Logbuch

KÖRPERSPRACHE.

In Londons Regierungsviertel beobachtet ich bei Interviews mit Politikern einen irren Aufwand. Ein Kamerawagen wird vor dem Befragten rückwärts weggezogen und dieser läuft ihm gestikulierend nach. Das Ganze nennt sich „Westminster walk & talk“ und erzeugt beim Zuschauer an den Geräten den Eindruck, dass der Politiker auf ihn zuläuft und dabei auf ihn einredet, während er zurückweicht. Kopfschüttelnd betrachte ich auf der High Street diesen Blödsinn, werde aber belehrt. Der walk&talk-Stil sei in den Socials jetzt üblich. Wirkt auf mich wie Affentheater.

Wir erinnern uns, dass bei uns die berühmteste Interviewform die des legendären Publizisten Günter Gaus war, in der man sich gegenübersaß, aber der Interviewer kaum gezeigt wurde, während man dem Interviewten jeden Raum gab. Es herrschte eine hanseatische Höflichkeit, im Ton verbindlich, der Form konziliant. Die heutige Penetranz von Lanz hätte als übergriffig gegolten. Vieles in aktueller Studio-Architektur ist dem Mangel an Inhalten geschuldet. Stattdessen machen wir den Kasper, auch aus uns selbst.

Eine regelrecht patriarchalische Präsentation kommt historisch aus der amerikanischen Talkshow-Architektur. Der Gastgeber ist hinter einem monströsen Schreibtisch verschanzt, der Gast darf sich auf einer kleinen Couch blamieren, die so davorgestellt ist, dass man unter Röcke schielen kann. Bis ins Peinliche verklemmt. Ein Befreiungsschlag für öffentliche Präsentation kam durch die kalifornische Apple-Kultur. Ein noch nicht geduschter Kerl in Jogging-Klamotten lief auf einer leeren Bühne auf und ab und erklärte sein neues Ding. Kumpel-Kommunikation. Inzwischen ist das Milieu ein wenig durch Elon Musk ruiniert, der die Grenze vom Komischen zur Albernheit überschritten hat. Aber es gab auch hierzulande Versuche des Nachäffens.

Das alte Rednerpult war natürlich eine Festung, eine Schutzmauer, hinter der der ungeschickte Körper sich verbergen konnte. Von den Personen blieben nur noch „talking heads“. Irgendwie schien das dem häuslichen Fernseher als Format zu entsprechen. Das war der Apple-Generation Daddy‘s Turf, altbacken. Bro, keep it real! Zudem spricht man frei; keine Manuskripte mehr, allenfalls schlecht abgelesener Tele-Prompter.

Man konnte an dem modernitätssüchtigen Christian Lindner (FDP) sehen, wie deutsche Adaptionen aussahen, als er im T-Shirt auf der Bühne rumspazierte. Das ganze Feld haben Instagram und TikTok verändert. Jetzt sind pubertäre Influencerinnen stilgebend. Man sieht es im grünen Milieu, dass daraus ein Informalitätsgebot entstehen kann, in dem eine neue Aufdringlichkeit liegt. Wenn in der Bahn interviewt, sitzt man als Grüner im Gang vor dem Klo auf dem Boden.

Ich sehe Interviews auf der Zugspitze, in der Badeanstalt, beim Sport oder anderen Freizeitaktivitäten, etwa dem Kochen mit lustiger Schürze (leider vergessen, den Herd auch anzuschalten). Oder vor der Sauna. Den Rhein durchschwimmend wie der große Vorsitzende den Yang Tse Yang. Und erinnere bei alldem das Goethe-Wort: „Man bemerkt die Absicht und ist verstimmt.“

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SONNTAGSBRATEN.

Heute in der SUNDAY TIMES von Charlotte Ivers ein Mörderverriss eines Restaurants, so vernichtend, dass man vor Vergnügen schreien möchte. Tatar wie Tierkotze und Kuhfladen in der Sonne, solche Schoten. Aber natürlich ist die Restaurantkritik im sozialen Nahbereich eine literarische Ambition für die Köche auch schon mal Strychnin an den Reis geben könnten. Jedenfalls Restaurantleiterinnen. Neulich hatte die Blonde ein Zeh-Wie-Che, das aussah wie Zunge in Maurermörtel und schmeckte wie Sjöströmling, um nicht körperlich explizit zu werden. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Sonntagsvergnügen. Den Tag des Herrn mit einer englischen Sonntagszeitung in gedruckter Form zu verbringen, ist ein Vergnügen, das diese nicht mehr gewähren; sie waren mal kiloschwer und randvoll, mit Gewichtigem und endlosen Nebensächlichkeiten. Die kulturelle Flur ist zu einer Schneise verkommen. Ich habe keine Freude mehr daran. Wie mir überhaupt die Herzenswärme abhanden gekommen ist, seit der idiotischste Rechtspopulismus hier seinen Besteckkasten ausgepackt hat. Brexit. Und ab dafür!

Eine kleine Sonntagsmarotte besteht darin, dass ich RESKIS REPUBLIK lese. Da habe ich das mit dem Besteckkasten her. Jeden Sonntag schickt die fabelhafte Petra Reski ein kleines Feuilleton, mit dem sie sich als Autorin und uns als ihre Lesegemeinde pflegt. Immer eine Freude! Sie hat den Charme des Reviers und die Grazie Venedigs vereint und schreibt in einem journalistisch geprägten Stil deutlich oberhalb von Genre. Ich habe sie mal im San Martino in Venedig hinter der Oper angesprochen; sie saß da mit „dem Italiener an meiner Seite“ und nannte mich vor ihrem pissig aufblickenden Gatten „ein Freund von Facebook“; auch hübsch.

Mit Reski verbindet mich auch, dass ihr Vater in Bergkamen eine Lange Schicht verfährt; so nennen das die Montanen, wenn der Berg sie nicht mehr hergibt. Sie gehört zu den stolzen Töchtern der Migranten aus Ostpreußen und Masuren, die an die Ruhr kamen, bevor die Türken für Schicht im Schacht sorgten. Man versteht sich hier ohne den Besteckkasten der rechten Idioten, die sich anschicken, die Welt zu beherrschen. Das werden seltene Orte, an denen noch bodenständig und weltläufig zusammengehen.

Was könnte man am Sonntag noch anstellen? Ein Buch lesen. Vor mir liegt „Krähen im Park“ von Christoph Peters; lässt sich aber schleppend an. Ich könnte eine Restaurantkritik verfassen. Das Problem? Dann habe ich anschließend noch einen Laden weniger, in den ich gehen kann. Ich sollte vielleicht mir ein Pseudonym zulegen. Ich hatte an Jürgen Dollase oder Gabriele Heins gedacht. Hau auf den Putz im Rutz. Obwohl.

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ZOFF IN HÖHEREN KREISEN.

Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Das gilt auch für die Magister, wenn sie Doktor werden wollen. Der Wissenschaft selbst ist Wettbewerb nicht fremd, die Universitäten sind zudem kleinbürgerliche Neidkulturen. Wie immer, wenn man ein Übel verkleiden will, erfindet man dafür ein schöneres Wort. Der Betreuer einer Doktorarbeit heißt deshalb Doktorvater.

Ich hatte einen Vater in der Frage; und fühle mich bis heute in seiner Schuld. Mein Gruß geht nach Bochum. Es gibt aber auch Rabenväter, die sich nicht kümmern und die feudale Abhängigkeit ihrer Studenten für ein Erbrecht halten. Der Pflicht zur Brutpflege entspricht ohnehin eher die Rolle der Mutter. Da hatten wir bei uns auch schon, lobenswerte Doktormütter. Alles in allem aber ein schwieriges Milieu von Neidern: Kollegialität auf den Lippen, Niedertracht im Herzen.

Ich selbst habe aus meinen Lehrjahren noch eine offene Rechnung bei einem Mitkämpfer (das heißt Kommilitone ja), der mir damals einen entlegenen englischsprachigen Aufsatz wegschnappte, indem er ihn hinter meinem Rücken kurzerhand selbst übersetzte und publizierte. Kein Verbrechen, aber eben auch nicht fair. Ich war sauer, vor allem über mich, der ich zu leutselig und zu langsam war. Vergossene Milch.

Kaum sind fünfzig Jahre um und ich sehe Gelegenheit zur Rache. Man muss nur lange genug an der Biegung des Flusses sitzen, bis die Leichen seiner Feinde vorbeischwimmen. Die Ratte wird, lese ich, bei einer Literaturpreisverleihung die Festrede halten sollen. Ich sitze, was er nicht ahnen kann, in der ersten Reihe, weil ich den Preisträger kenne, ein Kumpel. Ich war der Entdecker des Dichters. Aus der Laudatio mache ein Debakel, nein, ein Lustspiel, eine Farce! Man war ja lang genug Teil der studentischen Protestszene, um zu wissen, wie das geht. Man komme mir nicht mit Altersweisheit; ich will Rache.

Ich werde mich aufführen, als hätte ich weder Vater noch Mutter. Ich meine, akademisch. Bei längerem Nachdenken fallen mir andere Literaturpreise mit skandalierten Laudationes ein. Vielleicht doch kein so ganz revolutionäres Format. Ich entscheide mich für eine andere Variante. Ich werde so tun, als kenne ich ihn gar nicht. Begrüßung: „Und Sie sind Herr ???“ Das trifft die Ratte mehr als ein Tadel. So mache ich das. Namen und Termin in den Drukos.

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Ach, wie gut, dass niemand weiß…

Man hatte früher, jedenfalls bei News International, in jeder Redaktion einen Alk, dem man eine Flasche mitbrachte, wenn man jemanden brauchte, der was schrieb, was nicht so ganz gerade war. Oder wenigstens seinen Namen dafür hergab. Das Problem war nur, der Alk wollte Gesellschaft, man musste Stunden mit ihm in irgendeinem dieser elenden Fleet-Street-Pubs abgeben. Und ob er dann die Klappe hielt, das war auch ungewiss. Diese Nöte nimmt uns heute das Netz.

Es ist in der Blogosphäre normal geworden, anonym zu kommunizieren. Das finde ich wunderbar. Und all die lustigen Spitznamen, die man sich dann ausdenken kann. Cool. Es macht mir das Leben wirklich leichter. Ab und zu holt man sich eine kleine Beule, aber mehr wegen der äußeren  Umstände, nicht wegen des Rufmords selbst. Das ist inzwischen ein Kinderspiel, a piece of cake, wie der Engländer sagt. Zwischen Salon und Unterwelt, Milieu und Kanzlei gibt es keinen Unterschied mehr.

Man weiß aus dem Kino, dass man in den Bauch der Stadt Paris hinabsteigen kann. Nun erfahre ich es denkwürdig mittels einer veritablen Beule, dass das auch in London geht. Während ich mit Paul die engen Stufen hinabsteige und ein Souterrain sich an das nächste reiht, schlage ich mit dem Schädel an. Schlecht ist mir eh vom Geruch nach Bier und Bratfett, diesem Odem der miserablen englischen Küche. Vorbei an unsäglichen Toiletten, aus denen weht, was die Werbung frische Brise nennt, landen wir schließlich in einem kleinen fensterlosen Essraum.

Hier hocken Anwälte und Broker, die Flanellmännchen aus den Büros, die heutzutage die Fleet Street ausmachen. Die Tische kleben, Serviette wie Brot aus Pappe, nur der Yorkshire Pudding, der schmeckt nach  brauner Instantsauce, dazu Rind in Scheiben, Aufschnittstärke, und ein Rotwein aus Chile. Willkommen in den privaten Räumen des Ye Olde Cheshire Cheese.  Charles Dickens hat hier schon getrunken, als er noch  kein Poet des Molochs London war, sondern nur Journalist, Fleet-Street-Journalist, eine Kanalratte im ratpack dessen, was Rupert Murdoch erst Mitte der neunziger Jahre zerschlug, indem er schlicht in die Docklands floh. Das Gelände hatte Herr Göring zuvor freigeräumt.

Beim Käse, einem schottischen Schimmelmonstrum namens Stilton, kommt Paul zur Sache. Er hatte da Ärger mit diesem Politiker. Er will Rache. Das sagt er natürlich nicht so. Er will der gerechten Sache, seiner, zu ihrem Recht verhelfen, seinem. Aber er möchte dabei nicht missverstanden werden. Damit meint er, man soll ihn hinter dem Rufmord an seinem Konkurrenten nicht erkennen können. Denn ein Gentleman ist kein Heckenschütze. Natürlich nicht.

Quelle: starke-meinungen.de