Logbuch

NARRATIV.

Jeder Simpel spricht heutzutage von anderen „Geschichten“, die jetzt mal erzählt werden müssten. Der Rufmord kommt modern daher. Dabei ist das uralt.

Aus dem Schatzkästlein des kundigen Thebaners: Trivialmythen dienen den Dummen als Beweis des Bösen oder des Guten. Seit dem Griechen HOMER und früher. MUTTI ist so ein Trivialmythos. Journalisten füllen solche Rahmen („frames“) dann mit Nachrichten. Sie machen Mythen frisch. Das ist der Kern von Presse, alte Mythen als neueste Nachrichten verkaufen.

Als Urvater des Journalismus gilt PIETRO ARETINO, eine loses Mundwerk der italienischen Renaissance. Er war, obwohl Spötter und Lebemann, sehr um seinen RUF & RUHM bemüht. Mit aller gebotenen Unbescheidenheit nannte er sich selbst DER GÖTTLICHE. So zeichnete er mit DPA für „Divino Pietro Aretino“. Das ärgerte seine Kritiker.

So reicherte man die Biografie mit der Episode an, seine Mutter, eine stadtbekannte Dirne aus Arezzo, habe in der Nacht vor seiner Geburt geträumt, sie werde einen Weinschlauch gebären. Dann aber kam sie mit dem Balg Pietro nieder. Der fortan „vom Wein“ als Spottname trug: DI VINO. Das ist hübsch gemein: aus DIVINO wird DI VINO, ein besoffener Hurensohn.

So machten es die Alten Römer. Ihre Gründungsväter Romulus und Remus sollen ja von einer Wölfin gesäugt worden sein. Wolfskinder. Nun, LUPA hatte damals noch eine andere Bedeutung. So wie das „bitch“ (Hündin) heute im Englischen. Aber man stammte natürlich lieber von den Göttern ab als der Sohn einer LUPA zu sein. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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REFORM FÜR JEDERMANN.

Ich tue mich schwer mit der Reformation und dem Dr. Martin Luther. Er war ein sehr mittelalterlicher Mensch. Dazu gehört sein Zorn, der bis zum Vernichtungswillen wachsen konnte. Dazu gehört sein Antisemitismus, der eben nicht nur ein Antijudaismus war. Dazu gehört in der Politik sein brutaler Hang zum autoritären Regime.

Andere Sachen gefallen mir. Die Liebschaft des Mönchs Luther zu der Nonne Katharina von Bora. Und sein Sprachwitz begeistert mich; wir verdanken ihm viele kräftige Vokabeln in strammen Deutsch. Auch seine Neigung zur Deftigkeit erfreut mein Herz für gute Propaganda.

Natürlich ist die Übersetzung der Bibel ins Deutsche zu loben. Das ging übrigens relativ flott. Muntere Plagiate. Möglich, weil es schon übersetzte Fragmente gab. Vor allem aber, weil er ein ausgezeichnetes Latein und passables Griechisch sprach. Halt ein guter Philologe. So konnten dann die TESTAMENTE den Popen entrissen werden und als HAUSBIBEL auf jedem Tisch landen.

Damit kam aber die LAIEN-EXEGESE in die Welt. Jeder Dummfick konnte die HAUSBIBEL an irgendeiner Stelle aufschlagen und sich selbst seinen Vers wahllos auf irgendeinen Satz machen, den er dann für GOTTES WORT hielt. Dadurch ist viel Unglück in die Welt gekommen.

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FREISCHWEBEND.

Gestern in München die CSU-Granden aus ihrem Limousinen steigen gesehen. Dann den abgeschmackten Söder in den Nachrichten. ERKENNTNIS-EKEL.

Ich muss kein Fan eines Fußballvereins mehr sein. Obwohl ich einst schwor: „Ob ich verroste, ob ich verkalke, Schalke.“ Und hätte ich einen Gott, bräuchte ich keine Kirche; jedenfalls keinen Papst. Und stände ich politisch wo, so könnt ich das auch ganz gut ohne Tambours-Major. „I would prefer not to. I’d rather walk alone!“

„Der selbstbestimmte Abschied aus einem politischen Amt ist eine hohe Kunst.“ Das hat gerade ein Parlamentarier der FDP über einen Parteivorsitzenden der SPD geschrieben. Kluger Mann, der Liberale, übrigens aus der „Stadt der tausend Feuer“. Oder seine PR-Mitarbeiterin aus Gummersbach war das. Kluge Frau, hat übrigens bei mir Examen gemacht. Ich lebe gut im selbstbestimmten Abschied eines gelernten Genossen von jedweder Partei.

Man kann einer Partei angehören, weil das nützt. Oder man kann einer Partei angehören, obwohl das schadet. Ich habe zeitlebens der zweiten Kategorie angehört. Es hat mich allenfalls in Misskredit gebracht; ich verdanke ihr nichts. Als ich das Gefühl hatte, sie hat mich verlassen, meine Partei, habe ich den Schritt der „ehrlichen Scheidung“ gewählt und sie verlassen. Seitdem bin ich PARTEILOS. Für einen gelernten Sozi ist das was. Bei einer Amputation spricht man vom PHANTOM-SCHMERZ.

Übertritt zu einer anderen Partei? Dazu bin ich zu klug. Und leide unter den schlechten Vorbildern der opportunistischen Wechsler. Nein, die Zeit ist um. Ab jetzt PRIVATGELEHRTER und WECHSELWÄHLER. Das muss reichen.

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Moral als Waffe: von der Logik der Säuberungen aus nichtigem Anlass

Es ging um eine alberne Petitesse, aber eine peinliche. Leider hatte Richard, der Rächer, so hieß er damals, daraus keine Schlinge knüpfen können, die er im Blatt über einen Galgen werfen konnte. Der Magazin-Journalist, den ich meine, stand in seinem Regionalbüro und schlug mit der Faust an die Wand: „Das Schwein kriege ich noch!“ Man hatte ihm in der Zentrale seine Meinung kaputtrecherchiert; leider für ihn somit ein Halali ohne Beute.

Seine Kollegen erinnern sich an diesen Moment bis heute als Beginn ihres Befremdens darüber, wie weit Presse gehen sollte. Mittlerweile erleben wir, dass sich der Säuberungswille auch auf die eigene Berufsgruppe richtet. Es gibt jetzt – ganz selbstbewusst und mit erhobener Stimme – Krähen, die den anderen ein Auge aushacken. Aus berufsethischen Gründen, sagen sie. Sie nehmen dafür öffentliche Ehrungen an. Das Leben sei kein Ponyhof, heißt es.

Mit den Gepflogenheiten in Reitschulen kenne ich mich nicht aus. Als Gewerkschaftler ist mir der ganze Angang suspekt. Aber gut, das Leben ist sicher kein Debattierklub.

In Oxbridge lernt man zu streiten, ohne sich zerstören zu wollen. Man ist anderer Meinung, man schmäht schon mal spielerisch, aber man ächtet nicht. Das hält dieser Kampagnen-Journalismus anders. Er will erniedrigen und sich selbst erhöhen. Das ist der Kausalnexus der Übung: Selbstinszenierung als moralisch erhaben. Weiße Engel fliegen durch die Hölle. Und die Engel verbitten sich, dass man ihnen falsche Motive unterstellt. Es gehe ihnen um Sauberkeit, um nichts sonst. Sie sind ja die Sendboten Gottes. Räumen wir ein: Es geht den Inquisitoren nicht mehr um Leib oder Leben ihrer Opfer. Nur um den Ruf und den Job. Diese Inquisition zündet nur symbolische Scheiterhaufen an, sie ächtet die modernen Hexen und Ketzer, aber bringt sie nicht um. Soviel zum Fortschritt.

Die Säuberungswellen, die auf der Basis von wirklich beiläufigen Verfehlungen prominenter Opfer durch die Medien laufen, befremden mich immer mehr. Ja, da hat eine ihren Dienstwagen missbraucht oder einer ein Hotelzimmer geschnorrt oder im Flieger drei Reihen zu weit vorne gesessen. Deshalb muss ich ihn als Politiker outen, als Manager diskreditieren oder gar als Kollegen denunzieren?

Herdentrieb als Aufklärung getarnt: Die Meute beobachte sich in lauernder Hysterie selbst. Sie achte dabei durchaus auf Feinheiten, auf Nuancen der Abweichung. Die Inbrunst, mit der die anderen, alle anderen, vor allem aber jene, die zu Neid Anlass geben, zur Beobachtung anstehen, erkläre sich daraus, dass die Konformität Zeichen des Heils und die Abweichung der Vorbote größten Unheils sei. Ist ein Abweichler entdeckt und das delinquente Detail zur Menschheitsfrage aufgeblasen, wird er hinausgebissen aus der Meute. Er darf nun als Sündenbock in die Wüste getrieben werden, womit die Oase der Konformität wieder rein ist. Das ist die Logik dieser Säuberungen aus nichtigem Anlass.

Verhältnismäßigkeit ist hier kein Argument, weil der Zweck die Mittel heiligt. Die Sittenwächter sind moralisch rigoros. Das wirklich Monströse liegt in der Diskrepanz zwischen Vergehen und Strafe. Ein Fleck auf der weißen Weste wird entdeckt, und der Westenträger steht zur bürgerlichen Ächtung an. Es fehlt ein wenig an Humanismus, an christlicher Gesinnung, an rheinischer Gelassenheit, an westfälischem Wegschauen, an Liberalität, an mitmenschlicher Nachsicht, an Vergebenwollen…stattdessen eine Spur von Rache, Vergeltung…  und zwar bei wirklich banalen Anlässen. Und vom Publikum dieser Teufelsaustreibungen wird Unterstützung verlangt. Wer nicht für uns ist, knurren die Leitwölfe aus ihren Schafspelzen, ist gegen uns.

Unser Chef-Philosoph, der berühmte Professor aus Karlsruhe, begründet das moralische Halali dieser medialen Treibjagden mit dem Unbehagen in der Kultur, eine Vorstellung von Sigmund Freud, ein tiefes Unbehagen an unserer  Kulturisation, das sich atavistisch zu entladen sucht. Und weil er belesen ist und gebildet, holt er die ganz große Keule raus. Er wird historisch grundsätzlich: „Nur in der jakobinischen Phase der Französischen Revolution, in der völkischen Revolution der Deutschen und in der Russischen Revolution sah man das  Phänomen, dass Kinder aufgefordert wurden, ihre Eltern bei den Instanzen der volonté générale zu denunzieren.“ Es handle sich um „moralgeschichtliche Singularitäten“, an die man hier erinnert werde.

Die Erinnerung an den Terror des Robespierre verortet die Säuberung dort, wo sie ethisch hingehört: außerhalb einer humanistischen Kultur, außerhalb des Christentums, außerhalb der Aufklärung und außerhalb einer demokratischen Zivilgesellschaft. Säuberungen gehören als politisches Konzept in das Verhaltensspektrum des Wolfsrudels: homo homini lupus. Es mag vielleicht große Verbrechen geben, die die Guillotine rechtfertigen; ein lächerlicher Spesenbetrug gehört sicher nicht dazu. Nicht in jener Welt, in der ich leben möchte.

Quelle: starke-meinungen.de