Logbuch

KAMERADEN.

Rechtsanwälte haben sie. Die Mafia hat sie auch. Ärzte reden sich so an. Die KOLLEGIALITÄT, ein verhalten freundschaftlicher Umgang innerhalb der eigenen Gruppe. Früher hieß das KAMERADSCHAFT.

In einer Einladung der Awo (Arbeiterwohlfahrt) zu einer kleinen Rede lese ich einen Begriff, den ich hier gar nicht vermutet hätte. Eine Gründungsmutter dieser karitativen Organisation sprach dereinst vom Ideal der KAMERADSCHAFTLICHKEIT. Jetzt müssen alle Neoliberalen ganz stark sein: das ist sozialistisches Gedankengut von vor hundert Jahren. Es geht um das, was die Franzosen BRÜDERLICHKEIT genannt haben. Ein komischer Begriff, so als sei das Familienleben immer und überall freundschaftlich. Ich kenne mehr feindliche als einander zugewandte Brüder. Und was ist mit den Schwestern?

Das Wort vom Kameraden entstammt der Militärsprache. Und so zweischneidig ist es. „Die Kameradschaft ist dem Soldaten befohlen“, heißt es bis heute. Das mag KOLLEGIALITÄT unter den Uniformierten meinen. Kann aber eben auch eine KONFORMITÄT meinen, die das eigene Gewissen hintanstellt. Als solche gilt sie dann auch in paramilitärischen Gemeinschaften bis hin zur ORGANISIERTEN KRIMINALITÄT. Warum die vermeintlichen Soziokulturen der Mafias bei uns Folklore sind, wissen ohnehin nur die Götter und Petra Reski.

Ursprünglich war Camera das Wort für eine STUBE, eine beheizte Schlafgelegenheit, dann für die Gemeinschaft der dort zwangsweise Zusammenschlafenden, so wird es zu einer SEKUNDÄRTUGEND der „Gezogenen“ oder Verschworenen, einer horizontalen Bindung. Von oben nach unten, sprich vertikal, gilt das Gebot des GEHORSAMS, untereinander, sprich horizontal, das der Kameradschaft. So organisiert sich in militärischen Gemeinschaft die Entantwortung des Einzelnen, die das Töten des Feindes erleichtert. Heute tauscht der Begriff im rechtsradikalen Jargon wieder auf; es sei gewarnt.

Was mich jetzt aber fasziniert: Dies war vor hundert Jahren auch ein Leitbegriff der ARBEITERBEWEGUNG und anderer Reforminitiativen. Ich lese von der KAMERADSCHAFTSEHE als einem Konzept der Gleichberechtigung der Geschlechter, sprich der Emanzipation der Frau. So ist es dann wohl auch in das Selbstverständnis der „Arbeiterwohlfahrt“ eingegangen. Es meint dann da SOLIDARITÄT und einen fürsorglichen Umgang mit denen, denen es nicht schon an der Wiege gesungen wurde. Die Entdeckung der Solidargemeinschaft.

Wie vieles andere auch, die NAZIS haben dies missbraucht und in das totalitäre Konzept der VOLKSGEMEINSCHAFT überführt, eine rassistische Konstruktion, die dann auch den Völkermord rechtfertigen sollte. Zu bitter, um zu kleiner Münze gemacht zu werden, aber eben auch nicht zu vergessen. Endpunkt der Kollektivierung des Individuums. Detail aus dieser antibürgerlichen Vervolksgemeinschaftung: Das SIE wurde als Anrede verpönt und sollte durch ein allgemeines DU ersetzt werden, berichten von den Nazis zwangsbeschulte Zeitzeugen.

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MUTTER DER PORZELLANKISTE.

Sehe mir in einer 300 Jahre alten Bibliothek im Hessischen Handschriften an, die dort schon gut zweihundert Jahre liegen. Genauer gesagt: Die Fachleute klauben die alten Briefe aus Folianten und behandeln sie wie rohe Eier. Vorsichtig werfe ich einen scheuen Blick darauf, berühre aber nichts. Briefe eines kranken Dichters an seine Mutter.

Was mir auffällt: Niemand von den Archivaren trägt weiße Handschuhe. Man hält die Kostbarkeiten mit bloßen Händen. Ich frage. Das mit den weißen Handschuhen mache man nur, wenn das Fernsehen komme. Gründliches Händewaschen sei wichtig, aber eben auch, dass man sein Fingerspitzengefühl erhalte. Die weißen Handschuhe schadeten mehr als sie nützten; sie seien ein Laienschnack.

Ähnliches gilt für die Spitzengastronomie, wo natürlich mit bloßen Händen gearbeitet wird. Außer das Fernsehen schaut zu. Die Nation vor der Glotze will Handschuhe sehen; neuerdings sind sie schwarz, die Schützlinge. Hygienisch kein Vorteil, wenn sie eine ganze Schicht durchgetragen werden. Aber der Laie will nichts essen, wo schon jemand mit den Fingern dran war.

Eine ähnliche Diskussion kenne ich von Chirurgen, aber das würde jetzt doch zu sehr beunruhigen, wenn man das ausbreiten würde. Vielleicht wollten mich die Herren an den Skalpells auch nur auf den Arm nehmen. Gerade Fachleute neigen gegenüber Laien zu schwarzem Humor. Mit Gummi ist mir trotzdem lieber.

Warum allerdings der Heckwischer meines Autos in der Waschanlage so einen albernen Gummischutz erhält, das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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KLEIDER-CODE.

An der Rezeption eines Berliner Hotels der gehobenen Klasse steht gestern Abend ein stiernackiger Herr im weißen, deutlich zu kleinen Bademantel des Hauses und den dazugehörigen Badelatschen, allerdings in schwarzen Socken. Er hat eine Frage. Neben ihm eine jüngere Frau in schwarzer Jeans und Stiefeletten. Er tatscht ihre Gesäßtasche. Es verschlägt mir als unfreiwilligem Zeugen den Atem.

Es kann ja passieren, dass man solchen Gästen im Aufzug begegnet, auf deren Weg in die häusliche Sauna. Das ist schon peinlich. Aber in der Halle. Mit dieser Körpersprache? Wir erleben, was Kleidung angeht, einen INFORMALITÄTS-SCHUB, der seinen Ursprung in der FKK-Kultur der DDR haben könnte, aber eher schon Ausdruck dessen ist, was der LOCKDOWN zerstört hat. PYJAMA-POWER.

Ich will gar nicht wissen, was die Leute im HOME OFFICE tragen. Eine Verkäuferin bei meinem Herrenausstatter erzählt mir, sie verkaufen insbesondere bei Damenmode nur noch Oberbekleidung. Unten rum sei ja egal. Fassungslos.

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IKEA-Tand aus dem DDR-Knast: das passt!

Reden wir über den grünen Zeitgeist anhand dessen, was in Berlin Bulette heißt und in Bochum Frikadelle; reden wir über die Ökos im Spiegel von gebratenem Hackfleisch. Wenn das Brät flach ist und in einem Brötchen steckt, nennt es sich Hamburger; es wird dann bei McDoof oder WürgerKing serviert und ist der Untergang der Menschheit. Wegen der Regenwälder und der fettleibigen Kinder. Darum auch die Energiewende, wo wir in der Landwirtschaft durch Verstromung von Mais aus Nahrungsmitteln Bio-Brennstoffe herstellen. Das habe ich verstanden.

Rollt man das Brät zu kleinen Kugeln und legt es zu Preisselbeerkompott an Pommes und Erbsen auf einen Teller, dass sind das Köttbullar. Die gibt es bei IKEA, und sie sind moralisch ziemlich erhaben. Amerikanisches fast food richtet die Menschheit zu Grunde. Schwedischer Lachs oder eben Hackfleischbällchen, dabei erklingt ein leises Hosianna. Selbst Hot Dogs werden hier zu Hostien, auf die man sich zudem so viel Senf und Ketchup schmieren darf, wie man will. IKEA, das ist real existierender Sozialismus, konsumtechnisch aber auf hohem Weststandard.

Es gibt eben die Buletten des Bösen, Burger genannt, die aus den USA kommen und wahrscheinlich gerade im Nahen Osten einen Krieg anzetteln. Und es gibt die friedfertigen Bullar mit Preisselbeeren, die dem besseren Menschen munden und die Glöckchen der Freidensengel erklingen lassen. Von wegen, Hack ist Hack. Alles hat, wenn man ökologisch bewusst lebt, seine tieferen Gründe.

Der Gutmensch, das wissen wir längst aus den Schweden-Krimis und von Pipi Langstrumpf, wohnt in Skandinavien. Da kommen ja auch ursprünglich die Piraten her, die missratenen Kinder der Grünen. Aber nicht jeder hat das Glück, sich von Knäckebrot und den genannten Köttbullar vor Ort ernähren zu können. Darum zog diese wunderbare Marke des grünen Lifestyles um die Welt. Die Tempel der Gutmenschen sind nunmehr aller Orten kenntlich als blaue Hallen mit der Aufschrift IKEA.

Wohnst Du noch oder lebst Du schon? Teelichter mit Duft, das ist hier der Schlager. Marketingleute nennen das einen Schnelldreher. Kaum im Regal, schon verkauft. Weihrauch erfüllt als bald die schlecht gelüftete Spießerbude. Das Rezept hatte die katholische Kirche schon bei einer heiligen Handlung, die sich Wandlung nennt. IKEA wandelt das öde Leben in ein glückliches. Man kann sein Glück kaufen, jedenfalls ein ganz kleines Stück.

IKEA bietet einen Devotionalienhandel zu kleinen Preisen. Was früher ein Wässerchen aus Lourdes oder ein Splitter aus dem Kreuz des Herrn war, das ist heute die Duftkerze im Glas. Sie kostet 99 Cent, nicht mal einen Euro. Dafür erklingt das Glöckchen der Wandlung im eigenen Heim. Der Aufbewahrungscontainer für die Infanten heißt hier in der blauen Halle, wo Torben und Inga toben, Kinderparadies. Paradies, drunter tun sie es nicht; man liebt das große Wort.

Wir wissen nun, dass IKEA nicht nur die Fähigkeit war, Pressspanmöbel aus Polen als schwedischen Lifestyle zu verkaufen, sondern auch Sofas aus dem DDR-Knast, gefertigt von Zwangsarbeitern der SED-Diktatur. Wir haben den Schund des Ostens und seine Schande angebetet als Reliquien einer westlichen Welt, als Symbole unserer Freiheit. Dazu erinnere ich ein Wort des Bundespräsident, dem ich in dieser Woche bei einer großen Rede zugehört habe.

Gauck schlug im Berliner Adlon bei einer Werbeveranstaltung der Süddeutschen Zeitung auf und sprach zur Wirtschaftsethik. Das war eine wirklich gute Rede, die sich mit Freiheit und Verantwortung beschäftigte. Gauck predigte lutherisch: in fester Moral und handgreiflichen Beispielen. Ob ausgerechnet das Luxushotel Adlon der richtige Ort für eine solche Ansprache war, daran mag man Zweifel haben, aber wir wollen nicht beckmessern.

Vor dem Adlon bis runter zum Brandenburger Tor war schon am Vorabend eine Demo mit Lichterkette gegen das Unrecht in der Welt. Der Pariser Platz schimmerte weihnachtlich im Glanz der deutschen Gutmenschen. Die dabei massenhaft verwendeten Teelichter kosten im Beutel zu 48 Lichtern 1 € 99 bei IKEA. Das Teelicht wird also für 0,4 Cent verkauft. In einem Aluminiumbecher. Die Herstellung des Alubechers verzehrt etwa das fünfhundertfache an Energie, die das Lichtlein dann erbringt. Aber es kostet halt nichts; nun, dazu später.

Der Satz des Bundespräsidenten lautete: Wer eine Jeans für zehn Euro kauft, kann wissen, dass er damit an Verbrechen an der Menschlichkeit teilnimmt. Ich würde es noch schärfer sage: Mit diesen Spottpreisen finanziert man Kinderarbeit und Umweltzerstörung; man schafft sie geradezu. Denn es ist der Junkie, der die Drogenszene nährt, nicht der Dealer. Wer ein T-Shirt für zwei € erwirbt, macht sich schuldig, ob er das nun wahrhaben will oder nicht. Und wer einen Döner für 99 Cent verzehrt, isst Gammelfleisch; er ist nicht nur ein Idiot, sondern auch ein Verbrecher.

Denn wir tragen als Verbraucher die Verantwortung für die Voraussetzungen unseres Verhaltens. Die wahren Preise werden immer gezahlt; die Frage ist nur, von wem. Dass gerade die grünlackierte Öko-Generation, die die IKEA bevölkert, sich darüber hat hinwegtäuschen lassen, gehört zur Ironie der Geschichte. Und ist typisch zugleich.

Der grüne Zeitgeist ist eine Vulgär-Religion. Es gehört zum Wesen aller Religionen, dass ihnen selbst offenkundige Widersprüche nichts anhaben können. Die Welt retten und auf Kosten der anderen leben, das geht in der Seele des deutschen Hauptschullehrers. Solche  Bigotterie ist dem gesamten grünen Milieu nicht fremd. Vielleicht ist es dessen Grundfeste. Es ist diese konsumorientierte Verlogenheit, die den moralischen Anspruch der Weltretter beflügelt. Ob Weihrauch oder Duftkerze, ob alte oder neue Verlogenheit, es stinkt zum Himmel.

Quelle: starke-meinungen.de