Logbuch
WAHLKRAMPF.
An den Fleischtrögen der Macht legt man offensichtlich zu. Jedenfalls manche. Unwesentliche Beobachtungen in Berlin, der am schlechtesten regierten Stadt der westlichen Hemisphäre.
Am Samstag gegen Mittag steht der örtliche Kandidat der hier stets regierenden SPD an der Straßenkreuzung und junge Menschen verteilen eine Zeitung und ein Stück Schokolade. Die Süßigkeit ist recht lustig verpackt und die Zeitung recht belanglos. Ich frage die junge Frau, wie der örtliche Kandidat denn heißt; sie nennt nach einigem Zögern einen Namen, der aber leider nicht stimmt. Ich schaue zum Mitglied des Abgeordnetenhauses Thomas I. rüber, er hat zugenommen und blickt auf seine Schuhspitzen.
An einem benachbarten Platz hat er ein Abgeordnetenbüro, an dem ich oft vorbeikomme. Es ist stets tief unbenutzt, Post stapelt sich hinter der Tür. Ein Berliner Landespolitiker halt. Die örtliche Bundestagsabgeordnete der SPD traf ich in der letzten Woche im Aufzug im KaDeWe. Das „Winkelement“ Eva H., neuerdings Wehrbeauftragte, war auf dem Weg in den sechsten Stock, die Fress-Etage. Sie wird auch nicht dünner. Gut in Form ist nur der ehemalige Regierende, der in weiblicher Begleitung seinen Volvo am Savignyplatz in zweiter Reihe stehend belädt. Ich grüße brav, er nickt freundlich; allerdings weiß ich um seine Sehschwäche. Für wen er mich wohl gehalten hat?
Was will uns das alles sagen? In Berlin wird gerade im zweiten Anlauf versucht, eine Wahl ordnungsgemäß abzuhalten. So banal ist das nicht. In einer Zeit, in der die Rechtspopulisten die Parlamente stürmen, wenn ihnen die Machtergreifung nicht legal gelingt, sollte man die Demokratie hochhalten. Mein Ernst. Auch wenn der Kanzler im Fernsehen in der Freizeitkleidung eines Ostrentners auftritt und die stets peinliche Parteivorsitzende in einem Schlafanzug. Der Parteivorsitzende (weiße Sneaker) der Sozen scheint auch wieder Gewicht aufzulegen.
Was mich nachdenklich stimmt? Diese Kinderschokolade, die sie mir da angeboten haben. Ich hab die ausgewickelt und gegessen. Zückerchen. Welche Wertschätzung kommt darin zum Ausdruck? Was will man mir, dem Wähler, damit sagen, dass man mir Leckerli gibt?
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SPAZIERSTOCK.
Wenn in einem Kaff gar nichts los ist und es am Arsch der Welt liegt, ziert den Ortseingang ein Schild mit dem Versprechen LUFTKURORT. Eine Hölle der Belanglosigkeit.
Ich sammle Spazierstöcke. Meist Souvenirs aus Urlauben, in denen ich aus lauter Langweile geschnitzt habe. Da nicht immer gerades Holz zur Verfügung stand, hat das Schweizermesse manche Skurrilität hervorgebracht. Der Spazierstock ist ein wenig Gehhilfe, ein wenig Waffe, vor allem aber ein Prunk- und Prahl-Instrument.
Wie das Spazieren überhaupt ein hintergründiges Ding. Der Adel begann mit dem Promenieren in seinen Gärten, so dass das eitle Bürgertum irgendwann zur Nachahmung anstand. Jeder Kurort schaffte Anlagen zum Flanieren. Stolze Städte wandelten Jagdgründe zu Stadtparks. In meiner Heimat hieß das Ausgangsgehege gar Volkspark. Der Witz liegt darin, dass man sich hier ergeht, ohne ein Ziel erreichen zu wollen.
Man erinnert das Goethe-Wort, nach dem der Spaziergänger „nichts zu suchen“ im Sinn hat. Insofern ähnelt das Spazieren dem Sport, eine Art sanfter Leibesertüchtigung. Man rennt aber nicht, sondern schlendert gemächlich. Und zwar an der „frischen Luft“, auch so eine Metapher der Volksgesundheit, den Kurärzten der Luftkurorte entsprungen. Wie die Gartenwirtschaft und das Ausflugslokal. Draußen nur Kännchen. Was der sprichwörtliche Verdauungsspaziergang sein soll, das ersparen wir uns hier.
Ebenso ausgespart ist hier der Exkurs zu den „Nordic Walkern“, den Fröschenpieksern, die mit zwei Alu-Krücken wedelnd um Aufmerksamkeit betteln. Immer in der Gruppe, meist mit schnatternden Handarbeitslehrerinnen und anderen Globuli-Monstern, die sich zum Glück auf Wanderwegen im Wald verlaufen.
Wie der sonntägliche Kirchgang dient der Spaziergang in öffentlichen Gärten nur vordergründig der eigenen Erbauung. Die sehr gezielte Kleidungswahl beweist, dass man gesehen werden will. Es ist eine Demonstration, sei es des kirchlichen Pharisäertums oder der informellen Naturverbundenheit, heutzutage „Outdoor“ genannt. Man will ambulierend etwas mitteilen, nämlich seinen profanen Glauben; spazierend zeigt der Spießer, wes Geistes Kind er ist. Dieses Lustwandeln demonstriert, was im piefigen Kleinbürgertum noch von der Lust übrig ist. Dionysos hat gesoffen und gehurt, aber er ist nicht mit steifem Kragen eine Promenade auf und abgelaufen, um dabei ein Stöckchen zu schwingen und die Nachbarn zu grüßen. Spazieren ist der Spaß der Spießer.
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FRONT RUNNING.
Zögerlich sei der Bundeskanzler. Ist das Tadel oder Lob? Er erfülle seine militärischen Pflichten als Vasall nur in Absprache mit der Hegemonialmacht. Ja, und?
Der Grüne Toni Hofreiter fordert forciert Angriffswaffen für den Krieg der Ukraine gegen den russischen Angreifer. Da steht das Butterblümchen als Kriegstreiber im Studio, unsportlich, ungepflegt und schlecht gekleidet, und mault in bayrischem Ton. Der ehemalige Ostermarschierer fordert mehr Führung. Die Deutschen sollen bei der Lieferung von Waffen von dem Gerät zur Verteidigung auf das für Angriff umschalten. Die viril adrette FDP-Bikerin Strack-Zimmermann aus Meerbusch im Rheinmetall-Land stößt ins gleiche Horn. Mir sind beide fremd.
Neudeutsch heißt das „leadership“. Der darin geforderte LEADER ist aber nur ein (!) Führer, nicht der (!) Führer, eh klar. Das neue Heil des Führertums wird von Personalern (HR) entdeckt, die ihre Plattitüden durch Anglizismen tarnen. Mehr Leadership wagen. In der Politik soll es Feigheit vor dem Feind vermeiden; ein Sieg soll heilen. Ich kriege aus all den Liedern um den Leader aber den historischen Ton nicht raus. Heillos. Ich bitte um Nachsicht, mein Führer.
Dass die Bundesregierung ihren Bündnisverpflichtungen nur nach reiflicher Überlegung und Abstimmung im Bündnis nachkommt, also letztlich auf Weisung, das spricht nicht gegen sie. Ich habe keinen Bedarf nach „front running“. Hübsches Wortspiel, das meiner Glosse da gelingt.
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Kein Alkohol ist auch keine Lösung
Für den Weltfrieden wäre eine Menge getan, wenn einschlägige Religionen ihr Alkoholverbot überdächten. Man schaue nicht nur auf den Islam, auch das Christentum hatte seine Irrungen in der Frage. Die Mäßigungs-Bewegung („temperance“) zu Beginn des letzten Jahrhunderts ging von moralisierenden Christen, namentlich Pietisten und Methodisten, aus. In den USA brachten sie das Organisierte Verbrechen an die Macht, in den Morgenländern nähren sie bis heute den Radikalismus. Allzu nüchtern wird der Mensch zum Tier.
Nun muss man mit Alkoholgenuss ja nicht gerade die Weihnachtsmärkte und das Glühweinunwesen in Verbindung bringen. Dessen Gefahren sind seit der Antike aktenkundig. Der im Alten Rom als Tiberius bekannte Claudius Nero, ein exzessiver Glühweinsäufer, wurde öffentlich als „Biberius Caldo Mero“ verspottet. Er trank warmen (caldo) Mischwein (vinum merum), genauer gesagt einen Tresterwein (sprich Grappa), der durch die Zugabe von Süßweinen (späte Reben, über Jahre gekeltert) und Honig dem Zeitgeschmack angepasst wurde. Süß und warm, das kann nicht gut gehen.
Der in allen Dingen vorbildliche Cato der Ältere, genannt der Zensor, empfahl pro Tag und Kopf einen Liter kalten Weins (Zusatz, wenn vorhanden Schnee oder Eis, ansonsten Wasser), für fleißige Sklaven einen halben, bei Frauen riet er wegen des bekannten Hangs zur Maßlosigkeit ganz ab. Da war er eben ein Kind seiner Zeit. Jedenfalls kalt und „austerum“ (herb). Und Diktatoren, das wusste Cato, werden zum echten Problem, wenn sie auch noch Asketen sind. Was man Nero so nicht vorwerfen konnte, Hitler schon.
Von der Prohibition auf alles, was wirklich Spaß macht, in den Dekaden zu Anfang des 20. Jahrhunderts sind heutzutage nur die sogenannten „Volksdrogen“ ausgenommen. Bei diesen Volksdrogen ist man dabei, uns das Nikotin ganz zu nehmen, beckmessert am Alkohol und bietet nur noch das Koffein, freilich zu Preisen, die dem Markt für Opiate entsprechen und mit einer mysteriösen weißflüssigen Verunreinigung namens „latte“. Das Ende des Tabaks beschleunigt die Gesundheitspolitik in ganz Europa, selbst von Australien wird dieser politische Wahnsinn gemeldet.
Im Zug nach Berlin treffe ich in der Ersten Klasse eine in Braunschweig zusteigende SPD-Bundestagsabgeordnete, nennen wir sie Carola. Eine intelligente, unterhaltsame und gut aussehende junge Frau, die sich darüber empört, dass das Mitgliedermagazin der SPD namens „Vorwärts“ Anzeigen von Tabakkonzernen druckt. Genau hier ist das Problem: Sie sind so besorgt um die Volksgesundheit, dass sie die Demokratie aus den Augen verlieren. Ich versuche zu erklären, dass es das Wesen einer freien Presse sei, dass in Anzeigen alles stehen dürfe, was derjenige, der sie bezahlt, zu sagen wünscht. Das findet sie nicht , nicht wenn es um die Volksgesundheit geht. Da muss man auch über Zensur nachdenken wollen, im Interesse der Menschen. Lieber gesund als frei!
Morgens ein Joint und der Tag ist dein Freund. Verhandelbar? Aber es geht mir ja um’s Prinzip. Ich habe niemandem ein Mandat für Zwangsmaßnahmen zur Volksgesundheit gegeben; in der Verfassung steht davon auch nichts. Woher also nimmt sich die Politik das Recht, mir bis in kleinste Details vorzuschreiben, wie ich zu leben (oder zu sterben) habe? Auch eine Diktatur der Gesunden ist eine Diktatur.
Carola erzürnt schon der Begriff „Volksgesundheit“, nachdem ich sie gefragt habe, ob sie nach der Wahl Volksgesundheitsministerin werden will. Sie findet, das klinge nach Drittem Reich. Es ginge schließlich um (jetzt Achtung, es folgt ein wertfreier Fachbegriff) „public health“. Großartig! Und was genau heißt das anderes als Volksgesundheit? Diese Politik definiert bis tief in die persönliche Freiheit hinein, was denn das Allgemeinwohl zu sein habe. Bei Delinquenz droht fürsorgliche Zwangsernährung. So etwas als Demokratie denken, das können, sagen wir es offen, nur Nüchterne. Schon ein kleiner Scotch würde historische Assoziationen auslösen, die nun wirklich niemand wollen kann.
Frei wollen wir leben, zur Not auch gesund. Darauf sollten wir Sylvester anstoßen. Aber lassen Sie sich nicht ins Geld treiben. Der unerträgliche Billy (sic) Wagner aus dem Berliner Rutz an der Chausseestraße empfiehlt für die berühmte Mitternacht eine Cuvée Fidéle Extra Brut aus der Champagne von Vouette & Sorbee zu 65 €. Wagner ist ein lautsprechender Schwätzer, der durch seine impertinenten Belehrungen ein Dinner im ohnehin affektierten Rutz zur Touristenattraktion macht – und zur Qual aller Rechtschaffenden, die sich hierhin verirrt haben. Wir folgen der Empfehlung der feingeistigen Sommelieuse aus dem soliden Berlin Horvath und nehmen einen 2008 Rieslingsekt Heiligenstein vom Weingut Steininger. Kostet die Hälfte, macht genauso schicker. Prost Neujahr!
Quelle: starke-meinungen.de