Logbuch
SPIEGLEIN, SPIEGLEIN AN DER WAND.
Schuppe tritt ab. Das ist unter Journalisten des Berliner Milieus eine Nachricht. Der Chefkommentator eines etwas angegriffenen Boulevardblattes namens BZ hat über gut zwanzig Jahre jeden Tag eine Kolumne abgeliefert, insgesamt fast fünftausend Mal unter dem Rubrum „Mein Ärger“ seiner Hassliebe Ausdruck verliehen. Bürgerlicher Name von Schuppe: Gunnar Schupelius. Ein Springer Gewächs mit grünen Wurzeln, inzwischen wohl eher ein FDP-Mann, aber durch und durch Boulevard. Das ist, wenn ich es sage, ein Lob.
Eigentlich spricht man als Kolumnist nicht über Kollegen; zumal, wenn diese professionell machen, was doch für den Kritiker selbst nur Hobby. Mein Logbuch verzeichnet zudem nur knapp die Hälfte des Oeuvres von Schuppe, gut zweitausend Glossen. Wer jeden Tag zur Feder greift, der weiß nur zu gut, dass dies einer gewissen Disziplin bedarf. Wem dazu noch Glossen aufgegeben sind, muss um satirische Ein- und Ausfälle kämpfen; das gelingt mal mehr, mal weniger gut. Aber das ist, wie Martial sagt, eine andere Geschichte.
Zur ehernen Regel des Kolumnisten gehört, dass er niemals seine Kollegen liest. Ich könnte noch ertragen, was die alte Tante SZ aus dem „Streiflicht“ auf der Eins gemacht hat. Ich könnte noch mitleiden, wie sich Martenstein durch die BILD schleppt. Ja, und Hank in der Frankfurter Sonntagszeitung ist oft schlau. Aber was der Bötchen-Publizist Gabor Steingart an eitlem Auswurf produziert zwischen genial, gefällig und Gosse, das ist mir schon als Ambition zu peinlich. Ich lese das ganze Zeug nicht.
Der Niedergang der Publizistik beginnt ohnehin damit, dass die Edelfedern nicht mehr für ein Publikum schreiben, sondern das Urteil ihrer Kollegen. Journalisten sind auf das Ekelhafteste selbstbezüglich. Sie reden ausschließlich über sich selbst; die Welt da draußen ist ihnen nur Vorwand zur Selbstbespiegelung. Ihr Motto lautet: „De te fabula narratur!“ Die Geschichte wird über Dich erzählt. Daraus wird: Jede Geschichte bist Du. Du bist die Geschichte. Spieglein, Spieglein an der Wand / Wer ist die schönste im ganzen Land?
Dieses schroffe Urteil gilt freilich nur für die anderen; man selbst ist immer braver Chronist und gelegentlich dann doch Stimme des Weltgeistes.
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FIGAROS HOCHZEIT.
Revolutionen entstehen nicht durch himmelschreiende Missstände. Die gibt es ja immer und fast überall. Sie drohen, wenn der Plebs sich langweilt. Darum galt im Alten Rom das doppelte Motto BROT & SPIELE. Und Spiele!
Als Massenmedien noch aus Papier waren, im Zeitalter der Zeitungen, da war wichtig, was die BILD „auf der Eins über‘m Bruch“ hatte; das meinte die Titelstory, die den Leser schon ansprang, auch wenn das Blatt noch gefaltet am Kiosk lag. Diese Schlagzeile sollte den Kaufimpuls auslösen, war also wichtig. Dort lese ich gestern etwas von einem anstehenden Kanzler-Tausch. Das ist schon sprachlich so schlecht, dass ich nicht mal mehr weiterlese. Selbst BILD kann keinen Boulevard mehr. Man gähnt.
Das ventilierte Gerücht will von einem Plan in der Union wissen, den amtierenden Friedrich Merz durch Henne Wüst zu ersetzen, der in Düsseldorf den Ministerpräsidenten gibt. Er gilt als der Kennedy vom Niederrhein und hat die Haare schön. Politisch kommt er aus der Tiefe des Raums, weiß also, wie das Geschäft geht. Zudem war er mal bei der Lobbyfirma EUTOP, die nun wirklich mit allen Wassern gewaschen ist. Das ist schon Erste Liga. Unsern Henne als Kanzler; echt, jetzt?
Ich bin nicht überrascht, aber doch irritiert, weil ich finde, der Merz macht seinen Job so schlecht nicht. Zumindest nach der Stupidität, mit der der SCHOLZOMAT sein Kabinett vor die Wand gefahren hat, weil, so sein Schwanengesang, die Bubis der FDP böse waren. Allerdings ist das Haupt von Fritze Merz nur noch sehr spärlich von einem Flecken Resthaar bedeckt und glänzt ansonsten wie ein Osterei. Anweisung an die Maske: Bitte regelmäßig mit Puder abdecken.
Meine Frisörin, die fabelhafte Denise, empfiehlt den Kahlen ausgedehnte Besuche in der Türkei, wo man sich, im Urlaub nebenbei Haar von anderen Körperteilen, die noch eine gewisse Buschigkeit aufweisen, auf die Pläthe verpflanzen lassen kann. Das „pubic hair on head“ sei echt in Mode, sagt Denise; sie habe Kunden, die damit wirkten, als seien sie einem Jungbrunnen entsprungen. Ich bin skeptisch. Nach solchen Plattitüden vergeben wir doch nicht das dritthöchste Amt im Staat. Nur, weil unsern Henne die Haare schön hat.
Der Kern meines heutigen Monitums ist aber, dass es keinen kräftigen Boulevard mehr gibt. Die wirklich irren Stories kommen nur noch aus der PR; dabei vorwiegend aus der rechts gestimmten Regierungs-PR. Frech wie Dreck. Und insofern ist der Friedrich Merz vielleicht nur zu vorsichtig. Hülfe es, wenn er noch mehr über das Stadtbild schwadronierte und warum man seine Kinder nicht mehr in die USA schicken kann? Fritze, hau noch einen raus! Ein Volk, das sich langweilt, ist echt gefährlich.
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WACKERSDORF DIE ZWEITE.
Ende Gelände in Hamm. Ist das da, wo ich mich mal um einen Kugelhaufenreaktor bemüht habe? Und der Bruder von Grönemeyer Störfälle in der Gülle eines westfälischen Kuhstalls fand, die es nie gegeben hatte? Man sagt, die Geschichte wiederholt sich nicht; was natürlich Unsinn ist. Laufend.
Mein Gedächtnis ist nicht das Beste, zumindest was Chronologie angeht; ich erinnere vieles nur simultan. Vielleicht ist das ja eine Gnade des Alters, dass man den Babys schon in der Wiege ansieht, auf welcher Bahre sie mal enden. Und oft behält man recht. Mein Herr Vater pflegte zu sagen, dass er daran, wie der Zimmermann den Hammer halte, sehe, ob der Nagel krumm werde. Nun, vieles ist vergessen an krumm geschlagenen Nägeln. Aber das weiß ich noch, wo ich Ostern 1986 war.
Im ländlichen Wackersdorf hatte sich ein Lager gebildet von Aktivisten, die sich dem Willen von Bundes- und Landesregierung widersetzten, dort eine Wiederaufarbeitungsanlage für abgebrannte Kernbrennstoffe (WAA) zu bauen. Das wäre der Eintritt in eine nukleare Kreislaufwirtschaft gewesen. Big Deal. Ich war vor Ort, weil ich mit den Leuten reden wollte und eine Sicherheitsgarantie durch die Veranstalter hatte. Man kann sich vorstellen, dass ich im Flanellanzug und mit Krawatte auffiel, wie ein Schwein auf dem Sofa. Aber man wollte reden und konnte es.
Mein Patron war der Energie-General der VEBA, der legendäre Werner Müller, dessen Sohn der Branche erhalten geblieben ist. Nun, wie immer habe ich hier und heute keine Indiskretionen zu begehen; aber nachzulesen ist, dass unser oberster Kriegsherr, der legendäre Rudolf von Bennigsen-Foerder, danach im STERN sagte, dass man eine Technologie nicht auf Dauer mit dem Bundesgrenzschutz durchsetzen könne. Die WAA wurde aufgegeben. Das Bundeskanzleramt war entsetzt, die bayerische Staatskanzlei tobte. Müller und sein Umfeld hatten den Satz in das Interview reinredigiert. Gespaltene Freude, aber das Leben in der Energiewirtschaft ist kein Ponyhof.
Heute sehe ich die Söhne und Enkel der damaligen Kämpfer ein Zeltlager in Hamm errichten; meine alten Kontakte, obwohl über Jahrzehnte gut geölt, bleiben zurückhaltend. Man wittert Spionage und traut der Industrie nicht, jedenfalls nicht der amtierenden Ministerin und ihrem Freiherrn. An Unternehmern vom Format eines Bennigsen oder Zuschlägern im Charakter eines Müller fehlt es. Obwohl, man weiß es nicht, vielleicht ist das jetzt, fast vierzig Jahre später, nur die etwas dekadente Wehmut alter Kämpfer. Weil man weiß, auf welcher Bahre endet, was da gerade aus der Wiege nach Mutters Brust schreit. Man müsste stillen können.
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IKEA-Tand aus dem DDR-Knast: das passt!
Reden wir über den grünen Zeitgeist anhand dessen, was in Berlin Bulette heißt und in Bochum Frikadelle; reden wir über die Ökos im Spiegel von gebratenem Hackfleisch. Wenn das Brät flach ist und in einem Brötchen steckt, nennt es sich Hamburger; es wird dann bei McDoof oder WürgerKing serviert und ist der Untergang der Menschheit. Wegen der Regenwälder und der fettleibigen Kinder. Darum auch die Energiewende, wo wir in der Landwirtschaft durch Verstromung von Mais aus Nahrungsmitteln Bio-Brennstoffe herstellen. Das habe ich verstanden.
Rollt man das Brät zu kleinen Kugeln und legt es zu Preisselbeerkompott an Pommes und Erbsen auf einen Teller, dass sind das Köttbullar. Die gibt es bei IKEA, und sie sind moralisch ziemlich erhaben. Amerikanisches fast food richtet die Menschheit zu Grunde. Schwedischer Lachs oder eben Hackfleischbällchen, dabei erklingt ein leises Hosianna. Selbst Hot Dogs werden hier zu Hostien, auf die man sich zudem so viel Senf und Ketchup schmieren darf, wie man will. IKEA, das ist real existierender Sozialismus, konsumtechnisch aber auf hohem Weststandard.
Es gibt eben die Buletten des Bösen, Burger genannt, die aus den USA kommen und wahrscheinlich gerade im Nahen Osten einen Krieg anzetteln. Und es gibt die friedfertigen Bullar mit Preisselbeeren, die dem besseren Menschen munden und die Glöckchen der Freidensengel erklingen lassen. Von wegen, Hack ist Hack. Alles hat, wenn man ökologisch bewusst lebt, seine tieferen Gründe.
Der Gutmensch, das wissen wir längst aus den Schweden-Krimis und von Pipi Langstrumpf, wohnt in Skandinavien. Da kommen ja auch ursprünglich die Piraten her, die missratenen Kinder der Grünen. Aber nicht jeder hat das Glück, sich von Knäckebrot und den genannten Köttbullar vor Ort ernähren zu können. Darum zog diese wunderbare Marke des grünen Lifestyles um die Welt. Die Tempel der Gutmenschen sind nunmehr aller Orten kenntlich als blaue Hallen mit der Aufschrift IKEA.
Wohnst Du noch oder lebst Du schon? Teelichter mit Duft, das ist hier der Schlager. Marketingleute nennen das einen Schnelldreher. Kaum im Regal, schon verkauft. Weihrauch erfüllt als bald die schlecht gelüftete Spießerbude. Das Rezept hatte die katholische Kirche schon bei einer heiligen Handlung, die sich Wandlung nennt. IKEA wandelt das öde Leben in ein glückliches. Man kann sein Glück kaufen, jedenfalls ein ganz kleines Stück.
IKEA bietet einen Devotionalienhandel zu kleinen Preisen. Was früher ein Wässerchen aus Lourdes oder ein Splitter aus dem Kreuz des Herrn war, das ist heute die Duftkerze im Glas. Sie kostet 99 Cent, nicht mal einen Euro. Dafür erklingt das Glöckchen der Wandlung im eigenen Heim. Der Aufbewahrungscontainer für die Infanten heißt hier in der blauen Halle, wo Torben und Inga toben, Kinderparadies. Paradies, drunter tun sie es nicht; man liebt das große Wort.
Wir wissen nun, dass IKEA nicht nur die Fähigkeit war, Pressspanmöbel aus Polen als schwedischen Lifestyle zu verkaufen, sondern auch Sofas aus dem DDR-Knast, gefertigt von Zwangsarbeitern der SED-Diktatur. Wir haben den Schund des Ostens und seine Schande angebetet als Reliquien einer westlichen Welt, als Symbole unserer Freiheit. Dazu erinnere ich ein Wort des Bundespräsident, dem ich in dieser Woche bei einer großen Rede zugehört habe.
Gauck schlug im Berliner Adlon bei einer Werbeveranstaltung der Süddeutschen Zeitung auf und sprach zur Wirtschaftsethik. Das war eine wirklich gute Rede, die sich mit Freiheit und Verantwortung beschäftigte. Gauck predigte lutherisch: in fester Moral und handgreiflichen Beispielen. Ob ausgerechnet das Luxushotel Adlon der richtige Ort für eine solche Ansprache war, daran mag man Zweifel haben, aber wir wollen nicht beckmessern.
Vor dem Adlon bis runter zum Brandenburger Tor war schon am Vorabend eine Demo mit Lichterkette gegen das Unrecht in der Welt. Der Pariser Platz schimmerte weihnachtlich im Glanz der deutschen Gutmenschen. Die dabei massenhaft verwendeten Teelichter kosten im Beutel zu 48 Lichtern 1 € 99 bei IKEA. Das Teelicht wird also für 0,4 Cent verkauft. In einem Aluminiumbecher. Die Herstellung des Alubechers verzehrt etwa das fünfhundertfache an Energie, die das Lichtlein dann erbringt. Aber es kostet halt nichts; nun, dazu später.
Der Satz des Bundespräsidenten lautete: Wer eine Jeans für zehn Euro kauft, kann wissen, dass er damit an Verbrechen an der Menschlichkeit teilnimmt. Ich würde es noch schärfer sage: Mit diesen Spottpreisen finanziert man Kinderarbeit und Umweltzerstörung; man schafft sie geradezu. Denn es ist der Junkie, der die Drogenszene nährt, nicht der Dealer. Wer ein T-Shirt für zwei € erwirbt, macht sich schuldig, ob er das nun wahrhaben will oder nicht. Und wer einen Döner für 99 Cent verzehrt, isst Gammelfleisch; er ist nicht nur ein Idiot, sondern auch ein Verbrecher.
Denn wir tragen als Verbraucher die Verantwortung für die Voraussetzungen unseres Verhaltens. Die wahren Preise werden immer gezahlt; die Frage ist nur, von wem. Dass gerade die grünlackierte Öko-Generation, die die IKEA bevölkert, sich darüber hat hinwegtäuschen lassen, gehört zur Ironie der Geschichte. Und ist typisch zugleich.
Der grüne Zeitgeist ist eine Vulgär-Religion. Es gehört zum Wesen aller Religionen, dass ihnen selbst offenkundige Widersprüche nichts anhaben können. Die Welt retten und auf Kosten der anderen leben, das geht in der Seele des deutschen Hauptschullehrers. Solche Bigotterie ist dem gesamten grünen Milieu nicht fremd. Vielleicht ist es dessen Grundfeste. Es ist diese konsumorientierte Verlogenheit, die den moralischen Anspruch der Weltretter beflügelt. Ob Weihrauch oder Duftkerze, ob alte oder neue Verlogenheit, es stinkt zum Himmel.
Quelle: starke-meinungen.de