Logbuch

FLACHZANGEN.

Die Kanzlerkandidatin der Rechten hat die Politiker der amtierenden Bundesregierung als Flachzangen beschimpft, die sie leid sei. Damit will sie sich selbst als promovierte Ökonomin bewerben, die zum Beispiel aus der Weichwährung Euro auszutreten gedenkt und wieder eine stahlharte Mark einführt. Womit sich ja der Geldwert verdoppelt. Die Dame lebt mit ihrer Frau in der Schweiz und knüpft an den akademischen Urgrund der AfD an, die mal gegen die künstliche Knete von Brüssels Gnaden war. Die Neue Rechte hat viele Wurzeln; auch diese.

Wer über Werkzeug spricht und die Eidgenossen, der kommt am Sackmesser des schweizerischen Offiziers nicht vorbei. Messerjungens. Das universelle rote Ding kann inzwischen alles; begonnen hatte es mal mit der Wartung der Armeeflinte und dem Öffnen von Konservendosen wie der Reparatur von Ledersachen. Heute gibt es die roten Wunderwerke mit allen erdenklichen Hilfsgeräten. In besonderer Weise lobe ich die Säge, die beim Schnitzen von Spazierstöcken äußerst hilfreich ist. Man halte Ausschau nach der Marke Victorinox.

Wenn aber von Zangen die Rede, so geht kein Weg vorbei an Knipex. Damit sind wir in der Keimzelle der deutschen Industrie, dem Bergischen, wo der Fabrikantensohn Friedrich Engels das Geld verdiente, mit dem er den chronischen klammen Karl Marx unterhielt. Hier wird bis heute gefertigt, was jeder Handwerker als Knipex Cobra kennt, die kleine Schwester der Knipex Alligator. Mein Vater nannte die variablen Zangen „Engländer“, was damals eine Hochwertung war. Heutzutage robbt sich ALDI mit billigem Zeug an die Engländer aus Wuppertal ran. Das gefällt mir nicht. Ich trage ja auch kein Sackmesser aus Asien. Oder zahle mit Bitcoins. Oder Reichsmark. Ich rufe nichts zum Thema Sieg oder preise bei Menschen ein „Made in Germany“.

Etymologisches zum Schluss: Das Sackmesser von Victorinox verspricht einen Sieg auch bei Nacht. Und „kniepen“ ist niederdeutsch für „kneifen“, weshalb wir als Kinder auch von der Kneifzange sprachen. Und die Kennzeichnung als „Made in Germany“ war eine in Sheffield ersonnene Diskriminierung unlauterer Konkurrenz der Hunnen. Das wollte ich nur angemerkt haben, bevor der Jubel über die Magdeburger Hochzeit kein Ende mehr nimmt.

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DUMMDREIST & ROTZFRECH.

Die als Staatssender verunglimpften Öffentlich-Rechtlichen Sendeanstalten haben sich am Wochenende an die Spitzenkandidaten der AfD gewagt und beiden einen exklusiven Auftritt als eigenes Sommerinterview verschafft. Ich nehme das Ergebnis vorweg: ein grandioser Sieg der Rechtspopulisten im Ersten wie im Zweiten. Ein Geschenk jener TV-Behörden, die die AfD schlicht abschaffen will. Man hätte sich also vorbereiten können, da es um was ging.

Es geht mir aber nicht um den notorischen Schlendrian in den ÖRR-Buden oder die Willfährigkeit, in der man als Drehort das freiheitliche Wien akzeptiert; es geht mir um das intellektuelle Versagen gegenüber der rechten Propaganda. Die geistige Muskelschwäche. Man muss ja nur zuhören: Die Herrschaften wollen die Macht mittels Wahlerfolg ergreifen. Und ich glaube langsam, das könnte gelingen. Da sitzen das rotzfreche Perlhuhn und der dummdreiste Anstreicher und kassieren in den Augen der ihnen Zugeneigten einen Rundenrekord nach dem anderen. Eine solche Siegesgewissheit kennen wir im Boxsport nur von Cassius Clay. Dessen Motto reklamiert die Heroine der AfD.

Das Perlhuhn kann im Sommerinterview unwidersprochen sagen, dass die Lüge zur DNA der CDU gehöre und die amtierende Regierung aus Flachzangen bestehe. Das ist in der ersten Wendung starker Tobak, da unterstellt wird, dass vorsätzlich die Unwahrheit gesagt wird; aber eines der Zehn Gebote des Faschismus. Und das mit der Flachzange ist ein Zitat meines Namensvetters Dr. Perry Cox, der so dilettantische Anfänger („newbies“) tituliert. Das ist in den Ohren vieler Wähler echt komisch. Gehört auch in den Dekalog der Braunen: Die da oben können es nicht. Deutschland wg. Dilettanz im Arsch.

Dazu kramen die beiden Zwangsgebührenden in ihren Zettelchen, haspeln rum und winken es faktisch durch. Wer solche Wahlhelfer hat, der darf siegesgewiss sein. Ich fürchte, wir werden nicht nur Landesregierungen unter Führung der AfD sehen; wir haben uns auf eine Bundeskanzlerin mit Perlenkette und einen sächsischen Anstreicher im Kabinett vorzubereiten. Wir alle haben dafür und deswegen Hausaufgaben zu machen. Wie gehen wir Flachzangen denn künftig mit den Dummdreisten und den Rotzfrechen um, wenn der Wähler sie die Macht hat ergreifen lassen? Hinter einer Brandmauer feige und verzagt verstecken? Es grüßt Ihr Dr. Perry Cox.

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MERZ MACHT BLAU.

Die Republik macht Urlaub, so auch der Kanzler. Aber man sieht ihn dabei nicht. Merz ist auch da dümmer als Kohl, der ein Foto von sich und der angeblich heilen Familie am Wolfgangsee verbreiten ließ, das an kleinbürgerlicher Spießigkeit nicht zu überbieten war. Der Dicke doof, bieder und brav. Die Nation war zufrieden. An Friedrich Merz wird rumgemeckert, weil er diskreter. Eigenes Ferienhäuschen am Tegernsee, übrigens bescheidenen Zuschnitts, aber mehr dazu nicht, nicht von mir.

Politisch wird das Maulen über Fritze Merz in der Sommerfrische, weil er nicht bei einem Waldbrand in der Eifel persönlich vor Ort war, den Urlaub unterbrechend, nach dem Rechten sehend. Auf der belgischen Seite war der dortige König zeitig vor Ort, Fritze erst nach Abschluss der Löscharbeiten. Was er dort allenfalls hätte machen können, ist Rettungswege verstellen. Der Prommi-Besuch ist in der Sache grober Unsinn, aber eine unbedingte Pflicht. Wer stattdessen Urlaub macht oder Tennis spielt, ist erledigt. Die Lehre von der Ahr. Das PR-Lehrbuch erzählt dazu immer den Mythos von Gerd Schröder und der Oderflut. Sprich von St. Christopherus, der das Jesuskind auf seinen Schultern trägt.

Diese infantile Republik will nicht ohne Papa sein. Oder Mutti. Wehe, Kevin ist allein zuhause. Und dass jemand seinen Urlaub unterbricht, um vor Ort nach dem Rechten zu sehen, ist zwar aus der Trickkiste der PR, auch ich habe das mal angewandt, aber gleichwohl nicht ohne Wirkung. Besser wäre es, Merz nähme den ihm zugeteilten Günther Guillaume mit an den Tegernsee. Der könnte uns dann auf dem Laufenden halten. Damit hat Willy Brandt als Kanzler gute Erfahrung gemacht. Oder man kooperierte mit der BILD; davon können Christian Wulff und seine Bettina nettes erzählen. Wenn „private matters“ politisch werden. Fast immer ein Übergriff.

Hallo? Ich finde die ganze Debatte albern. Infantil. Doppelbödig. Wer nicht im Dienst, ist privat. Da hat unsere Neugier ihr Recht verloren. Überhaupt ein schützenswertes Gut, die Privatangelegenheiten. Deshalb mein Ruf an den Tegernsee: Häng noch ne Woche dran, Fritz! Mach einfach blau. Muss auch mal sein.

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Wir wollen Obama

Hoffentlich vermasseln die Amis das nicht auch noch. Irritiert nimmt der Deutsche zur Kenntnis, dass er kein Wahlrecht in den Vereinigten Staaten von Amerika hat. Deshalb besteht die Gefahr, dass diese Burger Kings aus der amerikanischen Provinz einen ekligen Mormonen und Unternehmer-Hai ins Weiße Haus wählen könnten. Undenkbar. Wir wollen Obama.

Würde der deutsche Wähler entscheiden, hätte der schwarze Sonnyboy Barack O. schon 70 Prozent der Stimmen. Das ist nicht neu. Der Prototyp des modernen Charismatikers war John F. Kennedy. Den haben wir zwar auch nicht wählen dürfen, aber geliebt haben wir ihn. Man sah nach seiner Ermordung auch in deutschen Landen Tränen.

Kennedy war ein Traumpräsident. Er machte aus dem Weißen Haus Camelot, den Sitz von König Artus und seiner Tafelrunde. Er war sogar, welch ein Lob für diese triste Stadt, ein Berliner. Seine Gattin brachte jenen Chic in die Politik, von dem die weibliche Welt träumte. Und JFK schlief mit jenen Filmstars, die die Nächte der männlichen beflügelten.

Das mag Geschichte sein, aber ausgeträumt ist der Mythos nicht. Viel an Obama war JFK. Clinton hatte auf der Welle gesurft. Und ein wenig JFK war auch an dem englischen Premierminister Tony Blair. Selbst Gerd Schröder hatte in seinen nüchternen Momenten ein Eckchen von diesem Mythos. Für uns Deutsche auf den Hund gebracht hat es dann die deutsche Jacky Kennedy namens Bettina Wulff. Vom Hannoveranischen JFK namens Christian ist nicht viel übrig, jedenfalls im Charismatischen.

Die Hoffnung stirbt als letztes. Wir dürfen noch träumen im Land der sehr frugalen Angela Merkel, des Schnösels Steinbrück, der schrillen Öko-Omas und der liberalen Jüngelchen. Ach, Vaterland, wie bist du medioker. Mythen sterben genau deshalb nie. Die Bettinas dieser Welt mögen unsere Sehnsucht ein wenig abkühlen, aber unser Glaube an das Gute, Schöne, Wahre in Gestalt eines tollen Mannsbildes an der Spitze des Staates, die stirbt nie. Also: bitte Obama!

Der Schlüssel liegt nicht in der Politik. Das Geheimnis ist ein anderes. Wir sehen hierzulande nur den Mythos, den die Medien für uns inszenieren. Wir sehen nicht das wirkliche Leben der wirklichen Menschen. Und wir ahnen meist nichts von den schmutzigen Hintergründen der ach so sauberen Politik. JFK hatte dubiose Beziehungen zur Mafia, stand unter dem Zwang, unter jeden Rock zu greifen, war tablettensüchtig. Christian Wulff war, verglichen damit, selbst in seinen Verfehlungen ein ganz kleines Licht. JFK, der Herr von Camelot, war nicht wirklich König Artus, sondern ein ehrgeiziger, irischstämmig katholischer Intrigant. Allen Lastern zugetan…you name it.

Was man an Mythen schätzt, das ist die Ferne. Je weniger wir vom wirklichen Leben sehen, desto lieber werden uns unsere Träume. Der Deutsche ist seit der Romantik für die Moderne verdorben. Die Engländer nennen das: pie in the sky! Wir wollen in der Politik kein hartes Brot beißen, sondern süßen Kuchen aus der Himmelsbäckerei. Vielleicht ist das das Elend der deutschen Politik, dass man zu nah und zu gut sieht, wer in Berlin die Plätzchen backt.

Hiermit rufe ich all jene adipösen Cowboystiefelträger jenseits des Atlantiks, all jene Joe Six-Packs und Honky-Tonk Janes, auf, Obama zu wählen. Damit wir hierzulande wenigstens träumend über die Runden kommen, bis die ersten Weihnachtsmärkte eröffnen und wir unseren Frust verglühweinen können. Soviel transatlantische Solidarität kann man doch wohl erwarten.

Quelle: starke-meinungen.de