Logbuch
WEIN PREDIGEN.
In Berlin will man Wohnungsnot durch Enteignungen beheben, nachdem Mietpreisdeckel sich als illegal erwiesen haben. In der Frage können die roten Ossis mit den Grünen, die zudem Autos und Heizungen verbannt wissen möchten. Aber deren Wahlergebnis reicht nicht, zumal sie nicht miteinander können.
Eine Politikerin der Grünen, ein Urgestein, die bei der Presse den Spitznamen „Die Frisur“ trug, schimpft nun auf Twitter über die Koalitionsverhandlungen in Berlin, weil das drohende Bündnis von CDU und SPD nicht fortschrittlich sei. Nun gut, wenn die Grünen und die SED-Roten raus wären, dann hätte der alte Mainstream das Sagen. Das findet sie rückschrittlich.
Aber so jungfräulich fortschrittlich ist das Ansinnen gar nicht. Die Berliner Grünen wollten selbst mit der Union in die Kiste. Schwarz-grün war der Plan der Augsburger Grünen-Chefin an der Spree. Übrigens auch eine Frisur. Während der Grande der Union eine rasierte Offiziersglatze sein Eigen nennt. Aber lassen wir das mit der Frage, wer die Haare schön hat.
Das eingangs zitierte grüne Urgestein wohnt in einer Stadt, die ich aus Gründen der Diskretion hier nicht nennen werde, in der historischen Villa eines berühmten Industriellen des frühen 20. Jahrhunderts, den ich hier nicht nennen werde. Man sprach seinerzeit bei diesen Industrie-Anlagen von einem „deutschen Versailles“. Als ich sie darauf anspreche, reagiert sie pampig. Jedenfalls habe sie einen großen Garten, sagt sie mir. Klar. Innerstädtisch. Gegenüber einem riesigen Park. Villenviertel.
Wein saufen, Wasser predigen. Politisch links blinken, privat rechts abbiegen. Im Westen nichts Neues.
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LIEFERKETTE.
Hätte, hätte, Lieferkette. Ich höre über einen deutschen Konzern, dass seine Beschaffung zweitausend Container im Verzug sei. Liegen auf Reede. Glaube ich das? Verstehe ich das?
Wenn China neun Häfen in den neun unbekannten Millionenstädten wegen Corona sperrt, reihen sich davor hunderte von Containerschiffen auf Reede. Mit abertausenden von Containern. Können die nicht auf andere Häfen ausweichen? Können sie nicht.
Das Containerschiff muss eine fixe Route abfahren, die durch die Reihenfolge der Beladung bestimmt ist. First in - last out. Also gibt es in den tausenden Schiffen eine starre Struktur. Von den späteren Interdependenzen zwischen den enthaltenen Gütern gar nicht zu reden. Du kriegst Deine Kiste, wenn die anderen ihre haben; oder eben nicht.
Das erklärt mir ein kluger Mann. Zum ersten Mal verstehe ich die sogenannte Lieferkettenproblematik. Halb schlau schaue ich in das Gesicht meines Gegenübers. „Die neun unbekannten Häfen der neun unbekannten Millionenstädte?“ Mit der Frage bin ich unten durch. Globalisierung sei nicht, sagt er, dass Hannibal mit seinen Elefanten über die Alpen gekommen sei.
Ich maule. Hannibal war Karthager; dessen Reich hätte eh zerstört werden müssen. Neun unbekannte Millionenstädte, ich fasse es nicht.
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HERRENMODE.
Man trägt schwarze Schuhe aus Pferdeleder, insbesondere am Abend („no brown after five“). Wenn minderjährig, gehen auch weiße Sneaker. Aber niemals Sandalen mit Socken. Eh klar.
Vor Jahren trat einer jener furchtbaren Aufsteiger aus dem Mittelmanagement vor der Presse auf, ich glaube gelernter Chemiker, und legte ohne Not das Sacco seiner “Kombination“ ab, um zu zeigen, dass das Button-down-Hemd, zu dem er eine einfältige Krawatte trug, auch noch kurzärmlig war. Ich war fassungslos.
Nie Binder zu Button-down, nie kurze Ärmel, nie Kombination. Mein Gott, was für ein banaler Barbar. Wenn im Freizeitmodus, sind seit jeher Pique-Hemden möglich, soweit sie von kleinen Krokodilen geziert werden. Zurück zum „shirt in suit“. Heute, in den Zeiten von „sans cravatte“, also dem Schlips-Verbot, sind diese weißen Oberhemden mit Innenbordüre im Kragen und farbigen Knöpfen notorisch. Kragenknopf offen. Wie affig. Wo kommt das Zeug her? Wer standardisiert so was? Ein alberner Code ohne Content. Die „Sandale mit Socke“ als Oberhemd. Ich fordere dafür Barverbot.
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Peer, der Besserverdiener, ist für die SPD die Pest
Was wählen die Menschen? Einen Charakterkopf. Was ist ein Charakter? Eine Person, die uns eine Geschichte erzählt, mit der wir eine Story verbinden, einen Mythos. John F Kennedy war so ein Mythos oder Willy Brandt. Welche Geschichte gewinnt Wahlen? Jene, die uns am besten gefällt und von der wir was halten. Dafür muss sie Spaß machen oder Sinn, am besten beides. „Frage, was Du für Dein Land tun kannst!“: Das ist so eine Story, die gewinnt. Oder: „Mehr Demokratie wagen!“ Der politische Mythos darf uns belehren, wenn er uns erfreut, erleuchtet, begeistert. Die Belehrungen des pissigen Peer sind nur noch peinlich.
Peer Steinbrück ist der Kanzler der Besserverdienenden. Das ist die Botschaft der SPD-Kampagne. Wir hören in immer neuen Varianten, wie er Geld schneidet, wie er Geldschneiden geil findet und dass er seine Profite versteuert. Er erscheint uns raffgierig, geldgeil und arrogant. Ein Schnösel mit dem piefigen Ton eines hanseatischen Oberlehrers, ein ministerialer Zyniker. Noch so ein Sparkassen-Obermufti wie der demissionierte Herr Köhler. Dieser Trivialmythos kann vielleicht für die FDP klappen, für die SPD ist er die Pest. Seit Bochum-Gate wissen wir: er kann es nicht, der Peer. Der Wähler folgt nicht dem blasierten Schachkalkül von Helmut Schmidt und seiner ZEIT; er durchschaut die abgekartete Sache. Selbst das Foto zum Kanzlerschach mit Schmidt-Schnauze und dem Knete-Kandidaten war getürkt. Der Wähler will unterhalten sein, aber nicht erkennbar verarscht.
Peer ist ein Autist, er weiß nicht, wo er ist. Ich lausche ihm auf einer Veranstaltung im sogenannten Gourmetrestaurant Hugos im Berliner Hotel Interconti in der Budapester. Der gastronomische Edelschuppen ist das Aushängeschild des schon in die Jahre gekommenen Hotels. Wer dort einen Tisch reserviert, erhält mit der Bestätigung einen Wisch mit der Kleiderordnung: Man möge bitte nicht in Sportklamotten aufschlagen,gar in Jeans oder Sneakers. Krawatte muss nicht, teilen sie gönnerhaft mit, aber bitte nicht im Habit der neureichen Russen, die gerade bei Adidas waren. Die Abgehobenen unter sich. Das Essen ist mäßig, die Preise astronomisch, der Ausblick auf Berlins City West gut. Wer hier hingeht, hat es nötig. Der Kellner stellt schon bei der Reservierung klar, dass er bessere Manieren als seine Gäste hat. Hier nun spricht Peer Steinbrück vor hundert geladenen Gästen. Es gibt Beelitzer Spargel mit Kartoffeln; die Kartoffeln sind für den skeptischen Gaumen vermutlich maschinengeschälte Dosenware aus der Pfannifabrik und schmecken rundheraus ekelhaft. Peer meint unter seines Gleichen zu sein und wäscht den Anwesenden den Kopf.
Eingeladen hatte der alte Westberliner Presseklub. Im Saal sitzen Edelarbeitslose und Hartz-Vier-Aufstocker, die von ihrem journalistischen Handwerk kaum noch die Miete zahlen können. Der Redner weiß zwar, dank sonstigem Lebenswandel, in welchem Lokal er ist; er weiß aber nicht, vor wem er redet. Der Grund ist einfach und allzu verständlich: Er redet dauernd, er ist auf Tour, Peer tingelt für Geld, da kann so was schon mal vorkommen. Ich werde am Tisch als Sozi identifiziert und von der verarmten Schreibenden Zunft zur Rede gestellt: Was denn diese Unverschämtheit solle? Ich schäme mich für Peer. Und beiße zurück: Warum man denn in ein Edelrestaurant eingeladen habe? Es war vergleichsweise die billigste Lokalität unter den Besserverdienerkneipen, sagen die Pressekollegen. So schmecken die kalten Kartoffeln aus der Dose auch. Willkommen in Berlin West, genauer in Wowereits City West. Während der Autist sein finanzpolitisches Mantra extemporiert, kommt der Nachtisch: erinnert an Plastikschaum mit Tiefkühlfrucht. Abgeschmackt. Ein Hugo bei Hugos.
Warum schleppt die SPD den Irrtum Steinbrück bis zur Wahlniederlage gegen den siegesgewissen Trivialmythos Mutti Merkel durch? Wer sagt, dass sie das tut? Nach dem Wahldebakel in Niedersachsen wird Peer Steinbrück am Folgemontag zerknirscht als Medienopfer zurücktreten und Frank Walter Steinmeier nominiert, von dem wir schon wissen, dass er es auch nicht kann, jedenfalls nicht gegen Mutti. Der bräsige Steinmeier wird 2013 in die Grütze fahren; die SPD landet bei 24 Prozent: von der Volks- zur Viertelpartei. Bei der nächsten Bundestagswahl kommt dann Sigmar Gabriel. Wetten?
Quelle: starke-meinungen.de