Logbuch
TROIKA.
Meinen Urgroßvater väterlicherseits habe ich nicht kennengelernt, weiß von ihm nur, dass er aus Ostpreußen (heute Russland) an die Ruhr emigrieren konnte, weil er „Pferdeverstand“ hatte. Er gründete uns als Montanfamilie. So wurde in meiner Kindheit oft im Familienkreis erzählt. Pferdeverstand?
Der Steinkohlebergbau kannte nicht nur den legendären Grubengaul, der sein Leben untertage verbrachte (wäre er ans Licht gekommen, erblindete er; so der Mythos). Pferdegespanne zogen übertage Frachten vom Rhein aus die Ruhr hoch, gegen die Strömung auf den Treidelpfaden. Zum „Treideln“ bedurfte es schwieriger Gespanne mehrerer Gäule. Wer das bewerkstelligen sollte, brauchte Pferdeverstand. So kam der Kocks in den Pott.
Es zog mein Urgroßvater also vor, statt in der kalten Heimat zu verhungern, Gastarbeiter im Revier zu werden. Der unverkennbare italienische Einfluss auf meine Ahnen (seit meinem Vater) mag dadurch zustande gekommen sein, dass die protestantischen Ostpreußen hier auf italienische Migranten im Bergbau und dessen Siedlungen trafen und meine Großmutter eine gewisse Großherzigkeit einschließlich eines schwachen Momentes hatte. Es entstand mit meinem Vater der deutsch-italienische Zweig. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Jedenfalls konnte der ostpreußische Kocks selig Dreiergespanne führen, was der Russe seiner Heimat TROIKA nennt. Und der Pole nennt heute so das Bündnis seiner Nation mit Frankreich und Deutschland: WEIMARER TROIKA. Mir gefällt das sehr gut, was ich da in den Nachrichten sehe, ein Dreigespann, genannt das WEIMARER DREIECK. Da stehen frühere Feinde zusammen und zeigen den Kern der europäischen Idee. Ich finde den französischen Präsidenten nicht schlecht, der jetzige polnische ist geradezu großartig und, na ja, der deutsche macht das hier auch nicht schlecht.
Jetzt habe ich aus lauter Sentimentalität Olaf Scholz gelobt. Alta.
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KONVERTIERT.
Die Freude der erfolgreichen REPARATUR ist es, dass ein geschätzter Gegenstand seiner alten Funktion wieder nachkommen kann. Das ist im Zeitalter der Wegwerfprodukte ja schon mal was. Es bringt mir gleich ein befreundeter Fernsehtechniker ein neues TV-Gerät; das alte war 10 Jahre alt und trat in die „geplante Obsoleszenz“ ein; das ist, wenn er vorsätzlich muckt, weil Du neuen Umsatz generieren sollst.
Den Beruf des Radio- und Fernsehtechnikers gibt es gar nicht mehr. Das war ein Mensch, der Röhren zu tauschen wusste, dann Transistoren und löten konnte, was zu verbinden war. Heute: Ex und hopp. Bei Antiquitäten nennt man das Reparieren AUFARBEITEN. So hat mir mein Schreiner kürzlich kunstfertig ein neues Bein an einen englischen Hallchair des 18. Jahrhunderts gebastelt; sieht perfekt aus, fast wie Original. Bei Immobilien sprich man von MODERNISIERUNG, wenn die Schönheitsreparatur aufwendiger wird.
RENOVIERUNG ist unser Thema, zu deutsch: wieder neu machen. All das sind Aktivitäten relativer Befriedigung, weil man einem Objekt seine historische Verwendung wieder ermöglicht. Die absolute Befriedigung liegt aber in der KONVERSION. Ich meine nicht das Konvertieren, wenn man zu einer anderen Religion übertritt (überflüssig) oder militärisches Gut zivil genutzt wird (Schwerter zu Pflugscharen). Ich meine, was der Landadel „converting a barn“ nennt.
Historische Bauernhäuser sind „cottages“, sprich eher Hütten oder Kotten, weil beheizt (Brennstoff war rar), also möglichst klein. Die Viehhaltung verlangte aber zu deren Ernährung riesige Hallen, die nicht nur Esel, Ochs und Kuh, Schwein wie Huhn Raum gaben, sondern hinreichend Stroh, um über den Winter zu kommen. Die Scheune bietet einer Großhallenarchitektur Raum, über die sich Albert Speer gefreut hätte. Satire aus.
Die KONVERSION von Scheunen hat etwas von Dombau, ein kathedralenhaftes Unterfangen, da Höhe und Weite enorm sind. Dann in dem zum „Castle“ konvertierten Stall über vergangenen Nutzen und künftigen Freiraum zu sinnieren, das hat etwas vom absoluten Vergnügen. Das bloße Abreißen von Scheunen ist, werte Landlords, ein Verbrechen.
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EIDGENOSSEN.
Ich höre tagein tagaus den Radiosender SWISS CLASSIC, weil dort niemand schwätzt oder Werbung macht. Lediglich Komponist, Stück und ausführende Künstler werden dezent angesagt. Leitkultur. Einer meiner Freunde ist dorthin ausgewandert; seine Familie hat inzwischen Schweizer Pässe. Aus dem Ruhrpott nach St. Gallen; auch eine Migrantenkarriere.
Warum steht auf seinem Auto aus der Schweiz eigentlich ein CH? Rechtschreibfehler? Chweiz? Nein, das rührt aus dem Lateinischen, weil die Helveten eine Conföderation gebildet haben, deshalb CH, besser bekannt als EIDGENOSSENSCHAFT. Ich lese dazu den wunderbaren Begriff der „Willensnation“. Ja, eine Nation ist ein Rechtskonstrukt, eine politische Willenserklärung. Mit Rasse und Klasse hat das nichts zu tun.
Die Schweiz hat gleich vier Sprachen; sie ist deutsch, französisch, italienisch und rätoromanisch. Die dreißig Kantone haben sich schon vor 500 Jahren aus den Diktaten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen gelöst und bereits vor 700 Jahren zur Freiheit verschworen. Das gefällt mir. Ich sage nur WILHELM TELL. So begründet man eine Nation und ein Nationalgefühl. Verschworen zur Freiheit.
Als eher mühsam empfinde ich den „Kampf gegen Rechts“, den die amtierende linksliberale Regierung ausgerufen hat und dem sich NGOs nun governmental widmen. Unstrittig ist, dass es Reaktionäre und faschistische Kräfte in der CDU/CSU und vor allem der AfD gibt, denen politisch Einhalt zu gebieten ist. Keine österreichischen Verhältnisse, würde ich mal sagen. Aber die Insinuation einer zweiten Wannseekonferenz zur staatlichen Deportation von deutschen Staatsbürgern ausländischer Herkunft, das mag man als berechtigte Furcht nachsehen; stattgefunden hat es wohl nicht. Mir gefällt der laxe Umgang dieser steuerfinanzierten PR-Truppe mit der Wirklichkeit nicht, den sie sich selbst wegen ihrer höheren politischen Wahrheiten sehr selbstbewusst erlaubt.
Deutscher ist, wer die deutsche Staatsbürgerschaft hat; auch wir sind eine Willensnation. Selbstverständlich sollte man sich überlegen, wen man einlädt, sich dieser Willensgemeinschaft noch durch Migration anzuschließen, also wen man zusätzlich zum Eidgenossen machen möchte. Das wird aber immer eine Diskussion mit Haken und Ösen bleiben. Wenn dazu Witze erlaubt sind, würde ich mal fragen wollen, ob man auch tauschen kann. Ich hätte einige Angestammte abzugeben. Satire aus.
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Piraten: Nicht Freiheit wovon, sondern Freiheit wozu?
Die Piraten wollen von einer außerparlamentarischen Bürgerinitiative zu einer ernst zu nehmenden Partei werden. Das wird ein weiter Weg. Ich treffe bei der Jubiläumsfeier des Medienmagazins ZAPP einen prominenten Piraten, Rechtsanwalt in Münster, der mir, dem analogen älteren Herrn, die digitale Welt der Nerds erklärt.
Er ist sichtbar stolz auf einen Satz folgenden Wortlauts, gesprochen auf einem der Parteitage: „Wir haben dort vorne einen Shitstorm-Kristallisationspunkt aufgestellt.“ Diesen Satz übersetzt er mir mit: „Redner begeben sich bitte an das Saalmikrofon.“ Das nennt er, sichtlich stolz, die nerdige Sprache der Piraten. Mir erscheint sie ein wenig pubertär, wie alle Jugend-Jargons.
Es geht rhetorisch zu wie bei Astrid Lindgrens Kalle Blomquist, dessen Clique sich vor Stolz auf ihre Geheimsprache nicht lassen konnte. Von Trollen ist die Rede, von den Shitstorms und Sockenpuppen wie anderen Vokabeln einer Blogger-Subkultur. Zum Teil sind das angemessene Begriffe aus einer anglizistischen Technosophie, die das Internet mit sich gebracht hat, zum Teil einfach jene exkludierenden Albernheiten, die jeden Jargon auszeichnen.
Pfadfindermentalität statt am Lagerfeuer jetzt im weltweiten Web, Pippi Langstrumpf online für Vernetzte. Wichtiger als diese Nabelschauen der Wikipedia-Schlauen ist aber ihre Sicht der Welt, auf die wirkliche Welt, in der sie nun Partei werden wollen. Es drängt sie in die Parlamente oder der Wähler treibt sie da hin. Wes Geistes Kind sind sie? Wie gehen sie mit Kritik um?
Hier hört man Überraschendes: „Die Medien verstehen die Piratenpartei nicht.“ Das sagt mir der Medienanwalt von den Piraten. Die Medien (gemeint wohl Zeitungen, die Holzklasse, und das TV, insbesondere das öffentlich-rechtliche Fernsehen) würden sich eine virtuelle Realität „herbeischreiben“. Die „unbedarften“ Journalisten seien durch die Piraten „überfordert“.
Man reibt sich die Augen: Das also ist die Argumentation der wahren Freunde der Meinungsfreiheit über ihre Kollegen, die nun möglicherweise traditionelle Presse sind, aber doch zweifelsfrei wichtige Repräsentanten eben dieser Meinungsfreiheit. Was ich hier von einem Piraten höre, das klingt genau wie die altbekannte reaktionäre Presseschelte mit einem fundamentalistischen Unterton.
Man muss fragen, welche Freiheit gemeint ist, wenn das Paradigma dieser demokratischen Kultur ausgerechnet die USA sind. Das hört sich so an: „Die vorwiegend aus dem IT-Bereich stammenden Piraten huldigen dem Prinzip der Meinungsfreiheit, wie sie in fundamentaler Weise etwa in den USA gilt.“ Fundamental in den US of A?
Freedom of expression also, auch für offenkundig faschistische Ansichten einzelner Piraten. Na ja, sagt er, bei den Grünen habe es ja auch Pädophile gegeben. Der basisdemokratischen Struktur der Partei entspreche es, dass auch „geisteskranke Bewerber“ anträten. Da müsse die gescholtene Presse „die offensichtlich nicht repräsentativen Trolle nachvollziehbar gewichten“. Dem sei „die“ Presse aber nicht durchgehend nachgekommen.
Man lehne Machtmenschen, Selbstdarsteller und Lobby ab und setze auf das „Authentische“. Dass es „das“ Authentische immer nur als den Anschein des Authentischen gibt, dass es sich also um eine besonders glaubwürdige Inszenierung von Ressentiments handelt, das überfordert meinen Piraten-Freund.
Er belehrt mich: „Noch immer verstehen etliche Journalisten nicht, dass die Piratenpartei in erster Linie ein Betriebssystem testet und anbietet, um die ehrenwerte Idee der Demokratie ins Informationszeitalter zu überführen.“ Das klingt mir ein wenig funktionalistisch, das mit dem Betriebssystem. Aber geschenkt.
Wesentlich ist, dass die Piraten Zweifel daran erlauben, wo sie publizistisch stehen. Denn, da hat die gute alte Rosa L. einfach recht, Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.
Quelle: starke-meinungen.de