSCHUNG.
Wenn etwas nur nachempfunden wird oder nachgeahmt, dann sollte man großzügig sein. Nicht jeder ist ein genialer Erfinder; manch einer guckt sich halt was ab. In der Mode ist die Nachahmung geradezu Prinzip. Etwas strenger beurteilt man eine Kopie, die eben das nicht zu erkennen gibt, auch geistiger Diebstahl oder Plagiat genannt. In der Schule nannten die Pauker das Abschreiben früher TÄUSCHUNGSVERSUCH und gaben eisern eine Sechs („ungenügend“). An der Uni gilt bis heute, nicht das Zitieren ist das Problem, sondern die fehlenden Gänsefüßchen und der Quellennachweis mittels Fußnote.
Ich höre von einem Fälscher historischer Gemälde des Niederländischen Barock und bin fasziniert. Er hatte sich eine Expertise eines anerkannten Experten alter Meister besorgt und dessen Vermutungen studiert, dass es von einem der Meister noch verschwundene Jugendwerke geben müsse. Der barocke Maler hatte nur wenig produziert, wohl weil er hauptsächlich eine Kneipe betrieb und bitterarm versterben sollte; eigenartiger Calvinist. Der Experte mutmaßt in seiner Gelehrsamkeit nun auch, wie das Genie wohl als junger Mann gemalt habe, mit welchen Farben und zu welchen Sujets.
So legte der Fälscher dann drei Jahrhunderte später seine Fälschung an, im vermuteten Stil, mit diesen Farben und den erwarteten Motiven. Als man dem Gutachter, als sensationellen Fund, das bisher unbekannte Jugendwerk brachte, prüfte er es gewissenhaft. Er untersuchte die Handschrift, sprich Maltechnik, des alten Meisters, seine Farbwahl und das Thema. Sein Urteil: Das Werk ist echt.
Die Geschichte gefällt mir; sie gefällt mir sogar sehr. Der Wiener Zyniker Karl Kraus hat mal geschrieben, dass man die Fälschungen immer daran erkenne, dass sie viel zu echt aussähen.
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SCHÖNER SCHEIN.
Eine entfernte Freundin (entfernt, weil sie die Gattin eines Freundes ist, die ich nur „vom Lesen“ kenne, aber eine immer kluge Kommentatorin) fragt mich was. Das schiebe ich nicht weg. Aber eine schwere Frage. Achtung: Kann eine INSZENIERUNG trotzdem AUTHENTISCH sein?
Na klar. Wieso trotzdem? Deswegen! Klingt paradox, ist aber so. Was empfinden wir denn als „echt“ oder „ursprünglich“ oder „unverstellt“? Wenn wir glauben, den Wesenskern entdeckt zu haben, dann sind wir beglückt, weil etwas „authentisch“ war. Aber Vorsicht: Das ist die Entsprechung der Erscheinung zu unserer Erwartung, also zu unseren Vorurteilen. AUTHENTIZITÄT ist lediglich die Bestätigung tiefsitzender Vorurteile.
Akademisch: RESSENTIMENT adäquat, so muss das Authentische sein. Wenn wir fremdeln, schnackelt es nicht. Wenn wir uns bestätigt fühlen, dann geht das Herz auf. Etwas als authentisch zu empfinden, das ist also tief egozentrisch. Das kleine Glück, schon immer richtig gelegen zu haben.
Eine AUTHENTISCHE INSZENIERUNG ist eine, die eben dies, dass sie inszeniert ist, leugnet. Dabei ist es unerheblich, ob die Inszenierung zufällig war oder vorsätzlich. Einmal in der Welt, beginnt das Symbol sein Eigenleben; es ist nicht rückholbar, allenfalls kann es vergessen werden.
Dazu könnte ich die Geschichte des Victory-Zeichens von Joe Ackermann (ex Boss der Deutschen Bank) vor Gericht erzählen, wie sie mir ein Insider aus dem Aufsichtsrat der damaligen Mannesmann AG berichtet hat. Das Handzeichen galt in der Presse als Hohn des Bankers gegenüber der Justiz. Ein Skandal! Es war aber nur eine gestische Erinnerung an den amerikanischen Popstar Michael Jackson, von dem beiläufig in einer Pause die Rede war, weil dieser ein dortiges Gericht hatte warten lassen. Der Deutschbanker hatte die Geste nicht so gemeint, wie sie dann wirkte, aber das interessierte kein Schwein. Autonomie des Symbols, seine Verselbständigung ist nicht zurückzuholen. Die Fehlinterpretationen stärker, weil authentischer, als die Wahrheit. Der SCHÖNE SCHEIN kann ein mächtiger Geselle sein.
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Rumpelstilzchen wird umbenannt
Der Negerkönig bei Pippi Langstrumpf heißt jetzt Südseekönig: Das verlangt „pc“, zu deutsch politische Korrektheit. Bestimmte Verballhornungen von Gedichten, die ein Autor der SZ in herrlich albernen Erfolgsbüchern geschaffen hat, werden in Buchhandlungen nicht mehr ausgelegt, weil im Titel ein Unwort steht und der Händler Anschläge befürchtet.
Bei den Brüdern Grimm wird ein Märchen wiedergegeben, in dem sich das Böse selbst zerreißt, wenn man seinen Namen weiß. Der Rumpelstilzchen-Effekt steht seitdem für den Aberglauben, dass man mit dem Aufsagen von Wörtern oder ihrem Verschweigen das Leben verändert. Das ist nicht so albern, wie es klingt; es beschreibt auch den Grundmythos von Freuds Psychoanalyse. Freudkenner wissen, dass er das selbst nach der Analyse einer jungen Frau schreibt, die seine Phantasie beflügelte.
Man darf keine bösen Wörter sagen. Jedenfalls nicht in Gegenwart von Kindern. Denn Wörter sind, das sagen uns die Kampagnenführer der Märchenkritik, Waffen. Mit bestimmten Wörtern würden bestimmte Menschen gekränkt und seelisch beschädigt. Das soll nicht sein, keine Frage. Und ich interveniere, wenn in der Berliner S-Bahn von „Spastis“ die Rede ist oder die wunderbare Tochter meiner Freundin Antje beleidigt wird, die unter dem Down-Syndrom leidet. Muss ich deshalb den Wicht Rumpelstilzchen, den das Lagerfeuer umtanzenden Gnom, künftig „physically challenged“ nennen? So heißen Körperbehinderte in den USA. Kindergekasper.
Aber es geht den Säuberern der Literatur gar nicht um die Infanten. Wir hören: „Die Streichung rassistischer Begriffe ist nur der Anfang vom Frühjahrsputz.“ Die Säuberung ist zunächst nur für Kinderliteratur angesagt, weil es dort leichter fällt, das Grundrecht auf Informations- und Meinungsfreiheit auszuhebeln. Beim Kindeswohl muss das Autorenrecht zurückstehen. Oder die historische Wahrheit.
Die neue Welle um den Südseekönig ist als politisch motivierte Säuberungspraxis nicht neu. Die Lateiner gaben gereinigte Bücher heraus: ad usum delphini, zu deutsch: zum Gebrauch in der Schule. Im „Tagesspiegel“ befürwortet die Theaterregisseurin Simone Dede Ayivi die Säuberung von Kinderliteratur, indem rassistische Wörter durch solche ersetzt werden, die „tatsächlich nicht rassistisch“ sind. Sie nennt das einen „Frühjahrsputz“, der hier beginne und dann weiterzugehen habe.
Man fragt sich, was von der Bibel noch bleibt, insbesondere vom Alten Testament. Man fragt sich, ob Homer noch ins Regal gehört. Oder dies und jenes Shakespeare- Drama. Denn beim Umdichten der bösen Wörter in gute Wörter wird es ja nicht bleiben. Unsere Kultur gründet auf einem Universum politisch nicht korrekter Mythen und Symbole. Wir werden die ganze Literatur, die komplette Kunst kanonisieren müssen.
Dann gibt es für Kinder die gereinigten Werke, für Schulen noch die sauberen. Da Kinder aber auch ins Internet kommen, sollte Amazon auch die schlechte, weil schmutzige Literatur aus dem Programm nehmen. Schließlich: Warum sollte für Erwachsene gut sein, was für Kinder böse ist? Da hat die Heilige Inquisition des katholischen Mittelalters auch nicht zu Ausnahmen geneigt. Das Rauchverbot gilt ja auch für alle. Folge: Der Kanon des Sauberen gilt überall. Und den schmutzigen Rest kann man dann getrost verbrennen.
Der Frühjahrsputz, den Simone Dede Ayiyi vom Ballhaus Naunynstraße in der Zeitung fordert, sei keine Zensur, sagt sie, es gehe nur um die Umbenennung schlimmer Wörter. Das ist, wenn redlich, naiv. Im Stadtwappen von Coburg ist ein Mohr. Das ist, der Religions- und Kunstgeschichte geschuldet, der Magdeburger Mohr, und auch der hat seine eigene Geschichte. Sollen wir den jetzt durch einen Oberfranken ersetzen? Für meine Begriffe hat der Coburger Mohr nichts mit deutschem Kolonialismus und Rassismus zu tun, aber selbst wenn. Darüber muss man nicht streiten. Es gelten die Menschenrechte.
Wenn wir aber vom Mohren nicht mehr reden, wird man die Heiligen Drei Könige in der Bibel und bei allen anderen Spielen zu Jahresbeginn umbesetzen oder aus dem Programm müssen. Es hilft doch nichts, wenn wir einen der drei in Südseekönig umtaufen. Nimmt man den Kaufmann von Venedig bei Skakespeare, so ist klar, dass allein durch die Umbenennung von Shylock in William oder Karlheinz das Problem nicht zu lösen ist.
Es geht um mehr als Wörter. Es geht um das Diktat der politisch Korrekten. Sie leiten die Berechtigung aus Persönlichkeitsrechten von Minderheiten ab. Petiten aus dieser Betroffenheit stellen sie dann aber über alle andere Verfassungsgüter. Die Ausnahme diktiert die Regel. Menschenrechtsverletzungen sind das eine, eine Befindlichkeitsdiktatur bis in die Geschichtsfälschung hinein ist das andere. Alles was unter „pc“ firmiert, erweist sich als extrem ambivalent, sprich: als Segen und als Seuche, in politischer, rechtlicher und ethischer Hinsicht.
Quelle: starke-meinungen.de