Logbuch
FUSSECK.
Aus dem rüden englischen Fabrikfussball der dortigen Rüstungsindustrie entwickelte sich eine kultiviertere Form dieses Mannschaftsspiels in Deutschland, nämlich der Rasenballsport. Er kommt ohne das ansonsten ja uferlose Marketing, sprich ohne jegliche Werbung aus.
Ich habe keine Ahnung von Fußball. Trotzdem merke ich in Leipzig, Sachsen, an, dass mir der örtliche Fusseck-Verein österreichisch inspiriert erscheint. Von einem einschlägigen Rechtspopulisten aus Salzburg. Ich erwähne beiläufig ein mir erinnerliches derartiges Gerücht. Und das in einer Vatertagsgruppe mit Vorsprung. Freunde, da war was los.
Also, die mit zwei roten Ochsen bebilderte Truppe im Stadion des Rasenballsports zu Leipzig geht dem Rasenballsport absolut AUTHENTISCH nach; hier spielen nur Sachsen und zwar solche aus der Stadt des Rasenballsports. Keine aus Dresden. Insofern sei das, lerne ich, mit BAYERN LEVERKUSEN vergleichbar. Ich dachte zwar, die Münchner hießen 1860; aber wer will sich schon mit angetrunkenen Fans streiten? Auf Vatertag. Zudem habe ich von Fußball eigentlich keine Ahnung.
Als ich aus beruflichen Gründen noch einen anderen authentischen Verein zu besuchen hatte (ich war in meinem Leben nur zweimal in einem Rasenballstadion), hatte mir meine damalige Sekretärin in meinen Tagesterminplan für die zweite Halbzeit geschrieben: „Achtung. VfL spielt jetzt auf das andere Tor!“ Sie wollte verhindern, dass ich wegen spontaner, aber falscher Begeisterung tot im Wolfsburger Kanal lande. Das andere Mal war ich bei Bayern Leverkusen, die in der Nähe von Köln spielten.
Und traf eine viril wirkende Dame namens Tante Käthe in der sogenannten VIP-Lounge, über die mir allen Ernstes erzählt wurde, dass ihr lockiges Haar darauf zurückzuführen sei, dass ihr gegnerische Spieler Speichel zur Verfügung stellen. Man nennt das „holländische Minipli“ im Rasenballsport, erzählt man mir. „Dauerwelle versus Minipli“: Ist das nicht ein Lied von den ÄRZTEN? Man könne aber auch drei Weizenbier trinken. Tja, die Bayern in Leverkusen; ich weiß nicht. Also, man sollte auch nicht alles glauben, was im Rasenballsport so erzählt wird.
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POPULISMUS.
Mich erreicht der persönliche Vorwurf des Populismus; moralisierend. Darauf nicht auch persönlich einzusteigen, gelingt mir leider nicht. Man sollte es aber begrifflich versuchen. Was darf SATIRE?
Die Freischärler der Feder beteiligen sich nicht an PROPAGANDA. Also an Machtausübung, die ihre Ziele und Hintermänner verbirgt, um Volkeswillen gegen dessen Interessen zu missbrauchen. Aktuell betrifft das vor allem den Rechtspopulismus, der eine liberale Demokratie zum Feindbild hat. Ich kenne mich in der NEUEN RECHTEN aber ideologisch nicht so gut aus.
Wer es in älteren politischen Kategorien mag: im Rechtspopulismus formulieren sich PRÄFASCHISMUS oder PROTOFASCHISMUS, was auch immer man für den plausibleren Begriff hält. Die historisch eher linksgesinnte Satire kommt aus einem anderen Lager; sie verfolgt vor allem aber andere Absichten. Sie will der AUFKLÄRUNG dienen, also dazu anregen, dass das Publikum den Mut entwickelt, sich seines Verstandes ohne die Anleitung durch Autoritäten, sprich selbstständig zu bedienen. Mit welchem Ergebnis auch immer. Öffentlicher Gebrauch der Vernunft im Sinne Kants.
Es stimmt schon, das Links-Rechts-Schema hat die Plausibilität verloren, die es mal hatte. Das mag an den (historischen) Zeiten liegen oder am Lebensalter, sprich Wissen und Erfahrung. Jedenfalls fällt es für mich nicht mehr mit moralischen Welten zusammen. Der Konstruktion, dass das Gute vorübergehend mal das Böse sein muss, damit wir dann alle im Endzustand des ewigen Glücks landen, begegne ich mit tiefer Skepsis. To say the least.
Natürlich darf SATIRE nicht alles. Vor allem darf sie sich nicht REPLIK verbieten. Schade eigentlich.
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WAHRHEIT. DIE HALBE.
Gestern traf ich meinen Leser. Sein Lob spornt mich an. So ist das mit den Aphoristikern. Sie füllen Sudelbücher, sind aber eigentlich eitel. Böse Federn, die es gut meinen. Mit sich selbst.
Auf einer Feier einer wirklichen Qualitätszeitung erwähnt die Edelfeder des Blattes, die ich seit Jahrzehnten schätze, beiläufig, dass er die Eintragungen im Logbuch lese, was mich mit Stolz erfüllt. Ein Paradox, weil der Aphoristiker eigentlich als bösartig gelten will. Der Urvater dieses Gewerbes, ein gewisser Lichtenberg, hat die Sammlung seiner kleinen Stücke SUDELBÜCHER genannt.
Von diesem Freischärler der Feder stammt der Hinweis, dass der Aphorismus nie mit der Wahrheit zusammenfalle. Es sei meist nur die halbe Wahrheit. „Oder anderthalb.“ So geht Journalismus, ein vorsätzlicher Verzicht auf die ganze Wahrheit. Was uns zur Leitfeder der Aufklärung führt, dem guten alten Kant. Von ihm stammt diese Hochachtung vor dem Leser. Er strafte Fürsten mit Verachtung, fühlte sich aber dem lesenden Publikum verantwortlich.
Kant unterscheidet den privaten Gebrauch der Vernunft von dem öffentlichen. Privat meint hier privatwirtschaftlich, ideologisch. Ein Pfarrer dürfe ruhig von der Kanzel predigen, was seine Kirche von ihm verlange, spottet er. Aber dem lesenden Publikum, dem schulde man einen öffentlichen Gebrauch der Vernunft. Damit liegt die Latte hoch.
Die journalistische Praxis hat es eine deutliche Nummer kleiner. Hier nennt man den aphoristischen Versuch GLOSSE. Der Ärger oder die Freude, den der Leser bei Glossen empfindet, entstammt meist dem willentlichen Unterschreiten dessen, was die Vernunft gebietet. Ganz selten mal dem Überschreiten. Ausgewogenheit aber, die ist kein publizistisches Prinzip. Weil sie langweilt, was nun gar nicht geht.
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Friedensnobelpreis für Jens Stoltenberg
Nicht Barack Obama sollte den Friedensnobelpreis erhalten, sondern Jens Stoltenberg. Mein amerikanischer Freund sieht das anders. Er findet die Ermordung des Terroristen Osama bin Laden, des Verantwortlichen für 9/11, im Mai letzten Jahres durch ein amerikanisches Killerkommando so großartig, dass er Obama noch mal zum Präsidenten wählen will. Das habe den Weltfrieden gesichert. Man sollte ihn in Oslo ehren.
Unstrittig, dass Al Qaida eine Terrororganisation ist, zweifelsfrei, dass dieser Mann ein Massenmörder war. Die Weltmacht USA hat sich unter Obamas Vorgänger das Recht genommen, diese Feinde zu liquidieren, ungeachtet des Aufenthaltsortes, ungeachtet des Kriegsrechtes, ungeachtet der Rechtssysteme. Dead or life, shoot first, argue later. Das Foto von Obama und seinem Stab aus dem War Room der US-Regierung, ein Meisterwerk der Propaganda, bleibt in Erinnerung.
Ich erzähle meinem amerikanischen Freund Doug, einem Meinungsforscher der eigentlich nachdenklichen Sorte, von Jens Stoltenberg, von einem europäischen Mann meiner Generation und meiner Weltsicht. Ich habe ihn Anfang der neunziger Jahre als Energieminister Norwegens über seine Pressesprecherin kennengelernt. Er war mal Journalist wie Anne, seine PR-Frau, eine wunderbare Norwegerin. Ein Sozialdemokrat, der seinen Weg an die Spitze seiner Partei über die Jugendorganisation Arbeidernes Ungdomsfylking gemacht hat. Das ist jene Organisation, die die Ferienlager auf der Insel Utoya veranstaltet. Hier, wie im New Yorker World Trade Center, sollte die Identität eines Landes auf eine schreckliche Probe gestellt werden.
Der Rechtsradikale Anders Behring Breivik hat mit der kaltblütigen Ermordung von 77 Menschen in Norwegen ein Fanal gesetzt, das dem amerikanischen zum 11. September vergleichbar ist. Eine Gesellschaft sollte, so der böse Plan des Bösen, in ihrem Zentrum getroffen werden. Es ging in Norwegen gegen eine demokratische Kultur einer weltoffenen Gemeinschaft; sie sollte in Rassismus und Faschismus gestürzt werden.
Als Jugendlicher habe ich meine Ferien in solchen Zeltlagern verbracht. Ich saß vor dem Fernseher und hatte die Gewissheit, dass dieses Verbrechen auch mich meinte. Vergeltungswille kommt schnell im Hass auf Verbrechen dieses Ausmaßes. War es aber nicht genau diese Rache, die der Täter provozieren wollte? Da war sie wieder, die RAF-Logik des deutschen Terrorismus: Der Staat wird durch seine Reaktion auf den Terror den Terror legitimieren, so das Kalkül. Das darf politisch nicht sein. Christenmenschen, Sozialdemokraten zumal, wollen das nicht wollen wollen.
Die Bilder aus Norwegen, insbesondere aus dem Osloer Gericht, haben mir sehr gefallen, wie nüchtern, mit wie viel zivilem Ernst hier Recht gesprochen wurde. Es agierte eine Justiz, die Vergeltung nicht kennt. Das ist das andere Bild in meinem Kopf: Richter verlesen über Stunden ein Urteil einer Justiz, die die Todesstrafe nicht kennt, weil sie sie ethisch nicht denken kann. Respekt. Kein Propagandafoto, und wenn doch, dann für eine ander Sache als die der Staatsrache.
Man sollte den Ministerpräsidenten dieses wunderbaren Landes, man sollte Jens Stoltenberg den Friedensnobelpreis verleihen, für die Würde und die Ernsthaftigkeit, mit der ein Land sich angesichts des Unmenschlichen als menschliche Gesellschaft gezeigt hat.
Ein unerfüllter Wunsch wird das bleiben. Denn die Skandinavier verleihen sich selbst keine Preise. Sie sind bescheidene Menschen. Solche Eitelkeiten lässt ihr Stolz nicht zu, der Demut vor der Schöpfung ist. Eher wird Obama ihn kriegen und nehmen. Deshalb hat Stoltenberg ihn zweimal verdient.
Quelle: starke-meinungen.de