Logbuch
ENTFREMDUNG.
Wenn König Artus nicht mehr der Held der Tafelrunde ist, sieht der Heilige Gral auch nur noch aus wie irgendeine Schüssel. Geschirr halt. Macht ist vergänglich.
Wer Kindern oder Enkeln beim Aufwachsen zusieht, erlebt eine Phase des FREMDELNS, in der das infantile Urvertrauen einer skeptischen Distanz weicht. Das kommt überraschend. Die Erwachsenen sind sich keiner Schuld bewusst. Man sah sie nicht kommen, aber plötzlich ist sie da, die ENTFREMDUNG.
Von innigen Beziehungen wird Ähnliches berichtet, dass ein Glück zerbrochen ist, ohne dass es einer Ankündigung bedurft hätte. Da irrt er, der Drafi Deutscher. Sie brechen eben doch: Marmor, Stein, Eisen und die Liebe. Was unzertrennlich schien, hat sich unbemerkt, aber endgültig entfremdet.
Der moderne Begriff stammt von Karl Marx, der damit seine Wehmut über den Niedergang eines anderen Begriffs beschrieb, den der ARBEIT. Er glaubte, dass es die ARBEIT sei, die unser Wesen ausmache, wenn man sich mit ihr identifizieren könne. Die Jungs waren da recht grundsätzlich unterwegs. Die Menschwerdung des Affen durch und mit der Arbeit; so lautete ein Aufsatz seines Kumpels Friedrich Engels. Davon entfremdet die Lohnarbeit, ein Verhängnis des Kapitalismus.
Über einen Managementwechsel lese ich gerade auch etwas unter der Überschrift der ENTFREMDUNG. Natürlich bezogen auf das „Ancien Régime“, das sind die jeweils Geschassten. In der Politik spricht man vom Phänomen der ENTZAUBERUNG, das den Niedergang des Charismatikers zum Komiker begleitet. Wo liegt der Grund für diese schleichende Vergänglichkeit?
Bei allen genannten Fällen in der unterstellten IDYLLE. Große Lieben können scheitern, Zweckehen aber halten.
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DIE WISSENSCHAFT.
Es gibt Kontroversen, die mehr sind als bloße Streitereien, nämlich paradigmatisch. Also aufschlussreich im übergeordneten Sinne. Dazu gehört die Aggro-Forderung, DER Wissenschaft zu folgen.
Eine Professorin, die aus einem Wirtschaftsforschungsinstitut heraus den Ausbau von Solar- und Windenergie fördert, sieht eine „fossile Lobby“ erfolgreich gegen DIE Wissenschaft, DIE Frauen und DIE Zivilgesellschaft. Sie fordert ein Ende der „Zweifel“ an DER Wissenschaft und damit Gehorsam gegenüber DER Regierung. Blinde Glaubensgewissheit.
So sieht das jedenfalls ein anderer Wissenschaftler, dessen Qualifikation als Philosoph unzweifelhaft ist, der aber seine Zitierwürdigkeit riskiert, weil er sich aggressiv konservativ äußert, wo er es auch liberal könnte. Ich höre auch Reaktionäres bei seinem Publikum. Zudem ist er ein ALTER WEISSER MANN; er nutzt dieses Verdikt geradezu als Marke. Sein Haus ist nah am Wasser gebaut; jenen Sümpfen, in denen die Malaria der Propaganda brütet. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Nun zur Kontroverse mein Wort: DIE Wissenschaft gibt es nicht als politische Handlungsanweisung, schon gar nicht als Gehorsamsbegründung gegenüber der Politik. Der ZWEIFEL ist das Medium der Aufklärung, nicht eine satanische Unart. Man kann DAS Klima nicht leugnen, weder in die eine noch in die andere Richtung. Und der Gegner DER Wissenschaft ist auch keine Weltverschwörung, ganz gleich, ob das Satanische jetzt fossil, viril oder zivil sei. Oder alles drei. Verfolgungswahn der Inquisition, gnä Frau!
Natürlich gibt es Dinge, die relativ zweifelsfrei vernünftig sind nach gegenwärtigem Stand der Diskussion. Zum Beispiel das Kriterium der Effizienz. Geringerer Schaden bei höherem Nutzen, gesamthaft betrachtet. Nennt sich Ökobilanz. Ein wissenschaftliches Instrument begründeten Zweifels.
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NEUES AUS DER NUMISMATIK.
Wer noch mit Emscherwasser getauft ist, weiß was ein Heiermann ist. Oder eine Glatze. Bald aber werden die Relikte des „allgemeinen Äquivalents“ (Marx) verschwunden sein. Die Verflüssigung der Liquidität (pun intended) begann mit Papiergeld und Wechseln.
Bald ist es ganz vorbei. Es verschwindet gerade das Geld. Zuerst die Münze, dann die Scheine. Auch die Karten werden das Zeitliche segnen. Ich halte nur noch das Handy hin, zeige ihm mein Ponem und die Knete ist weg. Was macht das mit uns?
An Münzen bedarf es für den Handlungsreisenden nur noch des Euro für das Autobahn-WC wie bei der Haushälterin als Chip für den vermaledeiten Einkaufswagen. Ich nutze in der großen Stadt Droschken, die mir eine App besorgt. Das Luder meint einen Erziehungsauftrag zu haben; es lockt mich ständig in dieses Uber-System der Halbprofessionellen, das mir nicht gefällt. Oder lotst mich in diese hybriden Reisschüsseln aus dem Haus Toyota. Man wird erfindungsreich; ich behaupte beim Bestellen jetzt stets, wir seien zu 8, dann kommt eine geräumige Wanne.
Als Münzen noch aus edlen Metallen gegossen oder geprägt wurden, konnte der Materialwert über dem nominalen Geldwert liegen. Das forderte das Geschick der Geldwechsler. Solche physischen Grenzen sind der Inflation nicht mehr gesetzt. Das Handy nimmt jeden Betrag. Ich habe keine Ahnung, wo Apple den Zaster eigentlich anschließend herkriegt.
Das ist Hyperinflation: Du hast keinen Groschen im Säckel, aber es ist Dir auch egal, was es kostet. Dazu ein aufgeschnappter Hinweis aus einer Hotelbar in der großen Stadt. Eine Professionelle erwähnt, wie ich aufschnappe, gegenüber einem Gast mit deutlicher Schlagseite, er könne auch mit PayPal zahlen, wenn er das auf dem Handy habe. So weit sind wir also.
Cäsar war übrigens der erste römische Kaiser, der sein Porträt noch zu Lebzeiten selbst auf dem silbernen Denarius hat sehen können. Brutus hatte aber PayPal. Dumm für ihn gelaufen.
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Wir wollen Obama
Hoffentlich vermasseln die Amis das nicht auch noch. Irritiert nimmt der Deutsche zur Kenntnis, dass er kein Wahlrecht in den Vereinigten Staaten von Amerika hat. Deshalb besteht die Gefahr, dass diese Burger Kings aus der amerikanischen Provinz einen ekligen Mormonen und Unternehmer-Hai ins Weiße Haus wählen könnten. Undenkbar. Wir wollen Obama.
Würde der deutsche Wähler entscheiden, hätte der schwarze Sonnyboy Barack O. schon 70 Prozent der Stimmen. Das ist nicht neu. Der Prototyp des modernen Charismatikers war John F. Kennedy. Den haben wir zwar auch nicht wählen dürfen, aber geliebt haben wir ihn. Man sah nach seiner Ermordung auch in deutschen Landen Tränen.
Kennedy war ein Traumpräsident. Er machte aus dem Weißen Haus Camelot, den Sitz von König Artus und seiner Tafelrunde. Er war sogar, welch ein Lob für diese triste Stadt, ein Berliner. Seine Gattin brachte jenen Chic in die Politik, von dem die weibliche Welt träumte. Und JFK schlief mit jenen Filmstars, die die Nächte der männlichen beflügelten.
Das mag Geschichte sein, aber ausgeträumt ist der Mythos nicht. Viel an Obama war JFK. Clinton hatte auf der Welle gesurft. Und ein wenig JFK war auch an dem englischen Premierminister Tony Blair. Selbst Gerd Schröder hatte in seinen nüchternen Momenten ein Eckchen von diesem Mythos. Für uns Deutsche auf den Hund gebracht hat es dann die deutsche Jacky Kennedy namens Bettina Wulff. Vom Hannoveranischen JFK namens Christian ist nicht viel übrig, jedenfalls im Charismatischen.
Die Hoffnung stirbt als letztes. Wir dürfen noch träumen im Land der sehr frugalen Angela Merkel, des Schnösels Steinbrück, der schrillen Öko-Omas und der liberalen Jüngelchen. Ach, Vaterland, wie bist du medioker. Mythen sterben genau deshalb nie. Die Bettinas dieser Welt mögen unsere Sehnsucht ein wenig abkühlen, aber unser Glaube an das Gute, Schöne, Wahre in Gestalt eines tollen Mannsbildes an der Spitze des Staates, die stirbt nie. Also: bitte Obama!
Der Schlüssel liegt nicht in der Politik. Das Geheimnis ist ein anderes. Wir sehen hierzulande nur den Mythos, den die Medien für uns inszenieren. Wir sehen nicht das wirkliche Leben der wirklichen Menschen. Und wir ahnen meist nichts von den schmutzigen Hintergründen der ach so sauberen Politik. JFK hatte dubiose Beziehungen zur Mafia, stand unter dem Zwang, unter jeden Rock zu greifen, war tablettensüchtig. Christian Wulff war, verglichen damit, selbst in seinen Verfehlungen ein ganz kleines Licht. JFK, der Herr von Camelot, war nicht wirklich König Artus, sondern ein ehrgeiziger, irischstämmig katholischer Intrigant. Allen Lastern zugetan…you name it.
Was man an Mythen schätzt, das ist die Ferne. Je weniger wir vom wirklichen Leben sehen, desto lieber werden uns unsere Träume. Der Deutsche ist seit der Romantik für die Moderne verdorben. Die Engländer nennen das: pie in the sky! Wir wollen in der Politik kein hartes Brot beißen, sondern süßen Kuchen aus der Himmelsbäckerei. Vielleicht ist das das Elend der deutschen Politik, dass man zu nah und zu gut sieht, wer in Berlin die Plätzchen backt.
Hiermit rufe ich all jene adipösen Cowboystiefelträger jenseits des Atlantiks, all jene Joe Six-Packs und Honky-Tonk Janes, auf, Obama zu wählen. Damit wir hierzulande wenigstens träumend über die Runden kommen, bis die ersten Weihnachtsmärkte eröffnen und wir unseren Frust verglühweinen können. Soviel transatlantische Solidarität kann man doch wohl erwarten.
Quelle: starke-meinungen.de