Logbuch
DER QUALITATIVE SPRUNG.
Der bayrische Ministerpräsident verschickt täglich 1700 persönliche Glückwünsche, im Jahr 635.000 vom ihm unterzeichnete Briefe. Das macht für ihn ein Automat.
Von Johannes Rau stammt der Trick. Der nordrhein-westfälische MP nahm sich täglich Zeit für mindestens einen handgeschriebenen Brief, eine ganze Seite mit sauberer Handschrift und ganz persönlichen Worten der Zuwendung. So entstand über die Jahre eine regelrechte Gemeinde der so geehrten Rau-Fans. Das verband auf eine tiefe Art. Er konnte das, der oberbergische Christ Bruder Johannes, ein MENSCHENFISCHER, wie er in der Bibel steht. Ich war beeindruckt.
Der barsche Franke Söder hat dagegen etwas abgeschmacktes: immer bemerkt man die schale Absicht und ist verstimmt. Der Mann hat die Herzlichkeit einer Klobrille. Er nennt einen Schreibautomaten sein Eigen, der unter die Standardtexte für Senioren und Langverheiratete seine Unterschrift ferkelt. Portokosten der Behörde stiegen um 1 Million. Steuergeld. Verdeckter Wahlkampf.
Mehr ist nicht immer mehr. Manchmal ist die Multiplikation der Geste ihre Entleerung. Man nennt solche Handschriften AUTOGRAPHEN. Meiner Erinnerung nach habe ich unter meinen Büchern zwei, drei. Eine von Wolfgang Abendroth aus Marburg, ein eindrucksvoller Hochschullehrer. Und einen von Monica Lewinsky, die lautet: „In love to Klaus“; wie ich diese Dame in Washington traf, das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Und dann war da noch eine Widmung von meinem ersten Chef Karlheinz Bund („Mit Dank für viele gute Reden“), dessen junger Ghostwriter ich bei der Ruhrkohle AG war, weshalb ich damals den Spitznamen DER BUNDSTIFT trug. Spott der gestandenen Bergleute über den Maulhelden aus der Schreibstube. Muss ich mal im Chaos meiner Bibliothek suchen. CHARLY FEDERAL war sein Spitzname. Man ist respektlos an der Ruhr.
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RETAIL IS DETAIL.
Ich gönne dem Versandhändler Amazon seinen Erfolg. Er tut zumindest so, als sei er kundenfreundlich. Was an Warenhäusern ansonsten so die Innenstädte verschandelt, ist aus der Zeit gefallen. Man fürchtet immer, Heinz Erhardt zu treffen.
„Nicht meine Abteilung!“ So wehrt eine ältere Verkäuferin im Warenhaus der Firma Karstadt eine Kundenfrage ab. Sie sagt das patzig und wendet ihren Blick ab. Das piefig gekleidete Wesen hat offensichtlich gerade eine Zumutung überstanden. Man steht als Kunde verdutzt im Raum.
Ein weiteres Wesen angesprochen, sieht man sich zumindest belehrt: „Schreibwaren Dritter!“ Sie meint das Stockwerk. Militärisch knapp, um dann wieder mit Ihresgleichen angeregt zu schnattern. Alle Damen hier beherrschen den Indignationsblick, der einem das Gefühl vermittelt, dass es unerhört sei, sie überhaupt bei ihren kollegialen Gesprächen gestört zu haben.
Deutschland, die Servicewüste. Aber wo kriegen sie diesen Typ der pissigen Mitvierzigerin her, der unter seinen Wechseljahren und den Plattfüßen vom ewigen Rumstehen so massiv leidet, dass es zu dieser Kundenallergie kommt?
Anders bei DM, der Drogeriekette. Motto: „Hier bin ich Mensch. Hier kauf ich ein.“ Das ist Goethe! Zumindest halb. Ich habe es mehrfach getestet. Wenn Du eine Frage hast, begleitet Dich die Verkäuferin quer durch den Laden zu dem richtigen Regal und weist freundlich auf den gesuchten Gegenstand. Bei Ansprache lächeln sie und legen ihre aktuelle Arbeit aus der Hand. Sie sagen: „Zeige ich Ihnen gern!“ IKEA-Kunden zucken dann zusammen, weil sie nicht geduzt wurden, sondern mit einem höflichen SIE angeredet.
Das Chaos vom lifestyligem Asia-Schrott mit Pippi-Langstrumpf-Image entschädigt mich nach einem Zwangsmarsch durch die endlose Ausstellung und einem Schockerlebnis mangelnder Logistik in dem Kürmellager hinter der Kasse zumindest mit einem Pölser. Das ist ein kleines Schweinewürstchen, auf das ich mir selbst drei verschiedene Saucen plus Röstzwiebeln und Gurkenscheiben ferkeln darf. Immer kleckert es auf die Jacke, immer.
Übrigens heißt es nicht KÖTTBÜLLER, sondern CHÖTT, Schwedisch für Fleisch. Soviel Astrid Lindgren muss nun wirklich sein. Unglaublich, was für Banausen sich in den Einzelhandel trauen. Da muss man Standards setzen. Im Englischen: „Well-behaved customers might be served!“
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DER FEIND MEINES FEINDES.
Dass jener mein Freund ist, den mein Feind zu seinem Feind erklärt, das mag sein, muss aber nicht. Denn das ist ausschließlich meine Entscheidung, nicht die der anderen, die sich da bekriegen.
Friedenswahrend ist, was die NATO den Bündnisfall nennt. Alle Bündnispartner werten einen Angriff auf einen ihrer Partner als Angriff auf sich. So geht militärisch Solidarität. Gut. Wenn aber ein Dritter einen Vierten befehdet, dann gibt es keine Zwangsläufigkeiten, darin Kriegspartei zu werden. Sonst wäre ich ja die Geisel jedes Kriegstreibers weltweit. Oder das Bündnis. Es gibt ein starkes Gebot, möglichst nicht beteiligt zu sein. Der Bündnisfall soll eine sehr, sehr seltene Ausnahme sein, nicht ein propagandistisches Allerweltsmittel.
Überhaupt habe ich gelegentlich unter Umständen GEGNER , aber nie FEINDE. Überhaupt habe ich vielleicht politische Gegner, aber sicher nie ethnischen Feinde. Überhaupt bin ich eventuell in einem Konflikt, aber nie zur Vernichtung anderer aufgerufen. Kühle Klugheit, Verantwortungsethik, Mitte und Mass, Angemessenheit, all das auch angesichts großen Unrechts. Man muss der fundamentalen Radikalität jedweder Kriegspropaganda und ihren Polarisierungen widerstehen wollen.
Dann die Sache mit der GEMEINSAMEN SACHE. Tenor: Mein Messias soll der Jesus des einen sein, weil der besser ist als der Messias des anderen. Ich habe keinen Kreuzzug bestellt. Ob nun Gegenreformation oder Reformation, ich nehme an Glaubenskriegen nicht teil; jedenfalls lasse ich mich nicht von Dritten ideologisch rekrutieren. Ich lasse mich ungern diesem oder jenem Lager zuordnen, wenn ich auf dem jeweiligen Schlachtfeld einer wahren Lehre gar nichts zu suchen habe.
Und wenn doch, dann zöge ich aus freien Stücken als Partisan in den Bürgerkrieg, würde aber nicht von der Propaganda irgendwelcher Warlords gezogen. Ciao bella ciao.
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Die Wende der Energiewende? Das ist sie wieder, die DDR!
Politik soll sinnvoll wirken, selbst dort, wo schlichte Willkür und blanker Irrsinn herrschen, versucht sie den Eindruck zu erwecken, sie folge irgendeiner höheren Logik. Politik will konzise und konsistent erscheinen, als Sachlogik ohne Alternative. Das ist in einer endlosen Folge von Ausreden und Verdrehungen die größte aller Lügen, die Lebenslüge einer machterhaltenden Demokratie.
Nichts ist alternativlos. Nichts ist zweifelsfrei. Der Wähler erwartet ein stimmiges Gesamtbild, ein Gemälde der Welt, so wie sie ihm gefällt. Die Politik hat aber nur ein Sammelsurium an Puzzlen, die sich nicht zusammenfügen, und wenn dann mal einige Puzzle-Stücke zusammenpassen, fügt sich nichts zum Gesamtbild. Die bittere Erkenntnis würde der Wähler, fürchten die Politiker, nicht verzeihen, deshalb heißt Politik in diesem Land: Es wächst zusammen, was nicht zusammen gehört. Wendelogik.
Das Volk will belogen sein. Welche Lügen es hören möchte, das finden die Demoskopen heraus, und liefern so das Herrschaftswissen für die Propagandamaschinerie. Tell me lies, sweet little lies? Nein, nicht ganz. Da der Wähler nämlich verführt und nicht vergewaltigt werden möchte, gibt die von der Demoskopie geleitete Politik eben diese Logik nie zu. Sie sagt, dass sie die Wahrheit sage, eine Wahrheit ohne Alternativen, weil der Wähler seine Wunschbilder als Wirklichkeit präsentiert haben möchte.
Energiewende: Es begann mit der Erderwärmung und dem Weltuntergang durch Treibhausgase. Danach hätte man nur noch auf die Sonne ( ein galaktischer Kernreaktor) und den durch die Sonne erzeugten Wind setzen dürfen. Warum diese Energieträger als “ erneuerbar“ gelten, versteht niemand, der bei Verstand ist, aber gut; darum geht es ja nicht. Wir wollten angenehm leben, ohne die Natur zu verzehren.
Die rot- grüne Bundesregierung unter Schröder gab dann mit einem sogenannten Ausstiegsbeschluss den Kernkraftwerke eine über Jahrzehnte reichende Bestandsgarantie. Die schwarz- gelbe hätte das gern bis zum Sankt Nimmerleinstag verlängert. Aber dazu hatte die Atomlobby sie in protzigen Anzeigen und durch Prahlen mit Verhandlungsdetails öffentlich billig gemacht, was dem Wähler, der verführt, aber nicht vergewaltigt sein will, nicht gefiel.
Japan wurde von einem unterseeischen Erdbeben heimgesucht und erlitt einen Sunami. Dabei zeigte sich, dass eine sieben Meter Mauer kein hinreichender Schutz gegen eine neun Meter hohe Welle ist. Das hat die Physikerin Merkel angeblich echt überrascht. Die Überraschung teilten große Teile der Atomwirtschaft. Man glaubt es nicht. Wahr war: Fukushima schlug sich in der Demoskopie nieder, also wurde gewendet, was gewendet werden musste.
Jetzt qualmen sie wieder die Braunkohlekraftwerke in der Lausitz und im Rheinland. Der Duft der DDR erfüllt wieder unsere Luft. Und die Energiepolitik geht in die staatliche Chaosverwaltung zurück, die wir aus der DDR kennen. Die FAZ diagnostiziert Planwirtschaft. Dazu passt dann freilich auch, dass die Spitze des Staates von zwei ehemaligen DDR-Bürgern besetzt ist. Welcome home!
Will der Wähler das wissen? Ich debattieren mit dem fabelhaften Dottore Marco Scatiggio in Harry’s Bar. Marco weist auf eine Situation an der Theke. Eine sich deutlich dem Rentenaltern nähernde Damengruppe, modisch in jugendlichen Gewändern auftretend, von insgesamt drei Grazien hat sich dort installiert und lässt die Blicke erwartungsvoll durch den Raum schweifen. Man sucht Anschluss. Marco fragt mich nach einem Eröffnungsthema für ein Anbahnungsgespräch. Scherzend rate, die Damen auf ihre Enkel anzusprechen, weil das doch ein Lieblingsthema aller Omas sei.
Ich habe es kaum ausgesprochen, als sich aus der Ecke die bei Harry notorischen Stecher Luigi und Domenico lösen, an die Bar stiefeln und intonieren: „Meine Damen, Sie werden hier nichts bestellen können, weil das das Haus streng auf Volljährigkeit achtet. Dürfen wir Ihnen behilflich sein? “ Ich denke, das ist zu dick, viel zu dick. Marco grinst und sagt, ich solle es abwarten. Er summt den alten Barschlager „Tell me lies, tell me sweet little lies…“
Der Wähler will belogen werden, und zwar nett. Verantwortlich für diese propagandageleitete Politik ist deshalb der Wähler. Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient. Ach so, ja, die Ladies sind dann kichernd mit den beiden Stechern abgezogen. Eco qua? Ach, der Marco; als Mediziner kennt er die Menschen. Und als Italiener kann er mit Frauen. Und er weiß, was er tut, ein Philosoph. Vielleicht geht er mal in die Politik. Er könnte es.
Quelle: starke-meinungen.de